Ein Supertrio - Cat's Eye (Teil III)
© 1999 by Melissa Schneider
 

So ihr CE-Fans...  
Hier nun eine Schreiberei basierend auf Martins,Stefans und meinem ersten Fanfic... 
 
Es ist der Versuch das destruktive Ende dann doch noch in ein glückliches Ende zu 
kehren.  
 
Die Storyline ist nun halbwegs abgesteckt aber noch nicht fertig. 
Es gibt da viele Dinge, die ich gerne ändern würde, doch ich habe einfach keine Ideen 
wie man es anders machen könnte (u.a. Roberts Krankheit und das 'Geheimversteck in  
der Wildnis'- aber ihr werdet es ja wohl lesen). 
 
Jeder der Ideen für Verbesserungen hat bitte melden. 
Danke an Matthias und Sandra für ihre Emails 
Danke an Thomas für seine Homepage 
 
Vielleicht, wenn jemand mit einer noch besseren Mega-Idee aufwartet, werde ich auch 
alles nochmals umwerfen... 
 
Aber jetzt mache ich erstmal Urlaub vom CE-Fanfic-Schreiben.... 
 
                Melissa '6 99 
 
      EMAIL:   MESCHNEI@GMX.DE      
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                       CE fanficmb Teil III.    
 
 
 
Hitomi schreckte aus dem Schlaf und sie fand sich aufrecht sitzend in ihrem  
Bett wieder.  
Es war nicht das erste Mal das ihr so etwas passierte. In den letzten  
Monaten war sie fast jede Nacht ohne ersichtlichen Grund aufgewacht.  
Vielleicht hatte sie einen Alptraum gehabt, aber wenn ja, dann konnte sie  
sich nicht daran erinnern. Aber womöglich lag es ja daran das sie schwanger  
war oder es war nur deshalb, weil in den letzten Wochen so unglaublich viel  
passiert war: Ihre Enttarnung, der neue Anfang und ihre Heirat mit Toshi.  
Es war der glücklichste Tag in ihrem Leben gewesen, doch dann lief Alles  
aus dem Ruder. Hitomi begann zu weinen, jetzt wo die Erinnerungen an diesen  
schrecklichen Tag wieder zurück kamen. Vier Tage lang hatte sie um das  
Leben ihres Mannes gebangt und selbst jetzt wo alle körperlichen Wunden  
verheilt waren, zuckte Toshi unweigerlich zusammen, immer wenn er laute  
Geräusche hörte.  
Sie dachte an Nami. Die Älteste war immer noch in Deutschland. Durch das  
unerwartete Wiedersehen mit ihre Jugendliebe Robert hatte die  
schicksalhafte Reise wenigstens für sie ein gutes Ende genommen. - Hitomi  
gönnte es ihr von ganzem Herzen. 
Hitomis Hände tasteten sehnsüchtig nach der vertrauten Person, deren Wärme  
sie nie mehr missen wollte. Doch im Bett neben ihr war in dieser Nacht noch  
alles unberührt. Langsam stand sie auf und zog ihren Morgenmantel an. Es  
war kühl im Haus als sie hinaus auf den Gang trat. Sie lauschte.- Das  
gelegentliche Rattern einer Rechenmaschine drang an ihr Ohr und im  
Arbeitszimmer am Ende des Flurs war immer noch Licht. Sie ging hinüber und  
blieb verstohlen in der offenen Türe stehen.  
Toshi saß mit zerzausten Haaren und am Bleistift kauend vor dem Tisch.  
Ratlosigkeit und Verzweiflung sprach aus seinem Gesicht während er Kolonnen  
von Zahlen in die Tastatur der Maschine hämmerte, die vor ihm stand. Doch  
dann, als wieder dieses Rattern ertönte und ein Stück Papier herausgeworfen  
wurde, da raufte er sich beim Anblick dieser Zahlen erneut das Haar. 
Es war irgendwie unfair einen Detektiv hinter die Theke eines Cafés straf  
zu versetzten. Die Möglichkeit in den Polizeidienst zurückzukehren hatte er  
gehabt, doch er selbst hatte abgelehnt. Es war wohl seine Art die  
Vergangenheit vergessen zu wollen. 
Leise schlich Hitomi sich von hinten an ihren Mann und legte zärtlich ihre  
Hände auf seine Schultern. 
"Komm jetzt ins Bett, Toshilein. Das kannst du doch auch morgen fertig  
machen." flüsterte sie mit sanfter Stimme und begann die verspannte  
Schulter ihres Mannes zu massieren.  
"Nur noch einen Moment, Hitomi." erwiderte Toshi und arbeitete beflissen  
weiter.  
Die Monatsbilanz - das Ergebnis eines ganzen Monats Arbeit im Café  
Katzenauge reduziert auf Einnahmen und Ausgaben. Schon bei der  
oberflächlichen Durchsicht hatte es nicht gut ausgesehen, doch die Zahlen,  
die er nun schon zum x-ten Mal nachrechnete ließen sein Gesicht noch etwas  
finsterer dreinblicken. "Vielleicht sollten wir ein paar Lotterielose  
kaufen und hoffen das wir gewinnen." 
Hitomi war es besonders schwer gefallen zu akzeptieren, das es letztlich  
Zuwendungen der Regierung gewesen waren, die ihr Café in den letzten Jahren  
vor dem Ruin bewahrt hatten. Toshis Worte, zynisch und voller Galgenhumor,  
hallten immer noch in ihren Ohren: 'Nach der Sache in Europa ist es wohl  
mit der staatlichen Subvention für unser Lokal vorbei. Wir müssen Asaja  
ewig dankbar sein, daß wir überhaupt noch leben.' 
Es klang entmutigend, doch sie würde kämpfen und Toshi war an ihrer Seite,-  
für immer- wie sie hoffte. 
"Ist Love noch immer nicht zurück?" 
Toshi schüttelte den Kopf. "Nein. Aber Kawano wird sie sicher heim  
bringen.- Sag' mal, haben wir noch einen Kaffee?" 
"Klar. Für dich immer.." 
 
Hitomi ging hinunter in die Küche. Die Straßenbeleuchtung warf genug Licht  
auf die Anrichte um ihre empfindlichen Augen erkennen zu lassen wie sie mit  
schlafwandlerischer Sicherheit einen frischen Kaffee für ihren Mann  
zauberte. Seit ihrem Schulabschluß arbeitete sie in diesem Café. 
Ein Geräusch ließ sie einen Moment lang ihre Erinnerung bei Seite rücken.  
Jemand hatte die Hintertüre des Cafés geöffnet. Neugierig blickte sie in  
den dunklen Korridor hinaus. Die Hintertüre stand einen Spalt weit offen  
und die Strassenlaterne gegenüber der Einfahrt erhellte die Szenerie gerade  
so sehr, dass sie erkennen konnte, wie Love einem jungen Mann zärtlich  
einen Kuss auf die Lippen drückte. "Vielen Dank fürs Herbringen." 
"Keine Ursache. Soll ich dich morgen früh abholen ?" 
"Gern, Halb Acht im Café?" 
"Geht klar. Gute Nacht, Love."  
"Mach's gut Kawano, und träum' was Süßes."  
Hitomi musste lächeln. Love hatte sich verändert. Sie war ruhiger  
geworden,- nicht mehr so ein Wildfang. Und vor allem hatte sie begonnen  
ihre weiblichen Züge zu akzeptieren, ja beinahe herauszustellen und dieser  
junge Mann dort, Kawano Mizaki, war der Grund. 
 
 
Love drehte sich schlaflos im Bett hin und her. Kawanos Worte klangen immer  
noch in ihren Ohren, sie spürte immer noch den verstohlenen Kuß, den sie  
geteilt hatten. Sie setzte sich auf. Das Telefon lag unter dem Bett, doch  
mit einem Griff hatte sie es gefunden. Blind wählte sie die Nummer, die sie  
schon seit Jahren auswendig kannte. Ein Klingelzeichen - Sie würde es ihm  
jetzt sagen. - Zwei Klingelzeichen - Nur wie? 'Kawano, ich gehe nicht mit?'  
- Drei Klingelzeichen - 'Bleib hier, ich brauche dich?' Schmunsens - Nein! Wer  
war sie überhaupt, so ein Opfer von ihm zu fordern. - Viertes Klingeln. -  
'Ich komme mit nach Amerika.' Ja, das war es. Doch Halt, woher das Geld  
nehmen? - Fünf mal Klingeln. - Sicher, Hitomi würde alle Hebel in Bewegung  
setzen um ihr dieses Auslands-Studium zu ermöglichen. Selbst wenn sie ihr Café  
verkaufen würde. - "BEI MIZAKI" tönte es aus dem Hörer und Love schreckte  
aus ihren Gedanken. Sie brauchte Zeit zum überlegen. Mehr Zeit. 
"Entschuldigung" murmelte sie und legte auf. 
  
 
Müll und Dreck, wo sie hinsah. Auf dem Gehweg, im Hauseingang, selbst hier  
auf den Treppenstufen. Der Auftritt schmal, ausgetreten, sauber wohl nur  
deshalb, weil die Leute, die vor ihr hier gelaufen waren den Dreck mit  
ihren Schuhen fortgetragen hatten. Graffiti beschmierte Wände, zwielichtige  
Gestalten- keine erstklassige Wohngegend. Hatte es in Tokio jemals so  
ausgesehen? "Wie Mutter." murmelte Nami zu sich während sie die Schlüssel  
aus ihrer Handtasche fingerte. Sie arbeitete als Aushilfe.- Kellnerin in  
der Wirtschaft um die Ecke. Pöbelnde Gäste, rauhe Sitten. Manchmal war es  
ihr ganz recht, das sie die zweideutigen Witze nicht in allen Einzelheiten  
verstand. Sie hatte mehr von der Heimatsprache ihres Vaters verlernt, als  
sie sich eingestehen wollte. Doch sie lernte. Und sie würde alle Qualen und  
Demütigungen durchstehen. Robert zu liebe. Das kleine Appartement in das  
sie eintrat war ihre Zuflucht. An das Junggesellen - Chaos würde sie sich  
wohl noch Jahre erinnern. Doch jetzt war es sauber, aufgeräumt. Wenige  
Möbel, nur das Wichtigste, klar angeordnet. Schlicht aber freundlich. Ein  
Kontrast zu der Welt vor der Haustür. Warum nur lebte Robert hier? Er war  
Kriminaloberinspektor mit eigenem Büro und eigenen Mitarbeitern. Er hatte  
es weit gebracht. Kaum vorstellbar bei der Art, wie er seine Arbeit zu  
hassen schien. Wann immer sie auch in den vergangenen Monaten nur das Wort  
Polizei erwähnt hatte, wurde er ausweichend oder auch böse. Aber vielleicht  
lag es auch nur an den vielen Sonderschichten, die er in letzter Zeit  
schob. Er war schon vor ihr nach Hause gekommen. Sein benutztes Geschirr  
stand sauber abgespült zum Abtropfen im Geschirrhalter auf der Spüle. Er  
selbst war auf der alten Sitzcouch eingenickt.  
Nami beugte sich zu ihm und weckte ihn mit einem Kuß. "Hi, ich bin da.." 
"Nami-san." Er war noch etwas benommen als er sich aufrichtete. 
"Alles klar bei dir?" Etwas war anders an ihm. Die Art, wie er sie  
musterte, wie er ihren Kuß nicht erwidert hatte. 
Er reckte sich. "Ich möchte dir etwas zeigen." sagte er und griff zu der  
Fernbedienung auf dem Tisch. Das altertümlich anmutende Fernsehgerät sprang  
an und hinzu gesellte sich das Jaulen eines wohl noch älteren Videogerätes.  
"Heute Morgen ist etwas Merkwürdiges passiert: Ich war kurz  
draußen und als ich ins Büro zurückkam da lag eine Videocassette mit einem  
Umschlag auf meinem Schreibtisch." 
Ein Bild erschien auf der Mattscheibe. Was er da abspielte schien eine Art  
Überwachungsvideo zu sein. Schwarz-Weiß, tonlos, fixe Perspektive. Nami  
erschrak, als sie den Ort der Handlung wiedererkannte. Es war ein  
Gefängnis.- Das Militärgefängnis in Ost-Berlin, in dem man ihren Vater  
hingerichtet hatte. Das Gefängnis, in dessen Nähe sie Nageishi für seinen  
Verrat bestraft hatte. Bewegung im sonst statischen Bildausschnitt. Ein  
Krankenwagen fuhr in den zentralen Hof des Sicherheitskomplexes ein. Die  
Kamera zoomte heran. Eine schwere Stahltüre öffnete sich und bewaffnete  
Männer eskortierten zwei Sanitäter mit einer Trage. Ein bärtiger klein  
gewachsener Mann war darauf festgeschnallt, doch Genaues war nicht zu  
erkennen. Der Patient wurde verladen und der Krankenwagen entfernte sich.-  
Umschnitt.- Eben noch bei Morgendämmerung war nun bereits heller Tag. Im  
Bild ein Mann in einheitlich grauer Gefängniskleidung. Sein Gesicht  
verdeckt mit einer geschlossenen Kapuze und seine Hände aneinander  
gefesselt stand er vor einer grauen Betonwand. Am Rande des sichtbaren  
Bildausschnittes standen einige Männer in Militäruniform und ein  
untersetzter Mann in einem hellen Anzug. Er machte eine Handbewegung und  
plötzlich zuckte der Gefangene zusammen. Blut quoll aus einer Wunde seiner  
Brust und benetzte die Gefängniskleidung. Sterbend sackte er zusammen. -  
Wieder ein Umschnitt.- Das Tageslicht ging zur Neige, Nachmittag. Der  
Gefängnishof war leer. Nur noch die Leiche des Hingerichteten vor der Wand.  
Zwei Wachleute kamen herbei und legten sie auf einen schwarzen Leichensack.  
Sie lösten die Handschellen und entfernten die Kapuze vom Gesicht des  
Toten. -  
Robert schaltete das Videogerät auf Standbild. Er hatte das Band in den  
letzten Stunden schon oft angesehen und so hatte er sich diesmal auch ganz  
auf die Reaktionen seiner Freundin Nami konzentriert. Sie hatte kein Wort  
gesagt, doch ihre wechselnden Gesichtsausdrücke waren sehr interessant  
anzusehen gewesen. 
"Du bist verwirrt?" fragte Robert 
Nami schluckte. Ja, sie war verwirrt. Dieser Mann, den man dort exekutiert  
hatte, war nicht ihr Vater gewesen auch wenn sogar der Verräter Nageishi  
das geglaubt hatte. Eigentlich hatte jeder es geglaubt. 
"Nami, antwortest du mir nicht?" bohrte Robert. 
"Nein, äh, doch, ja, äh, ich kenn den Mann nicht." stammelte sie. 
Robert nickte verständig. "Ja, ich habe mich auch gefragt, warum dieses  
Band plötzlich auf meinem Tisch lag." sagte er und ließ das Band  
weiterlaufen. 
Wieder kam ein Umschnitt und Nami stockte der Atem. Der Ort war eine  
Lichtung im Wald und das Bild zeigte die Rückenpartie einer junge Dame,  
gekleidet in ein hautenges dunkles Trikot. Sie richtete eine Waffe auf ihr  
Gegenüber, einen untersetzten Mann in hellem Anzug. Das Gesicht des Mannes  
war deutlich zu erkennen: Arrogant, verhöhnend. Die Hand der Frau  
erzitterte, Rauch quoll aus dem Lauf der Waffe, Blut beschmutzte den weißen  
Anzug des Mannes. 
Ein schwarzes Bild zeigte das Ende der Videoaufzeichnung an. 
"Ein Rachefeldzug.- Findest du nicht?" 
Nami nickte abwesend. Nein, auf ihre Spur würde er nicht kommen. Ihr  
Geheimnis war sicher. Es hatte keinen Hinweis auf ihre Identität gegeben.   
Aber wer hatte dieses Band an Robert geschickt. Warum an ihn? - Weil er ihr  
Freund war und der geheimnisvolle Informant sicher sein konnte, das er es  
ihr vorführen würde? - Warum hatte man sie so gefilmt, daß keiner erkennen  
konnte, das sie der Racheengel war? 
"Du bist ja heute nicht sehr gesprächig." lachte Robert und schob einen  
Berg Akten vor sich hin. "Wie auch immer - ich war neugierig." begann er zu  
erzählen. "Ich habe herausgefunden, das der Mann im weißen Anzug Akiro  
Nageishi hieß. Nach Informationen unseres Nachrichtendienstes gehörte er  
dem japanischen Geheimdienst an und arbeitete lange Jahre als Botschafter  
in den USA." 
Robert hielt inne und wartete auf eine Reaktion von Nami, doch die sah ihn  
nur aus leeren Augen an. 
"Nun gut. Ich habe mich also gefragt, was die junge Dame im sexy Trikot  
dazu bewegt hatte ihn zu töten. - Es mußte etwas mit der Hinrichtung zu tun  
haben, die man zuvor gefilmt hatte. Es war offensichtlich dieser Nageishi,  
der sie befohlen hatte. Aber wenn er japanischer Agent war, wie kam er dazu  
in einem ostdeutschen Gefängnis eine Hinrichtung anzuordnen.- Merkwürdig  
nicht?" 
Wieder reagierte Nami nicht. Was hatte Robert vor ? 
"Ich sehe, dich hat das Ermittlungsfieber noch nicht gepackt." lachte der  
Oberinspektor. "Also habe ich versucht die Identität des Hinrichtungsopfers  
heraus zu bekommen. Er hieß Anton Potapow aber irgendwie gibt es keine  
Verbindung. Viel interessanter ist der Gefangene, der zuvor mit dem  
Krankentransport abgeführt wurde." Robert hielt inne und reichte Nami ein  
Foto.  
Ein zufriedenes Grinsen flog über sein Gesicht, als er sah, wie Nami kurz  
ihre Augenbrauen in die Höhe hob. 
"Ja, du erkennst ihn vielleicht, aber für mich war er der große Unbekannte.  
Der Mann ohne Namen. Ich habe alles versucht. Ich gab sein Bild an  
Interpol, den BND - nichts. Kein Gesicht, kein Hinweis." 
Nami atmete sichtlich erleichtert auf. Doch Robert holte aus, ihr den  
nächsten Schlag zu versetzen.  
"Weißt du, heute Nachmittag war nichts im Revier zu tun und ich habe mir  
das Video immer und immer wieder angesehen. Und ich habe mich irgendwie in  
diese hübsche junge Dame in diesem Trikot verliebt. Mit einem Mal fiel mir  
ein Name ein.- ASAJA. So hatte Toshi die Frau in der Hotelhalle angeredet." 
Nami sah ihren Freund fragend an. 
"Ich weiß, was du sagen willst. Der Fall ist schon längst abgeschlossen und  
ich werde ihn weiß Gott nicht mehr aufrollen. Aber ich dachte, ich sollte  
mal sehen, was hinter dieser Frau steckt.- Du weißt ja wie ich bin. Wenn  
mich irgend etwas interessiert, dann lasse ich nicht los. - Möchtest du  
noch mehr hören?" 
Nami zögerte. 
"Gut, dann nehm ich das als ein JA." lachte ihr Freund. "Es hat mich  
einiges an Charme und ein langes Telefongespräch nach Japan gekostet, 
doch ich fand viel Interessantes heraus: Diese Asaja ist - nein besser  
war- die Kollegin deines Schwagers, der inzwischen nämlich den Dienst  
quittiert hat, mit der Begründung, er hätte bei den Ermittlungen gegen 
eine Diebesbande versagt. Eine Diebesbande junger Damen in aufreizenden 
Trikots, die Kunstwerke des Malers Michael Heintz gestohlen haben. 
Ich forschte etwas nach und fand heraus, das es beim Nachrichtendienst 
eine alte Akte über Heintz gibt.- Unter anderem steht dort, er lebte 
einige Zeit lang in Japan und hatte mit seiner Frau drei Kinder. Im Sommer 
1968 ist er verschwunden." Robert zögerte und sah Nami entschlossen an.  
"Möchtest du mir vielleicht die Namen seiner Kinder sagen?" 
Nami schluckte. Egal was kommen würde, sie konnte ihn nicht belügen. Sie  
holte tief Luft. "Sie heißen Love, Hitomi und Nami." sagte sie leise. 
"So ein Zufall!" meinte Robert und grinste.  
Nami wartete. In Gedanken hatte sie ihren Kopf schon auf den Richtblock  
gelegt und hoffte auf einen sauberen Hieb.  
"Nami ?" 
"Ja, Robert?" 
"Es war einmal eine wunderhübsche junge Frau, die ich sehr liebe. Sie lebte  
mit ihren jüngeren Schwestern in einer Stadt Namens Tokio in einem fernen  
Land mit dem Namen Japan. Sie hatten ein Geheimnis, das nie jemand erfahren  
durfte... - möchtest du weitermachen?" 
Nami nickte. "Ja, das Märchen von Katzenauge..." 
 
Zum dritten Mal machte der Wecker nun schon durch ein markerschütterndes  
Piepsen auf sich aufmerksam. Und zum dritten Mal kam eine Hand unter der  
Bettdecke hervor und brachte ihn mit einem Schlag für Minuten zum  
schweigen. 
"Love, komm, aufstehen, du Schlafmütze." drang plötzlich an ihr Ohr und sie  
spürte eine Hand, die zärtlich über ihr Haar strich. 
"Nur noch einen Moment, Schatz." murmelte sie verschlafen und vergrub ihren  
Kopf noch tiefer unter ihrem Kopfkissen, so daß zum Schluß nur noch die  
Spitzen ihres kurzen schwarzen Haares herausschauten. 
"Steh' auf, sonst kommst du noch zu spät zu deinem letzten Schultag !"  
mahnte die Stimme jedoch unnachgiebig. 
'Letzter Schultag ?!?' ging es Love durch den Kopf, gerade als sie wieder  
einnicken wollte.- 'Oh mein Gott.- Ist es soweit?' 
Love zog das Kissen von ihrem Kopf und verschlafen blickte sie die große  
schlanke Frau mit den langen schwarzen Haaren an, die neben ihrem Bett  
stand. "Hitomi ! - Was ist ?" 
"Ich bin der schwesterliche Weckdienst. Zeit zum Aufstehen !" 
Love gähnte. "Ja ich bin gleich da." 
"Beeil dich.- Wir warten schon mit dem Frühstück auf dich." 
"Ja ja !" erwiderte Love und langsam setzte sie sich auf. 
Hitomi schüttelte den Kopf. "Was ist mit dir? So verschlafen habe ich dich  
ja noch nie gesehen.- Hast du getrunken ?" fragte sie, doch sofort strafte  
Love sie mit bösen Blicken.  
"Ich trinke doch nie etwas, das weißt du doch." 
Hitomi legte verwundert ihre Stirn in Falten. "Na dann komm." mahnte sie  
den jungen Wildfang nochmals und verließ das Zimmer.  
Love seufzte herzzerreißend "Ach Kawano. - Was mach ich nur mit dir." 
Ihr Blick streifte durch das Zimmer.- Ihre Schulbücher und Hefte lagen auf  
dem Schreibtisch.- Heute war ihr letzter Schultag und der Anfang vom Ende.  
Nur noch wenige Tage würde es dauern bis Kawano nach Amerika ging. Seit  
Jahren kannten sie sich, doch erst in den letzten Monaten hatte sie bemerkt  
wieviel er ihr bedeutete. Aber nun vielleicht würde sie ihn verlieren. 
Sollte sie ihn überreden in Japan zu bleiben oder sollte sie ihm folgen?  
War er überhaupt der Richtige für sie? 
 
Der Morgen war kühl und seine Schuluniform ein wenig dünn. Nochmals drückte  
er den Klingelknopf neben der unscheinbaren Türe. "KOMME JA SCHON" drang es  
dumpf an sein Ohr. Dann ging die Türe auf. 
"Oh, Kawano?" Toshi sah auf seine Uhr. "Halb Sieben? Du bist heute morgen  
aber sehr früh. Love ist noch nicht mal aufgestanden." 
Der junge Mann senkte verschämt den Kopf. "Entschuldigung, aber ich würde  
gerne ihren Rat einholen. Es geht um das, was wir besprochen haben."  
Toshi nickte. "Sicher, komm doch rein und trink erst einmal einen Kaffee." 
 
                             ********** 
 
Der Morgen war wolkenverhangen und dämmrig. Ein junger Mann mit dunkler  
Sonnenbrille kam ihr entgegen. 'Angeber' dachte sie und früher hätte sie  
auch sicherlich die ein oder andere Bemerkung gemacht, doch heute war das  
anders. Sie selbst trug ständig eine getönte Brille. Wie so Vieles waren  
ihre Augen auch ihrer Karrieresucht zum Opfer gefallen. Sie hatte noch nie  
einen Freund gehabt und der Mann, für den sie sich begeistern könnte, war  
bereits vergeben. Doch was waren all die Opfer wert? Sie stand vor einem  
Scherbenhaufen. Dem einfachen Polizeidienst überdrüssig, hatte sie in  
blinder Gier nach beruflichem Erfolg vor mehr als vier Jahren eine  
Entscheidung getroffen. Es klang vielversprechend und war eine unglaubliche  
Herausforderung. Nicht einmal der Dezernatschef wußte es. Die Haßliebe zu  
ihrem Kollegen, dessen kriminelle Verlobte sie jagte, ohne sie jedoch  
jemals enttarnen zu dürfen. Ein Spiel wie Katz und Maus. Gott sei Dank war  
sie noch rechtzeitig aufgewacht. Die Stimme der Menschlichkeit in ihr hatte  
sich durchgesetzt. Dennoch war der Mann, der ihr etwas bedeutete schwer  
verletzt worden. Ihn dort in diesem Krankenhaus liegen zu sehen hatte ihr  
einen Schlag versetzt. Sie wollte bei ihm sein, Tag und Nacht, doch er  
hatte ja jetzt Hitomi, seine Frau. Und so schwer es ihr fiel, sie mußte ihn  
gehen lassen. Tagelang hatte sie sich versteckt und das nicht nur aus Angst  
vor der Rache ihres Mentors oder dessen Kollegen. Vielleicht waren es all  
diese Schicksalsschläge, die ihre Krankheit in den letzten Wochen so stark  
vorangetrieben hatten. Sie war angekommen und blickte hinein. Hitomi stand  
hinter dem Tresen und als sie sie sah winkte sie ihr zu. Sie lächelte und  
griff nach der Türe. Ihre Sehkraft verließ sie für einen Augenblick, doch  
sie spürte den kalten Stahl unter ihren Fingern und drückte die Türe auf.  
Sie hatte begonnen mit anderen Sinnen zu sehen, jetzt wo das Unvermeidliche  
immer näher zu rücken schien. Hitomi lachte ihr zu.  
"Hallo Mitzuku.- Alles in Ordnung?" 
Sie erwiderte das Lächeln. Nein, die Wahrheit wollte diese junge Frau  
sicher nicht erfahren. "Guten Morgen Hitomi." Sie hatten begonnen einander  
beim Vornamen zu nennen. "Wie ich sehe bereiten sie den nächsten  
Geschäftstag vor." Dennoch hatten sie nicht aufgehört sich zu siezen. 
"Ja, es ist viel zu tun. Aber wir können das Geld auch gut gebrauchen. -  
Kaffee?" 
Asaja nickte. "Ja, gern, vielen Dank." Es stand nicht gut um das Café, das  
wußte sie, wie sie überhaupt sehr viel über die drei Schwestern wußte. "Ich  
habe Ihnen die Unterlagen mitgebracht, um die Toshi mich gebeten hat." Sie  
nahm den kleinen Umschlag aus ihrer Handtasche und legte ihn auf den  
Tresen. Natürlich war es nicht den Vorschriften entsprechend, aber Toshi  
diesen Gefallen zu erweisen half ihr ungemein ihre Schuldgefühle zu besänftigen.  
"Vielen Dank Mitzuku.- Gibt es noch etwas, das ich Toshi dazu sagen soll?" 
"Ja. Sein Schützling soll sich unbedingt bis zum Monatsende entscheiden,  
damit ich seine Bewerbung noch rechtzeitig dem Chef vorlegen kann, bevor  
ich abreise."  
"Abreisen ? - Machen Sie etwa Urlaub?" 
"Nein, meine Versetzung ist durch." Sie strengte sich an ein zufriedenes,  
glückliches Lächeln zu zeigen. Es sollte aussehen, als wenn ein Traum für  
sie wahr geworden wäre. "Ich bin zum Ausbilder berufen worden und nächsten  
Monat werde ich meinen neuen Posten in Osaka antreten." 
Es schien zu wirken, denn Hitomi brachte ihr ein ehrliches Lächeln  
entgegen. "Herzlichen Glückwunsch.- Ich freue mich wirklich für Sie." 
"Danke Hitomi." Asaja zog kurz ihre Mundwinkel zu einem Lächeln hoch. "Tja  
und ihr Mann wird froh sein, daß er mich endlich los ist." 
 
 
Mittlerweile hatten für Love die letzten Stunden Schulunterricht begonnen.  
Sie folgte den Ausführungen der Lehrerin nicht mehr. Sie dachte immer noch  
an Kawano. Er saß auf dem Platz neben ihr.-  Sie hatten einander 
durch alle Schwierigkeiten begleitet, die das Schulleben bereit 
hielt. Und nun würde er mit einem Stipendium in der Tasche auf eine  
Universität nach Amerika gehen. Und bis vor Tagen war sie entschlossen  
gewesen ihm zu folgen. Doch nun hatte sich das geändert.- Man hatte ihr  
nichts sagen wollen, doch letztlich hatte Toshi doch geplaudert.- Ihre  
Schwestern hatten alles getan ihr dieses Leben zu ermöglichen: Sie auf die  
teure Schule geschickt und ihr den Weg zu einem Universitätsstudium  
geebnet. Wie enttäuscht wären sie, wenn sie als Kellnerin im Café arbeiten  
würde.- Aber wenn sie schon nicht mit eigenen Händen für das Weiterbestehen  
des Café Katzenauge sorgen könnte, so würde sie zumindest einen Beitrag  
leisten: Sie würde auf eine Universität nahe Tokio gehen. Das wäre nicht so  
teuer und wann immer sie Zeit hätte würde sie Hitomi helfen. Nur wie sollte  
sie Kawano das klar machen ? Er freute sich auf ihr gemeinsames Studium. So  
oft hatten sie davon geredet. Gerade jetzt, wo sie sich ihrer Liebe zu ihm  
bewußt geworden war, drohte sie ihn zu verlieren. 
 
 
Es war stockfinster draussen und nur das gedämpfte Licht einer kleinen  
Nachttischlampe erhellte das Schlafzimmer. Nami konnte noch immer nicht  
fassen, was passiert war.Sie hatte ihm alles erzählt, ihre ganze Geschichte. 
Sie merkte auf. Robert hatte sich bewegt und sie lauschte seinem  
Atem. Plötzlich begann er im Schlaf zu reden: "Ja, Herr Doktor. Ja, ich  
verspreche kürzer zu treten.- Nein, bitte nicht.- Ich bitte sie, behalten  
sie es für sich.- Bitte nur noch einen Monat."  
Sie war verwundert. Was hatte das zu bedeuten? Es schien ihn sehr zu  
belasten und sie würde ihn fragen. Müde gähnte sie und wollte gerade wieder  
einschlafen, als Robert wieder unruhig wurde. "Ach Nami, wie sage ich es  
dir nur. " hörte sie ihn murmeln und sie fühlte, wie er zärtlich ihre  
Hüften streichelte.  
"Was sagen?" fragte sie und spürte wie Robert erschrak. 
"Nichts." antwortete er. 
"Komm schon. Du hast im Schlaf geredet. Von einem Doktor. - Was ist mit dir  
los?" 
Robert zögerte. Kein Wort. Sie spürte den Luftzug auf ihrem Rücken als ihr  
Liebhaber die Decke zurückschlug, hörte das Knarzen des alten Bettes als er  
es verließ. Erst jetzt streckte sie sich und drehte sich auf den Rücken.  
Sie sah ihn gerade noch den Morgenmantel umbinden und aus dem Zimmer  
verschwinden. Als er zurück kam hielt er einen Umschlag in der Hand. Er  
entfaltete den Inhalt und reichte ihn ihr. 
Sie überflog die Zeilen. Sie konnte nicht jedes Wort der Behördensprache  
verstehen, doch sie begriff worum es ging. 
"Wieso?" fragte sie nur. 
"Weil ich zu krank bin." erklärte Robert traurig und rieb seine Augen. "Was  
soll's. Es hätte schlimmer kommen können." fügte er hinzu und lächelte  
wieder, als er zwei Flugtickets aus den Taschen seines Morgenmantels zog.  
"Zweimal Heimat gefällig?"  
 
Der junge Mann fror und immer wieder nahm er einen Schluck aus dem  
Pappbecher in seiner Hand. Es war naß und es war kalt und er wußte nicht,  
warum er das hier überhaupt tat. Gut er war einmal in sie verliebt gewesen,  
aber das war lange her. Zielstrebig ging er auf den weißen Kombi zu, der,  
wie viele andere Wagen auch, in den Parklücken der Straße stand. Er stieg  
ein und reichte die Papiertüte der Fast-Food-Kette an die junge Dame auf  
dem Beifahrersitz. "Beeil' dich, sonst wird es kalt." meinte er auf  
Französich. Die Frau nickte dankbar und ließ ihren Kopfhörer hinunter  
gleiten, bis er wie eine Kette um ihren Hals hing.  
"War was ?" fragte er und blickte an dem Haus gegenüber hinauf, dorthin, wo  
gerade ein Fenster mehr aufleuchtete. 
"Er erzählt es ihr gerade. Ich denke wir können in ein paar Stunden  
abbrechen." 
"Gut. Noch eine Nacht im Auto könnte ich nicht überstehen." Sofort erntete  
er böse Blicke der jungen Frau. 
"Aiko ..." hob sie an, doch er hob beschwichtigend die Hand. 
"Ja ich weiß, Melanie. Das war ja auch nur ein Witz, mehr nicht.  
Hoffentlich macht Miuki ihre Sache genau so gut..." 
 
 
 
                       ******** 
 
 
 
Sie atmete tief ein. Die Luft des Frühlingsabends war kühl und rein. Sie  
fühlte sich geborgen Hand in Hand mit ihrem Freund. Sie hatten es hinter  
sich. Jahre der Schulausbildung hatten ihr Ende gefunden in einer  
Zeremonie, die sie wohl nie vergessen würde. Doch nicht, weil sie sich dort  
so sehr amüsiert hatte.- Nein, es war eine Farce gewesen. Ein Schauspiel,  
wochenlang eingeübt. Wie Schlachtvieh hatten sie hinter der Bühne des  
Festsaales Aufstellung genommen um einzeln ihr Zeugnis aus den Händen des  
Schulleiters zu empfangen. 'Herzlichen Glückwunsch. Ich bin stolz auf sie,  
Fräulein... Kisugi.' - die Worte hatten wie aus einem Rundschreiben mit  
auswechselbaren Adressaten geklungen.- Aber war das ein Wunder? Noch nie  
zuvor hatte sie diesem Mann gegenüber gestanden,- oder ein Wort mit ihm  
geredet. Für ihn war sie eine Absolventin wie viele zuvor. Und genauso  
viele würden wohl noch nach ihr kommen. 
Sie würde ihre Klassenkameraden nicht vermissen, bis auf zwei Ausnahmen  
vielleicht: Ihre Kindergartenfreundin Katzumi und Kawano. - Besonders  
Kawano. Hitomi und Toshi waren dort gewesen, diesen Augenblick mit ihr zu  
teilen. Sie in den Arm zu nehmen und ihr herzlich zu gratulieren. Doch  
Kawanos Eltern fehlten. 'Wichtige Geschäfte' hatten sie gezwungen letzte  
Nacht abzureisen.- Sie hatte die Traurigkeit und den Neid in den Augen  
ihres Freundes gesehen. -  Vielleicht hatte sie keine Mutter und keinen  
Vater mehr, doch sie hatte ihre Schwestern und ihren Schwager, die mehr  
waren als Verwandte. 
Zum Abschlußball waren sie garnicht erst gegangen. Zu sehr verabscheute sie  
die aufgesetzte Freude und Hilfsbereitschaft ihrer Mitschüler, das  
geheuchelte Interesse an ihren Zukunftsplänen, nur in der Hoffnung selbst  
daraus Kapital schlagen zu können. 
Seit einer Stunde spazierten sie nun schon durch die Straßen der Stadt in  
Richtung auf den Hafen. Wind kam auf und es wurde kühler. Kurz darauf  
begann es zu regnen und sie suchten unter einer der Eisenbahnbrücken  
Schutz. Gebannt blickten sie auf die Schiffe, die selbst zu dieser späten  
Stunde noch ankamen und abfuhren. Und die Güterzüge, die im Hafen herum  
rangiert wurden. 
Love zitterte. Sie wußte nicht ob vor Angst, Aufregung oder Kälte, aber es  
war ein wunderbares Gefühl. Kawano hatte sie in den Arm genommen, sie fest  
an sich gepresst und nun teilten sie einen langen lustvollen Kuß. Noch nie,  
seit sie sich kannten, waren sie einander so lange so nah gewesen. Vor  
wenigen Wochen hätte ihr der Gedanke einen Jungen zu küssen noch einen  
Schauer über den Rücken gejagt, doch nun wünschte sie sich diesen jungen  
Mann nie mehr loslassen zu müssen. Sie mußte es ihm sagen. Aber nicht  
jetzt, später. Jetzt wollte sie die Berührung ihrer Lippen genießen. 
"Love, ich muß dir etwas sagen." 
Die Worte ihres Freundes rissen sie aus ihren Träumen. 
"Love, ich bekomme kein Stipendium." 
"Wirklich?! Oh, das tut mir leid." Es fiel ihr schwer ihre Stimme zu  
kontrollieren, damit sie ihre wahren Gefühle nicht verriet. Sie war  
glücklich, denn was er gerade gesagt hatte konnte nur eines bedeuten: "Dann  
gehst du nicht nach Amerika?" 
Er schüttelte den Kopf. "Nein." 
"Na ja, dann gehen wir eben hier in Japan weiter zur Schule!- Hier gibt es  
doch auch gute Universitäten und es kostet nicht so viel." 
Kawano senkte den Kopf. "Es tut mir leid, Love, aber ich werde nicht  
studieren." 
"Nicht studieren?" 
"Nein. Ich mache eine Ausbildung. " 
"Wo denn?" 
"Bei der Polizei." 
"WAS?" Ihre Augen waren weit aufgerissen und von tief in ihr brodelten die  
Worte hoch, ohne das sie sie kontrollieren konnte. "WIE KANNST DU MIR SOWAS  
ANTUN! ICH HASSE DICH."  
Sie gab ihm eine schallende Ohrfeige und rannte in die anbrechende  
Dunkelheit... 
 
 
                           ******* 
 
 
Es hatte aufgehört zu regnen und die Straßen waren beinahe leer, jetzt kurz  
vor Mitternacht. Das Brummen des Motors klang dumpf in ihren Ohren und war  
das einzige Geräusch, das den Innenraum dieses kleinen Wagens erfüllte. Sie  
war ja so dumm gewesen, doch leider war ihr diese Einsicht erst gekommen,  
als es zu spät war. Sie hatte lange mit Hitomi und Toshi darüber geredet  
und ihnen erzählt, was vorgefallen war und wie selbstsüchtig sie sich  
benommen hatte. Sie hatte von ihren geänderten Zukunftsplänen  
erzählt. Von ihrem Wunsch im Lokal zu arbeiten. Seltsamerweise war es Toshi  
gewesen, der sie sofort unterstützt hatte und seine Frau so lange beschwatzte, 
bis sie letztlich doch einverstanden war. Love stoppte den Wagen.  
Sie war da. Es war ein schmuckes Häuschen in einem der vornehmsten  
Wohnbezirke Tokios. Die ganze Gegend sah ungemein nobel aus und hier zu  
wohnen machte schon etwas her. 'Eine Frage des Ansehens,- etwas das der  
Beruf eines Museumsdirektors zwingend mit sich bringt' - Mit diesen Worten  
hatte Hitomi es jedenfalls zu erklären versucht. Kaum zu glauben, das  
Kawanos Familie bei Weitem nicht so gut betucht war, wie dieses Anwesen  
hier vermuten ließ. Wahrscheinlich waren seine Eltern nur deshalb so oft  
unterwegs, weil sie hart arbeiten mußten um Alles finanzieren zu können.  
Dazu gehörte natürlich auch Kawanos Schulausbildung. - Hätte sie es doch  
nur früher gewußt.- Sie schämte sich für ihren Wutausbruch und die  
Ohrfeige, die sie ihm verpasst hatte. Und jetzt war sie hier um zu retten,  
was noch zu retten war. 
 
Kawano stand schon seit einer halben Stunde unter der Dusche. Es hätte ihn  
entspannt, ihm Ruhe und Kraft gegeben, doch nicht so heute. Warum nur hatte  
er Love nicht schon früher etwas erzählt. Sie darauf vorbereitet, das er  
vielleicht gar nicht weiter zur Schule gehen könnte. War es denn so schlimm  
zuzugeben, das seine Eltern nicht steinreich waren? Warum sollte Love ihn  
deshalb weniger lieben? Sie war sicher nicht so ein Mädchen. 
"Mist!" Seife war in seine Augen gelaufen und brannte wie Feuer. Er sah  
absolut nichts mehr und wußte, das seine empfindlichen Augen noch  
stundenlang feuerrot sein würden. Er hob den Kopf und sah in den  
Wasserstrahl. Es half ein wenig. Nach Sekunden drehte er sich wieder herum. 
"Abtupfen, nicht reiben." sagte eine leise Stimme und verschwommen sah er  
nur eine Hand, die ihm ein beigefarbenes Handtuch hinhielt. Er erschrak  
fürchterlich und kniff mehrmals die Augen zusammen, bis er etwas klarer  
sah. 
"Love, was machst du denn hier?" 
"Verzeih mir." sagte sie leise. 
 
 
                         ******* 
 
 
Es war noch tiefe Nacht, als das Klingeln der Türglocke ihn aus dem Schlaf  
riss. 
Wie vom Teufel gestochen sprang der junge Ehemann auf und rannte zur Türe,  
die das Schlafzimmer vom Korridor trennte. "Schnell, Love, hol' den Wagen.  
Es ist soweit." schrie er in den leeren und dunklen Gang hinaus, während  
seine Frau sich noch verwundert im Bett aufsetzte und das Nachtlicht  
entzündete. 
Erneut ertönte das Geräusch der Türglocke. "Ganz ruhig, Hitomi. Ganz  
ruhig." In seiner Stimme lag ein deutlicher panischer Unterton. "Was  
jetzt?" Verzweifelt griff er sich ins strubbelige Haar. "Der Koffer!"  
Hektisch rannte er zum Kleiderschrank. Er zog einen grossen braunen  
Reisekoffer heraus und begann wahllos Hitomis Kleider hinein zu werfen. 
Die junge Frau beobachtete ihn und grinste belustigt. Es war nicht das  
erste Mal, daß Toshi in der Nacht aufgeschreckt war, fest in dem Glauben  
das seine Frau in den Wehen läge. Bisher hatte sie ihn immer sofort  
zurückgehalten, doch dieses Mal machte sie sich einen Spaß daraus, ihn in  
seinem Irrglauben zu belassen. 
Derweil Toshi im Wäscheschrank wühlte, erklang abermals die Türglocke. 
Hitomi stöhnte laut, wie von höllischen Schmerzen gepeinigt. "Toshi, die  
Türglocke." 
"Ja, die pack ich auch noch ein." 
Hitomi lachte. Nein, das ging jetzt langsam zu weit. Leise stand sie auf  
und baute sich hinter dem Rücken ihres Mannes auf. 
"UUTZUUMII !!" 
Toshi fuhr herum und erschrak sie so nah hinter sich zu sehen. "Schatz, was  
ist ? Hast du Schmerzen? Soll ich den Notarzt rufen?" 
Sie sah ihn strafend an: "Toshi, die Türglocke am Hintereingang hat  
geläutet." 
Er schluckte sichtlich verlegen. "Dann.. Dann hast du also nicht.. Ich  
meine, es ist noch nicht.." 
Hitomi schüttelte den Kopf. Einer Antwort gleich zog sie ihr Nachthemd  
zurecht, so daß es die Konturen ihrer tadellosen Figur und ihres immer noch  
flachen Bauches zeigte. "Frag' nochmal in sieben Monaten." 
Toshi wurde vor Verlegenheit rot. "Öh, dann, äh, wenn das, äh,- dann, äh  
puh äh, werde ich mal,- hmmm - sehen wer da an der Türe ist." stotterte er  
und lachte betreten. 
"Das wäre nett." gab Hitomi zurück und kaum das Toshi seinen Bademantel  
übergeworfen hatte und aus dem Zimmer verschwunden war, brach sie in  
schallendes Gelächter aus. 
 
"Warum passiert sowas immer mir!" murmelte er und hastete die Treppe  
herunter. Auf dem Absatz angekommen scharf links, den dunklen Korrior  
entlang. Wenn er diesen Weg nicht schon dutzende Male gegangen wäre, hätte  
er sich sicher verlaufen. Er fragte sich, ob es Absicht war, das dieses  
Haus so verwinkelt und unübersichtlich angelegt war. Die vielen kleinen  
Räume, Abstellkammern, Sitzecken. Dienten sie der Irritation von  
Eindringlingen? Waren sie Raum für geheime Besprechungen und Projekte? -  
Den Grund kannten wohl nur die Schwestern. 
Atemlos erreichte er den Hintereingang. Als er die Türe öffnete, erschrak  
er unvermutet Nami und ihren Freund Robert Rossinier samt Gepäck in der  
Auffahrt stehen zu sehen. 
"Hast du den Weg nicht gefunden, oder sollten wir hier draussen  
festfrieren, Schwager?" 
Er lachte "So ungefähr.." 
 
Es traf Hitomi wie ein Blitz in Mitten der Bewegung. Ihre Kaffeetasse auf  
halbem Weg zum Mund, hatte dieser eine Satz ihrer Schwester sie erstarren  
lassen. Der Grund ihres Kommens, die größte Neuigkeit seit Monaten. 
"Ich weiß, es ist schwer zu begreifen, aber es scheint als wenn Vater noch  
lebt." erklärte Nami und begann zu erzählen... 
 
 
Love erwachte in den Armen ihres Freundes. Sie spürte seine beschützenden  
Hände auf ihrem Bauch und im Takt seines ruhigen Atmens fühlte sie seine  
Brust auf ihrem Rücken. Ihr Blick fiel auf die leuchtenden Ziffern der  
Weckuhr. Es war kurz nach Fünf und der neue Tag hatte gerade erst begonnen.  
Vorsichtig,- ohne Kawano wecken zu wollen- reichte sie an die  
Nachttischlampe, die die ganze Zeit über gebrannt hatte und jetzt, da sie  
sie ausschaltete konnte sie auch die Sterne erkennen, die durch das grosse  
Fenster über dem Schreibtisch schienen und zusammen mit dem Licht der  
Strassenbeleuchtung den Raum ein wenig erhellten. 
Love war glücklich. 
"Ist was?" hörte sie Kawano flüstern. 
"Nein, schlaf weiter."  
 
 
 
                           ******* 
 
 
Die Sonne schien, doch es war noch ein wenig kühl und eigentlich war ihr  
nicht danach in diesem Moment durch den Park zu spazieren. Immer wieder  
blickte sie auf das bedruckte Stück Papier, das sie gerade aus dem Umschlag  
gezogen hatte. "Kneif' mich mal!" meinte sie zu Kawano und er tippte ihr  
frech vor die Stirn.- Nein, es war kein Traum. Sie hielt einen Gutschein  
für eine Urlaubsreise in den Händen. Ausgestellt vom Reisebüro im Kaufhaus  
Asahino und gültig für zwei Personen: Love Kisugi und Kawano Mizaki.  
Zufrieden schmiegte sie sich noch enger an ihren Freund.  
Sie hatte sich gefreut Nami und Robert wiederzusehen,  
doch fragte sie sich, was der eigentliche Grund war, das die  
Beiden eine solch lange Reise auf sich nahmen. - Sicher nicht, weil sie  
ihnen zu ihrem Schulabschluß gratulieren wollten. Vielleicht war die  
Antwort ja in dem dicken braunen Umschlag, den Hitomi nahezu panikartig  
hatte verschwinden lassen, kaum, das sie das Lokal betreten hatten.- Aber  
was auch immer es war, sie mußte warten, bis man es ihr erzählte.... 
 
Zum ersten Mal seit Stunden war wieder mehr als ein flüchtiges Lächeln auf  
ihrem Gesicht zu sehen. "Tja, wie es scheint ist unser Küken ja bis über  
beide Ohren verliebt.- Es war eine gute Idee von dir Schwester." lobte  
Nami. 
"Eigentlich war es mehr die Idee von Kawanos Eltern." erklärte Hitomi ein  
wenig verlegen. "Aber jetzt sag, wie geht es euch? Habt ihr euch schon  
eingelebt?" 
Namis Augen hörten auf zu funkeln und das Lächeln auf ihrem Gesicht  
verschwand. "Ja, ja. Wir kommen klar..." 
Hitomi hatte diese ausweichende Antwort erwartet. Wann immmer sie in den  
letzten Stunden dieses Thema angeschnitten hatte flüchtete Nami sich in  
Belanglosigkeiten. Es war nur zu offensichtlich, daß sie nicht glücklich  
war. 
Nami sah aus dem Fenster des Wagens.- Hitomi konnte wirklich hartnäckig  
sein. Sie hatte ihr gar keine andere Wahl gelassen als mit auf diese  
Einkaufstour zu gehen. Eine Einkaufstour, die sich nun zur Reise in die  
Vergangenheit entwickelte. Sie waren unterwegs auf einer Küstenstraße nach  
Yokohama,- die Straße, die zu einem Ort führte mit dem sie viele  
Erinnerungen verband: Der kleine Aussichtspunkt mit Blick auf die Bucht  
von Tokio. An diesem Ort hatte Alles begonnen. Dort war die  
Aktion Katzenauge geboren worden. Dort hatte die Suche nach ihrem Vater  
ihren Anfang gefunden. Aber an diesem Ort war es auch gewesen, daß Hitomi  
ihren Schwestern ihr Geheimnis gestanden hatte, eine tief empfundene Liebe,  
die alles noch viel viel schwerer machen würde. 
"Erinnerst du dich noch an den Tag, als ich dir und Love von Toshi erzählt  
habe?" meinte Hitomi nach einer Weile leise. Nami blickte gedankenversunken  
über ihre Heimatstadt. "Ja. Es war ein ziemlicher Schock für uns, das  
kannst du mir glauben." antwortete sie nachdenklich, doch dann erhellte  
plötzlich ein Lächeln ihr Gesicht. "Aber wie es scheint bist du glücklich,  
Kind." 
Hitomi kicherte ein wenig verlegen. "Ja, das bin ich wirklich. Sehr sogar.  
Toshi ist ein liebevoller Mann und ich bekomme ein Kind von ihm,- was  
könnte schöner sein." jubelte sie zufrieden. Doch als sie bemerkte, wie  
ihre große Schwester nur stumm auf das Meer hinaus blickte, da verstand  
sie: Nami beneidete sie. 
"Weißt du, Nami. Wenn etwas zu Ende ist, dann muß man loslassen. Fünfzehn  
Jahre unerfüllte Liebe kann man nicht so einfach ungeschehen machen.- Leute  
verändern sich." 
"Nein, das ist es nicht, Kind." erwiderte ihre Schwester ungewohnt  
mütterlich. "Robert und ich wir lieben uns, aber ich spüre immer mehr, wie  
alles um mich herum zusammenbricht.- Nichts von alle dem, was mir früher  
einmal etwas bedeutet hat ist geblieben." Nami seufzte. "Ich arbeite als  
Kellnerin und Robert ist bis tief in die Nacht in seinem Büro.- Aber das  
ist ja alles zu ertragen, wenn ich doch nur sicher wäre, daß Robert  
zufrieden ist." 
Hitomi blickte ihre Schwester unverständig an. 
"Weisst du, Robert hat gelogen." erklärte Nami nach einer Weile des  
Schweigens. "Als wir ihn damals im Zug trafen, da kam er aus einer  
Spezialklinik.- Einer Nervenklinik. Er ist schwer krank, Hitomi." 
 
Toshi ließ den Lappen ins Spülwasser fallen. Er konnte nicht glauben, was  
Robert ihm gerade erzählt hatte. Dieser blonde Hüne, ein Mann wie ein Baum,  
sollte krank sein? "Und es gibt nichts, womit man dir helfen kann?" 
Robert schüttelte den Kopf. "Es würde zwar nie jemand zugeben, aber meine  
Krankheit ist zu selten, als das es sich für die Pharmakonzerne lohnen  
würde nach Heilmitteln zu forschen." sagte er und nahm Geschirr von der  
Spüle. Hilfsbereit begann er es abzutrocken. "Aber im Moment geht es mir  
recht gut." fügte er hizu, doch so als wollte sein Körper ihn Lügen  
strafen, begann er zu zittern und er hatte keine Möglichkeit zu verhindern,  
daß die Tasse in seinen Händen zu Boden fiel.  
Wortlos bückte Toshi sich und hob die Scherben auf. "Du weißt doch, Lügner  
gehen ohne Kuß ins Bett." 
Robert brachte ein selbtsmitleidiges Lächeln hervor. "Du hast recht. Ich  
mache mir nur selbst was vor. Entschuldige." Langsam holte er eine kleine  
runde Plastikdose aus der Hosentasche und öffnete sie. Seine Hände  
zitterten immer noch als er mühevoll einige weisse Kügelchen aus der Dose  
heraus auf seine offene Handfläche rollen liess. Er begann gar nicht erst  
die Anzahl der Pillen zu zählen, sondern beförderte sie direkt alle mit  
einer schnellen Handbewegung in seinen Mund. Stumm und zuvorkommend reichte  
Toshi seinem Freund ein Glas Wasser. Robert bedankte sich mit einem  
Kopfnicken und spülte mit einem grossen Schluck die Medizin hinunter. Der  
Geschmack war bitter, doch mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt.  
"Das Zeugs ist was-weiß-ich-wieviel-mal stärker als Valium." erklärte  
Robert während er die Tablettendose verschloß und wieder in seiner Tasche  
verschwinden liess. "Eine davon knipst einem gesunden Menschen schon  
das Licht aus.- Mir helfen sie schon nicht mehr." 
Toshi machte ein sorgenvolles Gesicht. "So schlimm?" fragte er. 
Robert nickte. "Ja." antwortete er leise.. 
 
"Und weil er die jährliche Untersuchung nicht bestanden hat, hat man ihn  
suspendiert?" fragte Hitomi. 
Nami nickte. "Ja." sagte sie. "Er hat sich um einen Posten im deutschen  
Konsulat hier in Tokio beworben." 
 
"Konsulat ?" fragte Toshi 
Robert nickte wortlos. 
"Aber das ist doch nur Schreibtischarbeit.- Also ich könnte das nicht." 
Robert lächelte. "Und wo ist der Unterschied zu dem, was du jetzt machst?" 
 
"Glaub' nur nicht, dass Toshi glücklich ist." murmelte Hitomi nachdenklich.  
"Er sagt es zwar nicht, aber du solltest sehen, wie seine Augen strahlen,  
wenn Asaja ins Lokal kommt und von ihrer Arbeit erzählt." 
"Das mag sein, aber immerhin ist er zu Hause. Er hat dich, Love, Kawano, ja  
sogar Asaja,- Freunde, die er jeden Tag sieht,- die zu ihm stehen,- seine  
Vergangenheit teilen.- Aber jetzt sieh uns an. Was haben Robert und ich  
denn schon. Wir haben einen Anfang und ein Ende und die Jahre dazwischen  
sind verloren.- Was uns bleibt, sind wage Erinnerungen. Verblassende Fotos  
und Geschichten, die langsam in Vergessenheit geraten." 
Hitomi senkte bedrückt den Kopf. "Du weisst, ihr seid bei uns immer  
willkommen." 
 
"Ich wollte auch wegen Nami zurück nach Japan." erklärte Robert. "Meinst  
du, ich habe mich richtig entschieden?" 
Toshi zuckte mit den Schultern. "Das kann ich dir nicht sagen." 
"Ja, du hast wohl recht, Toshi. - Verbindungsoffizier im Konsulat ! Wie kam  
ich nur auf so eine Idee.- Was meinst du ?" 
Toshi hob von Neuem unwissend die Schultern "Du allein hast die Wahl,- aber  
wähle weise, denn du musst wahrscheinlich dein ganzes Leben mit dieser  
Entscheidung leben.- Du mußt wissen, was dir wichtiger ist. Nami zu Liebe  
in Japan bleiben oder zurück gehen, allein vielleicht." Toshi legte  
vertrauensvoll und freundschaftlich seine Hand auf die Schulter des  
Freundes. "Ich habe 3 Jahre gebraucht, um zu erkennen, was ich für Hitomi  
empfinde." 
Robert nickte. 
 
 
Kawano war erleichtert und überglücklich als er mit Love durch das Kaufhaus  
Asahino spazierte. Die letzten Tage waren zwar nicht so gelaufen, wie er  
dachte, aber am Ende war er doch zufrieden. Er würde eine Ausbildung bei  
der Polizei machen und Love im Café ihrer Schwestern arbeiten. Sie wären  
wie Fräulein Hitomi und Detective Utzumi.- Wobei er sich immer noch fragte,  
warum Toshi den Dienst quittiert hatte. Er hatte versucht etwas darüber zu  
erfahren, doch keiner gab ihm eine Antwort. Es war wohl ein Geheimnis, so  
wie das Familienleben seiner Liebsten. 
Überhaupt benahm sich Love sehr seltsam in den letzten Wochen. Eben erst  
hatte sie von einem alten weißhaarigen Mann zwei Glückskekse gekauft. Noch  
nie zuvor hatte sie sich für solche Dinge interessiert.  
"Mal sehen, was da für ein Schmunsens drauf steht." lachte Love abschätzig  
als sie das Gebäck zerbröselte und den eingebackenen Zettel entfaltete. Das  
Lachen blieb ihr im Halse stecken. 'Büße, Katze und Glaube!' - stand dort.  
Ohne ein Wort ließ sie den Zettel in ihrer Tasche verschwinden. Kawano sah  
sie fragend an. 
"Was steht denn drauf?" 
"Neugierige Jungs leben nicht lange." wich Love mit einem Scherz aus. "Nun  
mach schon deinen auf." 
Der junge Mann schüttelte unverständig den Kopf. "Na gut, dann sehen wir  
mal." Er entfaltete das Papier. "Was ist bloß aus dem guten alten  
'Konfuzius sagt' geworden." grinste er. "'Katzen folgen den Klängen Gottes.  
Dem Sünder wird sein Traum erfüllt.' - Schwachsinn !" meinte er und  
wollte das Papier schon unbeachtet zerknüllen, als Love ihn zurückhielt. 
"Komm, laß uns zu dem Stand zurück gehen. Ich möchte noch Welche kaufen." 
"Warum? Glaubst du etwa daran?" 
Love antwortete nicht. 
"Ich faß es nicht!" entfuhr es Kawano. "Du glaubst tatsächlich daran?" 
Love nickte.  
"Na gut, wie du willst, es ist dein Geld." 
Doch dort, wo eben noch der Stand mit den Glücksbringern gewesen war,  
verkaufte nun ein junger Orientale Billigschmuck.  
"Muß ein gutes Geschäft gemacht haben." murmelte Love. "Komm, gehen wir zum  
Reisebüro." 
Kawano stimmte zu. 
 
Das Reisebüro im Kaufhaus Asahino war ein kleines unauffälliges Geschäft  
das direkt neben der großen Eisdiele lag, in der Love zusammen mit Katzumi  
viele ihrer Sommernachmittage verbracht hatte. Der Vorfall vor wenigen  
Minuten hatte sie ziemlich beunruhigt und auch, wenn Kawano es nicht  
bemerkte, sie beobachtete ihre Umgebung aufmerksamer und genauer als zuvor.  
Sie suchte die Menge, in der Hoffnung im Schutze der Passanten Zeugen für  
weitere merkwürdige Ereignisse zu haben. Es kam ihr nicht ungelegen, daß  
das Reisebüro rege besucht war. Die beiden Tische, an denen bedient wurde  
waren besetzt und so mußten sie einen Moment warten, bis sie an der Reihe  
waren. 
Als es endlich so weit war, bat ein junger Mann in Toshis Alter Love und  
Kawano Platz zu nehmen während er noch die Reiseunterlagen des letzten  
Kunden zusammen räumte.  
Love musterte den Angestellten. War es die Ähnlichkeit, die dieser Mann mit  
ihrem Schwager hatte,- was auch immer.- Sie ertappte sich dabei, wie sie  
unaufmerksam wurde, sich in Sicherheit wiegte. Sie warf Kawano einen Blick  
zu, doch bei ihm würde sie keine Antwort auf ihre Fragen finden. er kannte  
ihre kriminelle Vergangenheit nicht und somit war für ihn der Spruch auf  
dem Glückskeks einfach nur Schwachsinn gewesen. 
Aber vielleicht war es ja auch nur Zufall... 
 
 
                           ******* 
 
 
Es war bereits kurz vor vier und den ganzen Tag über hatte ausgesprochene  
Ruhe im Raubdezernat des Iunari-Reviers geherrscht. Seit man die Akte  
Katzenauge geschlossen hatte, war der Alltag eingekehrt. Kleinere  
Diebstähle, Schmuggel, dies und das. Nichts Aufregendes und so wie an jedem  
Tag bereitete sich der Chef auf seinen verdienten Feierabend vor.  
"Haben sie eigentlich kein zu Hause." scherzte er ungewohnt gelassen und  
blickte zu Asaja, die als Einzige noch im Gemeinschaftsbüro sass. 
"Sie wissen doch, das Verbrechen ruht nie." gab sie zuerst noch gewohnt  
ernst und beflissen zurück, doch dann mit einem Mal musste auch sie lachen.  
"Ja, sie haben recht Chef. Seit Utzumi weg ist, ist es viel ruhiger  
geworden.- Zu ruhig." 
Ihr Chef lachte. "Oh, das könnte ich nicht sagen. Immerhin habe ich nicht  
mehr diese furchtbaren Kopfschmerzen seit er weg ist." lachte er. "Aber ich  
denke, ich kann sie verstehen. Wenn man so jung ist, wie sie beide, dann  
sehnt man sich nach neuen Aufgaben, das war ja auch der Grund warum sie um  
die Versetzung nachgesucht haben. Ich aber zähle die Tage bis zu meiner  
Pensionierung und glauben sie mir,- mit Utzumi und den Katzen hätte ich die  
Zeit bis dahin sicher nicht überlebt." 
Asaja rang sich ein Lächeln ab. Ihr Chef kannte nicht die wahren Gründe für  
ihr Versetzungsgesuch. Die Versetzung zur Ausbildungstruppe nach Osaka war  
der letzte Strohhalm, der ihr blieb, wollte sie nicht aus dem Dienst  
ausscheiden. 
Plötzlich durchbrach das Läuten des Telefons auf Asajas Schreibtisch die  
Stille. 
"Iunari Revier, Raubdezernat, Unterinspektor Asaja am Apparat." meldete  
sich das Fräulein Unterinspektor. "Ja, ja danke, ich komme." 
Nachdenklich legte sie den Hörer auf und ihr Chef sah sie verwundert an. 
"Wer war das?" fragte er neugierig. 
"Das war Fräulein Miuki vom Verkehrsdezernat. Sie sagte sie hätten einen  
Verkehrssünder festgenommen, der mit mir sprechen will." 
"Wieso denn mit ihnen?" 
Asaja schüttelte den Kopf. "Ich weiss nicht." 
"Nun gut. Gehen Sie, gehen Sie. Die Pflicht ruft." meinte der Chef und  
seine Untergebene nickte gehorsam. "Ach Fräulein Asaja?" 
"Ja?" 
"Wenn sie fertig sind, gehen sie nach Hause." 
Asaja nickte. 
Als sie hinunter ins Verkehrsdezernat kam, wartete die Streifenpolizistin  
Miuki Iahara bereits auf sie. Sie war eine junge Dame von Anfang Zwanzig,  
etwas jünger als Asaja also und sie hatte hellbraunes kurzes Haar. Sie war  
ein wenig kindisch in ihrem Verhalten, fand Asaja. Sie erinnerte sich noch  
an den Einstand, den die junge Dame bei Dienstantritt im Revier hingelegt  
hatte. Frisch von der Polizeischule war ihre erste Amtshandlung gewesen,  
dem stadtbekannten Privatwagen des Polizeipräsidenten einen Strafzettel  
wegen Falschparkens zu verpassen. 
"Nun, wo ist der Mann?" 
"Bitte hier entlang, Fräulein Unterinspektor." Fräulein Miuki wies ihrer  
älteren Kollegin den Weg in ein Besprechungszimmer. 
Ein Mann in einem mintfarbenen Sakko saß auf dem Holzstuhl vor dem  
Schreibtisch. Er hatte schwarzes krausiges Haar und nun, da er hörte, wie  
die Zimmertüre geschlossen wurde, drehte er sich um. Asaja war sichtlich  
verwirrt, als sie den Mann erkannte. 
"Aber Toshi was machen sie denn hier?" 
Der Mann verzog jedoch keine Miene. 
Wortlos stand er auf und trat zu Miuki. Lächelnd sahen sich die beiden an. 
Ein merkwürdiges Gefühl stieg in Asaja hoch. 
"Also was gibt es?" fragte sie, doch immer noch sagte keiner der Beiden ein  
Wort. Die musternden Blicke des Mannes jedoch wurden immer durchdringender. 
"Mitzuku Asaja, Unterinspektor." rezitierte der Mann in Toshis Gestalt aber  
mit fremder Stimme. "Du hattest recht Miuki, sie sieht Hitomi zum  
Verwechseln ähnlich." 
"Sag' ich doch, Aiko." gab die Dame neben ihm zurück. 
"Wer sind sie? Und was wollen sie?" herrschte Asaja die Beiden an und griff  
bereits nach ihrer Dienstwaffe. Doch der Mann in Toshis Gestalt hob sofort  
entschuldigend die Hände.  
"Bitte, Fräulein Asaja. Seien sie nicht verängstigt. Wir wollen ihnen  
nichts böses." sagte er mit freundlicher und Vertrauen einflößender Stimme.  
"Wir möchten uns nur ihr Gesicht ausleihen."  
 
 
 
Als Kawano zu sich kam brummte ihm gewaltig der Schädel. Das Dämmerlicht,  
das durch ein Fenster fiel ließ ihn erkennen, daß er auf einem Bett lag.  
Vorsichtig streifte sein Blick umher. Es war ein kleines Zimmer mit zwei  
Türen und einem großen Fenster. Die Einrichtung war nicht üppig aber  
wahrscheinlich ausreichend. Es kam ihm vor wie ein Zimmer in einem  
Ferienhaus, denn er sah keine persönlichen Gegenstände wie Bilder Poster  
oder antike Möbel. Alles hatte diesen Möbelhaus-Charme. Ein leises Geräusch  
riß ihn aus seinen Gedanken. Er spürte eine Hand, die sich auf seine Brust  
legte.  
"Ich hab' Angst." hörte er Love flüstern.  
"Komm, wir müssen nachsehen wo wir sind." 
Langsam standen sie auf und gingen zum Fenster. Als er es öffnete schlug  
ihm ein kalter Windzug entgegen. Es brauchte etwas Kraft, die Fensterläden  
aufzustoßen.- Sie schienen festgefroren zu sein. Der Morgen hatte wohl  
gerade erst begonnen, denn die Sonne war noch nicht über die Gipfel der  
schneebedeckten Bäume rings umher gestiegen. Love sah auf ihre Uhr und  
stutze.- Mitternacht ? 
Sie verließen das Zimmer und gingen hinaus auf den kleinen Korridor. Sie  
hörten Stimmen, bekannte Stimmen. Langsam schlichen sie die Holztreppe  
hinunter und kamen in eine Art Wohnküche.  
Die verwirrten und fragenden Blicke von vier Personen begrüßten sie. 
Sofort hob Love die Arme. "Ich hab' nichts gemacht." sagte sie. 
 
Ratlose Blicke und verwunderte Gesichter rings umher. Schlafgas hatte sie  
und Kawano im Reisebüro matt gesetzt. Nami, Hitomi, Robert und Toshi  
mußten ihren Berichten zu Folge nach einem Abendessen mit Unterinspektor 
Asaja weggetreten sein.- Eines war sicher: Sie waren nicht mehr in Tokio. 
 
Wo waren sie und wer hatte sie hergebracht? Was hatte man mit ihnen vor?  
Tausend Fragen schossen Love durch den Kopf. "Habt ihr denn schon eine  
Idee?" 
Toshi nahm ein Schlüssel mit Anhänger vom Tisch. "Der hier gehört zu einem  
Geländewagen vor dem Haus." 
"Auf dem Anhänger steht: In vino veritas. - Im Wein liegt Wahrheit." fügte  
Hitomi hinzu. 
"Habt ihr schon eine Ahnung, wo wir sind?" fragte Love. 
Robert legte die Stirn in Falten, als er antwortete. "Also der Wagen hat  
kanadische Kennzeichen. Die Hütte hier liegt auf einer Lichtung. So weit  
Toshi und ich sehen konnten, gibt es nur einen unbefestigten Weg, der von  
hier wegführt." 
Nami legte ihre Stirn in Falten. "Mehr haben wir nicht herausfinden können.  
Habt ihr noch etwas?" 
"Wir haben in unseren Glückskeksen Nachrichten gefunden." erklärte Love und  
zog den Zettel mit der Weissagung heraus. Kawano tat es ihr gleich und  
Namis Sorgenfalten verschwanden als sie die merkwürdigen Weissagungen las.  
Sie ahnte auf welcher Mission sie waren. 
Kawano hingegen war völlig verwirrt. "Ich verstehe das nicht. Da wird von  
Katzen geredet. Was haben Katzen denn mit dem allen hier zu tun?" 
Die drei Schwestern sahen sich an. Sie mußten eine Entscheidung fassen... 
 
Love sah ihrem Liebsten tief in die Augen. Die ganze Zeit über hatte er  
ihre Hand gehalten und nun, da er von Nami die Wahrheit erfahren hatte  
schien er sehr gefasst. Zärtlich küßte er sie und als ihre Lippen sich  
trennten murmelte er verständig: "Darum warst du so verschlossen." Sie  
nickte. Sie war zerrissen zwischen Glück und Angst. Sie war überglücklich  
zu wissen, das ihr Vater nicht hingerichtet worden war. Doch die Angst  
wieder nur einer Hoffnung hinterher zu rennen war tief in ihr. - Sie konnte  
keinen klaren Gedanken fassen, nun da sie alle vor dem Haus standen und die  
klare frische Luft genossen. - Ein gefüllter Kühlschrank, Lebensmittel,- ja  
sogar an warme Kleidung hatten diejenigen gedacht, die sie hergebracht  
hatten. 
"Schön, und was jetzt? Wie geht es nun weiter?"  
Nachdenklich betrachtete Toshi die Gegend. Es war außer dem Wald nichts zu  
sehen. Keine Stadt, kein Dorf. Nur Glocken klangen in der Ferne und  
mischten sich unter das Geräusch der Vögel, die über ihren Köpfen hinweg  
zogen. Es gab tatsächlich nur einen Weg, der von diesem Haus weg führte.  
Reifenspuren, wenig von Neuschnee bedeckt, zeigten deutlich, das er  
kürzlich benutzt worden war. 
"Wir haben weder Karte noch einen Hinweis. Den Wagen zu benutzen wäre  
sinnlos. Wir wissen ja nicht wohin wir fahren sollen." 
Zustimmendes Kopfnicken machte sich breit. Ein jeder dachte angestrengt  
nach. Wieder klangen die Glocken. 
Nami merkte auf. "Ich weiß es!" rief sie und stieg in den Geländewagen. "  
Die Glocken sind der Wegweiser. Die Stimme Gottes auf Erden. Kommt, beeilen  
wir uns." 
Sie verließen den kleinen Hof vor dem Haus und fuhren auf dem unbefestigten  
Pfad durch den Wald. Nach Kilometern mündete der Weg in eine schneebedeckte  
Schneise. Sie schauten einen Moment lang ratlos umher, doch dann sahen sie  
ihn. Wie ein Leuchtturm in der dunklen Nacht ragte eine Kirchturmspitze  
über die Baumgipfel am Horizont..  
 
 
Das Café Katzenauge in Tokio hatte gerade erst die Pforten geschlossen. Es  
war ein arbeitsreicher Tag gewesen, an dem ein falscher Toshi und eine  
falsche Hitomi viele Gäste bedient hatten.  
"Ich glaube wir haben unsere Sache ganz gut gemacht." meinte der Mann in  
Toshis Gestalt und räkelte sich genüßlich in der Sitzcouch.  
"Das wäre ja auch alles nicht so schlimm, wenn ich nicht diese dämlichen  
Kontaktlinsen tragen müßte." warf Hitomis Doppelgängerin ein und  
betrachtete mit Verachtung die kleine durchsichtige Scheibe die sie auf  
ihrer Fingerspitze balancierte. 
"Die sehen auch sehr stark aus." stimmte der Mann zu.  
"Und glauben sie mir, Monsieur Villant, das reicht noch nicht einmal."  
entgegnete die Frau und liess die Sehhilfe in den Becher vor ihr gleiten.  
Bedächtig griff sie nach der Brille auf dem Tisch und setzte sie auf. 
"Besser so ?" fragte Aiko Villant fürsorglich und die Dame nickte.  
"Ja, danke." antwortete sie. 
"Ihre Sehschwäche, das war auch der Grund für ihr Versetzungsgesuch, oder?"  
"Ja, das stimmt.- Sie scheinen wohl sehr gut über mich Bescheid zu wissen." 
"Nun, das ist eine Eigenart meiner Schwester. Vor einer Aktion sammelt sie  
alle Informationen, die sie bekommen kann." 
"Erzählen sie mir von ihr. Oder besser noch, erzählen sie mir von ihrem  
Vater, Frederick Köhler." bat Asaja. "Was ist die Verbindung zwischen ihm  
und Heintz?" fragte sie, doch ihr Gegenüber zögerte noch. So beschloß sie  
noch ein wenig zu bohren. "Wissen sie, eines macht mich stutzig. Sie und  
ihre Schwester sind ein wenig jung dafür, daß ihr Vater während des zweiten  
Weltkrieges verschleppt wurde." 
Der Mann lachte. "Köhler ist nicht mein Vater." 
Asaja blickte verwundert.  
"Mir scheint, sie haben falsche Schlüsse gezogen." stellte Toshis  
Doppelgänger fest, als er die Reaktion der Dame bemerkte. "Also lassen sie  
uns ganz am Anfang beginnen." schlug er schließlich vor und das Fräulein  
Unterinspektor nickte zustimmend. 
"Nun gut." hob Herr Villant an und streckte sich. "In den 30er und 40er  
Jahren, als in Deutschland die Nationalsozialisten an der Macht waren, da  
haben Heintz und Köhler zusammen in Deutschland gelebt, studiert und  
gearbeitet." 
"Als Spione." setzte Mitzuku vorschnell hinzu, doch der Mann schüttelte den  
Kopf. 
"Nun ja." entgegnete er. "In dieser Zeit konnte man entweder mit dem Strom  
schwimmen oder untergehen. So gesehen, war jeder, der überlebte vielleicht  
ein Spion. Aber nichts desto trotz- vor dem Krieg floh Heintz aus dem Land.  
Köhler arbeitete arglos für das Reich. Er war Eines der Druckmittel, mit  
dem sie Heintz erpressten, nach Deutschland zurück zu kehren. Nach dem Ende  
des 2. Weltkrieges ging Köhler unbehelligt in die Schweiz und wohnte bei  
meiner Familie. Die unabhängige Schweiz war ein relativ sicherer Ort für  
ihn und dort heiratete er dann auch seine Frau, meine Tante Margarethe  
Chatelet. Um 1958 dann erwachte das Interesse an Köhler. Er und seine  
schwangere Frau flohen zu einem Freund, der weit vor dem Krieg nach Kanada  
ausgewandert war. Doch auch dort wären sie nicht auf Dauer sicher, das  
wußte Köhler und so faßte er einen wahnsinnigen Plan. Kurz nach Melanies  
Geburt verschwand er bei Nacht und Nebel zusammen mit dem Baby aus Kanada.  
Melanie gab er in die Obhut meiner Familie. Er selbst tauchte in Südafrika  
unter." 
"Ich verstehe." meinte Asaja leise, doch Herr Villant fuhr sie mit einem  
Mal ein wenig brüsk an.  
"Ich weiss nicht, ob sie verstehen, was es für ihn bedeutet hat, sein Kind  
seiner Mutter zu entreißen und aus den Händen zu geben. Welche Qualen  
Melanie durchgemacht hat, als sie aufwuchs.- Können sie sich vorstellen,  
was es für ein Gefühl ist, nach aussen hin die Tochter einer Musterfamilie  
zu spielen, wenn man doch weiss, das es nur Pflegeltern sind und der  
richtige Vater wegen seines Berufes und seiner Abstammung vielleicht  
irgendwo um sein Leben betteln muss während die Mutter irgendwo in der  
Wildnis Schutz sucht?- Fräulein Love, ja sie würde es vielleicht  
verstehen." der Mann stockte einen Moment und warf Asaja wegen seines rüden  
Tons einen entschuldigenden Blick zu. Gefasst und gesenkten Blickes fuhr er  
fort "Wissen sie, das war auch der Hauptgrund für Melanie diese Aktion zu  
starten.- Sie wollte, dass Love ihren Vater kennenlernt.- Ganz egal, ob die  
Schwestern ihr später bei der Suche nach ihrem Vater helfen werden." 
"Was das betrifft, da brauchen sie sich keine Sorgen zu machen." beruhigte  
Asaja lächelnd. "Wenn ich Fräulein Nami und ihre Schwestern auch nicht gut  
kenne, glauben sie mir, wenn ihr Plan gelingt werden sie sich  
revanchieren." 
"Das würde mich freuen, denn nichts wünsche ich mir mehr, als Melanie  
glücklich zu sehen." der Mann hielt inne, da er bemerkte, wie die Dame ihn  
wissend angrinste. "Nein, Fräulein Asaja, nicht, was sie denken." gab er  
zurück. "Melanie und ich, ja, es gab eine Zeit, da waren wir ein Paar, aber  
wir passen einfach nicht zueinander. Trotzdem ist sie eine sehr gute  
Freundin,- wie eine Schwester halt." 
Mitzuku Asaja nickte verständig und rieb ihre Stirn. 
"Oh, verzeihen sie. Ich langweile sie bestimmt." schlussfolgerte Aiko  
Villant, als er sah, wie die Dame in dem Sessel neben ihm ihr Gesicht  
massierte. 
"Nein, nein." entgegnete Mitzuku Asaja. "Es ist nur, ich habe wieder diese  
Kopfschmerzen." meinte sie und nahm ihre Brille ab. 
"Es ist ihre Sehschwäche, die die Schmerzen verursacht." mutmasste Aiko,  
doch Asaja schwieg. Dann jedoch nickte sie und reichte ihrem Gegenüber ihre  
Brille. Bedächtig und professionell lies Aiko Villant die Sehhilfe durch  
seine Finger gehen. "Plastik." murmelte er und tippte mit dem Fingernagel  
auf die Brillengläser. Der dumpfe Klang bestätigte seine Vermutung. 
"Fünfeinhalb, vielleicht sechs Dioptrien." stellte er fest als er die  
Stärke der Brillengläser begutachtete. "Sie leiden an einer Linsentrübung  
beider Augen." bemerkte er noch und blickte Asaja mitleidig an. 
"Ja, sie haben recht." gab die Dame zu. "Sind sie Augenarzt?" 
"Optometriker. Es tut mir leid, wenn ich sie damit jetzt erschreckt haben  
sollte." antwortete Aiko ein wenig beschämt. 
"Dann wissen sie ja vielleicht, wie es um mich steht.- Ob mit oder ohne  
Operation, meine Augen werden immer schlechter und das Einzige, was ich  
dann noch tun kann, wäre ein Schreibtischjob oder eben Ausbilder.- Deshalb  
habe ich mich um den Posten in Osaka beworben." 
Aiko blickte bedächtig zu Boden. "Wissen sie," begann er leise. Es war  
beinahe ein Flüstern, "einer unserer Grundsätze ist, sich nie in die  
Belange Anderer einzumischen. Bei unseren Aktionen haben Melanie und ich  
immer darauf geachtet, so wenig wie möglich das Leben und das Schicksal der  
Menschen zu beeinflussen. Aber ich finde, sie haben es verdient das ich  
ihnen sage, was ich weiss." Der Mann sah auf und suchte Asajas Augen zu  
fixieren: "Als wir ihre Akte durchsahen, da war dort bereits vermerkt  
worden, daß ihre Versetzung nach Osaka von höchster Stelle widerrufen  
wurde. Sie werden ins Verkehrsdezernat versetzt.- Innendienst. Ab nächsten  
Monat sind sie die Vorgesetzte von Fräulein Iahara." 
Asaja starrte regungslos an die Wand. "Vielen Dank, dass sie so ehrlich zu  
mir waren." sagte sie emotionslos. "Bitte, entschuldigen sie mich. Es war  
ein langer Tag und ich möchte auf mein Zimmer gehen." 
Aiko nickte. "Gute Nacht, Fräulein Asaja." sagte er und als die Dame das  
Zimmer verliess blickte er ihr noch lange nach.  
"Ach Mitzuku. Sie sind ein Eisklotz." 
 
Er sollte eigentlich schon schlafen, doch irgendwie hatte er noch Hunger  
und auch noch keine Lust ins Bett zu gehen. Immerhin war die Sitzcouch, auf  
der er nächtigte nicht gerade ein Himmelbett. Asaja hatte es da doch  
besser. Sie schlief in Loves Zimmer. Aiko Villant schlurfte mit schweren  
Gliedern den Gang hinunter. Ein leises Geräusch ließ ihn aufhorchen. Es war  
ein leises Schluchzen und es kam aus dem Zimmer direkt vor ihm. 
"Fräulein Asaja, ist alles in Ordnung." rief Aiko halblaut und klopfte an. 
Es kam keine Antwort und erst als schon eine ganze Weile vergangen war,  
hörte er Schritte. Die Türe wurde geöffnet und sein Blick fiel in die  
verweinten Augen von Fräulein Asaja. Mit einer Handbewegung deutete sie ihm  
noch einzutreten aber dann stellte sie sich sofort wieder vor das grosse  
Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Der junge Mann betrachtete  
die Szene eine ganze Weile. Welch eine empfindsame und verwundbare Seele  
unter der rauhen Schale dieser Polizistin steckte. 
"Können sie sich vorstellen, wie es ist, wenn plötzlich das Eine, für das  
sie immer gelebt haben, vor ihren Augen zerbricht." Asajas Stimme klang  
ungewohnt gefühlsbetont und leise. "Seit ich denken kann wollte ich immer  
in Allem die Beste sein. Die Beste in der Schule, Jahrgangsbeste auf der  
Universität, Sondereinsatzkommando, japanische Meisterin mit der  
Luftpistole.- Mein Beruf, das war alles, woran ich denken konnte.- Und  
jetzt finde ich mich hinter dem Schreibtisch wieder. Formulare ausfüllen,-  
etwas das auch ein dressierter Affe machen könnte." 
Asaja fuhr herum und lachte bitter. "Sehen sie mich an. Meine Augen sind  
ruiniert vom Dämmerlicht der Bibliotheken und den Büchern, in die ich mich  
vergraben habe. Was hilft mir mein Wissen wenn ich aussehe wie eine  
vieräugige Vogelscheuche? Glauben sie, ein Mann würde eine studierte  
Schnepfe wie mich heiraten wollen?- Ich beneide Hitomi und Nami." 
"Wissen sie, Fräulein Asaja, eine Nelke kann auch schön sein." 
"Was soll das schon wieder heissen?" 
"Nun, eine Rose ist eine edele Pflanze. Sie ist gezwungen schön zu sein und  
ist sie es nicht, dann wirft man sie weg. Eine Nelke hingegen ist eine eher  
unscheinbare Pflanze. Aber wenn sie entgegen allen Erwartungen zu grosser  
Schönheit erblüht, dann ist man Stolz und sie wird in Erinnerung bleiben." 
"Ich bin nicht sicher, dass ich verstehe, was sie mir sagen wollen." 
"Was ich damit sagen will, ist, dass sie sich nicht unter Wert verkaufen  
sollen. Sie sind vielleicht kein Model oder eine Schönheit wie Fräulein  
Nami, aber wer sie kennenlernt, der merkt schon bald, dass sie eine  
wunderbare und einfühlsame Frau sind." 
Asaja blickte verwundert und antwortete nicht. Aiko Villant hingegen wandte  
sich ab und ging hinaus. 
"Entweder, sie nehmen es als ihr Schicksal hin, oder sie ändern es. Noch  
haben sie die Wahl. Und glauben sie mir, es gibt zumindest einen Menschen,  
der sie sehr gern hat." sagte er schliesslich noch bevor er die Türe  
schloss. 
"Ach Asaja, fast hätte ich es ihnen gesagt." murmelte er für sich... 
 
 
                             ******* 
 
 
Einige tausend Kilometer weiter ostwärts hatte indes der Tag gerade erst  
richtig begonnen und die sechs Reisenden waren vollauf damit beschäftigt,  
ihr Ziel zu erreichen. Die Stimmung war angespannt. Ohne Vorwarnung hatte  
man sie aus ihrem Heimatland Japan in die Wildnis Kanadas gebracht. Hatte  
sie mit Winterkleidung und einem fahrbereiten Geländewagen versorgt. Sogar  
an die von Robert dringend benötigte Medizin hatten sie gedacht. Es war  
sicher kein Zufall, daß keine Karte der Umgebung zu finden gewesen war. Sie  
sollten gezwungen sein Hinweisen zu folgen. Ein merkwürdiges Spiel, das sie  
zwang nun schon seit Stunden diesem Kirchturm entgegen zu fahren. 
Love kniff die Augen zusammen um gegen die tief stehende Wintersonne sehen  
zu können. War die Kirchturmsitze bisher ihre einzige Orientierung gewesen,  
so tauchten nun auch schemenhaft die Umrisse von Gebäuden hinter dem Hügel  
auf. "Gleich sind wir auf der Anhöhe, von da aus werden wir besser sehen  
können." 
Langsam ließ Nami den Wagen den Hügel hinunter rollen. Der Wald links und  
rechts der Piste öffnete sich und sie kamen in die weitläufige Ebene an  
deren Ende das Dorf lag. Es war eine kleine Ansammlung von alt anmutenden  
Häusern und Hütten die die Straße zur Linken und Rechten umsäumten. Als sie  
hindurch fuhren, kam es ihnen vor als ob alles um sie herum unbewohnt und  
seit langem Verlassen war. Der Kirchplatz war am Ende der Häuserzeile und  
das wohl einst prächtige Gotteshaus war beinahe eine Ruine. 
Die zweiflügelige Holztüre am Eingang war zum großen Teil zerfallen und die  
Reste hingen nur noch am seidenen Faden. Viele der bleiverglasten  
Kirchenfenster waren zerbrochen und das hindurch fallende Sonnenlicht  
zauberte merkwürdige Lichtspiele. Die Kirchenbänke waren von einer dicken  
Staubschicht bedeckt und hier und dort lag noch ein aufgeschlagenes  
Kirchenbuch darauf. 
Ratlos blickten die sechs Freunde umher und riefen sich noch einmal die  
mysteriösen Botschaften in den Kopf. 
"Die Katze soll büßen und glauben. Dem jungen Sünder wird ein Traum  
erfüllt." Toshi hielt inne. "Wenn die Katze der Sünder ist, dann würde sie  
zum Büßen..." 
"Der Beichtstuhl!" platzte Hitomi heraus und zeigte auf das hölzerne  
Gebilde, das vor der Wand stand. Ohne viele Worte durchsuchten sie den Ort  
am dem Sünder ihre Buße auferlegt bekamen. Sie fanden eine Sammlung  
religiöser Motive, was nichts Ungewöhnliches gewesen wäre. Bis auf dieses  
eine Bild: Es trug als Einziges eine Unterschrift: 'Möge das Licht Gottes  
euch den Weg leuchten.' und es war ein Abbild eines Kirchenfensters aus  
genau diesem Gotteshaus. Doch so sehr sie auch das zerbrochene Original in  
der Wand oder das Abbild auf dem Papier betrachteten, es fiel ihnen nichts  
auf. Es war eine der vielen Abbildungen von Jesus am Kreuz. Im  
Kirchenfenster fehlte eine Scheibe und die Mittagssonne stach in Loves  
Augen, als sie von Neuem hinsah. "Das Licht Gottes." murmelte sie plötzlich  
und fuhr herum. Ein scharfer Lichtstrahl markierte einen Platz in der  
Bankreihe nahe dem Ausgang. Scheinbar unachtsam dorthin geworfen lag ein  
Zettel.  
"Kommt mal her!" rief Love laut und wedelte mit dem Papier, "Hört zu:  
'Katze entlaufen. Schwarzes Fell, hört auf den Namen Love. Belohnung.'" 
Verständiges Kopfnicken machte sich breit als sie die gemalten Katzenköpfe  
sahen, die das Blatt umrandeten. Es war das gleiche Bild, wie auf den  
Visitenkarten von Katzenauge. 
"Also dann. Wenn die eine Schnitzeljagd wollen, können sie haben..." 
 
 
                          ******* 
 
 
Während die winterliche Mittagssonne über der Wildnis Kanadas langsam  
herniedersank und einem dämmrigen Nachmittag Platz machte fuhren unsere  
sechs Freunde gespannt ihrem Ziel entgegen.  
In Japan brach indes bereits der Morgen des nächsten Tages an und die Stadt  
Tokio mit all ihren Einwohnern erwachte langsam zum Leben. Im Café  
Katzenauge war ein Mann mit schwarzem Haar schon seit einiger Zeit damit  
beschäftigt ein Frühstück zu bereiten, das Seinesgleichen suchte. "So, mal  
sehen, ob ich sie hiermit ein wenig aufmuntern kann." murmelte der junge  
Mann in Toshis Gestalt und Kleidung als er mit einem leeren Tablett in den  
Händen aus dem Lokal zurück in die Küche kam. Eifrig begann er allerlei  
Frühstücksleckereien darauf zu laden. "Das, das, das, das - Oh ja, die  
Margarine.- So, ich denke ich habe alles." stellte er zufrieden fest und  
gerade wollte er das beladene Tablett vom Tisch heben, als ihn ein Geräusch  
aufhorchen ließ. Es war ein leises rhythmisches Klopfen an der Hintertüre  
des Cafés. Es war eine verabredetes Signal, auf das hin er ohne Zögern zur  
Türe eilte. 
Leise schloß er auf und öffnete. Wortlos nickend trat eine sehr junge Frau  
in der Uniform einer Verkehrspolizistin ein und folgte dem Mann zurück in  
die Küche des Cafés. 
"Hier ist deine Post." sagte die junge Frau und legte einen kleinen Stapel  
Briefe auf die Anrichte. "Und das hier ist die Post von Asaja." fügte sie  
noch hinzu und reichte ihrem Bekannten einen Briefumschlag, den er auch  
sofort in der Tasche seines mintfarbenen Jacketts verschwinden ließ. 
"Danke, Miuki. Aber das wäre doch nicht nötig gewesen." antwortete der Herr  
geschmeichelt, doch das nachdenkliche Gesicht der jungen Frau machte ihn  
stutzig. "Was hast du Cousinchen?" 
Die junge Dame zögerte und senkte bedrückt ihren Kopf. Langsam reichte sie  
in ihre Handtasche und zog einen gefalteten Zettel heraus. 
"Die neuen Sparmaßnahmen sind durch." sagte sie leise und faltete das Blatt  
auseinander. "Das hier lag auf dem Tisch des Dezernatsleiters." fügte sie  
noch hinzu und reichte ihrem Bekannten das Papier. 
Niedergeschlagenheit sprach aus seinem Gesicht, als Aiko Villant den Zettel  
sinken lies. "Sie wollen Asaja also noch vor der Beförderung entlassen." 
"Es tut mir leid. Ich weiß, wie sehr du sie magst." entgegnete Miuki  
mitfühlend und küßte den Mann freundschaftlich auf die Wange. "Ich muß  
jetzt gehen.- Bis heute nachmittag." Sie verschwand leise durch die  
Hintertüre und Aiko erwachte erst wieder aus seiner Lethargie, als er die  
Türe ins Schloß fallen hörte. 
"Ach Asaja." seufzte er mitleidig. "Ihr ganzes Leben haben sie der Polizei  
gewidmet. Ihre Gesundheit ruiniert, um das Gesetz zu verteidigen. Und jetzt  
entlässt man sie einfach. 'In allen Ehren.'- als ob das etwas ändern würde.  
So als ob man eine Tasse Kaffee wegkippt, die übrig geblieben ist."  
Nachdenklich trug er das Tablett die Treppen hinauf und balancierte es  
gekonnt auf einer Hand, als er an Asajas Zimmertüre klopfte. 
"Ja bitte." hörte er die Stimme des Unterinspektors rufen und er trat ein.  
"Guten Morgen Aiko." schallte die Frauenstimme fröhlich aus dem  
Kleiderschrank. 
"Guten Morgen Mitzuku. Spielen sie verstecken?" witzelte der junge Mann und  
setzte das Tablett auf dem Schreibtisch ab. Die junge Dame im Blickschatten  
der Kleiderschranktüre lachte. "Nein, ich dachte ich sollte heute Morgen  
etwas Anderes tragen.- Also habe ich mir erlaubt eine legere Jeans aus Frau  
Hitomis Kleiderschrank zu nehmen. Leider sind mir ihre T-Shirts nur viel zu  
gross. Sie ist halt etwas üppiger gebaut." erklärte sie freimütig und trat  
hinter der Schranktüre hervor. "Was denken sie. Steht mir doch gut, oder?" 
Aiko verschlug es die Sprache. Mit einem Mal war aus der unscheinbaren  
Asaja in ihrer tristen Dienstuniform eine Schönheit geworden, die den  
Vergleich mit den Kisugi-Schwestern nicht zu scheuen brauchte. 
"Sie sehen grossartig aus!" entfuhr es ihm bewundernd.  
"Ja, ich habe über das nachgedacht, was sie gestern Abend sagten.- Und sie  
hatten recht. Ich bin keine graue Maus." erwiderte das Fräulein ungewohnt  
selbstbewusst. "Und wissen sie was, auch wenn ich nur noch am Schreibtisch  
sitze, ich bin immer noch Polizistin und darauf kann ich stolz sein." 
"Äh, ja." meinte Aiko ein wenig kleinlaut und begann den Tisch zu decken.  
"Kommen sie jetzt, frühstücken sie, der Kaffee wird sonst noch kalt." 
Asaja war geschmeichelt von der Fürsorge, die ihr zu Teil wurde. "Wollen  
sie nichts?" 
"Äh, nein, ich habe unten in der Küche..." 
"Ach kommen Sie, trinken sie wenigstens eine Tasse Kaffee mit mir." 
Toshis Doppelgänger nickte etwas widerwillig. Er fühlte sich nicht ganz  
wohl bei dem Gedanken, das er diese Wandlung bei Asaja verursacht haben  
sollte. "Übrigens Miuki hat ihre Post gebracht." Fast beiläufig zog er den  
Brief aus seiner Tasche und zu spät merkte er, wie der Zettel mit der  
unangenehmen Mitteilung ebenfalls herausrutschte. 
Das zu Boden sinkende Blatt weckte sofort die Aufmerksamkeit des  
Unterinspektors. "Oh, sie haben etwas fallengelassen." sagte sie und  
reichte zuvorkommend hinunter um das Papier aufzuheben. "Was ist denn das?" 
"Äh, das ist, äh nur, mein Einkaufszettel, ja, die Einkäufe fürs Lokal."  
stotterte Aiko. 
"Na, dann sollte ich einmal einen Blick darauf werfen." entgegnete Asaja  
grinsend und faltete das Blatt auseinander. "Vergessen sie nicht, Hitomi  
gehört die Hälfte des Lokals und da ich Hitomi bin, sollte mich mein  
Mann..." die junge Frau von Mitte 20 stockte. "Ich wusste garnicht, dass  
man auch eine neue Karriere einkaufen kann." 
Scheinbar gefasst gab sie das Papier zurück und stand auf. Sie trat an das  
große Fenster und Tränen schossen in ihre Augen als sie hinüber zum  
Polizeirevier blickte. Aiko trat hinter sie, so daß er nur einen Schritt  
von ihr entfernt war. Seine Stimme klang leise und vertraut, als er sie zu  
trösten versuchte. 
"Es tut mir leid, Fräulein Mitzuku. Aber..." Die Einhalt gebietende  
Handbewegung der Dame vor ihm lies ihn den Satz abbrechen. 
"Ich weiss, daß sie es nur gut gemeint haben. Und ich bin Ihnen dankbar für  
das, was sie tun wollten.- Aber ich kann mich der Wahrheit nicht  
verschließen." Die junge Polizistin fuhr herum und lachte zynisch. "Na,  
immerhin habe ich einen Pensionsanspruch.- Und das ist doch auch etwas." 
"Machen sie sich doch nicht lächerlich. Sie sind 27 und haben ihr Leben  
noch vor sich!- Warum denken sie immer die Starke und Unnahbare spielen zu  
müssen?" 
"Was soll ich denn machen ?! Mein Leben ist zerstört.- Alles, wofür ich  
jemals gearbeitet habe ist verloren. Am Besten bringe ich mich um." Asaja  
brach in Tränen aus. Verzweiflung und Verwirrung bestimmten ihr Denken.  
Hatte sie bisher alles mit kühlem Verstand gemeistert, so war dies eine  
ganz neue Erfahrung für sie. Irgend etwas trieb sie dazu sich diesem Mann  
anzuvertrauen. Sie versank in seinen Armen und ergab sich darin mit  
geballten Fäusten zärtlich auf seine Brust einzuschlagen. Aiko ergriff ihre  
zittrigen Hände und blickte sie todernst an. "Wenn sie sich umbringen  
wollen, dann müssen sie aber warten, bis Fräulein Hitomi wieder da ist.  
Alleine schaffe ich die Arbeit im Café nicht." 
Er hatte es geschafft. Ein kurzes Lächeln erhellte das traurige Gesicht  
seiner Angebeteten. Asaja spürte die Wärme und Geborgenheit, die dieser  
Mann ihr entgegenbrachte. Er gab ihr Selbstvertrauen und die Gewissheit,  
daß alles gut werden würde. Es war ja auch nicht so, als wenn sie nicht  
damit gerechnet hätte.  
"Wissen sie, Aiko, ich denke schon eine Weile darüber nach. Vielleicht  
sollte ich sowas wie eine Privatdetektei aufmachen. Damals, als ich noch  
mit Utzumi zusammen arbeitete und er wegen seinen Misserfolgen immer kurz  
vor der Entlassung stand, da hat er oft davon gesprochen." 
"Na also, das ist doch schon etwas. Ich denke sie wären eine gute  
Privatdetektivin." 
"Mag sein. Aber allein und ohne Hilfe werde ich es nicht schaffen, zumal  
meine Gesundheit ja nicht besser wird. Wie wäre es mit ihnen?" 
Aiko lächelte verlegen. "Danke, ihr Angebot ehrt mich, aber wissen sie,  
wenn das hier vorbei ist und meine Ziehschwester ihren Vater wieder  
gefunden hat, dann werde voller Glück und Freude meinen Beruf als  
Augenoptiker wieder aufnehmen.- Aber warum fragen sie nicht Utzumi?" 
"Ich denke nicht.-" zögerte Asaja. "Er ist sicher ein qualifizierter und  
intelligenter Detektiv.- Aber gerade jetzt wo er Vater wird, glaube ich  
kaum, daß er das Risiko eingehen wird." 
Aiko lachte. "Er würde.- Glauben sie mir." 
"Ich hoffe es geht ihnen allen gut. Ich verstehe nicht, warum sie sie nicht  
direkt zu Heintz gebracht haben. Warum dieses Rätselraten?" 
"Sehen sie sich doch einmal an. Ihr eigener Chef kam ins Lokal und erkannte  
sie nicht. So einfach ist es, die Leute zu täuschen." 
Asaja blickte nachdenklich zu Boden. "Ja, sie haben recht. Man kann nie  
vorsichtig genug sein." murmelte sie leise und distanzierte sich ein wenig  
von dem Herrn, der sie immer noch zärtlich im Arm hielt. Aiko nickte  
verständig und trat zurück. Eine ganze Weile lang sahen sich die beiden  
wortlos an. Der junge Mann sah nur zu gut die Angst und Verwirrung in den  
Augen seiner Angebeteten,- Augen die deutlich zeigten, wie aufgewühlt sie  
war. Es war wohl das erste Mal gewesen, dass Fräulein Asaja in ihrer  
Unsicherheit und Verzweiflung bei einem Mann Rat und Trost gefunden hatte.  
Eine Erfahrung, die sie erst noch verarbeiten musste. 
"Ich verstehe, dass sie auch mir ein wenig misstrauisch Gegenüber stehen.  
Und so gerne ich auch etwas dagegen tun würde, weiss ich doch, dass man  
Vertrauen nicht erzwingen kann." sagte er bedächtig und wandte sich ab.  
"Bitte glauben sie mir.- Ich mag sie sehr." eröffnete er der staunenden  
Frau und er war froh, dass sie in diesem Moment nicht sehen konnte, wie er  
vor Aufregung schwitzte. Aber er wiederum bemerkte auch nicht wie Asaja vor  
Velegenheit rot wurde und leise ein liebevolles "Ach Aiko." vor sich hin  
murmelte. 
Nach einem Augenblick des verliebten Schweigens blickte Toshis Doppelgänger  
auf seine Armbanduhr und fuhr grinsend herum. "Na, wenn alles nach Plan  
gelaufen ist, dann steht das grosse Treffen kurz bevor." 
Hitomis Doppelgängerin nickte. "Ja, bald wird Love ihren Vater treffen."  
sagte sie zufrieden. 
 
 
                         ******* 
 
 
In der Wildnis Kanadas hatte der Abend inzwischen Einzug gehalten und in  
dem Schneesturm, der eingesetzt hatte kamen unsere Freunde nun nicht mehr  
so zügig voran, wie zuvor. Hinzu kam noch, dass die Abenddämmerung die  
Waldtiere aus ihren Verstecken lockte und immer wieder schossen sie in  
Gruppen aus dem Wald links und rechts der Strasse hervor und blieben wie  
erstarrt im Schein des Fernlichtes mitten im Weg des Fahrzeuges stehen.  
Alle Personen im Wagen versuchten Nami zu helfen, im immer dichter  
werdenden Schneefall nicht den Weg aus den Augen zu verlieren. Doch obwohl  
die Piste, auf der sie fuhren mehr als 20 Meter breit war konnten sie  
zeitweise nicht die Hand vor Augen sehen und Nami konnte nur mit  
Schrittempo fahren. Dann jedoch ließ der Schneefall nach und Lichter  
tauchten am Horizont auf. Eine der wenigen beschilderten Wegkreuzungen lies  
Nami anhalten. Unaufgefordert griff Hitomi nach der Taschenlampe, die  
bereits seit dem Einbruch der Dämmerung vor ihr auf dem Armaturenbrett lag  
und stieg aus. Sie stapfte durch den knöchelhohen Schnee hinüber zu dem  
hölzernen Pfahl am Wegrand. Das Licht der Autoscheinwerfer reichte nicht  
bis dorthin und so musste Hitomi die Taschenlampe zu Hilfe nehmen. Der  
Wegweiser schien alt und das Holz war marode. In etwa zweieinhalb Metern  
Höhe wiesen zwei Schilder in Richtung der Piste. Sie waren bestimmt einmal  
groß gewesen, doch nun zerfielen sie zu Bruchstücken. 'Wrigley.' las sie  
auf dem Wegweiser, der in die Richtung zeigte, aus der sie kamen. Das  
andere Schild war zu sehr verwittert um noch etwas entziffern zu können.  
Bedächtig langsam lies Hitomi den Lichtkegel der Taschenlampe um den Mast  
herum wandern. Ein weiteres Schild zeigte in die Richtung einer Einmündung.  
Es war nicht mehr als ein kleiner Pfad, der von rechts her auf die Schneise  
führte. Es war bestimmt nicht die Art Weg, die man bei Nacht mit einem Auto  
befahren sollte, doch hatten sie wohl keine andere Wahl, denn die Hinweise  
waren überdeutlich.  
Hitomi lächelte zufrieden als sie wieder in den Wagen stieg. "Wir müssen  
hier abbiegen." 
Nami runzelte die Stirn beim Anblick des Weges, der in den Wald führte.  
"Bist du sicher?" 
Hitomi nickte entschlossen. "Ja. Das Schild, das zur Einmündung zeigte war  
kleiner als die beiden Anderen und in viel besserem Zustand." 
"Was stand denn darauf?" 
"Nichts." 
"Wie nichts ? Und dann willst du, das ich dort entlang fahre." 
Hitomi lachte weise. "Es war ein Katzenkopf eingeritzt." 
"Warum sagst du das nicht gleich !" 
 
Der schmale Pfad führte bedrohlich dicht an den Bäumen vorbei und er war so  
holperig, daß Nami nur sehr langsam fahren konnte. Hinzu kam, daß das  
Schneetreiben wieder dichter wurde und der hohe Neuschnee sämtliche Spuren  
auf dem Boden verdeckte, die einen Anhaltspunkt für ein sicheres  
Durchkommen gegeben hätten. Nami dachte noch, ob es nicht besser wäre, wenn  
einer ihrer Freunde zu Fuß voraus ginge um größere Hindernisse auszuspähen,  
doch da war es schon zu spät. Ein heftiger Schlag ließ die Insassen  
aufmerken und alle Gespräche verstummen. Rote Warnlampen erschienen auf dem  
Armaturenbrett und der Motor starb ab.  
 
Der Geruch von heißem Schmieröl, der an ihre Nase drang ließ nur einen  
Schluß zu. "Na toll" murmelte sie. 
"Hast du schon eine Ahnung, was es ist?" fragte Hitomi. 
Ohne Kommentar hielt Love den Metallstab in das Licht der Taschenlampe.  
Dort, wo sonst ein Ölfilm den Stand des Schmiermittels im Motor anzeigte  
war nichts zu sehen. Sie legte den Stab bei Seite und nahm ihrer Schwester  
die Taschenlampe aus der Hand. Sie kniete vor dem Wagen im Schnee nieder.  
Hier war der Ölgeruch viel stärker und als sie unter das Auto leuchtete  
konnte sie die Bescherung bereits sehen. Dennoch streckte sie ihre Hand aus  
und faßte in die Pfütze, die sich unterhalb des Motors befand. Bedächtig  
stand sie auf und zerrieb die warme schmierige dunkelbraune Flüssigkeit  
zwischen Daumen und Zeigefinger.  
"Jetzt weiß ich wie groß der Stein war, vor den wir gefahren sind." 
Hitomi sah sie unverständig an.  
"Na ja.- So groß wie das Loch in der Ölwanne halt." erklärte sie zynisch  
und trat zu Nami an die Fahrertür. 
"Wie sieht es aus?" 
"Tut mir leid." grinste das Küken der Familie. "Dieser Wagen ist soeben  
stehend K.O. gegangen.- Er wird noch ausgezählt." 
 
Glücklicherweise hatte mittlerweile das Schneetreiben wieder aufgehört und  
auch der eiskalte Wind ließ nach. Sie suchten die wichtigsten Sachen  
zusammen und folgen zu Fuß dem Pfad, der sich immer weiter von der  
Hauptstraße entfernte. Nach einiger Zeit erreichten sie einen Fluß. Der  
Pfad führte am Ufer entlang und in der Ferne schimmerte ein Licht.  
 
Es dauerte noch eine weitere halbe Stunde, bis sie so nahe heran gekommen  
waren, das sie etwas Genaues erkennen konnten. Es waren zwei einzelne  
Häuser: Das Eine war eine alte Farm, mit weitläufigem Gelände und kleinen  
flachen Anbauten, die an Stallungen erinnerten. Das andere Gebäude lag auf  
der anderen Seite des Pfades unmittelbar am Ufer eines Sees. Es hatte das  
Flair einer Versorgungsstation, mit einem kleinen Kramladen und einer  
Gaststätte im Erdgeschoß und darüber liegenden Fremdenzimmern. 
Lange vergessene Erinnerungen kamen zurück, als Nami im dem Licht wandelte,  
das durch die Fenster des Lokals hinaus auf den verschneiten Weg fiel. Sie  
dachte an die Zeit, die sie in Itzu verbracht hatten, wo jeder jeden kannte  
und Fremde sofort auffielen.  
Nami seufzte leise und öffnete die Türe des Lokals.  
Die Gaststätte war beinahe leer und nur an der Theke saßen einige Leute,  
die in ein intensives Gespräch mit einer jungen Frau hinter der Bar  
vertieft waren. 
Als man die neuen Gäste bemerkte, wurden sie sofort zum Ziel neugierig  
musternder Blicke.  
Unberührt vom Tuscheln der Einheimischen legten die sechs Freunde ihre  
Mäntel ab und setzten sich an einem Tisch. 
"Netter Ort. So freundlich." lästerte Love. 
"Na komm." warf Toshi ein. "Ich würde dich gern mal sehen, wenn sechs  
Eskimos in unser Café kommen." 
Nami lächelte über den Vergleich, den Toshi gefunden hatte. Dennoch, er  
hatte Recht. Sie waren hier so fehl am Platze wie Katzen in einem  
Hundezwinger. Doch vielleicht konnten sie die Hunde mit einem Stück Fleisch  
besänftigen. Nami nahm die Speisekarte vom Tisch und sah hinein. Ein  
hinterhältiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nein, Fleisch würde diese  
Hunde nicht beruhigen.  
"Ich werde uns erst einmal etwas zu trinken holen." meinte sie, "Also ich  
werde ein Glas Wein trinken. Und wie steht es mit euch." 
"Ich hätte gerne einen Kaffee." sagte Kawano und blickte zu Love. "Zwei  
Kaffee, einen für mich und einen für Love." ergänzte er als er das leichte  
Kopfnicken seiner Freundin sah.  
"Ein Wein, zwei Café." wiederholte Nami. "Und du Hitomi?" 
"Kaffee für mich, bitte. Toshi?" 
"Ja ich auch." 
"Robert ?" 
"Jap.." 
Nami nickte. "Gut, also: Ein Wein und fünf Kaffee. Wird erledigt." 
Die älteste der drei Schwestern nahm sich viel Zeit die wenigen Meter bis  
zur Theke zurück zu legen, stets beobachtet von den prüfenden Blicken der  
Einheimischen. Sie musterte die junge Frau hinter der Bar, die sich  
anschickte sie zu bedienen: Langes blondes Haar, Hitomis Alter. Ihre Augen  
und ihr Gesicht verrieten deutlich, daß sie europäischer Abstammung war. 
Nami war sicher: Sie hatte diese Frau schon einmal gesehen. Damals hatte  
sie schon mit einer Überraschung aufgewartet und dieses Mal würde es genau  
so sein. 
"What can I do for you?" fragte die Bedienung mit einem Lächeln auf dem  
Gesicht. 
"We would like to order some drinks. Fife coffee black and one white wine,  
please." bestellte Nami ohne viele Worte. 
"Sure." erwiderte die Frau. "I'll bring it right over to your table. One  
moment please."  
"Merci Madame Levin." sagte Nami und verbeugte sich dankbar. Natürlich  
entging ihr nicht das erstaunte Gesicht der jungen Frau. Grinsend kehrte  
sie zu ihren Freunden zurück. 
"Was hast du?" wollte Hitomi wissen, als sie das süffisante Lächeln auf dem  
Gesicht ihrer älteren Schwester bemerkte. 
"Gleich werden wir wissen, ob wir am Ziel sind." gab Nami geheimnisvoll  
zurück und mit Genugtuung beobachtete sie, wie die junge Barfrau eilig zu  
dem Knäuel von Einheimischen zurückkehrte. Aufgeregt tuschelte sie mit  
ihnen, woraufhin dann auch alle das Lokal verließen. Alle, bis auf einem  
älteren Herr, der von seinem Barhocker aufstand und hinter die Theke trat. 
Mißtrauisch blickte er Nami an um dann wortlos in einem Nebenzimmer zu  
verschwinden. Es dauerte nicht lange, bis er mit einer Weinflasche in der  
Hand zurückkehrte. Stumm nahm er das Tablett entgegen, das ihm die junge  
Bedienung reichte und kam herüber.  
Nami musterte den Mann genau, der sich vor ihr aufbaute. Es war ein grosser  
und stattlicher Mann im Rentenalter, der ein kleines Bäuchlein vor sich her  
trug. Sein Haar, einst pechschwarz, war grau und sein Vollbart verdeckte  
die meisten seiner Gesichtszüge, so daß es für außen stehende schwer war zu  
entscheiden, welcher Abstammung er war. Aber trotz seiner imposanten  
Erscheinung waren es seine lustig und lebensfroh funkelnden blauen Augen,  
die ihm das Aussehen eines riesigen Teddybären verliehen,- ein Großvater,  
klug, weise und liebevoll seinen Kindern und Kindeskindern gegenüber. 
Wortlos servierte er den Kaffee bevor er sich schließlich an Nami wandte.  
"Es tut mir leid, daß sie warten mußten, aber wir hatten leider keinen  
Weißwein mehr. Ich hoffe, daß ihnen dieser Wein hier genauso zusagen wird." 
Alle am Tisch, ganz besonders Love, starrten den alten Mann verblüfft an.  
Nur Nami schien es überhaupt nicht zu beunruhigen, daß man hier, in der  
Einöde Kanadas nahezu perfekt japanisch sprach. 
"Nun ich denke ich sollte ihrer Empfehlung folgen." 
"Sie sind sehr gütig." antwortete der Mann und zog einen alten  
geschwungenen Korkenzieher heraus. Vorsichtig, ja beinahe liebevoll drehte  
er die Spirale in den Korken und öffnete die Flasche gekonnt und ohne große  
Anstrengung. Bedächtig goß er etwas von dem Getränk in das Weinglas und  
reichte es an Nami. 
Sie nahm einen kleinen Schluck und verzog sofort das Gesicht. Es war  
Weinessig, den sie verkostete, aber sie wußte sofort, daß es damit seine  
Bewandtnis hatte. Unaufgefordert zeigte ihr der Ober das Etikett der  
Flasche. Es war ein gemalter, nicht gedruckter Aufkleber.- Die Kopie eines  
Flaschenetikettes, das zur Sammlung ihres Vaters gehörte. Dennoch war Etwas  
auf diesem Bild anders. Ein kleiner Fehler den Nami jedoch sofort erkannte:  
"Ich wußte gar nicht, daß du so schlecht in Geschichte warst, Vater."  
meinte Nami halblaut als sie die Flasche zurückgab. "Die Widmung auf dem  
Original lautete auf Himmler, nicht Göring." 
Die Augen des Mannes strahlten als er den Korken zurück in den Flaschenhals  
schob und sich nach hinten zur Theke umdrehte.  
"Was meinst du, Melanie?" fragte er die Dame hinter der Bar.  
"Ich glaube wir können das Quiz beenden, Michael." antwortete sie und trat  
mit einer Flasche richtigen Weins hinter der Bar hervor. 
"Nun gut, ich denke, wir sollten das Versteckspiel beenden." meinte der  
Mann schließlich und setzte das Tablett auf einem der leeren Tische ab.  
Love staunte Bauklötze als Nami mit einem Mal aufstand und dem alten Mann  
um den Hals fiel. 
"Vater! Schön das du noch lebst." 
"Ach Nami." seufzte der alte Mann glücklich. "Lass dich einmal ansehen, du  
bist eine wunderhübsche Frau geworden. Fast so schön wie deine Mutter."  
lobte er und blickte zu Hitomi hin. "Hitomi. Du hast geheiratet, nicht? Ich  
freu mich ja so." sagte er und nahm nun auch Hitomi in den Arm. Doch dann,  
als er die junge Frau sah, die stumm und mit Tränen in den Augen vor ihm  
stand, da war er nicht mehr zu halten. Beinahe abweisend stiess der Mann  
seine ältesten Töchter Nami und Hitomi bei Seite und trat auf Love zu.  
"Love, meine kleine Love." rief er und die junge Frau fiel ihm in die Arme.  
"Vater, oh Vater. Endlich lerne ich dich kennen." schluchzte sie und der  
Mann strich zärtlich über ihr Haar. "Du glaubst ja garnicht, wie viele  
Nächte ich davon geträumt habe meine jüngste Tochter zu sehen und jetzt ist  
es endlich wahr geworden." erwiderte Heintz und auch er konnte die  
Freudentränen nicht mehr zurückhalten, jetzt wo er endlich die Tochter im  
Arm hielt, die er bisher nur aus Erzählungen kannte. 
 
Love konnte es immer noch nicht glauben. Dieser alte Mann, der sich gerade  
zu ihnen an den Tisch setzte war ihr Vater. Der Mann, nach dem sie immer  
gesucht hatte. Der Gral, den zu finden Katzenauge zu ihrem Kreuzzug  
aufgebrochen war. Doch wer war diese Frau an seiner Seite? 
"Loves Geburt, Mutters Krankheit und ihr Tod, Katzenauge, deine Liebe zu  
Toshi und die Hochzeit,Hitomi, Namis Wiedersehen mit Robert. Ja, in euren  
Leben ist schrecklich viel passiert. Aber alles was ich darüber weiss,  
weiss ich nur aus Erzählungen." meinte der alte Mann leise und wies auf die  
junge blonde Dame neben ihm. "Das Meiste hat mir Melanie hier berichtet." 
Hitomi musterte die Fremde. "Sind sie nicht..." 
"Ja, ich bin Lepans Braut, Monique Chatelet oder Melanie Köhler, wie immer  
sie es bevorzugen." stellte sich die Dame vor. "Wie sie ja sicher schon  
erraten haben, waren es meine Mutter und ich, die ihren Vater befreit  
haben." 
"Wir sind ihnen zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet." erwiderte Hitomi  
höflich. "Aber bitte, sagen sie uns, warum haben sie uns geholfen?" 
"Unsere Väter waren sehr gute Freunde. Und ich bin auf der gleichen Mission  
wie sie." erklärte die junge Frau. "Wie Fräulein Love hatte ich selbst nie  
das Glück meinen Vater zu sehen, aber im Gegensatz zu ihnen, weiss ich noch  
nicht einmal, ob er noch lebt, geschweige denn, wo er sich befindet." 
"Das tut mir leid." meinte Nami bedrückt. "Sie haben so viel für uns getan  
und wir stehen tief in ihrer Schuld. Bitte sagen sie es uns, wenn wir ihnen  
helfen können." 
"Das ist sehr nett von Ihnen." gab die junge Frau zurück. "Ich habe ein  
Treffen mit einem Informanten in Japan. Aber das nächste Flugzeug von  
Wrigley geht erst in drei Tagen und mein Kollege Aiko ist bis zu Ihrer  
Rückkehr in ihrem Lokal beschäftigt." 
"Wie?" entfuhr es Hitomi. "Was heisst, er ist in unserem Lokal  
beschäftigt?" 
"Wir durften keinen Verdacht erregen und daher bat ich Aiko Villant und  
Fräulein Asaja das sie an ihrer Stelle das Lokal weiterführen. Als Hitomi  
und Toshi Utzumi." 
"Es ist unglaublich, an was sie alles gedacht haben." erwiderte Nami  
bewundernd. "Es scheint als ob sie alles bis ins kleinste Detail geplant  
hätten." 
"Ja, sie hat sich da ganz an meinen Töchtern orientiert." warf Heintz  
liebevoll dazwischen. "All die Jahre über hat Melanie eure Raubzüge  
beobachtet und euch studiert." 
Die Unterhaltung verstummte. Eine ältere Frau war hereingekommen. Heintz  
winkte ihr zu. "Da bist du ja. Komm ruhig her." sagte er vertraut. "Darf  
ich euch die Frau meines Freundes Frederick Köhler vorstellen?"  
Musternde Blicke lagen auf der Frau als sie sich mit an den Tisch setzte.  
Sie war sicher schon 50, nicht sehr groß, schlank und ihr kurzes schwarzes  
Haar ergraute schon. Ihre Augen, tief in den Höhlen ihres schmalen  
Gesichtes funkelten zufrieden, als sie jeden in der Runde mit einem  
Kopfnicken begrüßte. 
"Es freut mich, das sie hergefunden haben." sagte sie mit warmer  
mütterlicher Stimme.  
"Gab es Probleme, Mutter?"  
"Nein, nein. Alle Spuren sind beseitigt."  
Fragend blickten die Kisugi-Schwestern ihren Vater an. 
"Melanie bestand darauf, daß man euch auf Schritt und Tritt beschattet."  
erklärte Heintz und die junge Dame an seiner Seite lächelte verlegen. "Es  
tut mir leid, aber wir mußten sicher sein, daß man ihnen nicht folgt." 
"Was ist mit dem Wagen?" wandte Love ein. "Nami wollte unbedingt einem  
Stein unsere Ölwanne zeigen." 
Melanie lachte. "Ja, den Wagen müssen wir morgen früh herholen. Es ist  
leider im Moment das Einzige Fahrzeug." 
"Es tut mir leid," entschuldigte sich Nami, "aber ich habe es nicht gesehen  
und..." 
"Das ist nicht schlimm." unterbrach Heintz versöhnlich. "Das ist ein  
kleiner Preis, für das Wiedersehen mit meinen Töchtern." 
Nami küßte ihren Vater auf die Wange. "Danke..." 
 
Es dauerte nicht mehr lange, bis Kawano, Robert und Toshi einer stummen  
Übereinkunft folgend den Tisch verließen und an der Theke Platz nahmen. Sie  
verstanden, daß die drei Schwestern versessen waren ihren Vater allein für  
sich zu haben. Außerdem gab es sicher auch viel zwischen Katzenauge und den  
neu gewonnenen Freunden zu besprechen. Dinge, die nicht unbedingt für die  
Ohren von Fremden wie sie bestimmt waren. Einer monatelangen Gewohnheit  
folgend trat Toshi hinter die Bar und wusch bedächtig ihr benutztes  
Geschirr in der Spüle. 
"Es ist schon komisch, wie sich die Dinge gleichen." 
"Wie meinen sie das?" fragte Kawano. 
"Du." antwortete Toshi vertraut. Kawano blickte ihn fragend an. 
"Na ja" begann Toshi, "Ich meine, wir sollten uns duzen, nachher gewöhnen  
wir uns das Siezen noch an."  
Kawano nickte. "Wie sie - äh - du meinst." sagte er. "Aber bitte, was hast  
du gemeint, als du sagtest, dass sich die Dinge gleichen?" 
"Na, sieh uns drei doch an." grinste Toshi, als er seinen beiden Freunden  
unaufgefordert eine weitere Tasse Kaffee hinstellte. "Zwei Polizisten und  
ein Polizeianwärter verlieben sich in drei hübsche Schwestern, die die  
erfolgreichsten Kriminellen der japanischen Kriminalgeschichte sind und  
finden sich dann irgendwo in Kanada wieder." 
"Eine schlechte Geschichte." lachte Robert und nahm einen grossen Schluck  
aus seiner Tasse. 
Nachdenklich betrachteten die drei Männer eine ganze Zeit lang ihre Frauen,  
wie sie gebannt an den Lippen ihres Vaters hingen. Und ganz besonders Love,  
die sonst immer so sehr darum bemüht war ihre Gefühle nicht zu zeigen, war  
anzusehen, wie sehr sie sich freute.  
"Ich denke das ist heute der glücklichste Tag in ihrem Leben." meinte  
Kawano schliesslich. 
Toshi nickte nachdenklich. "Hast du dir eigentlich schon einmal überlegt,  
was du machen würdest, wenn sie sich entscheiden würde hier zu bleiben." 
Kawano nippte an seiner Tasse. "Egal, was sie macht, ich bleibe bei ihr."  
sagte er bestimmt. Alle drei schwiegen. Immerhin war es nicht nur Love, bei  
der die Gefahr bestand, dass sie alle ihre Zukunftspläne über Bord werfen  
würde... 
 
 
In Japan brach der Nachmittag des nächsten Tages an und das rege Geschäft  
der Mittagspause hatte sich gelegt. Kein einziger Gast war mehr im Café  
Katzenauge, doch so sehr sich Toshis Doppelgänger auch auf ein wenig Ruhe  
und Entspannung freute, so wusste er doch genau, daß es eben diese Zeit der  
Muße war, die Hitomis Doppelgängerin so nachdenklich machte. Seit Asaja am  
Morgen von ihrer Entlassung erfahren hatte, war sie verändert. Aus der  
gelösten und unbeschwerten Frau war mit einem Schlag wieder die  
verschlossene und eiskalte Polizistin geworden. Aber mehr noch hatte sich  
Zynismus in ihr breit gemacht. Mit Spott und Ironie reagierte sie auf alles  
um sie herum,- eine übertriebene Fröhlichkeit, die nur zu deutlich ihre  
wahre Gefühlslage zeigte. Nachdenklich blickte Aiko Villant aus dem  
Fenster. 
Mit einem Mal merkte er auf. "Asaja. Ihr Chef kommt herüber." stellte er  
fest als er den Mann sah, der aus dem Polizeirevier gegenüber kam und im  
Gewühl der Fahrzeuge über die Straße lief. 
"Ich habe ein schlechtes Gefühl. Ich sollte nach hinten gehen." meinte die  
Dame angstvoll. 
"Nichts da." zischte Aiko. "Seien sie ganz ruhig. Ich rede mit ihm." 
Die Ladenglocke läutete und herein kam ein großer leicht untersetzter Mann  
Ende 40 mit leicht angegrautem Haar in einem schlichten aber dennoch gut  
sitzenden Anzug. 
"Hallo Chef, lange nicht mehr gesehen." begrüsste Aiko in der Rolle des Ex- 
Detektives den Gast. 
"Guten Tag Utzumi. Frau Hitomi." antwortete der Mann. "Darf ich mich  
setzten ?" 
Asaja nickte. 
"Sagen sie, haben sie Asaja gesehen?" fragte der Chef und die Frau in  
Hitomis Rolle zuckte zusammen.  
"Ach so, ja, das habe ich vollkommen vergessen." meinte Aiko verlegen. "Sie  
hat mir aufgetragen ihnen zu sagen, daß sie eine Grippe hat und zu Hause im  
Bett liegt." log er. 
Das Gesicht des Chefs begann sich zu röten. "Utzuuumii !" polterte er los.  
"Sie sind ein Voll.." hob er an, doch dann stoppte er mitten im Satz. "Sie  
sind ein gutmütiger Mann. Es tut mir leid, daß ich sie so angefahren habe."  
entschuldigte er sich schließlich. 
Toshis Doppelgänger lachte erleichtert. "Die Macht der Gewohnheit." meinte  
er. "Aber was wollten sie denn von Asaja ?" 
"Ich habe schlechte Nachrichten für sie." sagte der Mann und zog ein  
offiziell und wichtig aussehendes Schreiben aus seiner Tasche. Der Umschlag  
war nicht verklebt und so machte es ihm keine Mühe den Brief  
herauszunehmen. Wortlos aber einer Erklärung gleich legte er das  
auseinandergefaltete Papier auf den Tresen. 
Aiko überflog die Zeilen. "Unehrenhaft? Betrugsversuch?" fragte er den  
Dezernatsleiter und beinahe unmerklich schob er das Papier so hin, daß auch  
Asaja einen Blick darauf werfen konnte. 
"Es ist eine Schande." meinte der Chef nachdenklich. "Zuerst lehnt man ihre  
Versetzung ab, dann will man sie entlassen und jetzt sogar das." 
Asaja hörte die Stimmen ihrer Freunde undeutlich wie durch dichte Nebel.  
Nur die Worte auf dem Papier schienen für sie zu existieren. Ihre Sehkraft  
verließ sie für Sekunden. Sie war wie paralysiert. Das Geschirr in ihrer  
Hand fand nicht mehr den Weg auf die Theke und kippte hinunter. Das  
Geräusch des zerplatzenden Porzellans brachte sie wieder zur Besinnung:  
"Bitte entschuldigen sie mich." sagte sie und verließ das Lokal. 
"Was hat sie denn ?" wollte der Chef wissen. 
Aiko lachte. Es war das selbe komisch verlegene Lachen, das auch Toshi  
immer aufsetzte. "Ach wissen sie, Hitomi ist ein wenig daneben seit sie  
erfahren hat, daß sie schwanger ist." 
Der Chef nickte. "Ich verstehe." sagte er und stand auf. "Die Vorschriften  
besagen, daß der direkte Vorgesetzte von Fräulein Asaja ihr diese Nachricht  
aushändigen muß. Solange sie jedoch verschwunden ist, kann ich nichts  
machen. Ich kann ja nicht ganz Japan nach ihr absuchen." 
Er nickte zum Abschied. "Eines noch Utzumi.- Bitte grüßen sie Asaja von  
mir. Und wenn es etwas gibt, womit ich Ihnen beiden helfen kann, sagen sie  
es mir." 
Aiko grinste. "Das werde ich..." 
 
Nachdenklich zog Aiko die Vorhänge in Loves Zimmer zu und blickte auf die  
Frau, die im Bett vor sich hindämmerte. Nachdem Asajas Chef gegangen war,  
hatte er sie in der Küche gefunden hinter einer undurchdringlichen Wand von  
Zigarettenqualm in Mitten von Sake - Fläschchen. Es hatte sie schwer  
getroffen. Viel schwerer als die Nachricht am Morgen. Sie war nicht nur  
entlassen worden, sie war einem Komplott zum Opfer gefallen.- Ein  
hinterhältiger Plan der Regierung Fehler im Fall Heintz zu vertuschen,  
dadurch das man eine junge Frau zum Sündenbock machte.  
Er hatte ihr seine Gefühle gestanden, doch er war sicher, daß sie ihn schon  
gar nicht mehr gehört hatte.  
"Ach Asaja. Ich liebe sie und ich kann es nicht ertragen sie so zu sehen."  
meinte er leise. "Schon bei Melanie mußte ich lernen, daß jemanden zu  
lieben und geliebt zu werden zwei ganz verschiedene Dinge sind. Aber ich  
hoffe, das ich eines Tages einen Weg zu ihrem Herzen finden werde." Lautlos  
ging er hinaus. "Schlafen sie gut, Fräulein Asaja." 
 
 
Tausende Kilometer weiter ostwärts war Kawano indes eingeschlafen. Eine  
ganze Weile lang hatte er sich im Bett gewälzt. Nicht weil es unbequem  
war,- nein, im Gegenteil, er fühlte sich sehr wohl.- Es war sein Gewissen,  
das ihn plagte.- Immer wieder ertappte er sich dabei zwischen seinen  
Zukunftsplänen und seiner Liebe zu Love abzuwägen.- Was wenn Toshi recht  
hatte und Love wirklich vorhatte bei ihrem Vater zu bleiben? Hätte er  
tatsächlich den Mut und den Willen bedingungslos an ihrer Seite zu stehen?  
Er dachte an seine Eltern und was sie von ihm erwarteten. Er wollte, dass  
sie stolz auf ihn wären. Aber dann wiederum dachte er an die unvergessliche  
Nacht an der Seite seiner Freundin, der Frau, die ihm ihr Herz geschenkt  
hatte. Love erwartete sicher von ihm, dass er sich entscheiden würde bei  
ihr zu bleiben.- Was sollte er tun ? 
Ein leises Geräusch liess ihn aufhorchen. Im Schein des Lichtes, das durch  
die spaltweit geöffnete Tür drang sah er eine Gestalt ins Zimmer huschen. 
Er verhielt sich ganz ruhig und tat, als ob er schliefe. Leise schloss die  
Person die Türe und trat in die Mitte des Raumes. Als sie begann sich  
auszukleiden zeichnete das Mondlicht die Umrisse eines weiblichen Körpers  
und der Parfümgeruch verriet, dass es Love war, die er mit neugierigen  
Augen beobachtete. Beschämt über die Lust, die in ihm aufstieg wand er  
seinen Kopf zur Seite. Einige Minuten später jedoch spürte er, wie  
vorsichtig die Bettdecke zur Seite geschlagen wurde. Die kalte Luft, die an  
seine Haut drang liess ihn frösteln, doch schon im nächsten Moment spürte  
er die Wärme menschlicher Haut und einen Körper, der sich Schutz suchend an  
ihn presste.  
"Ach Kawano, warum nur muss alles so schwierig sein." hörte er schliesslich  
Love murmeln. "Wie sehr habe ich den Moment herbei gesehnt, an dem ich  
Vater kennenlerne. Ich hatte immer gedacht, das es nichts Schöneres gäbe,  
als bei ihm zu sein, aber jetzt, da ich weiss, wie du für mich empfindest,  
da bin ich mir nicht mehr so sicher. Du hast mir etwas geschenkt, dass mir  
kein Vater geben kann. Dennoch, deine Liebe kann nicht die Liebe eines  
Vaters ersetzen." Love seufzte. "Aber so gerne ich auch hier bei ihm  
bleiben würde, wenigstens für einige Zeit, damit wir uns besser  
kennenlernen können, ich kann und will das nicht ohne dich entscheiden.  
Aber welchen Sinn hätte es dich zu fragen. Wenn du genau so empfindest wie  
ich für dich empfinde, dann bist auch du bereit deine Zukunft zu opfern.  
Egal, wie gross deine Zweifel sind." Kawano hörte das leise verlegene  
Lachen seiner Freundin. "Und damit wären wir wieder da, wo wir angefangen  
haben. Ich bin diejenige, die sich entscheiden muss." sagte Love und  
kuschelte sich zärtlich an ihren Freund. Kawano hingegen tat, als wäre er  
gerade erst aufgewacht. 
Zögerlich, wie verschlafen, drehte er sich auf den Rücken und nahm Love in  
den Arm. "Ach du bist es. Wie spät ist es?" 
"Nach eins." säuselte Love leise. "Es tut mir leid, dass ich dich geweckt  
habe." 
"Macht doch nichts. Ich kann mir denken, dass es ein interessanter und  
bewegender Moment ist, wenn man seinen Vater zum ersten Mal trifft." 
Kawano spürte, wie Love nickte. "Ja, das stimmt. Aber es war nicht halb so  
schön und aufregend, wie hier bei dir zu sein." schmeichelte die junge Frau  
und schmiegte sich noch enger an ihren Freund. 
"Ich liebe dich, Love Kisugi." flüsterte Kawano. 
"Dann beweise es mir." erwiderte Love schamlos... 
 
 
Am nächsten Morgen, als Hitomi aufwachte, da war ihr Toshi bereits  
aufgestanden. Draussen wurde es langsam hell, doch das Licht reichte noch  
nicht um den Korridor zu erhellen, der die zehn Zimmer auf dieser Etage  
miteinander verband. Leise schritt Hitomi über den Gang, dessen hölzerner  
Fussboden unter ihren Füssen knarzte. Die Tür zu Namis Zimmer stand einen  
Spalt weit offen und neugierig wie Hitomi war blickte sie hinein. Doch das  
Zimmer war leer. Nur Roberts Schlafanzug und Namis Nachthemd lagen  
zerknittert im durchwühlten Bett. "Ach, sie sind schon auf." murmelte  
Hitomi leise und ging wieder hinaus. Einen kurzen Moment lang blieb sie  
schliesslich noch vor Loves Zimmer stehen und sie konnte nicht umhin daran  
zu denken, wie sehr die Augen ihrer kleinen Schwester am Abend zuvor  
geleuchtet hatten. Und dann erst das Angebot ihres Vaters bei ihm zu  
bleiben. Hitomi hatte sich sehr gewundert, daß Love im Überschwang der  
Gefühle nicht sofort zugesagt hatte. Scheinbar gab es mittlerweile etwas  
Anderes in ihrem Leben, das begann wichtiger zu werden.- Und Hitomi glaubte  
auch genau zu wissen was, oder besser- wer es war. 
Dennoch machte sich die junge Besitzerin des Cafč Katzenauge auch ein wenig  
Sorgen. Natürlich war ihr nicht entgangen, wie sehr Toshi dem Polizeidienst  
nachtrauerte. Allein die Demonstration seines Könnens, seine Ideen die  
ihnen bei der Suche nach Heintz so oft geholfen hatten, zeigten doch nur zu  
deutlich, dass es nicht sein Schicksal sein konnte,- sein durfte - als  
Kellner in einem Kaffeehaus zu arbeiten. Aber wenn Love sich entscheiden  
sollte hier in Kanada zu bleiben, dann wäre es unumgänglich, dass Toshi  
auch weiterhin mit ihr zusammen das Lokal führen würde. 
Auf Namis Hilfe konnte und wollte sie nicht bauen. Ihre grosse Schwester  
hatte es verdient ihr eigenes Leben zu führen. Seit ihre Mutter gestorben  
war hatte Nami sich für das Geschäft aufgeopfert, nur um ihren Schwestern  
ein gutes Leben zu ermöglichen.- Ihr Leben und ihre Zukunftspläne hatte sie  
vernachlässigt, doch nun, wo sie dank Robert noch eine Chance bekam, neu  
anzufangen, da durfte es nicht wieder die Sorge um ihre Schwestern sein,  
die sie hinderte glücklich zu werden. 
Als Hitomi hinunter in die Gaststätte kam, da war an zweien der Tische  
bereits das Gedeck für neun Personen aufgelegt und hinter der Bar wuselten  
Nami und Frau Köhler herum, eifrig damit beschäftigt das Frühstück  
vorzubereiten. 
"Guten Hitomi, aber warum bist du denn schon so früh wach?" flötete Nami  
vergnügt als sie ihre Schwester sah. 
"Ach, ich konnte nicht mehr schlafen. Wo sind denn unsere Männer?" 
"Toshi und Robert sind mit Vater und Herrn Gerard losgefahren um den Wagen  
zu bergen." 
"Gerard?" fragte Hitomi. 
"Ihm gehört die Farm gegenüber." erklärte Frau Köhler. 
Hitomi nickte verständig. "Ach so." 
"Sie mußten früh los, weil wir den Wagen in Ordnung bringen müssen.- Meine  
Tochter braucht ihn, wenn sie übermorgen nach Wrigley fährt." erwiderte  
Frau Köhler, da auch schon Melanie herein kam. "Und wie lief es, Schatz?" 
"Merde!" fluchte die hübsche junge Dame. "Es sind keine Ersatzteile  
aufzutreiben. Frühestens in zwei Wochen." erklärte sie niedergeschlagen und  
nahm eine Tasse vom Tablett. Wortlos ging sie hinüber zur Kaffeemaschine  
und goss sich einen Becher ein. "Ich wünschte Logan wäre noch hier.- Ihm  
wäre sicher etwas eingefallen." 
"Logan?" 
"Der alte Logan war so eine Art Aussteiger. Er war Ingenieur von Beruf.  
Nach dem Tod seiner Frau kam er her. Er war unser Mädchen für alles.  
Techniker, Mechaniker, Werkzeugmacher - Alles eben." 
"Was ist aus ihm geworden ?"  
"Er ist zurück in die Stadt gegangen. Zurück zu seinen Kindern.- Er hat es  
in der Einsamkeit hier nicht mehr ausgehalten." erklärte Melanie und ihre  
Mutter nickte zustimmend. "Ja, das ist das Problem hier. Während der  
Winterzeit ist nichts los. Manche Menschen leben hier ein Leben lang,-  
andere kommen nur im Sommer." 
"Was ist eigentlich mit der Siedlung am gegenüber liegenden Seeufer?"  
wollte Hitomi wissen. "Ist das sowas wie ein Feriendorf?" 
"Ja, während der Sommermonate, wenn der Schnee hier im Flachland taut, dann  
können wir uns vor lauter Touristen kaum retten." meinte Frau Köhler und  
Nami staunte. "Aber was wollen die denn hier?" 
"Leben,- ausspannen vom Alltag." gab die alte Dame zurück. "Im Umkreis von  
Kilometern gibt es hier Seen zum Angeln, schneebedeckte Berge zum Skifahren  
und Wälder zum jagen." 
"Aber wir..." warf Hitomi noch ein, doch Melanie unterbrach sie. 
"Ich weiss, du hast nichts davon gesehen.- Genau so erging es mir, als ich  
das erste Mal herkam. Damals war es auch Winter und ich konnte nicht  
verstehen, was man an solch einer Landschaft finden könnte. Doch dieser  
Teil Kanadas ist wie eine schlafende Schönheit." erklärte sie lächelnd. "Im  
Frühjahr und Sommer lebt das Land, um sich im Winter auszuruhen." 
"Das klingt romantisch." murmelte Nami leise. 
"Sag bloss nicht, dass du hier dein ganzes Leben verbringen würdest!"  
erwiderte Hitomi. 
"Ich bin ein Stadtkind wie du." grinste Nami. "Aber es geht auch nicht um  
das was ich will." fügte sie vielsagend hinzu. 
"Woran denkst du schon wieder Schwester?" hakte Hitomi nach, als sie das  
zufriedene Lächeln sah, das ihre Schwester aufgesetzt hatte. 
"Ich habe an Robert gedacht, und wie gut ihm dieses Klima tut.- Weisst du,  
ich habe gestern Abend eine viertel Tablette von Roberts Medikament  
genommen." erklärte die älteste der Kisugi-Schwestern. "Das mache ich  
immer, wenn ich nicht einschlafen kann. Aber es hat nicht gewirkt." 
"Konnte es auch nicht." warf Melanie hämisch ein. "Ja, die neuen Tabletten,  
die Robert nimmt, sind so wirksam wie ein Stück Zucker." Hitomi blickte sie  
fragend an. Nami jedoch nickte wissend.  
"Warum ?" fragte sie dennoch die junge Frau, die verlegen an ihrem Kaffee  
nippte.  
"Weil er von dem Medikament loskommen muss." erklärte Frau Köhler an Stelle  
ihrer Tochter Melanie. "In meiner Zeit als Krankenschwester habe ich  
hunderte Leute gesehen, die mit diesem Mittel ruhig gestellt wurden. Es  
macht süchtig, wie eine Droge." 
"Aber was ist wenn die Anfälle zurückkehren?" 
"Für den Notfall ist vorgesorgt. Aber so lange er ausgeglichen ist und  
keinen Stress verspürt, wird sich sein Körper erholen. Er braucht viel  
Schlaf, Ruhe und Zuneigung." 
Nami kicherte kokett. "Was den Schlaf betrifft, da haben wir beide letzte  
Nacht nicht sehr viel davon bekommen. Aber dafür um so mehr an Zuneigung." 
Alle mussten grinsen, denn sie wussten, was Nami hatte sagen wollen, doch  
noch bevor irgendjemand eine Bemerkung hätte machen können, hörten sie auch  
schon das Hupen einer Autohupe vor dem Haus. Neugierig liefen die vier  
Damen sofort zur Türe und sahen hinaus. Leider konnten sie nur noch sehen,  
wie Toshi, Robert und ein älterer Mann den defekten Geländewagen in eine  
grosse Scheune schoben. 
Melanie Köhler legte die Stirn in Falten: "Tja, jetzt müssen wir den Wagen  
nur noch wieder flott kriegen..." murmelte sie. 
 
 
                              ******* 
 
 
Nur noch ein Paar Beine schaute unter dem aufgebockten Geländewagen hervor.  
"Das sieht Böse aus." hörte Kawano Love noch sagen, bevor sie von unter dem  
Wagen hervorkam. Etwas mühsam stand sie von ihrem Rollbrett auf und griff  
nach dem Lappen, der auf dem Kotflügel des Wagens lag. Nachdenklich schob  
sie ihre Schutzbrille hoch und wischte ihre Finger ab. 
"Was denkst du ?" wollte Kawano wissen als er den ölverschmierten Overall  
seiner Freundin sah. 
"Abbauen müssen wir die Ölwanne auf jeden Fall." 
"Was brauchst du? Schlüssel ?" 
Love zog die Brille wieder auf und legte sich erneut rücklings auf das  
Brett mit den vier Rollen darunter. "Glaube schon. Am Besten die Knarre."  
sagte sie noch, dann war sie auch bereits wieder unter dem Wagen  
verschwunden. 
 
Als sie schließlich auf der Werkbank lag, da sah sie mehr nach einem Stück  
Schrott aus, als nach einem Autoteil. 
"Ganz schöner Flurschaden." murmelte Love während sie das faustgrosse Loch  
betrachtete, das der spitze Stein in das erstaunlich dünne Blech geschlagen  
hatte. "Aber mit dem Schweissgerät ist das halb so wild. Ausbeulen,  
zuschweissen, fertig." 
Kawano staunte. "Du sagst das so einfach.- Traust du dir das denn auch zu?" 
"Na hör mal! - Denkst du nur Machos wie du könnten mit Werkzeug umgehen?" 
"Schon gut, Schon gut." entgegnete Kawano und hob entschuldigend die Hände.  
"Dann mal los Misses Ford.- Worauf warten wir?" 
 
Die Reparatur des Geländewagens verlief erfolgreich und so stand der  
Abreise von Melanie Köhler nichts mehr im Wege. Aber auch Toshi und Hitomi  
hatten beschlossen so schnell wie möglich zurück nach Japan zu fliegen.  
Hitomi war sicher, daß ihr Vater verstand. Und außerdem war es diesmal kein  
Abschied für immer. Sie würden zurückkehren. Spätestens nach der Geburt  
ihres Kindes. 
Was den Rest der Gruppe betraf, so hatten die sich noch nicht entschieden.  
Und ganz besonders Love wollte sich auch keine Gedanken machen. Zu sehr  
hatte sie diesen Moment herbeigesehnt und davon geträumt Zeit mit ihrem  
Vater zu verbringen. Aber auch wenn sie nicht mit Heintz zusammen war,  
vergingen nicht zuletzt dank Kawano die Stunden wie im Fluge. Doch der  
Morgen der Abreise rückte immer näher und mit ihm der Moment, wo sie sich  
entscheiden mußte... 
 
Es war noch sehr früh, als Melanie Köhler, den Geländewagen aus der Scheune  
holte und vor dem Haus parkte. 
"So, da sind wir." meinte Toshi und stellte eine kleine Reisetasche in den  
Kofferraum. "Sag' mal, was wird eigentlich aus dem Wagen, wenn wir ihn am  
Flughafen zurücklassen?" 
"Der wird repariert und dann nimmt Pater Tobias ihn wieder mit zurück."  
antwortete Melanie Köhler während auch sie ihre Reisetasche verstaute. 
"Pater Tobias?" 
"Er ist der Dorfgeistliche drüben im Feriendorf. Jeden Frühling kommt er  
mit den ersten Feriengästen zusammen her und im Herbst geht er zurück nach  
Quebec zu seiner Familie. Er ist unser Allroundtalent." lachte Melanie. "Er  
ist Bingo-Guru. Er schreibt und malt. Kinderbücher und Kriminalgeschichten.  
Mutter nennt ihn immer den Pater Brown Kanadas. Zu Schade, dass du keine  
Gelegenheit hattest eine Predigt von ihm zu hören.- Don Camillo ist ein  
Chorknabe dagegen." 
Toshi grinste. "Ein Grund mehr wieder herzukommen." meinte er zu sich, doch  
dann fiel sein Blick auf seine Frau, die mit ihrem Vater zusammenstand. 
"Machs gut Vater, und pass auf dich auf." hörte er Hitomi zu dem alten Mann  
sagen, der in der Türe des Gasthofes stand und sichtlich die Wärme genoss,  
die aus dem Wohnhaus hinausströmte. 
"Ich hoffe, du besuchtst deinen alten Herrn nocheinmal." erwiderte Heintz  
mit Tränen in den Augen.  
"Spätestens wenn deine Enkelkinder da sind.- Versprochen." antwortete  
Hitomi und liess sich von ihrem Vater zärtlich in den Arm nehmen. 
Toshi ging hinüber zu den Beiden. "Hitomi, wir sind soweit." flüsterte er  
seiner Frau zu. 
Hitomi nickte und wand sich langsam von ihrem Vater weg zu ihrem Mann hin.  
Toshi konnte die Tränen sehen, die die junge Dame im Moment des Abschiedes  
vergossen hatte und die sie nun heimlich und verlegen wegwischte.  
"Herr Heintz, es war mir eine Ehre sie kennenzulernen." schmeichelte Toshi  
und reichte dem Vater seiner Braut die Hand.  
"Du bist ein guter Mensch, Toshi." lobte der alte Mann und ein glückliches  
Lächeln erhellte seine Gesichtszüge. "Pass gut auf meine Tochter auf, hörst  
du?" 
"Das werde ich." antwortete Toshi. "Ja, das werde ich." 
Wortlos und in Gedanken versunken standen sie noch eine ganze Weile in der  
Kälte des frühen Morgens und liessen die letzten Tage Revue passieren,  
während sie auf Nami und Robert warteten.  
Auch sie hatten beschlossen nach Japan zurückzukehren. 
Unruhig blickte Melanie Köhler immer wieder auf ihre Uhr.  
"Mensch, wo bleiben die denn? Wir sollten schon längst unterwegs sein."  
murmelte sie leise vor sich hin. "Toshi, kannst du noch einmal nachsehen  
gehen, wo die beiden bleiben?" 
Er nickte. Wortlos machte er sich auf den Weg, doch Nami und Robert kamen  
ihm bereits entgegen.  
"Na da seid ihr ja!" entfuhr es Melanie Köhler ungeduldig. "Wir warten  
schon." Sie stutzte. "Habt ihr kein Gepäck?" 
Nami schüttelte den Kopf. "Nein." sagte sie leise einer Entschuldigung  
gleich. "Nein, wir haben uns entschlossen hier zu bleiben." 
Hitomi lächelte verständig. "Wenn du sicher bist, daß es das Richtige ist,  
was du tust, dann stehe ich hinter dir." 
"Danke Schwester." 
 
"Paßt auf euch auf." Die Stimme drang ganz leise durch das Fenster, doch  
Love saß sofort senkrecht im Bett. Kawano neben ihr blickte sie verschlafen  
an. "Sie fahren!" herrschte sie ihm zu und sprang hektisch aus dem Bett. So  
schnell hatte sie sich noch nie angezogen... "Kawano beeil dich!!!" 
 
Der Geländewagen rollte langsam den Pfad entlang. Vom Rücksitz aus  
beobachtete Hitomi, wie ihr Vater Michael Heintz und Frau Köhler in der  
Kälte standen und ihnen hinterher blickten. Erst als sie zurück in das Haus  
gingen, drehte auch sie sich um und blickte nach vorn, dem Sonnenaufgang  
entgegen. 
"So, das war es dann also." meinte sie nachdenklich zu ihrem Mann.  
Der junge Mann auf dem Beifahrersitz drehte sich um. Er sah die Tränen in  
den Augen seiner Frau. "Na ja, wenn alles gut geht, dann werden wir in  
einem Jahr oder so wieder hier sein." meinte er tröstend.  
"Was haltet ihr denn davon, euer Kind hier taufen zu lassen?" warf Melanie  
ein.  
"Ja, das wäre eine gute Idee." erwiderte Hitomi und wischte die Tränen aus  
ihren Augen. Doch in dem Moment, da sie kurz ihren Kopf senkte, da merkte  
Toshi auf. Schemenhaft sah er zwei Personen, die aus dem Anwesen stürmten,  
das mittlerweile schon ein ganzes Stück zurück lag. 
"Halt mal an." meinte Toshi zu Melanie. "Da will noch einer mit." stellte  
er fest und zeigte nach hinten auf die zwei jungen Leute, die wild mit den  
Armen wedelnd hinter dem Wagen herliefen. 
Vorsichtig stoppte die junge blondhaarige Diebin den Wagen an und setzte  
langsam auf der schmalen Strasse zurück, bis sie die Nachzügler erreicht  
hatte. 
"Love, Kawano, was macht ihr denn hier ?" entfuhr es Hitomi, als sie die  
beiden Personen erkannte, die ein wenig schnaufend zu ihr auf die  
Rücksitzbank kletterten. 
"Na, denkt ihr denn wir würden euch alleine fahren lassen." gab Love  
zurück, während ihr Freund Kawano vom Sitz aus eine Sporttasche in den  
Kofferraum warf. "Immerhin müssen wir doch sehen, ob unsere Flickschusterei  
auch hält." fügte Love schliesslich gewohnt frech hinzu. Doch die Gefühle,  
die sie zu verdecken suchte, waren nur zu offensichtlich, jetzt da sie  
verstohlen aus dem Fenster blickte, damit nur keiner ihre Tränen sah. 
"Was ist mit Vater?" fragte Hitomi und reichte ihrer Schwester ein sauberes  
Taschentuch. 
"Ich habe ihm einen Brief geschrieben.- Er wird es verstehen." antwortete  
Love. "Jetzt muss ich mich erst einmal um meine Zukunft und die Zukunft  
meines Freundes kümmern." 
"Und spätestens wenn Love und ich heiraten, dann werden wir wieder  
herkommen müssen." fügte Kawano zu guter Letzt noch hinzu und nahm seine  
Love vorsichtig in den Arm. 
 
 
Aber nicht nur für Love und Hitomi ging das Abenteuer langsam dem Ende zu.  
Auch Fräulein Asaja und Aiko waren zufrieden, als sie hörten, dass sie ihr  
Maskenspiel bald beenden konnten. Und so wurde dann auch der Abend, an dem  
Aiko in seiner Rolle als Toshi das Lokal zum letzten Mal verschloss und das  
Licht löschte zu einer Art Fest der Erleichterung. Seine Cousine, Miuki  
Iahara, war vor einigen Minuten hereingekommen und sass nun zusammen mit  
Asaja im spärlichen Licht der Barbeleuchtung. Etwas nachdenklich trat Aiko  
hinter die Bar, die ihm nach dieser Woche fast altbekannt vorkam.  
Routiniert schenkte er Miuki und Asaja einen Kaffee ein.  
"Langsam, aber auch nur langsam beginne ich diesen Job zu hassen." murmelte  
er leise. "Ich kann Utzumi verstehen, wenn ihn das hier langweilt." 
"Aber immerhin ist es eine halbwegs sichere Einnahmequelle." gab Asaja  
zurück, während sie die Einnahmen des Tages zählte. "In den letzten Tagen  
haben wir fast immer den gleichen Schnitt gemacht."  
Aiko gähnte und streckte sich. "Macht was ihr wollt, ich gehe jetzt erst  
einmal ein Bad nehmen." meinte er und raufte sein Haar. "Wird Zeit, dass  
ich morgens wieder meine richtige Haarfarbe im Spiegel sehen kann." 
"Grünviolett ?" witzelte Asaja und grinste Aiko frech an. 
"Sie werden mir langsam etwas zu vorlaut, gnädiges Fräulein." lachte Toshis  
Doppelgänger und verschwand im dunklen Korridor, der in das Hinterhaus  
führte. 
"Ich muss sie wirklich loben." sagte die junge Verkehrspolizistin Miuki  
Iahara schliesslich, als ihr Cousin bereits seit einer Weile gegangen war. 
"Und wofür?" 
"Nun, wenn man mich derart verladen hätte, ich glaube, ich wäre wie Rambo  
ins Revier gezogen und hätte alle umgelegt." 
Asaja musste lachen, bei dem Gedanken als Rachegöttin gegen ihren Chef zu  
ziehen, doch dann senkte sie nachdenklich den Kopf. "Nun ja, ehrlich  
gesagt, habe ich sogar daran gedacht. Und dann habe ich mich zum ersten Mal  
richtig sinnlos betrunken." 
"Aiko hat sie wieder auf die Beine gebracht, oder ?" 
"Ja, er war mir ein sehr guter Freund, wirklich." 
Miuki nickte. "Wissen sie. Aiko hat sie sehr gern." Langsam stand die  
Polizistin in der Uniform und dem viel zu kurzen Rock auf. "Ich gehe jetzt  
wohl besser." sagte sie leise als sie hinter die Bar trat und ohne Zögern  
an Asaja vorbei auf den Korridor zuging. Mit schlafwandlerischer Sicherheit  
fand sie zur Hintertüre. "Kennen sie die Geschichte von Lady Oscar? Sie hat  
es damals versaut." sagte sie noch als sie bereits die Türe zum Hinterhof  
geöffnet hatte. "Sie können es besser machen." 
Asaja stand noch eine ganze Weile in der dusteren Diele und dachte nach.  
"Wenn mir von Anfang an klar gewesen wäre, was ich für dich empfinde, wäre  
alles anders gekommen." murmelte sie mit einem Mal und aufgeregt lief sie  
die Treppen zur ersten Etage hinauf. 
 
Asaja erwachte am nächsten Morgen dort, wo sie auch in den letzten Tagen  
immer erwacht war.- Im Bett, in Loves Zimmer.- Doch nun, da die Erinnerung  
an den letzten Abend zurück kam, da wußte sie, daß sich etwas Großes in  
ihrem Leben ereignet hatte. 
Schlaftrunken öffnete sie ihre Augen und blickte im Zimmer umher. Das helle  
Tageslicht drang durch die zugezogenen Vorhänge und sie erschrak. Hektisch  
suchte sie nach der Weckuhr, die vom Nachttisch hinunter gefallen zu sein  
schien. "WAS? NACH ZEHN?!!!" entfuhr es ihr, als sie den Wecker von unter  
dem Bett hervorkramte. "Warum zum Teufel hat Aiko mich nicht aufgeweckt? -  
Was ist mit dem Lokal?"  
Fragen über Fragen schossen durch ihren Kopf, als sich die junge Frau in  
Windeseile anzog und hinunter ins Lokal rannte. 
Doch schon als sie vom Korridor in das leere Lokal blickte, fiel ihr das  
Geschlossen-Schild an der Türe auf. 
"Guten Morgen Mitzuku." sagte eine leise und warme Stimme hinter ihr und  
sie spürte, wie sich zwei Hände vertraut und zärtlich um ihre Taille  
legten. 
"Was ist hier los, Aiko. Warum hast du das Lokal noch nicht geöffnet?"  
wollte Asaja wissen und etwas rüde und unverständig fuhr sie herum. Doch  
dann sah sie sie,- die beiden Reisetaschen, die ihr Freund mit  
hinuntergebracht hatte und die jetzt im Gang standen. "Willst du schon  
gehen.- Ich dachte wir wollten noch zusammen deine Schwester am Flughafen  
abholen." 
"Das werden wir ja auch." meinte Aiko und küsste Asaja zärtlich auf den  
Mund, die ihrerseits auch ohne Zögern den Kuss erwiderte. "Aber wir werden  
nicht wieder mit hierher zurückkehren." 
"Wie meinst du das ?" stutzte Asaja. "Und was heisst hier WIR?" 
Aiko lachte und griff in seine Jackettasche. Hämisch grinsend zog er zwei  
Flugtickets heraus und wedelte damit vor Asajas Augen. 
"Zürich ? Die Schweiz?"  
"Ja.- Inclusive Gratis-Abstecher zur Augenklinik nach Bern." 
"Aber..." 
"Wenn du nicht willst, dann zwinge ich dich.- Mitzuku, ich liebe dich. Und  
selbst wenn nur die kleinste Chance besteht, das du geheilt werden kannst  
oder das deine Krankheit zumindest gestoppt werden kann, dann bin ich  
bereit alles zu versuchen.- Bitte - spiel nicht mit deiner Gesundheit."  
flehte Aiko und den Tränen nahe wandte er den Kopf ab. "Ich hätte nie  
gedacht, das es so schnell gehen könnte, aber du bist für mich der  
wichtigste Mensch geworden." 
"Können wir denn das Lokal so einfach schliessen?" warf Asaja ein, da sie  
sah, wie ein weiterer Gast an der Türe kehrt machte, da er das Schild las. 
"Toshi und Hitomi können ja unser Gehalt kürzen." erwiderte Aiko und mit  
einem Mal schmunzelte auch die Polizistin in seinen Armen wieder.  
"Ja, oder sie entlassen uns,- welch ein Pech." lachte Asaja. "Na gut, dann  
lass mir noch etwas Zeit zum Packen.." 
 
                         ******* 
 
Die Verabschiedung der Flugbegleiterin drang noch laut und krächzend durch  
die Kabine des Flugzeuges als die ersten Passagiere bereits aufstanden. 
"Bansai.." rief Toshi halblaut hinter vorgehaltener Hand, während er mit  
seinen Freunden gelassen den - einer Panik gleichen - Ansturm auf die  
Ausgänge beobachtete. Hitomi musste laut lachen aber auch Melanie Köhler  
konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.  
"Was meint ihr, wird uns jemand abholen?" wollte Love wissen. 
"Aiko hat versprochen zu kommen." gab die blondhaarige Diebin zurück und  
holte ihr Handgepäck aus dem Stauraum über der Sitzreihe. 
Die fünf Freunde stiegen beinahe als Letzte der unzähligen Passagiere aus  
der Maschine. Nachdenklich schritten sie den Flugsteig hinunter und reihten  
sich an den Schaltern der Zollkontrolle ein. Es war eine lange Schlange, in  
der sie standen und so hatten sie genügend Zeit den Blick schweifen zu  
lassen. Love und Kawano waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die  
beiden Personen zu sehen, die dezent im Hintergrund der Ankunftshalle  
standen. 
"Es sieht aus, als wärest du schon da!" meinte Hitomi zu ihrem Mann und  
stubste ihn an. Wortlos folgten Toshis Augen den Blicken seiner Frau. 
"Du hast recht, der Mann da neben Asaja sieht mir tatsächlich zum  
Verwechseln ähnlich." stellte er staunend fest. 
"Das ist Aiko, der Sohn meiner Pflegefamilie." erklärte Melanie Köhler und  
sie war sichtlich zufrieden die Verwunderung in Toshis Gesicht zu sehen. 
"Vielleicht hat dein Vater dir ja etwas verheimlicht, mein kleiner Ex- 
Polizist." witzelte Hitomi noch, da sie aber auch schon an der Reihe waren. 
"Haben sie etwas zu verzollen?" fragte der Zollbeamte. 
Wortloses Kopfschütteln machte sich breit. Dennoch wollte sich der Zöllner  
davon nicht überzeugen lassen. Neugierig beäugte er die Sporttasche mit  
Kawanos Namenszug darauf, die Toshi in den Händen trug.  
"Könnte ich da wohl einmal hineinsehen?" forderte der Beamte höflich aber  
bestimmt und sein Kollege griff bereits nach der Tasche, da Toshi eiskalten  
Blickes in seine Gesässtasche griff und seine Brieftasche herauszog. Mit  
einem geübten Handgriff und ohne hinzusehen klappte er das kunstlederne  
Etui auf und hielt es dem staunenden Zöllner hin.  
"Ich glaube, das ist nicht nötig. Wie sie sehen bin ich Detektiv beim  
Iunari-Revier hier in Tokio." erwiderte er schliesslich gelassen aber  
dennoch entschieden. Ein Nicken des misstrauischen Zöllners und eine  
flüchtige Handbewegung seines Kollegen deuteten den fünf Freunden  
weiterzugehen und obwohl man es ihm nicht ansah, fielen Toshi tonnenschwere  
Steine vom Herzen. 
"Danke Love." murmelte er leise seiner Schwägerin zu als sie nun auch noch  
die letzten Kontrollen passierten. Love nickte zufrieden. "Das ist eben der  
Vorteil, wenn man in eine Familie wie uns einheiratet." gab sie frech  
zurück. Es freute sie, dass sie das Richtige getan hatte, als sie damals  
gegen Toshis Willen seinen Polizeiausweis und die Marke kopiert hatte, noch  
bevor er den Dienst quittierte. Hitomi ergriff den Arm ihres Mannes und  
blieb mit ihm etwas hinter ihren drei Freunden zurück, während die sich  
durch die Menschenmassen in der Ankunftshalle hindurch zu Asaja und Aiko  
Villant kämpften. "Warum hast du das getan?" herrschte sie ihn an. "Was ist  
denn da in der Tasche?" 
"Ein Geschenk deines Vaters an Love. Es ist ein Porträt von ihm und deiner  
Schwester." erklärte Toshi leise. Hitomi nickte verständig... 
"Na, Schwesterchen, habt ihr einen guten Flug gehabt. Ihr seid spät dran."  
begrüsste Aiko Villant seine Ziehschwester und deren Freunde. 
"Ja, der Abflug hat sich ein wenig verschoben." erwiderte sie. Toshi  
hingegen musterte den jungen Mann der ihm nun die Hand reichte von Neuem.  
Selbst auf diese kurze Distanz kam es ihm beinahe immer noch so vor, als  
würde er in den Spiegel sehen.  
"Was sehen sie mich denn so merkwürdig an, Herr Utzumi?" fragte der junge  
Mann als er die prüfendne Blicke des Ex-Detektives bemerkte. 
"Ach, es ist nichts." gab Toshi zurück und grinste verlegen. "Ich habe nur  
gedacht, was für ein schicker Kerl ich doch bin." 
"Ja, durchaus." lachte Aiko. 
"Na gut, da wir das geklärt haben, können wir ja gehen." drängelte Love,  
die es immer mehr zum Ausgang hinzog. 
"Ja, du hast recht. Es war ein langer Flug. Ich würde mich auch gerne  
hinlegen." stimmte Melanie Köhler zu und hielt ihrem Bruder die Reisetasche  
hin, damit er sie trage. Aiko nahm die Tasche entgegen, doch dann setzte er  
sie auf dem Boden ab.  
"Tut mir leid. Aber wir können nicht mit euch kommen. Unser Flugzeug geht  
in einer viertel Stunde." 
Hitomi und die anderen staunten, doch weniger wegen der Antwort als mehr  
wegen der Art und Weise, wie Aiko zärtlich die Hand von Asaja ergriff, die  
die ganze Zeit nicht von seiner Seite gewichen war. 
Melanie nickte. "Ich verstehe, du hast dich also entschieden  
zurückzukehren." 
"Ja, wir haben uns entschieden." antwortete Aiko geheimnisvoll. "Aber nicht  
so, wie du vielleicht denkst. Irgendwann werde ich sicher in die Schweiz  
zurückkehren. Aber erst dann, wenn du deinen Vater gefunden hast.- Das habe  
ich versprochen und dazu stehe ich."  
Melanie nickte verständig. "Dann ist scheinbar viel passiert während wir  
weg waren." sagte sie bedächtig und hob ihre Tasche wieder auf. "Warum  
setzen wir uns nicht dort drüben hin und reden." schlug sie vor und noch  
bevor irgendjemand hätte etwas einwenden können, war sie auch schon an den  
Tisch eines kleinen Stehimbisses getreten. Die Anderen folgten ihr, nur  
Asaja blieb zurück und hielt Toshi wortlos am Arm fest. 
"Haben sie etwas, Mitzuku?" fragte er mir sorgenvollem Blick. Asaja senkte  
bedächtig den Kopf und nickte dann nachdenklich.  
"Kann ich ihnen vertrauen, Toshi?" fragte sie schliesslich und blickte  
Utzumi angstvoll an. 
"Sicher. Worum geht es denn?" 
Wortlos legte die junge Frau einen Zettel in die Hand des Ex-Detektives. 
"Oh mein Gott. Das tut mir leid." entfuhr es Toshi als er den Brief  
überflog. "Gibt es da nichts was man tun kann?- Haben sie schon mit dem  
Chef gesprochen?" 
Asaja schüttelte den Kopf, während sie das Papier zurücknahm. "Es kommt  
noch schlimmer." sagte sie nach einer Weile leise. "Man hat mich wegen  
meiner Vergangenheit beim Geheimdienst..." Sie hielt inne und schluckte.  
Langsam nahm sie ihre Brille ab und man konnte sehen, wie schwer es ihr  
immer noch fiel zu akzeptieren, was passiert war. "Man hat mich.." hob sie  
nochmals an, da Toshi sie jedoch unterbrach. 
"Sagen sie nichts." meinte er und griff die zitternden Hände mit denen  
Asaja ein Tuch herausfingerte und begann die dunklen Gläser ihrer Brille zu  
putzen. "Unehrenhafte Entlassung und Strafverfahren.- Genau so war es auch  
bei meinem Vater." 
Asaja nickte. "Dann wissen sie ja, was auf mich zukommt. Der Chef versucht  
zwar mir zu helfen, aber ich denke, das seine Mühe vergebens sein wird." 
"Nun warten sie erst einmal ab. Fahren sie mit ihrem Freund in den Urlaub.  
So lange sie nicht in Japan sind, muss das Verfahren und die Entlassung  
ruhen." 
"Ach, wenn das mal nur so einfach wäre." seufzte Asaja. "Eigentlich ist es  
gar kein Urlaub. Ich musste Aiko versprechen mich in der Schweiz  
untersuchen zu lassen." 
"Dann wollen sie ihre Augen also operieren lassen?" 
Asaja stutzte und blickte ihren Gegenüber verwundert an.  
"Was? Haben sie gedacht, ich hätte es nicht bemerkt?" erwiderte Toshi.  
Asaja lachte. "Kann man eigentlich nichts vor ihnen verheimlichen?" 
"Nein, auch nicht daß sie einen Freund haben." lästerte Toshi und deutete  
hinüber zu Aiko, der immer noch mit Melanie und den Anderen zusammenstand.  
Unterinspektor Asaja schaute verlegen, doch Toshi lachte hämisch. "Ich  
wünsche ihnen alles Gute." sagte er und nahm Asaja bei der Hand. "Und jetzt  
lassen sie uns hinüber gehen.- Verabschieden sie sich von ihren Freunden." 
Asaja nickte. "Ja, das werde ich." sagte sie leise... 
 
 
Die Frühlingssonne schien in die Fenster des Café Katzenauge und Melanie  
spürte wie die Sonnenstrahlen ihre Haut erwärmten.  
"Und was hast du jetzt vor?" wollte Hitomi von der Frau wissen, die ihr  
gegenüber saß. 
"Nun, ich habe heute abend noch einen wichtigen Termin." begann die blonde  
Diebin Melanie Köhler und ließ nachdenklich die Eiswürfel in ihrem  
halbvollen Glas Limonade kreisen. "Ich werde mich mit einem Detektiv  
treffen, der in Südamerika Informationen eingeholt hat." 
"Können wir ihnen dabei helfen ?" wollte Toshi wissen, doch Melanie  
schüttelte den Kopf.  
"Nein, das Treffen ist für meinen Informanten viel gefährlicher als für  
mich. Ich hoffe nur das er etwas herausgefunden hat." 
"Sie wissen, sie können auf uns zählen." warf Toshi ein. 
"Das weiß ich zu schätzen." gab Melanie Köhler zurück und stand auf. "Ich  
werde jetzt gehen. Ich will mich noch ein wenig ausruhen." 
"Schauen sie morgen bei uns im Lokal vorbei?" fragte Toshi, als er die Dame  
zur Ladentüre geleitete und aufschloss. 
"Kann ich noch nicht sagen. - Aber wenn es etwas Neues gibt, werden sie es  
erfahren.- Also dann, auf Wiedersehen, Toshi. - Hitomi, mach's gut." 
"Ja, tschüss Melanie." rief Hitomi quer durch das Lokal, während sie  
bereits das benutzte Geschirr abräumte. "Und viel Glück." 
"Danke, das werde ich brauchen." gab die blonde Frau zurück, doch dann war  
sie auch schon auf den Gehweg hinausgetreten und in der Menge der Passanten  
verschwunden. 
Toshi blieb noch eine ganze Weile in der Türe stehen und blickte hinüber  
zum Polizeirevier. 
"Starrst du Löcher in die Luft?" wollte Hitomi wissen, doch ihr Mann  
reagierte nicht. Dann jedoch mit einem Mal fuhr er herum. 
"Brauchst du mich im Moment ?" fragte er seine Frau hinter der Theke. 
"Nein, wieso? Was hast du denn vor." antwortete sie. 
"Ach nichts." gab Toshi zurück und trat hinaus auf die Strasse. 
 
                        ******* 
 
Die zärtliche Berührung zweier Lippen ließ Love aufwachen. Beinahe drei  
ganze Monate waren inzwischen ins Land gegangen seit sie Kanada verlassen  
hatten. Eine Zeit der Umwandlung,- der Veränderung.- Kawano hatte seinen  
Dienst im Polizeirevier begonnen und war inzwischen zur Grundausbildung  
nach Fukuoka geschickt worden. Love hatte ihre Arbeit im Café an der Seite  
ihrer Schwester Hitomi aufgenommen. Ihr Schwager Toshi arbeitete zwar auch  
noch im Geschäft, doch immer öfter verschwand er für Stunden, ohne auch nur  
ein Wort über sein Tun verlauten zu lassen.- Es schien, als ob noch nicht  
einmal seine Frau Hitomi ahnte, was er im Schilde führte. Nami und Robert  
waren immer noch in Kanada und aus all den Briefen, die sie geschrieben  
hatten, konnte man schließen, daß sie auch noch länger dort bleiben  
würden.- Vielleicht sogar für immer. Was Asaja betraf, sie hatte sich  
inzwischen mit Aiko verlobt. In der Augenklinik von Bern hatte man ihr zu  
einer schnellen Operation geraten.- Heute würde sie heimkehren.  
"Love, komm aufstehen du Schlafmütze." flüsterte eine warme und weiche  
Stimme immer und immer wieder in Loves Ohr. Die junge Dame schlug die Augen  
auf. Es war stockduster in ihrem Zimmer. Kein Mondlicht, das den Raum  
erhellte und der fahle Schein der Strassenbeleuchtung reichte nicht um die  
Person zu erkennen, die sich über sie beugte. "Willst du dein ganzes Leben  
verschlafen?" fragte die Stimme und lachte. Es war ein herzliches,  
ausgelassenes Lachen. Ein Lachen, das sie schon seit Wochen nicht mehr  
gehört hatte. Ein Lachen, das sie so sehr vermißte.  
"Kawano, was machst du denn hier?" entfuhr es Love und sie war so froh  
ihren Freund zu sehen das sie ihn sofort umarmte. So innig und heftig, dass  
der junge Mann das Gleichgewicht verlor und zu ihr aufs Bett fiel. 
Kawano holte tief Luft als er sich streckte und Love in den Arm nahm. "Ich  
habe an den Wochenenden Sonderschichten geschoben und die freien Tage  
aufgespart." erklärte er.  
"Und wann mußt du zurück?" wollte Love wissen und kuschelte sich enger an  
ihren Freund.  
"Nie mehr.- Hoffe ich." erwiderte Kawano. "Am Montag beginnt die praktische  
Ausbildung im Revier. 
Love seufzte vor Glück und küßte zärtlich ihren Freund.  
"Na, na, na. Soll das ein Bestechungsversuch sein?- Wenn ja, dann müßte ich  
dich verhaften." scherzte Kawano. 
"Ich bitte darum." lachte Love.. 
 
Ein energisches Klopfen ließ das Liebespaar Stunden später aufwachen.  
"Love, aufstehen." hörten sie Hitomi durch die geschlossene Zimmertüre  
rufen. 
Erschrocken blickten sich die beiden Jugendlichen an. "Schnell, in den  
Schrank." zischte Love ihrem Freund zu. Kawano nickte und sprang aus dem  
Bett. Hektisch sammelte er seine Kleidung vom Boden auf und zwängte sich in  
dem großen zweitürigen Kleiderschrank. "Love, komm schon es ist nach  
sieben." drang Hitomis Stimme von neuem unbarmherzig durch die Türe.  
"Moment, komm nicht rein, ich bin noch nicht angezogen." log Love und sie  
war vollauf damit beschäftigt, das Oberteil ihres Schlafanzuges zu  
zuknöpfen und die Spuren der letzten Nacht zu verdecken.  
"Das kann ich mir schon denken." murmelte Hitomi vor sich hin und lachte.  
Natürlich hatte sie das Gepolter im Zimmer ihrer Schwester bemerkt und auch  
das Zuschlagen der Kleiderschranktüre war ihr nicht entgangen. Und es war  
auch nicht schwer zu erraten, wen ihre Schwester versuchte zu verstecken.  
Schließlich waren sie und ihr Mann letzte Nacht aufgewacht, als Kawano mit  
seiner großen Reisetasche den Korridor entlang gepoltert war. "So, jetzt  
solltest du aber fertig sein." meinte Hitomi zu sich und öffnete die Türe.  
Love stand noch vor dem Spiegel und kleidete sich an, als ihre ältere  
Schwester hereinkam. Hitomi bemerkte sofort die Umrisse von Kawanos  
Reisetasche neben dem Schreibtisch, die sich durch die scheinbar achtlos  
darüber geworfene Steppdecke drückten. 
"Guten Morgen Love." sagte Hitomi und baute sich so hinter ihrer Schwester  
auf, daß sie einander im Spiegel sehen konnten. "Herzlichen Glückwunsch zum  
Geburtstag, Kleines." fügte sie schließlich mit einem Lächeln hinzu.  
"Danke, Schwesterlein." gab Love nur scheinbar gelassen zurück. Doch das  
Spiegelbild verriet Hitomi die Anspannung, die im Gesicht ihrer Schwester  
geschrieben stand. "Komm jetzt Love, Toshi wartet schon auf uns." meinte  
Hitomi schließlich unbewegt, doch allein die Tatsache, daß sie sich  
umdrehte ließ Love nicht das süffisante Grinsen auf dem Gesicht ihrer  
älteren Schwester sehen. Die jüngste der drei Kisugi-Schwestern atmete  
erleichtert auf, da sie im Spiegel beobachten konnte wie ihre Schwester zur  
Türe strebte. Dann jedoch durchfuhr es sie wie ein Blitz als sie sah, daß  
Hitomi plötzlich kehrt machte und zielstrebig auf den Kleiderschrank  
zusteuerte. 
Beherzt klopfte Hitomi an die Doppeltüre des Schrankes. "Ach übrigends.  
Wenn du dich beeilst kannst du auch mit uns Frühstücken, Kawano." sagte sie  
schließlich zu der Holztüre, hinter der sich der junge Mann versteckte.  
"Und wenn du schon mit einem Nachschlüssel hereinkommst und nachts durchs  
Haus schleichst, dann mach nicht solch einen Lärm. Oder du musst damit  
vorlieb nehmen, dass Toshi dich mit dem Baseballschäger prügelt." Mit einer  
schnellen Handbewegung griff sie zu dem Schlüssel an der Schranktüre und  
drehte ihn herum. Erst als die Riegel bereits gegriffen hatten wurde Kawano  
klar, dass er in der Falle sass. Doch so sehr er auch an der Türe rüttelte,  
sie ging nicht auf. Hitomi stimmte in diebisches Lachen ein, so laut, dass  
es auch noch im Schrank zu hören war. Love blickte ihre Schwester angstvoll  
und aus grossen Augen an. Hitomis Lachen verstummte und beruhigend  
schüttelte sie den Kopf. Sie wollte den Freund ihrer kleinen Schwester  
nicht bestrafen, aber im Moment fand sie, dass es Zeit war, dass bis über  
beide Ohren verliebte Paar ein wenig zurechtzuweisen.  
"Es tut mir leid." murmelte Love entschuldigend und senkte verschämt den  
Kopf. "Aber ich ..." 
"Du musst dich nicht entschuldigen." unterbrach Hitomi und griff die  
eiskalten und angstvoll zitternden Hände ihrer kleinen Schwester. Behutsam  
legte sie den Schrankschlüssel hinein. "Du bist alt genug um zu wissen, was  
du tust. Aber bitte sei vorsichtig..." 
"Ich hatte doch nur.." hob Love an. 
"Das musst du mir nicht erzählen.- Aber vielleicht verstehst du jetzt, was  
Toshi und ich durchgemacht haben. Du warst nur Wochen von Kawano getrennt.  
Bei Toshi und mir waren es fünf Jahre." 
Love nickte betroffen. "Ich glaube ich verstehe." sagte sie leise. 
"Das ist schön." erwiderte Hitomi. "Und eines sollst du wissen. Was auch  
immer geschieht,- egal was für Probleme ihr habt,- Toshi und ich wir sind  
für euch da.- Vergiss das nie." fügte sie noch hinzu und ging hinaus.  
Nachdenklich ging Love hinüber zum Schrank und liess ihren Freund frei. 
 
Als Hitomi ins Lokal kam, lachte sie immer noch bei dem Gedanken an Kawano  
und Love. 
"Und was machen Romeo und Julia?" wollte Toshi wissen, als Hitomi zu ihm  
hinter die Bar trat. 
"Sie spielen wilde Spiele im Kleiderschrank." lästerte Hitomi und blickte  
verführerisch zu ihrem Mann hinüber. Toshi grinste gewohnt verlegen als er  
hinter seine Frau trat und seine Arme um ihre Hüften legte. "Vielleicht  
sollten wir ihnen eine kleine Demonstration geben." flüsterte er lustvoll  
und drehte Hitomi herum. "Ich denke, sie kommen auch ganz gut alleine  
klar." hauchte Hitomi mit einem Kuss. 
Das Klingeln der Türglocke unterbrach das junge Ehepaar. "Irgendwann reiße  
ich dieses Teil noch mal von der Wand." fluchte Toshi während er seine  
Lippen von denen seiner Frau löste. Wieder dröhnte die Klingel durch das  
Haus. "Ja, ja ich komme schon." schrie der Ex-Detektiv und eilte zur  
Hintertüre. Als er aufschloß fand er einen Postboten vor, der ihm zwei  
Umschläge hinhielt. "Herr Utzumi ?" fragte er. Toshi nickte. "Eine  
Eilzustellung und ein Einschreiben für sie, Herr Utzumi. Bitte  
unterschreiben sie hier." erwiderte der Mann und hielt einen Quittungsblock  
samt Schreiber hin. Toshi kritzelte seinen Namenszug darauf und nahm die  
Post entgegen. Der Postbote nickte höflich und stieg wieder in seinen  
Dienstwagen, der in der Auffahrt parkte. Nachdenklich schloß Toshi die  
Türe. Der große Umschlag war von Nami, das sagte schon der Absender. Sicher  
war es Post für das Geburtstagskind Love. Viel mehr interessierte ihn der  
kleine graue Umschlag, dessen Erhalt er hatte quittieren müssen.  
"Wer war es denn." fragte Hitomi als sie die Schritte ihres Mannes hörte,  
der zurück ins Lokal kam. 
"Der Postbote." erwiderte Toshi und reichte Hitomi den Brief ihrer  
Schwester. Er selbst nahm ein Messer aus der Besteckschublade und öffnete  
den Umschlag seines Briefes. Hitomi versuchte neugierig ein Blick auf den  
Inhalt zu erhaschen, doch Toshi wußte das durch geschicktes Abwenden zu  
verhindern. 
"TOSHI!" meinte Hitomi mit Schmollmund. 
"Nein, du wirst es früh genug erfahren." 
"Ach komm, was ist es denn?" 
"Wart's ab." gab er knapp zurück und ging hinaus in die Diele. Hitomi  
folgte ihm.  
"Was hast du vor?" fragte sie verwundert, da sie sah, wie ihr Mann seine  
Jacke vom Haken der Kleiderablage nahm. 
"Ich muss nochmal weg." antwortete er geheimnisvoll und nahm den  
Autoschlüssel vom Schlüsselbrett. 
Verwundert blickte Hitomi ihrem Mann hinterher, wie er ohne ein Wort zu  
verlieren aus der Hintertüre verschwand und in ihren Wagen stieg, der im  
Hinterhof parkte. Langsam setzte er rückwärts die Auffahrt hinunter und  
fuhr davon.  
"Er ist richtig komisch in der letzten Zeit." murmelte Hitomi bei sich als  
sie wieder zurück ins Lokal ging. 
Sie öffnete den großen braunen Umschlag, den ihre Schwester Nami geschickt  
hatte. Ein gutes Dutzend Briefe und Glückwunschkarten war darin und die  
Meisten waren für Love bestimmt. Eine Nachricht jedoch war an sie allein  
adressiert. Erwartungsvoll riss sie den Umschlag auf und entfaltete das  
Briefpapier. 
Der Inhalt war in japanisch geschrieben und bereits ohne zu lesen erkannte  
sie die Schrift ihrer älteren Schwester. Ungeduldig begann sie zu lesen.  
"Liebe Hitomi, Robert und ich haben beschlossen noch eine Weile in Kanada  
zu bleiben. Robert hat für den Herbst eine Stelle im Konsulat in Tokio in  
Aussicht. Aber all das werden wir euch erzählen wenn ihr zu unserer  
Hochzeit kommt." Hitomi lachte vor Glück und sie musste sich erst einmal  
ihre Freudentränen aus dem Gesicht reiben, damit sie weiterlesen konnte.  
"Ja, du hast richtig gelesen, Schwester.- Robert und ich, wir werden noch  
in diesem Sommer heiraten, dann wenn du dein Kind bekommen hast. Was Toshi  
betrifft,- sollte er sich in der letzten Zeit etwas merkwürdig verhalten  
haben, so sei nicht besorgt. Aber laßt euch überraschen und feiert schön.-  
Und vergeßt nicht,- die Briefe nicht vor der Feier aufmachen. Liebe, deine  
Schwester Nami. " 
Hitomi seufzte. "Endlich hast du es geschafft, Nami." sagte sie leise zu  
sich, als sie ihren Brief einsteckte und die Anderen wegpackte. 
 
Es war kurz vor Zehn an diesem Morgen und Hitomi hatte gerade die Pforte  
des Lokals geöffnet, als zwei Personen das Polizeirevier gegenüber  
verließen und geradewegs herüber kamen.  
"Mitzuku! Wie geht es dir?" platzte Hitomi hervor als sie die dunkelhaarige  
Frau musterte, die von einem jungen Mann gestützt das Lokal durchquerte.  
"Ganz gut. Ich sehe nur nichts mehr." gab sie zurück und tastete nach einem  
Barhocker. Der junge Mann half ihr sich zu setzten, dann nahm auch er  
Platz. "Sie übertreibt mal wieder." lachte er. "Die Ärzte sind sehr  
zuversichtlich. Sie kann es nur nicht abwarten, wie immer." 
Toshi grinste. "Ja, ja, hören Sie mal lieber auf ihren Verlobten." mahnte  
er. "Und wann beginnt ihr Dienst im Verkehrsdezernat?" 
Asaja merkte sichtlich auf. Dann formte sich ein Lächeln auf ihren Lippen.  
"Ich wußte doch, das sie dahinter stecken." 
"Teils teils." gab Toshi zurück. 
"Was wird hier eigentlich gespielt?" fragte Hitomi verwirrt. 
"Die Katzen haben sich für mich eingesetzt." erklärte Asaja mit  
Zufriedenheit in der Stimme. "Sie haben den Leiter des Geheimdienstes des  
Kunstschmuggels beschuldigt und damit gedroht, die Wahrheit ans Licht zu  
zerren, wenn man mich nicht rehabilitieren würde.- Meine Entlassung wurde  
von höchster Stelle widerrufen.- Danke Toshi." 
"Keine Ursache, Mitzuku.- Immerhin war es Namis Idee. Ich habe nur den  
Postboten gespielt." 
"Dann bleiben sie also bei der Polizei?" fragte Hitomi. 
"Ich denke nicht.- Ich werde etwas anderes versuchen. Vielleicht erstmal  
mit Aiko hier zusammen Fräulein Köhler helfen." 
Toshi sah sie ernst an. "Planen sie nicht zu viel. Heute könnte ihr  
Glückstag sein!" 
"Wie meinen sie das?" 
"Heute könnte für uns Beide ein Traum in Erfüllung gehen." 
"Müssen sie immer in Rätseln sprechen?"  
"Sie werden schon sehen.- Heute Abend werde ich die Katze aus dem Sack  
lassen."  
 
 
Der rote Kleinwagen rollte langsam die Einfahrt hinauf, die in den  
Hinterhof des Cafés führte. Schon wieder hatte er Hitomi allein gelassen  
mit der Arbeit im Café. Er wollte es nicht, aber er hatte in den letzten  
Wochen so viel zu tun gehabt. All die Behördengänge, die Unterlagen, die  
Vorbereitungen für diesen Tag. Doch endlich war alles im Lot. 
Nachdenklich stieg Toshi aus und ging zum Kofferraum. Als er ein Paket  
herausnahm, fiel sein Blick unvermittelt auf ein Buch, das unter die  
Rückbank gerutscht war. 
Neugierig zog es der Ex-Detektiv hervor und musterte den ledernen Einband.  
"Ach, da ist es ja." meinte er leise zu sich. Es war Eines der Tagebücher  
seines Vaters. Erinnerungen kamen zurück und es ließ ihn nicht los. Er  
mußte hinein sehen.  
Selbst als Toshi Minuten später hinter der Theke des Cafés stand blätterte  
er immer noch verträumt in dem Tagebuch. 
"Was liest du da?" 
Toshi schrak auf. "Ach nichts, das ist nur ein Tagebuch meines Vaters. Es  
lag unter der Rückbank. Muß wohl beim Umzug unbemerkt aus den Kartons  
gefallen sein..- Es ist aus der Zeit, nachdem er Mutter und mich verlassen  
hat.- Er arbeitete damals beim Sondereinsatzkommando." 
"1971!? Wow, das ist aber verdammt lange her. " entfuhr es Hitomi als sie  
die Jahreszahl auf dem Ledereinband sah. "Und hast du etwas Bestimmtes  
darin gesucht?" 
"Ich weiss nicht." erwiderte Toshi nachdenklich. "Mein Vater hat mich nie 
um Etwas gebeten, oder mir Vorschriften gemacht. Das es sein grösster  
Wunsch war, dass auch ich einmal Polizist werde,- das es ihm von Herzen  
leid tat, dass er Mutter und mich verlassen hat und wie sehr er darunter  
litt - all das hat er mir nie gesagt. Nur in seinen Tagebüchern steht  
davon. Ich glaube fast, ich habe ihn nie richtig gekannt." 
"Vielleicht wirst du ja seinen Vorstellungen noch gerecht.. " meinte Hitomi  
mehrdeutig und kuschelte sich zärtlich an ihren Mann.  
 
Es war kurz nach sieben Uhr Abends und seit dem frühen Nachmittag hatten  
Toshi und Hitomi das Lokal geschlossen gehalten.  
Während die junge werdende Mutter sich alle Mühe gab das Café für Loves  
Feier ein Wenig zu dekorieren saß ihr Mann stumm in einer Ecke des Lokals  
und brütete über den einmal mehr längst fälligen Monatsbilanzen. Immer  
wieder krakelte er Zwischenergebnisse auf die Papierserviette, die er als  
Schmierblatt missbrauchte. Schon seit Stunden ging das so und Hitomi war es  
nicht entgangen, wie seine Miene mit jeder Tagesabrechnung und jedem  
Quittungszettel düsterer wurde. Um so Erstaunter war sie dann auch, da er  
plötzlich freudestrahlend aufsprang und mit breiten Grinsen auf dem Gesicht  
die Akten zusammen sammelte. Hitomi war gerade dabei eine Girlande  
aufzuhängen, als ihr Mann schließlich wie ein Wilder durch den Laden rannte  
und sie fast von ihrer Leiter stieß. 
"Was hat dich denn gestochen?" fragte Hitomi ein wenig böse. 
"Wart's ab." antwortete Toshi wortkarg und verschwand lachend im  
Hinterhaus. Die junge Frau stand wie angewurzelt auf der kleinen  
zweisprossigen Trittleiter und sie konnte genau hören, wie ihr Mann  
fröhlich pfeifend die Treppe hinauflief.  
"Na, dann lasse ich dich mal in dem Glauben, dass du mich überraschen  
könntest." murmelte Hitomi zu sich und kicherte. Ein Klopfen an der  
Ladentüre ließ sie aufhorchen. 
Schnell stieg sie von der Leiter hinunter und öffnete die Türe. 
"Erst kommt keiner, und dann alle auf einmal." begrüsste sie Mitzuku Asaja  
und Aiko Villant, die in Begleitung von Love, Kawano waren. 
Die junge Frau im dezenten gut sitzenden Kostüm lachte. "Wir haben die  
Beiden getroffen, als sie sich im Park vom Einkaufsstreß ausruhten." 
"Was, sie spazieren durch den Park, Mitzuku ?" fragte Hitomi mit einem  
überraschten Lächeln im Gesicht. "Haben sie denn für sowas Zeit?" 
"Wissen sie,- die Zeit muss man sich halt nehmen." erwiderte die  
Polizistin. 
"Ich sehe schon, du hast deine Freundin ja voll im Griff." scherzte Hitomi  
zu Aiko. 
"Ich gebe mir Mühe." lachte er zurück, während er seine sehbehinderte  
Freundin an die Festtafel führte. 
"Und was ist mit euch?" meinte Hitomi schliesslich zu ihrer Schwester und  
ihrem Freund.- "Wie wär's wenn ihr eure Pakete wegstellt?" 
Love nickte. "Willst du denn gar nicht wissen, was wir gekauft haben?" 
Hitomi schüttelte den Kopf.  
"Na gut, aber glaube nicht, das ich dir auch nur etwas davon leihe!"  
erklärte Love mit verschmitztem Lächeln und einem sündigen Augenzwinkern. 
Aber auch schon im nächsten Moment war sie zusammen mit Kawano in den  
hinteren Räumen des Cafés verschwunden. 
"Wo ist denn Toshi?" fragte Aiko, als er Hitomi bei den letzten  
Dekorationen zur Hand ging. 
"Der hat bis eben noch die Bilanzen gemacht aber gerade ist er wie ein  
Wilder herausgestürmt." 
Aiko blickte Hitomi fragend und auch unverständig an, doch sie konnte nur  
mit einem Achselzucken antworten. Unterinspektor Asaja indes hatte einen  
Blick auf die zerknüllte Serviette geworfen, die achtlos im Aschenbecher  
lag und so kam es auch für sie nicht sehr überraschend, dass ihr Ex-Kollege  
frohgelaunt herunter kam. "Sie strahlen wie ein Honigkuchenpferd." witzelte  
sie während alle Augen auf Toshi ruhten. 
"Sag' mal Toshi, konntest du keinen besseren Anzug finden?" wetterte  
Hitomi, als sie die alte Detektivkluft an ihrem Mann wiedererkannte. 
"Nein, das hat schon seinen Sinn." gab Toshi zurück. 
"Sind unsere Kinder schon da?" 
"Ja, die kommen sicher gleich." meinte Hitomi noch, da kamen Love und  
Kawano aber auch schon wieder zurück ins Lokal. 
"So ihr Zwei, setzt euch hin." befahl Toshi und rückte den beiden  
Jugendlichen die Stühle zurecht. 
"Und was hast du jetzt vor?" warf Love ein, als sie sah, wie Toshi wieder  
hinausging. 
"Jetzt geht's los, das habe ich vor." antwortete er und nickte Aiko zu. Wie  
auf Kommando folgte der seinem zwillingsgleichen Freund. 
"Hast du es bekommen?" wollte Aiko wissen, als Toshi ihn in den Keller des  
Hauses führte. 
"Ja, da steht es. Zwar gebraucht aber immerhin." meinte Hitomis Ehemann und  
zeigte auf ein etwa tischhohes Objekt, dass mit einem Laken verhüllt  
unauffällig in der Ecke stand. Neugierig lüftete Aiko das Tuch und lugte  
darunter. Er musste lachen. "Das sieht wirklich gut aus. Das wird Mitzuku  
umhauen." sagte er und er war hoch zufrieden mit dem, was er und sein  
Freund ausgeheckt hatten. 
Die beiden Männer stellten den recht schweren Gegenstand im Korridor ab,  
der vom Wohnhaus zum Ladenlokal führte. Dann verschwand Toshi für einen  
kurzen Moment in der kleinen Kammer neben der Küche und kehrte mit Hammer,  
Nagel und einem großen flachen Paket unter dem Arm zurück.  
"Komm, hilf mir das eben noch in Loves Zimmer aufzuhängen." 
 
Als die beiden Handwerker schließlich wieder zurück ins Lokal kamen, da  
hatten ihre Freunde die Geburtstagstorte bereits angeschnitten und warteten  
sehnsüchtig auf die Nachzügler. 
"Na, hast du denn auch schon alle Geschenke bekommen?" fragte Toshi  
scherzhaft, als er die Pappschachteln und das zerrissene Geschenkpapier  
sah, in dem Love sass.  
"Ja, alles in allem recht ergiebig." lachte sie. "Nur komisch, dass Hitomi  
nichts besseres eingefallen ist, als eine Schürze mit dem Namen des Cafés  
darauf." 
Hitomi grinste, da sie wusste, dass das weitaus wertvollere Geschenk in  
Loves Zimmer wartete. Ein Überraschung, mit der die jüngste der drei  
Kisugi-Schwestren wohl kaum rechnete. 
"Was ist mit dir, Kawano?" fragte Toshi etwas herausfordernd, als er den  
jungen Polizeianwärter betrachtete, wie er liebevoll Loves Hand hielt.  
Kawano senkte verlegen den Kopf und Schamröte stieg in sein Gesicht. 
"Ähm, Kawano kann mir mein Geschenk jetzt nicht geben." stotterte Love und  
sie war ungemein verlegen. Alle am Tisch, außer den beiden jung verliebten  
grinsten wissend. 
"Privat und unter vier Augen." murmelte Asaja leise aber gut verständlich  
zu ihrem Freund Aiko. 
"Vielleicht eher unter vier Händen und zwei Paar Lippen." setzte Hitomi  
hinzu.  
"Und selbst wenn.." polterte Love los. "Immerhin werde ich heute.." 
"Hör auf." unterbrach Hitomi ihre Schwester. "Du brauchst dich doch nicht  
zu rechtfertigen.- Hauptsache, du weisst, was du tust." 
"Schluss jetzt." fuhr Toshi dazwischen und griff in die Innentasche seines  
Jacketts. "Also, da du deine Geschenke ja schon hast, sollen die anderen  
auch nicht leer ausgehen." 
Triumphierend und mit theatralischer Würde reichte er einen schlichten  
Umschlag an seine Frau Hitomi. Hastig riss sie das Kuvert auf und zog den  
Inhalt heraus. Sie platzte fast vor Neugier, als ihre Augen über das Papier  
flogen. Immer wieder betrachtete sie die drei dicken und fetten Nullen, die  
die tabellarische Aufstellung abschlossen. 
"Aber wie..." stotterte sie und legte das Papier auf den Tisch. Toshi holte  
ein Feuerzeug aus seiner Tasche, griff das Blatt und entzündete es über dem  
Ascher. 
"Ja, ich habe eben unsere Hypothek abgelöst.- Wir sind schuldenfrei."  
jubilierte er.  
"Aber wo hast du denn das Geld her?" warf Love verwundert ein. 
"Nami hat mich beauftragt ihren Wagen an das Polizeipräsidium zu verkaufen,  
etwas hat mir mein Onkel geliehen,- zinsfrei,- und der Rest stammt aus dem  
staatlichen Förderprogramm für Geschäftsgründungen." 
"Aber das Lokal besteht doch schon so lange.- Ist da die Zeit nicht schon  
längst abgelaufen?" gab Asaja in ihrer typisch überkorrekten Art zurück.  
Toshi lachte. "Ja, da haben sie recht." gab er zu. "Doch das bringt mich  
auch zum letzten Tagespunkt." sagte er und deutete Aiko zusammen mit ihm  
den schweren verhüllten Kasten ins Lokal zu schieben. 
"Was ist denn das? Ein Whirlpool für Goldfische?" scherzte Love als sie den  
Kasten sah, der hereingerollt wurde.  
"Du wirst es gleich erfahren." erwiderte Aiko und half seiner Freundin  
Asaja auf die Beine. Fragend blickte die Polizistin ihren Verlobten an.  
"Bitte, ihr Auftritt, Fräulein Asaja."  
Mit einem heftigen Ruck riss Asaja das Tuch herunter und sie musste sich  
sofort setzen, um nicht vor lauter Überraschung umzufallen. Immer wieder  
las sie die Worte, die dort auf dem grossen Leuchtschild geschrieben  
standen.- So unglaublich erschien es ihr. "Ich bin Mitbesitzerin einer  
Privatdetektei..." stotterte sie fassungslos.  
Unbemerkt beugte sich Kawano zu seiner Freundin Love hin. "Clever und  
Smart."  
Love grinste frech. "Nee, eher Dumm und Dümmer..." flüsterte sie leise... 
 
 
 
 
****************************************************************************** 
Hoppala.... so Ende Teil III 
 
Mehr aus Spaß habe ich mir überlegt, wie es wäre die Geschichte etwas  
Ad Absurdum zu führen, so wie es bei der Sitcom-Serie Roseanne  
geschah. Daher ist das folgende nur eine Idee und auch zugegeben größtenteils 
abgeschrieben.... 
Und an Matthias : Lieber Matthias - das ist NICHT das Ende---- 
                   
 
                      MELISSA   
 
 
Epilog (für eine Geschichte die mein CE-Fanfic-Schreiben irgendwann mal beendent) 
 
Das monotone Hämmern der Typen der alten Schreibmaschine verstummt und die  
schwarzhaarige Frau von Mitte 40 lehnt sich in den alten Bürostuhl zurück.  
Müde reibt sie ihre rehbraunen Augen und streicht durch ihr langes Haar.  
Gezeichnet von langen Nächten ohne Schlaf wendet sie sich schliesslich  
einem Block Briefpapier zu. Flüchtig überfliegt sie die letzten  
umgeschlagenen Seiten und greift dann zu dem angekauten Bleistift der auf  
dem kleinen Schreibtisch liegt. 
Sie schlägt ein ganz neues, leeres Blatt auf und langsam beginnt sie zu  
schreiben... 
>Man fragt mich oft, wovon ich inspiriert werde.- Ich denke, es sind die  
kleinen Sachen. Nebensächlichkeiten, Gefühle, Liebe und Zärtlichkeit. All  
die Dinge, die uns täglich begegnen und unser Leben wirklich prägen. Nehmen  
sie Love zum Beispiel: Sie ist in Wahrheit gar nicht so cool wie ich sie  
dargestellt habe. Viele Leute haben meine kleine Schwester einen Trottel  
genannt. Aber man hat auch die Beatles für Trottel gehalten.  
Was meine grosse Schwester Nami betrifft, so kommt sie noch aus einer  
Generation, in der man von Frauen Unterwürfigkeit verlangte. Ich hab mich  
dem nie gebeugt und wünschte, sie hätte es auch nicht getan. Ich wünschte  
sie hätte mehr für sich selbst entschieden. Darum glaube ich, habe ich sie  
zur berechnenden und von Männern begehrten Sexbombe gemacht. Ich wollte,  
das sie ein anderes Selbstgefühl als Frau bekommt. Sie gab mir Halt und ich  
hätte es ohne sie niemals so weit gebracht.  
Ich schätze meine langjährige Schulfreundin Mitzuku Asaja ist auch so eine  
Art Heldin für mich, weil sie sich aus der Hölle einer furchtbaren Ehe  
befreite und zu grosser Stärke fand. Ich weiss nicht, was aus ihrem Ex-Mann  
wurde aber nun, da sie wieder glücklich verliebt ist, habe ich ihn in  
meinem Buch einfach nicht erwähnt.  
Als Love vor ein paar Jahren Robert anschleppte, da dachte ich, das ist  
falsch,- er ist viel zu alt für sie und viel mehr Namis Typ. Und als Nami  
mit einem ihrer Studenten anbandelte, dachte ich, der passt besser zu  
Love.- Jetzt weiss ich, ich habe mich da geirrt, aber ich dachte, dass die  
Beziehungen, so wie ich sie mir vorstellte viel besser funktionieren  
würden. Also tat ich in meinem Buch das, was jede gute Autorin tun würde:  
Ich hab's hingebogen. 
 
Ich verlor Toshi vor nun fast 10 Jahren.- Wir hatten früh geheiratet und  
ich war zum zweiten Mal schwanger als er bei einem Einsatz erschossen  
wurde. - Aber er ist immer noch das Erste, woran ich denke wenn ich  
aufwache und das Letzte, bevor ich schlafen gehe.- Er fehlt mir. 
 
Als moderne Frau wandele ich auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und  
Fortschritt. Und in den Augen aussen stehender versage ich gewöhnlich. Aber  
was bedeutet schon Gewinnen oder Verlieren. Ich fand heraus, das ich alles,  
was ich tue vor mir allein zu verantworten habe. Und ich allein habe mein  
Leben in der Hand.- Nur mir ist es gegeben meine Zukunft zu bestimmen. -  
Nichts auf der Welt ist grösser als diese Gabe. 
Es war das Schreiben, das mir half, die ersten Jahre nach Toshis Tot zu  
überstehen. Jedes Mal, wenn die Glocke läutete und ein Gast in mein Café  
kam, erwartete ich Toshi wieder zu sehen, so als wäre er nur um die Ecke  
gegangen um Zigaretten zu holen. Ich begann darüber zu schreiben, wie es  
wäre ein aufregendes Leben zu führen. Ich stellte mir vor, dass meine  
Schwestern und ich ein Super-Gangstertrio wären und Toshi war der dumme  
Detektiv, der uns jagte. Ich erfand Geschichten wie die von James Bond und  
Miss Marple, wo niemand wirklich echte Probleme hat und Alles nach einem  
Kapitel wieder in Butter ist. Für eine Weile verlor ich mich in einer  
Fressucht und fiel in eine so tiefe Depression, dass ich nicht einmal aus  
dem Bett aufstehen konnte. - Doch dann, als Love ein Baby bekam, das  
beinahe gestorben wäre, vergaß ich auf der Stelle meine Depressionen und  
mobilisierte meine ganze Lebenskraft. Und in dem Moment, als ich mich für  
das Leben entschied, -da wurde mir klar, dass mein Traum, schreiben zu  
können, nicht einfach wahr werden würde,- ich musste dafür arbeiten.  
Und so - während ich in meinen Schriften ein aufregendes Leben erfand,  
erlebte ich in Gedanken das Meine wieder und wieder und was mir nicht  
gefiel, das änderte ich. Ich legte mir die Verpflichtung auf, etwas zu Ende  
zu bringen und das, selbst wenn ich dafür mitten in der Nacht im Keller  
schreiben musste, wenn Andere schliefen. Doch je mehr ich schrieb, desto  
besser verstand ich mich selbst und die Gründe für meine Entscheidungen und  
DAS war der eigentliche Gewinn... Ich lernte, dass Träume ohne Taten nichts  
wert sind und dass niemand mich aufhalten konnte, nur ich selbst. Ich  
lernte, dass die Liebe stärker ist als der Hass. Und das Toshi immer bei  
mir sein wird, denn der beste Teil von ihm lebt weiter- in mir und meinen  
Kindern. Aber vor Allem lernte ich, dass Gott existiert. Er oder sie lebt  
in Jedem von uns - unter allem Schmerz und allem Leid und aller Schande. 
Ich glaube, es wird mir viel besser gehen, nun, da dieses Buch vollendet  
ist. 

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