Katzenauge
© by Kai Butzbach
 

Katzenauge

"Was, in die Oper," fragte Detective Toshi Utsumi entsetzt, als er wieder einmal seine Mittagspause im Café 'Katzenauge' verbrachte, um bei seiner Freundin, die grazile Hitomi Kisugi, zu sein. Er war von mittlerer Statur, trug ein mintfarbenes Jackett und hatte dunkles, krausiges Haar.

"Ja und zwar Othello nächste Woche Samstag um 1930 Uhr. Oder soll ich dich daran erinnern, daß du mich neulich hast sitzenlassen," fragte sie ihn.
Toshi Toshi schluckte. "Na schön, aber ich konnte doch nichts dafür, daß Katzenauge wieder mal zugeschlagen hat."
"Du hättest ruhig bei Hitomi bleiben können. Ihr habt Katzenauge ja doch nicht geschnappt," bemerkte Love, die jüngere Schwester von Hitomi und lehnte sich zurück.
"Halte du dich daraus! Warum bist du nicht in der Schule?", fragte Toshi leicht erzürnt.
"Es sind Winterferien! Sechs lange Wochen ", antwortete Love enthu­siastisch und riß die Arme gen Himmel.
"Schon wieder? Hm, hätte ich auch gerne, Ferien. Aber 'Katzenauge' läßt das ja nicht zu", sagte Toshi frustriert.
"Warum denn nicht ? Wenn du Urlaub nehmen würdest, könnten wir je­den Tag zusammen sein, ohne daß uns die blöde Unterinspektorin Assaya oder dein Chef stört. Wir könnten gemeinsam Shopping machen, am Strand in Kamaku­ra den Sonnenuntergängen entgegen gehen, oder ins Kino, oder ..."
"Oder du könntest uns im Café helfen. Du könntest Abwaschen, den Bo­den schrubben und ..."
"Love, das reicht," brachte Nami, die älteste Schwester ihre jüngste zu Räson. Nami hatte lange, gewellte schwarze Haare und besaß einen kleinen Schönheitsfleck an der linken unteren Wange. Sie war ende Zwanzig und war immer noch unverheiratet.
Toshi schluckte zum zweiten Mal und stellte sich das alles bildlich vor.
Den Boden schrubben und den ganzen Tag abwaschen ? Nein Danke !
"Das geht doch nicht. Ohne mich würden die Katzen doch der Polizei auf der Nase herum tanzen. Nein, ich nehme mir erst Urlaub, wenn ich Kat­zenauge gefangen habe," bekräftigte Toshi.
"Oje, du Armer willst bis zur Rente keinen Urlaub nehmen," fragte Love hinterhältig und machte ein unschuldiges Gesicht.
"Was soll das heißen ? Meinst du etwa, das ich Katzenauge nicht fangen werde ? Hitomi, sage bitte deiner Schwester, daß ich Katzenauge auf je­den Fall fangen werde und das sie nicht immer so gemein sein soll," ant­wortete Toshi leicht gekränkt.
"Aber Toshi, du mußt zugeben, das ihr euch recht ungeschickt angestellt habt," sagte Hitomi und zwirbelte mit den Fingern an ihren langen Haarsträhnen, die sie an der Wangenseite lang wachsen ließ.
"Ach ja, wie sollen wir denn deiner Meinung nach Katzenauge fangen," reagierte Toshi noch gekränkter und schon ein bißchen säuerlich.
"Das weiß ich doch nicht. Ich war nie auf einer Polizeischule wie du," antwortete Hitomi unschuldig.
"Danke. Ihr seit ja alle heute wieder sooo nett zu mir. Ich glaube es ist besser zu gehen, sonst komme ich zu spät und bekomme Ärger mit mei­nem Chef," sagte Toshi und legte einige Yen auf den Tresen.
Zum Abschied rief er noch ein kurzes "Bye, Ladies !" und verschwand aus der Tür.
"Toshi war ja nicht besonders gut gelaunt heute. Ob ihm was fehlt," fragte Love.

Am darauffolgendem Tag war das Café Katzenauge randvoll und die drei Frauen hatten relativ viel zu tun. Love stürzte von einem Tisch zum nächsten.
Nachdem sich der Trubel ein wenig gelöst hatte, sagte Love außer Atem "So habe ich aber meine Ferien nicht vorgestellt. Es hat den Anschein, als würde halb Japan in unserem Café frühstücken. Wenn das so weiter geht, breche ich zusammen."
Just in diesem Moment kam Detective Toshi Utsumi in das Café.
"Nanu, ihr seht ja alle so geschafft aus. Vielleicht solltet ihr das Café für ´ne Woche schließen und euch erholen."
"Und wer soll dann für uns das Geld verdienen du Schlaumeier ? Außer­dem sagt man zuerst guten Tag," erwiderte Hitomi gestreßt.
"Oh, Verzeihung. Guten Tag alle zusammen," antwortete Toshi mit leichtem Sarkasmus in seiner Stimme.
"Entschuldige Toshi, aber du weißt gar nicht, was hier vorhin los war."
"Das weiß ich in der Tat nicht. Aber es wäre nett, wenn ich einen Kaf­fee bekommen könnte. Außerdem : Ihr habt doch Love jetzt Ganztägig zur Verfügung, da müßtet ihr es doch etwas leichter haben, als sonst."
"Haben sie, aber ich finde das ganz schön unfair. Ich habe mich so aufs Ausspannen gefreut. Das sind hier für mich keine Ferien," erregte sich Love.
"Das tut mir aber leid für dich. Du mußt jetzt jeden Tag bedienen, in der Küche das Geschirr spülen und den Boden schrubben bis spät in die Nacht," sagte Toshi ironisch.
Love seufzte laut und ließ sich auf den Hocker neben Toshi nieder.
"Das ist aber wirklich fies von dir, daß du mir das auch noch vorhältst.
Und du, hast du nichts zu tun ?"
"Doch, schon. Aber nur mit kleinen Delikten. Katzenauge hat schon lange nicht mehr zugeschlagen. Und den Rest schaffe ich doch im Schlaf".
"Also an Selbstvertrauen mangelt es dir nicht. Hier ist dein Kaffee."
"Danke, Hitomi. Du siehst trotz der Anspannung heute wieder bezau­bernd aus," säuselte Toshi und blickte ihr verträumt in die Augen. Hito­mis Wangen erröteten ein wenig und blickte nun ihrerseits in seine Au­gen, als ob sie dadurch in sein Innerstes schauen könnte und antwortete "Danke für das Kompliment."
Nun errötete Toshi auch und wandte schnell seinen Blick ab und nippte an seinem Kaffee. Nami und Love sahen bei diesem Schauspiel zu, zwinkerten und kicherten, wobei sich bei Toshi noch ein wenig mehr Schamgefühle breit machten. Es traten sogar ein paar Schweißperlen auf seine Stirn, was das Kichern der anderen noch verstärkte. Hastig trank er seinen Kaffee aus, stand auf und sagte "Nun muß ich aber wieder an die Arbeit gehen."
"Du brauchst dich doch nicht schämen für deine Gefühle," rief Love hinterher.
"Ich schäme mich nicht," antwortete Toshi energisch und stürmte aus der Tür. Dabei stieß er mit einem Mädchen zusammen.
"He, ich hatte doch gesagt, daß ich den Trick schon kenne."
"Entschuldigung," antwortete Toshi zähneknirschend und dachte sich einige Foltermethoden für das Mädchen aus, denn er kannte es schon von früher.
"Hallo Love," rief es nun.
"Hi, Kazumi. Was willst du denn hier ?"
"Wollte nur mal vorbei schauen und gucken, was du so in den Ferien treibst."
"Was ich in den Ferien mache, willst du wissen ? Den ganzen Tag arbei­ten," antwortete Love konstaniert.
"Ach ja ? Hättest du nicht Lust mit mir in ein Skicamp zu gehen ?"
"Ein Skicamp," fragte Hitomi das Mädchen.
"Ja. Wir würden die wildesten Abfahrten machen, Schlitten fahren, Schneeballschlachten und denk dir nur ...," fing Kazumi zu flüstern an," dort gibt es auch Jungs !"
Beide fingen an zu kichern.
"Ach, und wo soll das sein," fragte Love interessiert.
"Auf der Insel Hokkaido am Mount Daisetsuzan. Eine ganze Woche. Onuki und Iwaki aus unserer Klasse sind auch dabei."
"Und was kostet das Ganze," fragte Nami.
" Nur 8000 Yen. Richtig preisgünstig. Es fängt nächsten Montag an."
"Das hört sich herrlich an," erwiderte Love enthusiastisch, "aber ich kann meine Schwestern doch nicht in der Ferienzeit alleine im Geschäft schuften lassen."
Nami nahm Hitomi beiseite und flüsterte ihr was ins Ohr.
"Wenn sie weg ist könnten wir im Tokyoter Kunstmuseum in aller Ruhe die Frau mit dem goldenen Hut stehlen. Wir müßten nicht auf Love aufpassen.
"Da hast du vollkommen recht Nami. Außerdem sollte sie sich auch mal entspannen dürfen. Sie hat es sich verdient. Und die Arbeit hier im Café schaffen wir auch eine Woche ohne sie."
Nami stimmte ihr zu und sprach zu Love " Du kannst ruhig ins Camp mit Kazumi fahren, wenn du willst."
"Wirklich ? Aber die Arbeit im Café ..."
"...schaffen wir auch ohne dich. Des weiteren wäre dies eine gute Er­fahrung für dich," lockte Hitomi.
"Oh, vielen Dank," antwortete Love begeistert.
"Also Katzumi, ich fahre mit."
"Toll. Dann gehen wir am Besten gleich noch ein paar Sachen für das Camp einkaufen. Mann muß ja richtig Bekleidet sein."
Nachdem Love die Erlaubnis und etwas Geld von Nami bekommen hatte, zogen die beiden Freundinnen los.
Nachdem die beiden verschwunden waren, fand ein wichtiges Gespräch zwischen Nami und Hitomi statt.
"Was besseres hätte uns gar nicht passieren können, Hitomi. Nächste Woche holen wir uns das Gemälde."
"Die Frau mit dem goldenen Hut ? Kenne ich gar nicht."
"Dies ist ein sehr wertvolles Bild aus der Sammlung von unserem Vater. Der Hut ist mit echtem Gold gemalt. Herr Nagaishi hat mir berichtet, daß es Sonntag im Museum ankommt. Es wird aus Deutschland eingeflogen und bleibt drei Tage in Japan.
Der Besitzer ist ein reicher Industrieller. Im gehören große Anteile von IBM und Philipps."
"Dann muß er ja steinreich sein. Wie wollen wir es stehlen ?"
"Also, " begann Nami, "ich habe mir das so vorgestellt..."

"Utsumi, haben sie mir überhaupt zugehört ?"
Die energische Stimme riß Toshi aus seinen Träumen von Sonne, Sand, Bikinis und Hitomi, in einem ganz besonders knappen Oberteil....
"Wie ..? Was ist, Hitomi," antwortete er schlaftrunken.
"Sie werden nicht fürs Schlafen bezahlt, sie Volltrottel. Wissen sie was sie sind ? Sie sind ein hirnverbrannter Idiot, sie ..."
Der Dezernatschef rang nach Atem. Sein Kopf hat sich rot verfärbt und schon schwollen einige Adern auf seiner Stirn.
Toshi lehnte sich erschrocken zurück und duckte sich.
"Chef, regen sie sich nicht so auf," besänftigte eine Frauenstimme.
"Ich rege mich nicht auf ! Aber wenn ein Detective im Dienst schläft, fällt es mir schwer, mich zu Beherrschen. Wie auch immer.
Die Lage ist folgende : Am nächsten Montag kommt ein wertvolles Kunstwerk nach Tokyo und soll im Nationalmuseum für Westliche Kunst zwei Wochen ausgestellt werden. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sor­gen, daß dem Gemälde nichts passiert. Haben sie das verstanden Utsumi ?"
"Ja, natürlich Chef." Oder glauben sie, daß ich schwerhörig bin ?
"Gut. Weggetreten! "
Als Utsumi mit den anderen das Besprechungszimmer verlassen wollte, winkte der Chef ihn noch mal zu sich.
"Wegen der Unaufmerksamkeit werden sie bis Freitag die Nachtschicht übernehmen."
"Was," entrüstete sich Toshi.
"Sie haben mich überzeugt," sagte der Chef übertrieben freundlich.
"Über das Wochenende werden sie auch die Sonderschicht machen."
Aber dann kann ich nicht mit Hitomi in die Oper.
"Aber Chef..."
"Kein Wort mehr, Utsumi. Sie haben schon zuviel gesagt."
Geknickt schlich Toshi aus dem Konferenzzimmer und ging aus dem Polizeirevier.
Wie soll ich das Hitomi beibringen ? Das wird sie mir nie verzeihen. Was mache ich nur ?
Toshi war verzweifelt. Um eine Konfrontation mit Hitomi heute aus dem Weg zu gehen, ging er schnurstracks zu seiner Wohnung und überlegte sich dort, wie er seine Liebste besänftigen könne.

Nachdem die ersten Polizisten in der Mittagspause für einen Kaffee ins "Katzenauge" gingen, wunderten sich Hitomi und Nami, wo Toshi bleibt.
Als es auf zwei Uhr zuging, rief Hitomi besorgt im Polizeirevier an und fragte nach Toshi. Der Polizist am anderem Ende sagte ihr, daß Toshi Utsumi schon gegangen sei.
"Komisch," murmelte Hitomi, "das ist doch gar nicht seine Art. Normalerweise kommt er doch nach dem Dienst erst zu uns ins Café."
"Vielleicht ist er bei seiner heimlichen Liebhaberinn, " gab die vom Ein­kauf inzwischen zurückgekehrte Love zu bedenken und zwinkerte mit den Augen.
"Love, " ermahnte Nami ihre jüngere Schwester. "Damit macht man keine Scherze. Hitomi, er hat garantiert keine andere Geliebte."
"Das glaube ich auch !" Aber sicherheitshalber gehe ich zu ihm nach Hause. Wehe, Toshi Utsumi. Wenn du eine andere hast, dann wirst du nie mehr Lachen.
Hitomi legte ihre Schürze ab und zog ihren Mantel an.
"Wohin gehst du ?"
"Ich suche Toshi."
"Nimm aber einen Regenschirm mit. Und eine Kamera !"
"Warum sollte ich eine Kamera mitnehmen," fragte Hitomi.
"Damit du Fotos hast, wenn du Toshi im Flagranti erwischt," sagte Love kichernd.
"Ach, du...."
Hitomi trat in den Regen. Es goß wie aus Eimern und es donnerte und blitzte ein wenig.
Als Hitomi vor der Wohnung von Toshi stand, blickte sie zu dem erhell­ten Fenster.
AH, er ist Zuhause. Dann wollen wir mal...
Sie ging in das Apartmenthaus und klingelte an seiner Tür.
Nach wenigen Sekunden ging die Tür auf und ein überraschter Toshi blickte auf den Gang.
"Ha.. Hallo, Hitomi," stammelte er. "Was machst du denn hier ?"
"Das ist ja eine nette Begrüßung. Willst du mich nicht zuerst herein
bitten ?"
Toshi blickte hinter sich und sah ein totales Chaos.
"Nun ja, es paßt mir im Augenblick schlecht. Könntest du ein wenig später kommen, " fragte er schwitzend.
Hat er doch eine andere ?
"Nein, ich will jetzt zu dir," sagte sie mit Nachdruck und drückte gegen die Tür.
"Hitomiiii, " ächzte Toshi, als er die Tür nach außen drückte.
Hitomi gab nach.
"Willst du etwas vor mir verbergen, Toshi Utsumi," fragte Hitomi eifer­süchtig.
"Nun," stammelte Toshi, "also wenn du mich so fragst..."
In dem Moment überraschte Hitomi ihn und drang in seine Wohnung ein. Als sie das Wohnzimmer betrat, schrie sie auf.
"Wie sieht es denn hier aus," fragte sie entsetzt.
Toshi stand beschämt und mit rotem Gesicht in der Tür.
"Nun, ich..., das wollte ich verständlicherweise vor dir verbergen."
Hitomi blickte durch den Raum.
Dreckige Wäsche lag verstreut auf dem Fußboden, der Aschenbecher war mit Zigarettenstummeln, der Tisch mit Bierdosen und Magazinen übersät und in der Spüle stapelten sich die schmutzigen Teller und das Besteck.
Hitomi verschlug es die Sprache, während Toshi sich auf machte, daß Chaos zu reduzieren, indem er die Schmutzwäsche und die Zeitungen in die eine, den Müll in die andere Tüte steckte und diese im Schrank bezie­hungsweise im Mülleimer verschwinden ließ.
"Nun," begann Hitomi," hältst du das etwa für Aufräumen ? "
"Ich.., also.., Äh, ja. Hätte ich gewußt, daß du vorbeikommst, wäre es hier bestimmt ordentlicher."
Hitomi seufzte und blickte Toshi an.
"Apropos vorbeikommen. Wo warst du eigentlich vorhin ? Ich habe die ganze Zeit über auf dich gewartet."
"Ich hatte mal keine Lust auf Kaffee und bin halt nach Hause gegangen," antwortete Toshi und sah weg.
"So," sprach Hitomi ärgerlich," du hattest also keine Lust mich zu sehen. Na gut, Toshi Utsumi. Dann habe ich auch keine Lust dich zu sehen !"
Hitomi machte auf dem Absatz kehrt und schritt zur Tür.
"Aber Hitomi ...."
Toshi ging ihr hinterher, doch Hitomi warf die Tür hinter sich in die An­geln und dabei traf sie Toshi genau vor den Kopf. Er taumelte und fiel nach hinten auf dem Boden.
"Heute ist wohl nicht mein Tag !"

Hitomi ging den Bürgersteig entlang und war durch den Regen völlig durchnäßt. Es blitzte und donnerte.
Er liebt mich nicht mehr. Es gibt keinen Zweifel. Ich habe ihn verloren.
Hitomis Augen wurden feucht und sie fing an, zu weinen.
Als sie im Kaffee angekommen war, schritt sie schnurstracks in ihr Zimmer, ohne auf die Frage von Nami, was mit ihr los sei, zu antworten und hörte sich über Kopfhörer Musik an.

Nach ein paar Minuten kam Toshi völlig durchnäßt in das Café der Schwestern gestürmt.
"Nami, ist deine Schwester da," fragte er hastig.
"Ja, aber sag mir lieber, was wieder zwischen euch vorgefallen ist."
"Eigentlich nichts. Ich weiß auch nicht, was ich schon wieder falsch gemacht habe," antwortete Toshi unschuldig.
Toshi ging zu Hitomis Zimmer.
"Darf ich rein kommen," fragte er und öffnete die Tür. Da traf ihn ein Kissen mitten ins Gesicht. Durch die unerwartete Wucht fiel er wieder mal zu Boden. Aus dem Zimmer klang eine laute Stimme.
"Nein. Verschwinde."
"Aber Hitomi..," begann Toshi, als er sich aufrappelte und sich ins Zim­mer beugen wollte.
Just in dem Augenblick schlug Hitomi die Tür zu und er fiel abermals zu Boden und hielt sich seine Nase.
"Wenn das so weiter geht, kann ich bald nichts mehr riechen," murmelte Toshi.
"Ich rate dir sie jetzt erst mal in Ruhe zu lassen," sprach Nami mit sanfter Stimme.
"In einer Beziehung geht es oftmals auf und ab. Aber wenn man die Krisen meistert, wird sie wunderschön sein. Wo warst du heute Nachmittag eigentlich ? Hitomi hat die ganze Zeit auf dich gewartet."
"Nun, wie soll ich das erklären ? Ich habe vom meinem Chef die Nachtschicht der ganzen restlichen Woche aufgedrückt bekommen.
Und das ist nicht mal das schlimmste. Am Wochenende muß ich auch noch Dienst schieben," antwortete Toshi geknickt.
"Wolltet ihr zwei nicht am Samstag abend in die Oper gehen ? "
"Ja, und das mit der Nachtschicht weiß sie noch nicht."
Toshi fing an zu verzweifeln.
"Was soll ich bloß machen. Hast du nicht einen Rat ? Du bist doch eine Frau! Was würdest du an Hitomis Stelle wollen, das ich mache, um mich bei dir, also bei Hitomi, zu Entschuldigen ?"
"Nun. Ich bräuchte erst einmal Zeit, um in Ruhe Nachzudenken."
Nami räusperte sich und strich mit ihrer linken Hand durch ihr Haar.
"Toshi. Geh nach Hause und schlaf erst einmal darüber. Morgen sieht alles besser aus."
"Bestimmt hast du recht."
Mit einem verschmitzten Lächeln verbeugte sich Toshi und verschwand durch die Tür.
Puh. Den sind wir endlich los.
Nami ging zum Zimmer von Hitomi und klopfte an. Nachdem keine Antwort zu hören war, öffnete sie die Tür und ging hinein.
Hitomi saß mit dem Rücken zur Tür und schaute in den Himmel. Sie trug Kopfhörer und bemerkte Nami nicht. In dem Moment, als sich Nami zu ihr beugte, rann eine Träne über Hitomis Gesicht.
"Hitomi," sprach Nami sanft und verständnisvoll. Sie holte ein Taschen­tuch aus ihrer Schürze und wischte die Träne weg.
"Nimm dir das nicht zu Herzen. Was ist denn mit dir und Toshi ? Sollen wir lieber die Aktion nächste Woche absagen ?"
Hitomi blickte in Namis Gesicht.
"Nein, natürlich nicht. Ich weiß zwar nicht genau, warum ich sauer auf Toshi bin, aber ich kriege das irgendwie geregelt."
"Hoffentlich. Wir dürfen uns keinen Fehler erlauben."

Am späten Abend blickte Hitomi von ihrem Zimmer, hinter ihrem Vorhang verborgen, auf die Straße. Die Laternen erleuchteten trübe das Straßenpflaster. Es hatte vor ein paar Stunden aufgehört zu regnen. Der Mond schien kaum durch die blassen Wolkenfetzen, als eine Gestalt die Straße herauf kam. Es war Detective Utsumi. Hitomi wich noch ein biß­chen mehr vom Fenster weg. Utsumi ging weiter und stoppte vor dem Café, drehte sich zur Seite und blickte zu Hitomis Fenster hinauf. Als die Wolken dem Mond Platz machten, konnte man in seinem Gesicht Kummer und Besorgnis erkennen. Die Turmuhr schlug halb neun und Toshi lief über die nun wenig befahrene Straße zum gegenüber liegenden Polizeirevier. Seine Nachtschicht begann. Kurz, nachdem Toshi das Gebäude betreten hatte, schoben sich wieder die Wolken vor den Mond. Hitomi schritt vom Fenster weg und legte sich auf ihr Bett. Sie starrte lange Zeit die Zimmerdecke an und konnte nicht einschlafen. Viele Ge­danken schossen durch ihren Kopf. Sie dachte an das Gemälde und den bevorstehenden Raub - und natürlich an Toshi.
Ach Toshi. Warum gibt es zwischen uns nur so oft Mißverständnisse und Streit ?

Im selben Moment saß Toshi an seinem Schreibtisch und dachte auch an Hitomi und ihrer beider Beziehung nach. Vor lauter Langeweile zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche und begann damit, es aufzuräu­men. Es kam viel zum Vorschein. Mehrere Kassenbons, ein Kontoauszug und mehrere Zettel. Als er sich die Zettel genauer anschaute, fand er ei­nen Brief von ihm für Hitomi. Es war ein Liebesbrief.
"Nanu was ist den das ? Ein Brief an Hitomi ? Man ist der alt. Den habe ich vor vier Jahren geschrieben. Was steht da ?

Liebste Hitomi !
Als Ich dich das erste Mal gesehen habe, hast Du mich mit deinem Blick verzaubert. Deine Augen sind so klar wie zwei chinesische Bergseen und Dein Haar ist so glänzend, wie das einer Katze.
Dein Gang ist anmutig wie der eines Rehes, doch stark und bestimmt wie Dein Wille. Dein Hals graziös wie ein Schwan und dein Körper gleich einer Gazelle. Deine Haut ist weich wie Daunen und Dein Mund so süß wie Honig.
Oh Du Rosenknospe, hast entfaltet Dich zu ew'ger Pracht. Überstrahlst mit Schönheit alle andren Blumen dieser Erden.
Wie gern währe ich dein Weggefährte und mehr. In meinem Herzen wird es heiß, wenn ich Dich sehe, meine Knie werden weich vor lauter Ehr­furcht und Liebe.
Ja, ich gestehe es. Ich liebe Dich von ganzen Herzen. Mit Dir möcht ich meine Zeit, mein Leben verbringen. Den ganzen Tag denk ich nur an Dich.
Oh wie sehr wünscht ich mir, daß Du genauso für mich empfändest.

Dein Dich über alles liebender Toshi Utsumi.

Und ich habe nie den Mut gefunden ihr den Brief zu geben. Man, was bin ich doch für ein Idiot."
Toshi faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Seitentasche von seinem Mantel.


In der Nacht wachte Love erschrocken auf. War da nicht was ?
Schnell streifte sie sich ihren Bademantel über und öffnete leise, mit ei­nem Tennisschläger bewaffnet, ihre Tür. Da, schon wieder. Es kam aus Hitomis Zimmer. Ein Einbrecher ? Sie schlich auf Zehenspitzen näher und lauschte.
"Oh, Toshi !"
Was? Toshi? Seit wann fensterld er denn zu Hitomi ?
"Nein, verlaß mich nicht. Toshi. Bitte," flehte Hitomi und fing an, zu weinen.
Was. Er bringt sie zum weinen ?
"Das geht zu weit ! "
Love öffnete die Tür zu Hitomis Zimmer und .... entdeckte nichts. Kein Toshi und kein offenes Fenster. Sie blickte zum Bett rüber und sah Hi­tomi mit geschlossenen Augen .
"Geh bitte nicht weg."
Ach, sie träumt. Und ich dachte schon...
Sie wollte gerade anfangen zu kichern, als sie die Tränen in den Augen von Hitomi sah. Sofort ging sie an das Bett und rüttelte die Schlafende.
"Was ...? Wie...? Ahhh, " fing Hitomi an zu schreien. Ihre Stirn war schweißgebadet und sie zitterte leicht.
"Mann, du mußt ja einen schlimmen Alptraum gehabt haben. Was war das denn ?"
"Ich weiß nicht mehr genau, " antwortete Hitomi erschöpft.
"Aber es war irgend etwas privates, was dich nicht zu interessieren hat."
"Was ist denn hier los ? Warum hast du geschrien, Hitomi ?"
Nun war das Trio mit Nami komplett.
"Sie hatte nur schlecht geträumt und sich erschrocken, als ich sie wach rüttelte."
Nami setzte sich zu den Beiden auf das Bett und strich Hitomi einige Strähnen aus dem Gesicht.
"Entschuldigt, das ich euch geweckt habe," sagte Hitomi und ließ den Kopf hängen.
"Das macht doch nichts, Schwesterchen."
Nami stand auf und holte drei Tassen mit warmer Milch.
"So. Nun erzähl mal, was du geträumt hast. Das entlastet dich bestimmt."
Hitomi seufzte und sagte, daß sie sich an nichts erinnern könne.
"Aber ich weiß ganz genau, wo von du geträumt hast. Nämlich von Toshi," sagte Love triumphierend.
Hitomi blickte sie grimmig an.
"So ? Seit wann fürchtest du dich denn in deinen Träumen vor Toshi ?"
Hitomi gab es auf es zu verheimlichen.
"Nicht vor Toshi. Ich habe nur wegen unserer Beziehung angst."
"Warum denn ? Das versteh ich nicht, " sagte Love.
"Na ja. Es ist irgendwie langweilig geworden. Er geht mit mir spazieren, kommt mit zum Einkaufen, wir sehen uns jeden Tag, aber, um es mit Loves Vulgärsprache auszudrücken, mir fehlt irgendwie der Kick."
"Der Kick ? Was soll das sein, " fragte Love.
"Das verstehst du noch nicht. Aber in ein paar Jahren wirst du ..."
"Ach, du willst mit ihm schlafen ?"
Hitomi sah Love erschrocken und entsetzt in die Augen.
"Nein ich will nicht mit ihm... schlafen. Das heißt nicht vor der Ehe mit ihm."
"Oh, du arme. Dann kannst du ja gleich ins Kloster gehen."
"Wie meinst du das, Love ? Also ich finde, daß ist kein Thema für dich."
"Mann, seit ihr prüde. Ich bin kein kleines Kind mehr," erregte sich Love und drehte sich beleidigt weg.
"Dafür, daß du sooo Erwachsen bist, bist du aber schnell eingeschnappt," ickerte Nami.
"Ja. Außerdem halte dich bitte in meinen Angelegenheiten heraus."
"Schon gut. Ich halte mich raus."
"Gut. Die Oper hätte uns wenigstens ein bißchen Abwechslung verschafft. Aber leider klappt es wieder nicht," sagte Hitomi enttäuscht.
"Sag mal, woher weißt du das," fragte Nami irritiert.
"Ich habe doch gelauscht, als ihr euch unterhalten habt, Toshi und du," gab Hitomi Auskunft.
"Da wir das nun geklärt haben, finde ich, daß wir alle ruhig noch ´ne Mütze voll Schlaf nehmen. Gute Nacht. Und Hitomi ! Es wird sich alles Regeln," beruhigte Nami und entfernte sich.
"Ja. Es kommt alles ins Lot. Wart's Nur ab."
Mit den Worten verließ auch Love das Zimmer und Hitomi war wieder allein. Sie flüsterte ein kurzes Danke und versuchte, auch zu schlafen.

"Katzenauge, du bist verhaftet," keuchte Toshi, als er ihr hinterher stürmte. Beide jagten durch den dunklen Flur. Plötzlich strauchelte die Diebin und stürzte zu Boden. Diese Zeit reichte Toshi, um sich auf sie zu stürzen. Nach kurzer, aber heftigen Gegenwehr, besiegte er sie und legte ihr Handschellen an. Sie lag auf den Rücken. Um ihr ins Gesicht zu se­hen, drehte er sie um - und erschrak. Er sah in das Gesicht vom Dezer­natschef. Toshi fiel nach hinten, als der Chef plötzlich zu schreien an­fing.
"Sie Idiot, sie Volltrottel. Sie sollen Wache halten und nicht ..." Dem Chef versagte die Stimme. Er holte eine Tablettendose aus seinem Jac­kett und schluckte zwei von ihnen hinunter. Detective Utsumi lag auf dem kalten Steinboden des Polizeireviers, hielt sich den Kopf und spürte eine wachsende Beule.
"Kein Wunder, daß wir Katzenauge nicht fangen, wenn wir solche Leute wie Utsumi haben, die im Dienst schlafen," fuhr er Toshi schroff an.
Toshi stand auf und stellte sich so vor den Dezernatschef, daß der sich nach hinten beugen mußte. Beide Köpfe waren nur noch wenige Zenti­meter voneinander entfernt.
"Aber Chef, daß verbitte ich mir. Wie können sie mich nur so Beleidi­gen," entrüstete sich der Detective.
"Ich bin nur kurz eingenickt. Ich war aber die ganze Zeit wach."
Der Dezernatschef atmete wieder normal.
"So ? Nur kurz eingenickt, wie ? Wie auch immer." Die Pillen senkten seinen Blutdruck.
"Ihre Schicht ist beendet. Aber merken sie sich eins, Herr Utsumi. Wenn sie noch mal im Dienst schlafen, wird das ernste Konsequenzen nach sich ziehen !"
Toshi senkte seinen Kopf.
"Jawohl, Sir. Ich werde mein Möglichstes tun."
Mit den Worten verließ Toshi die Zentrale und ging in den Umkleideraum. Dort zog er sein Jackett und seine restlichen Klamotten aus und duschte erst einmal ausgiebig. Dabei überlegte er sich, wie er Hitomi scho­nend beibringen könnte, daß der Opernabend ausfallen wird.

Am Frühstückstisch bei den Kisugi Schwestern waren alle ein bißchen schläfrig. Bis auf Love. Sie stürzte sich förmlich über das Essen her, als ob es bald nichts mehr gäbe. Aber daran haben sich die anderen Zwei schon gewöhnt. Nami sagte immer : Wenn man gut ist, ist man auch ge­sund. Was in diesem Falle zutrifft, denn Love ist (Wortspiel) gesund. Im Gegensatz dazu ist Hitomi ein wenig verschnupft.
"Hatschi !"
"Du solltest einen Kamillentee trinken," riet Nami.
"Und wie soll ich dann wach werden ? Nein, gib mir lieber einen Kaf­fee," antwortete Hitomi.
"So blöd möcht ich auch mal sein. Wegen einem Kerl sich die Gesund­heit ruinieren. Also wirklich," gab Love mit vollem Mund zu Wort.
Hitomi ignorierte diese verbale Attacke und trank einen kräftigen Schluck Kaffee.
"Möchtest du dein Croissant nicht mehr ?"
"Du kannst es nehmen, Love. Ich bekomme sowieso keinen Bissen herunter."
"Danke," sprachs und verschlang es mit einem Bissen.
"Hitomi. Du mußt was essen. Morgens ist es besonders wichtig."
"Nein danke Nami, aber ich habe keinen Hunger."
"Aber denk daran. Nächste Woche mußt du fit sein. Willst du dich nicht noch ein bißchen hinlegen ?"
"Nein. Ich möchte mich bei Toshi entschuldigen."
"Warum muß Hitomi nächste Woche fit sein," fragte Love mißtrauisch nach.
"Weil..." stotterte Hitomi.
"Weil wir, wenn du weg bist, das Café von oben bis unten putzen wol­len," log Nami.
"Ach so. Gut das ich dann weg bin."
Die anderen Schwestern sahen sich an und atmeten erleichtert aus.
Nachdem sie zu Ende gefrühstückt hatten, machten sie sich bereit, um das Café zu öffnen. Nami putzte die Theke, während Hitomi den Boden wischte. Love räumte das Geschirr weg und legte eine CD mit sanften Klängen in den Player ein. Es war kurz vor Zehn, als Hitomi die Tür auf­schloß. Draußen ist es kalt geworden. Das Thermometer zeigte nur noch + 1°C . Love schaute aus dem Fenster und staunte Bauklötze.
"AH, da kommt ja unser Superdetective mit einer Überraschung."
"Mit einer Überraschung ?"
Einen Augenblick später kam Toshi Utsumi mit einem großen Strauß ro­sa Rosen durch die Eingangstür vom Café. Sein Gesicht war schon etwas verfärbt und er sah nervös aus.
"Oh, Toshi. Sind die für mich," freute sich Hitomi und machte ein über­raschtes Gesicht. Ihr ging es jetzt viel besser.
"Nun, äh... ja," stammelte er und überreichte sie ihr.
"Die sehen ja schön aus," sprach Hitomi.
"Und wie schön die riechen." Nun sagte sie nicht die Wahrheit, denn ehrlich gesagt, sie roch durch den Schnupfen überhaupt nichts.
"Danke !"
Toshi blickte zu Boden. Ihm fehlten die Worte.
"Ich werde eine Vase holen," sagte Nami.
"Nun, ich weiß nicht wie ich es dir Beibringen soll... Also, leider kann ich nicht mit dir in die Oper gehen," sagte Toshi geknickt, "denn ich muß den Nachtdienst dieser Woche übernehmen. Das hatte ich völlig verges­sen. Denn diesmal bin ich dran."
Es war im zu peinlich den waren Grund für den Sonderdienst zu nennen.
"Schade. Aber das macht mir nichts aus. So etwas ähnliches kommt ja dauernd bei unseren Verabredungen vor," sagte Hitomi verständnisvoll.
"Es, es macht dir wirklich nichts aus," fragte Toshi ungläubig.
"Nun, ein bißchen schon, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben."
Toshi atmete erleichtert auf.
"Sind sie nicht süß," fragte Love Nami, die gerade Wasser in die Vase füllte.
Toshi räusperte sich verlegen.
"Ich wollte mich außerdem bei dir entschuldigen, daß ich nicht schon Gestern den Mut hatte, es dir zu erzählen."
"Und ich möchte mich hiermit entschuldigen, daß ich gestern ein wenig aufbrausend war," sagte Hitomi.
"Aber ich... aber ich," weiter kam Hitomi nicht, denn sie mußte hinge­bungsvoll niesen.
"Oh, entschuldige bitte."
"Dafür kannst du doch nichts," sagte Toshi und reichte ihr sein Taschen­tuch, das er aus seinem Jackett heraus kramte.
"Hast du dich gestern im Regen wegen mir unterkühlt ? Dann würde ich dir vorschlagen, daß du ein heißes Bad nimmst und dich dann schleunigst ins Bett legst," sagte Toshi besorgt.
"Ich wette, er währe beim Baden gerne dabei," meinte Love und zeigte mit dem Daumen auf Toshi.
"Love, das reicht," sagte Nami streng.
Toshi wurde wieder einmal rot.
"Du bist ganz schön unverschämt, für dein Alter. Gehe lieber mit deinen Puppen spielen," attackierte Toshi.
Nun schmollte Love, aber sie blieb, erstaunlicherweise, ruhig.
Nachdem Toshi seinen obligatorischen Kaffee und ein Frühstück zu sich genommen hatte, verabschiedete er sich, denn er war recht müde.
"Seit wann ist Toshi unter die Rosenkavaliere gegangen ? Das war aber eine romantische Geste," betonte Nami.
"Ja, nicht war ? "
"Mann, wegen ein paar Rosen flippt ihr ja förmlich aus, als ob das was besonderes währe."
"Du bist ja nur Eifersüchtig, Love. Soweit ich mich erinnern kann, hast du noch nie Rosen geschenkt bekommen," stichelte Hitomi.
"Das habe ich auch nicht nötig. Mit Rosen kann ich nichts anfangen," erwiderte Love pikiert.
"In naher Zukunft wirst du auch Rosen zu schätzen wissen," sprach Nami in weiser Voraussicht.

Am Abend fegte Love das Café aus. Als sie vorne bei der Theke war, entdeckte sie einen Zettel. Sie hob ihn auf und entfaltete ihn. Kurz darauf fing sie unbändig zu lachen an. Nami und Hitomi stürzten aus der Küche und sahen Love verdutzt an.
"Was ist passiert, Love ?"
Love krümmte sich vor Lachen.
"Hit..., ha, ha, ha. Hitomi, du hast Post bekommen. Ha, ha. Von Toshi. Der Zettel muß ihm ausersehen aus seinem Jackett herausgefallen sein, als er dir sein Taschentuch gab."
"Und was ist daran so komisch," fragte Hitomi verärgert.
"Ließ ihn selbst. Der Inhalt wird dich interessieren," sagte Love geheimnisvoll. Das Mädchen reichte ihr den Zettel.
Nachdem Hitomi ihn gelesen hatte, war ihr Gesicht rot angelaufen und sie hielt den Brief an ihrem Herzen.
"Love, über so etwas persönliches Lacht man nicht. Er war bestimmt nicht für dritte Personen bestimmt," sagte Hitomi streng.
"Was steht denn darauf," fragte Nami neugierig.
"Es ist ein Liebesbrief von Toshi an unsre Hitomi, den er vor vier Jahren geschrieben hat. Wahrscheinlich hatte er keinen Mut, ihn Hitomi zu ge­ben. Nun hat sie ihn aber doch durch einen ungeschickten Zufall be­kommen."
"Toshi hat dir einen Liebesbrief geschrieben ? Er überrascht mich heute aber wirklich. Erst die Blumen und jetzt das. Er ist ja ein richtiger Ro­mantiker," stellte Nami fest.
"Ja. Wenn er nur nicht so schüchtern währe. Der Brief gefällt mir aber gut. Er ist fast ein Poet," schwärmte Hitomi.
"Ein Poet ? Toshi ? Niemals. Der Brief reimt sich ja nicht mal," sagte Love.
"Dafür kommt er direkt aus dem Herzen und Frauen mögen das !"
"Darf ich den Brief lesen," fragte Nami.
Hitomi wog ab, ob er nicht zu intim und persönlich war.
"Ja, aber nur, wenn du dich nicht auch über ihn lustig machst," sagte Hitomi und gab ihrer älteren Schwester den Brief.
"Also unser lieber Toshi ist ja mächtig verknallt in dich. Er Schmeichelt dir ja in höchsten Tönen. Mir würde der Brief auch gefallen," sagte Nami.
Nachdem Hitomi von den anderen Schwestern das Versprechen abver­langt hatte, nie nur ein Wort über den Brief zu sagen, gingen sie schla­fen. Diesmal hatte Hitomi keine Alpträume. Sie träumte von dem In­halt des Briefes und von dem gutaussehenden, jungen Mann, der ihn verfaßt hatte - Detective Toshi Utsumi.
Toshi. Ich empfinde das Gleiche ebenso für dich. Danke. Es ist ein so schönes Gefühl, geliebt zu werden.

"Bist du wirklich der Meinung, daß du einkaufen mußt ?"
Hitomi war verwirrt.
"Wieso sollte ich nicht, Toshi"
"Na wegen deiner Erkältung. Mit so etwas ist nicht zu spaßen. Erst nur ein kleiner Nieser, dann ein Schnupfen und Peng ist dein Immunsystem erledigt und du bekommst eine Lungenentzündung," erklärte er.
"Toshi. Es ist sehr Nett von dir, daß du dich so um mich sorgst, aber ma­che nicht aus einer Mücke einen Elefanten," beruhigte Hitomi.
"Wie du meinst," sagte Toshi beleidigt. "Aber sage bloß nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Akzeptiere aber wenigstens, das ich dich begleiten werde."
Hitomi hatte nichts dagegen einzuwenden.
"Ziehe aber wenigstens einen Schal an."
"Toshi, ich..."
"Bitte," flehte der Detective.
Hitomi gab nach und kurz darauf schlenderten sie schon in der Ein­kaufsstraße herum. Es war ein ungewöhnlich kalter Freitag Nachmittag und auf dem Gehsteig hatte sich schon etwas Glatteis gebildet. Als erstes gingen sie in ein Sportgeschäft. Hitomi wollte Love noch irgend etwas für ihre Skiurlaub kaufen. Es waren recht viele Leute im Geschäft.
"Währe das nicht das ideale Geschenk für deine Schwester," fragte Toshi und hielt eine Wollmütze mit einer großen Bommel in der Hand.
"Nun," begann Hitomi, " ich glaube, daß das nicht das richtige Geschenk für Love währe."
Toshi legte die Mütze beleidigt weg.
Nun standen sie vor einem Korb mit vielen Handschuhen.
"Das sind doch genau die richtigen Handschuhe für Love," rief Toshi und präsentierte stolz ein Paar rosafarbene Handschuhe.
"Nun ich weiß nicht. Um Handschuhe zu kaufen, benötigt man die ge­naue Größe der Hand und diese, die du dort hast sind auch noch 100 % synthetisch. Da schwitzt man sich ja einen ab," erklärte sie.
"Na gut. Ich gebe es auf. Offensichtlich habe ich keinen guten Ge­schmack und auch keine Ahnung von Kleidungsstücken," grummelte der Detective.
"Ich würde nicht sagen, das du keinen Geschmack hast, aber," Hitomi zögerte.
"Aber du kennst den Geschmack von Frauen nicht."
Nachdem sie sich noch einige andere Sachen angesehen hatten, kaufte Hitomi eine Skibrille.
Als sie aus dem Geschäft heraus gingen, passierte es. Ein falscher Schritt und Toshi rutschte auf dem Eis aus und landete rücklings auf dem Boden.
"AH, tut das weh. Hitomi, hilf mir bitte hoch," sagte Toshi mit schmerzverzerrtem Gesicht und streckte seine rechte Hand aus. Hitomi nahm sie und fing an, zu ziehen. Doch auch sie rutschte auf dem Boden aus und zerrte an Toshis Hand. Durch diese unerwartete Kraftzuname flog er im hohen Bogen durch die Luft und landete mitten auf Hitomi. Sie sah ihn mit überraschtem Gesicht an. Das Ganze war im natürlich sehr peinlich. Er rollte sich von ihr runter und half ihr auf die Füße.
"Entschuldige Hitomi. Das war keine Absicht. Also die Stadt sollte man verklagen, daß sie noch nicht gestreut hat," ärgerte sich Toshi.
"Hast du dich verletzt," fragte er Besorgt.
"Nein. Es scheint alles heil geblieben zu sein," erwiderte Hitomi.

Am Sonntag morgen erwachte Love als erste. Sie stürmte in die Küche und aß schnell einen Happen. Ihre Koffer hatte sie schon gestern Abend gepackt.
"Aber Love. Warum bist du schon Auf," fragte Nami noch schläfrig.
"Weil ich heute nach Hokkaido ins Skicamp fahre und ich nicht zu spät kommen will," antwortete sie hektisch.
"Wann fährt denn der Zug ?"
Love schaute auf ihren Zettel.
"Schon um neun Uhr. Ich muß mich beeilen, damit," Love stoppte mitten im Satz und schaute noch einmal auf den Zettel.
"Ups, da habe ich mich geirrt. Er fährt zwar um neun Uhr, aber neun Uhr p.m. "
"Und darum weckst du uns um halb sieben a.m. ," fragte Nami wütend und gähnte ausgiebig.
"Ich hätte gedacht, daß du in der Schule schon Lesen gelernt hast," attackierte Hitomi.
"Man wird sich ja noch irren dürfen," verteidigte sich Love.
"Dann mache ich uns erst einmal ein anständiges Frühstück," sagte Nami und ging ihrerseits in die Küche.

Um zehn Uhr betrat Detective Utsumi das Café.
"Morgen, die Damen. Gut geschlafen," fragte er.
"Gut, aber kurz," antwortete Hitomi mit dem Blick auf Love gerichtet.
Toshi wendete sich an Love.
"Wann fährst du denn heute weg ?"
"Der auch noch," sagte Love und verdrehte dabei ihre Augen.
"Sie fährt um neun Uhr p.m. Sie hatte gedacht um a.m. und hat uns um halb sieben aus dem Bett geschmissen," sagte Hitomi.
"Dann habe ich ja Glück gehabt," stellte Toshi Utsumi fest.
"Glück ? Wie soll ich das denn verstehen," fragte Hitomi verwirrt.
"Weil ich Love noch ein Geschenk geben wollte, bevor sie abfährt."
Hitomi erschrak und rannte nach oben.
Kurz darauf erschien sie mit einem Geschenk.
"Das hätte ich doch tatsächlich ganz vergessen," sagte sie außer Atem und übergab es Love.
"Danke," erwiderte sie und packte es neugierig aus.
Es war eine Skibrille. Aber eine Besondere, wie Love schnell heraus fand. Sie hatte eine batteriebetriebene Miniheizung integriert, damit sie nicht beschlägt und damit die Augen nicht bei der kalten Luft tränen.
Nun gab Toshi ihr sein Geschenk. Hitomi hoffte, das es weder die alber­ne Mütze, noch ein paar Handschuhe sind.
"Was ist das denn," fragte Love und hielt ein kleines, kastenförmiges Ge­rät in den Händen. An dem einen Ende baumelte ein Lederband.
"Das ist ein Peiler," sagte Toshi stolz.
"Ein Peiler ?"
"Ja. Wenn du von einer Lawine erfaßt wirst, drückst du auf den kleinen Knopf und das Gerät sendet auf 100 kHz ein Signalton, das man mit ei­nem Radio hören kann. Aber nur aus einer Entfernung bis zu fünf Ki­lometer. Damit kann man dich bis zwei Meter genau anpeilen. Also so etwas ähnliches wie mein Pisper, nur umgekehrt," erklärte Toshi.
"Auch dir vielen Dank. Das kann nützlich werden," antwortete Love.
"Hoffentlich nicht !"
"Wieso ? Was meinst du damit, Nami," fragte Hitomi.
"Ich hoffe das sie es nicht brauchen wird. Es gibt weitaus besseres als von einer Lawine verschüttet zu werden," sagte Nami sorgenvoll.
"Keine Angst," beruhigte Love. "Mir wird schon nichts passieren."
"Hoffentlich !"
"Und wie war die Nacht bei dir," fragte Hitomi und bereitete ihm einen Kaffee.
"Wie immer. Langweilig. Ich glaube fast, das in unserem Bezirk Nachts alle Diebe schlafen. Bis auf die Katzen, aber die haben sich nicht blicken lassen."
Warte es nur ab, Toshi. Bald wird es für dich auch wieder interessant.

Pünktlich um neun Uhr p.m. fuhr der Schnellzug nach Hokkaido in dem Ueno-Bahnhof ein. Love verabschiedete sich von ihren Schwestern und stieg mit Kazumi in den Zug. Er fuhr ab und Nami und Hitomi waren für eine Woche alleine im Café.
Zu Hause angekommen, bereiteten sie sich auf den für morgen geplanten Diebstahl vor.

Im Polizeidezernat lehnte sich Toshi zurück und dachte an Hitomi. Plötzlich zischte etwas durch die Luft und steckte in dem Tisch vor ihm.
Er erschrak so sehr, daß er mit dem Stuhl nach hinten fiel. Als er sich wieder aufrappelte, erkannte er den Gegenstand.
"Eine Katzenkarte !"
Er nahm sie aus dem Tisch und laß.
Wir werden uns am Montag um 22.00 Uhr das Gemälde Die Frau mit dem goldenen Hut holen.
Cat´s Eye
"Das werden wir ja sehen," drohte Toshi siegessicher.

Es war eine naßkalte Nacht. Während das übrige Tokyo allmählich zur Ruhe kam, gab es anderen Orts konzentrierte Aktivität. Das Museum für westliche Kunst war hell erleuchtet und viele Polizisten waren rings um das Gebäude verteilt. Innen standen Detective Utsumi und Unterinspek­tor Assaya und standen vor dem bewußten Gemälde.
"Heute wird es Katzenauge nicht gelingen, das Bild zu stehlen," wagte der Dezernatschef die Aussage und ging mit einem hinterhältigen Blick und einem Lächeln zu den beiden. Sein Gesicht spiegelte sich in dem Glaskasten um das Gemälde. Der goldene Damenhut schimmerte geheimnisvoll in dem Licht. Toshi runzelte die Stirn.
"Ich bin mir der Sache nicht ganz so sicher," zweifelte er.
Der Chef schaute ihn erstaunt und fragend an.
"Nun, die Katzen haben es bisher immer geschafft uns hereinzulegen," gab Toshi zu bedenken.
Nun verfärbte sich das Gesicht des Dezernatschefs blutrot und er verzog wütend sein Gesicht.
"Utsumi ! Sind sie so blöd, oder tun sie nur so ? Wie soll die Katze ihrer Meinung nach hier hereinkommen ? Einfach durch die Wände gehen," schrie er voller Inbrunst. Toshi wich durch den plötzlichen Wutanfall erschrocken zurück. Fräulein Assaya rannte weg, und kam wenig später mit einem Glas Wasser wieder. Der Chef nahm es dankend entgegen und schluckte wieder ein paar Pillen gegen seinen zu hohen Blutdruck.
Nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, wandte sich die Unterinspekteurin an den Detective.
"Ich bin mir auch sicher, daß niemand hier hereinkommt. Um das Gebäude herum sind dreißig Polizisten postiert und die Fenster sind mit Gitterstäben gesichert. Im Gebäude selbst stehen noch sechzehn Polizeibeamte, alle schwer bewaffnet. Nein, hier kommt niemand unerlaubt hinein," sagte sie überzeugt.
Toshi blickte durch den Raum und entdeckte etwas.
"Und was ist mit den Lüftungsschächten," fragte er.
Assaya schüttelte ihren Kopf.
"Da kommen sie auch nicht rein. Die sind mit mehreren aufeinanderfolgenden Gittern geschützt."
Toshi knirschte mit den Zähnen.
"Und wenn sie wieder Schlafgas benutzen," gab er triumphierend zu bedenken.
"Jeder Polizist ist mit einer Gasmaske ausgerüstet," erklärte der Chef.
Toshi gab sich geschlagen.
"Wo ist eigentlich ihre," fragte der Chef mißtrauisch.
Toshi schluckte. Hatte er doch tatsächlich seine im Auto liegenlassen.
Er sagte, er wolle nur noch schnell mal austreten und rannte über den grauen Linoliumfußboden. Der Chef und Fräulein Assaya blickten ihm verwundert nach.

Aber nicht nur im Museum gab es emsiges Treiben. Auf der anderen Seite des kleinen Sees im Ueno-Park stand ein Porsche, dessen Insassen gespannt auf die Uhr schauten. Die Gestalten hatten einen eng anliegenden Anzug an. Die Frau im schwarzen Dress wirkte, im Gegensatz zu der im blauen, sehr Angespannt und hantierte mit einer Fernbedienung. Es war nun fünf Minuten vor Zehn. Im Museum erwartete man das Auftreten von Katzenauge, und die Frau im blauen Dress stieg aus dem Wagen. Toshi schaute konzentriert auf seine Armbanduhr.
Noch zwei Minuten bis zur angekündigter Zeit. Diesmal erwische ich dich, Katzenauge. Hier kommst du nicht rein.
Fräulein Assaya entsicherte ihre Waffe. Toshi rümpfte die Nase. Er verabscheute Waffen. Er vertraute lieber seinen Judokünsten.
Noch eine Minute.
Toshi spannte seine Muskeln an und lockerte sie.
Noch dreißig Sekunden.
Toshi lauschte angestrengt und sein Puls raste.
Noch zehn Sekunden.
Alle im Museum hielten den Atem an.
Eine Turmuhr in der Ferne fing an, die volle Stunde zu schlagen. Es war vorerst das Letzte, was Toshi hörte.
Schmerz, unerträglich starker Schmerz durchzuckte ihn. Er hielt sich die Hände an die Ohren. Um ihn herum fielen alle um und auch er verlor kurz die Besinnung. Doch durch riesenhafte Willenskraft gelang es ihm, das Bewußtsein schnell wieder zu erlangen. Es war kein Ton mehr zu hören und er stand auf. Als er zum Bild schauen wollte, sah er rings herum Scherben. Die Sicherheitsvitrine und alle Fenster waren offensichtlich zu Bruch gegangen und das Bild war -­­ weg. Statt dessen steckte in der Wand eine Karte von Katzenauge.
Toshi drehte sich blitzschnell um, als er aus den Augenwinkeln einen Schatten sah.
"Katzenauge," rief er, doch keiner konnte ihn hören. Alle anderen lagen noch immer bewußtlos am Boden. Er verlor keine Zeit und rannte aus dem Museum.
Dort, auf der Brücke ist sie.
Toshi hetzte die Treppen hinauf. Kurz, bevor er sie hätte erreichen können, sprang sie hinunter und landete auf der Schwebebahn, die durch den Ueno-Park führte. Der Verfolger schluckte, schloß seine Augen und sprang auch. Er knallte auf dem letzten Wagen der Bahn und richtete sich auf. Vorne sah er Katzenauge auf dem Dach weiter rennen. Der Detective jagte hinterher und holte langsam auf. Er faßte sich Mut und sprang Katzenauge entgegen. Toshi bekam sie zu greifen, doch die Freude währte kurz, denn durch den Sprung kamen beide aus dem Gleichgewicht und rollten vom Dach in die Tiefe.
Die Frau drehte sich elegant in der Luft, während Toshi schreiend hinabstürzte. Sein ganzes Leben raste an seinem Auge vorbei. Er bedauerte sehr, daß er Hitomi nie mehr sehen würde.
Plötzlich war ihm seltsam kalt und er sah überhaupt nichts mehr. Dann spürte er Feuchtigkeit um sich herum.
Wasser ! Ich bin noch nicht tot.
Ein dumpfer Knall, starker Schmerz und er verlor abermals sein Bewußtsein.
Am Ufer wartete die Frau im schwarzen Dress auf ihre Gefährtin.
Diese ließ nicht lange auf sich warten und tauchte aus dem Wasser.
Sie legte das Bild an Land und rang nach Luft.
"Wo ist Toshi," fragte sie atemlos.
Nami schüttelte ihren Kopf.
"Ich habe ihn bis jetzt nicht wieder auftauchen gesehen," gab sie Auskunft.
Hitomi erschrak, holte tief Luft und tauchte noch einmal unter Wasser.
Es war mehr ein Gefühl, Instinkt, daß sie ihren Liebsten fand, denn in der Nacht sah man überhaupt nichts. Hitomi spürte Wärme und bekam ihn zu packen. Sie schwamm nun mit ihm im Schlepp an Land. Nami half ihr, Toshi aus dem Wasser zu ziehen. Seine Haare waren blutverschmiert. Er hatte eine große Platzwunde am Kopf und war immer noch ohnmächtig. Während Hitomi seinen Kopf hielt, eilte ihre Schwester zu ihren Wagen und holte Verbandszeug. Sie mußten sich beeilen, denn schon bald würden die anderen Polizisten sie suchen. Nach dem sie To­shi verbunden hatten, gab Hitomi ihm noch einen Kuß auf die Wange. Sie fühlte sich Verantwortlich für den Unfall. Schließlich ließ sie von ihm ab und fuhr mit dem Bild davon.

Seltsam. Warum geht keiner ans Telefon?
Love stand in einer Telefonnische und fragte sich, wo ihre Schwestern wohl wären. Enttäuscht legte sie den Hörer auf die Gabel und ging grübelnd in den Gemeinschaftsraum des Skicamps. Sie kniete sich zu den anderen Teilnehmern, die gerade ein Brettspiel spielten. Kazumi amüsierte sich offenbar prächtig, denn sie war am gewinnen. Love dachte die ganze Zeit an ihre Schwestern.
"He, Langweilerin."
Love wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Kazumi sie anstieß.
"An was denkst du denn gerade," fragte die Freundin neugierig.
"Ach, an nichts besonderes," antwortete Love.
Das glaubte Kazumi nicht und hakte mit einem Zwinkern nach.
"Denkst du etwa an Kushiro ?"
Love verneinte diese Anspielung auf das Heftigste.
"Das nehme ich dir nicht ab. Ich habe doch bemerkt, wie du ihn angesehen hast, als wir hier ankamen," sagte sie spitz.
"Darf ich denn niemanden Ansehen," fragte Love leicht düpiert.
Kazumi kicherte.
"Es kommt nicht auf das Sehen an, sondern auf das wie. Und du hast ihn ganz schön angehimmelt."
"Phh. Und wenn schon, das geht dich nichts an," antwortete Love und stapfte aus dem Zimmer, um noch einmal im Katzenauge anzurufen.

Diese Nacht schlief Hitomi sehr schlecht. Sie hatte wieder Alpträume und malte sich die schlimmsten Sachen aus, die Toshi zugestoßen sein könnten. Vielleicht ist er verblutet ?
Der Gedanke war unerträglich. Sie wälzte sich hin und her bis sie schließlich erschöpft einschlief.
Auch Nami fand kaum die nötige Ruhe zum Einschlafen. Sie wünschte, trotz daß Detective Utsumi ihr Feind war, ihm nichts böses, denn er war ein guter Freund der Familie. Sie kannten ihn schon etliche Jahre. Nami erinnerte sich, wie sie ihn das erste Mal sah. Er war ein schüchterner Junge mit Pickeln, als er Hitomi von der Schule nach Hause ins Café begleitete. Er war so schüchtern, daß er erst beim fünften Mal den Mut fand, mit in das Café zu gehen. Er setzte sich an einen Tisch und aß mit Hitomi ein Stück Torte. Dabei schaute er verlegen entweder auf seine Uhr, oder auf seine Hände. Doch das machte Hitomi nichts aus. Sie hatte sich Hals über Kopf in Toshi verliebt, und diese Liebe hielt bis heute. Als er später bei der Polizei im Raubdezernat arbeitete, kam es zu einer großen Zerreißprobe zwischen den Verliebten, doch ihre Liebe bestand den Test. Von da an, war Nami klar, daß Toshi ihr zukünftiger Schwager sein würde, auch wenn er bis heute Hitomi noch keinen Antrag gemacht hat. Aber, da war sich Nami sicher, der wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wenn er überlebt hat. Die Wunde heute Nacht hatte ziemlich übel ausgesehen.

Am Frühstückstisch war es heute besonders still, was nicht unbedingt darauf zurückzuführen war, daß Love nicht dabei saß. Hitomi blickte aus dem Fenster. Es regnete in Strömen. Nami versuchte sie auf andere Gedanken zu bringen, aber es gelang ihr nicht ihre eigene Besorgnis aus der Stimme zu nehmen. Um Zehn öffneten sie das Café.
Bald darauf kam eine Gestalt im dunklen Regenmantel durch die Tür. Es war Detective Utsumi. Als er seine Kapuze abstreifte, sah man einen Verband um seinen Kopf.
"War das eine Nacht," ächzte er.
"Katzenauge ist mir schon wieder entwischt !"
Hitomi sah ihn an.
"Was ist mit deinem Kopf geschehen," fragte sie mit besorgter Stimme.
"Ach das," sagte der Detective und zeigte auf den Verband," das ist mir bei der Verfolgung von Katzenauge passiert. Aber nichts Schlimmes," beruhigte er. "Nur eine kleine Platzwunde. Nicht der Rede wert."
Die beiden Schwestern atmeten erleichtert aus und Hitomi umarmte Toshi heftig.
Er schaute ganz verdutzt und lächelte dann.
"So besorgt um mich ? Das schmeichelt mir ja."
Nami brachte ihm seinen Kaffee. Als er einen Schluck nehmen wollte, fing seine Hand an zu zittern und er stellte die Tasse ganz schnell ab. Nami fragte sich, was mit dem Kaffee nicht stimmen sollte, doch plötzlich gab Toshi einen lauten Nieser von sich.
"Gesundheit, Toshi. Das klingt aber gar nicht gut," sagte Hitomi besorgt.
"Dan.., da...Hatschi !"
Er nahm sein Taschentuch aus seiner Jacke und schneuzte kräftig hinein.
"Ich glaube, du wirst krank," sagte Hitomi und faßte an seine Stirn. Sie glühte förmlich.
"Toshi, du hast Fieber und Schüttelfrost. Du mußt schleunigst ins Bett."
Der Detective gab einen leises Ächzen von sich und rutschte vom Stuhl.

Als er wieder aufwachte, lag er in einem Bett und hatte ein feuchtes Tuch auf der Stirn. Er fror ziemlich und schloß noch einmal kurz die Augen. Toshi befand sich in einem fremden Raum. An der Wand hingen einige Rockposter und auf dem kleinen Nachttisch stand eine Schale mit Wasser. Er konnte sich nicht vorstellen, wo er sich befand. Auf einmal hörte er Schritte und eine Frau kam ins Zimmer.
"Hitomi, er ist endlich wieder aufgewacht," rief sie und ging zu seinem Schlaflager.
"Hitomi ? Nami ? Wo bin ich," fragte er irritiert.
Die Frau nahm das Tuch von seiner Stirn und wrang es im Wasser aus.
Nun betrat Hitomi das Zimmer.
"Du bist bei uns, in Loves Zimmer," antwortete sie sanft.
"Aber wieso..."
Sie legte ihren Zeigefinger auf seinen Mund.
"Nicht reden, Toshi. Das strengt zu sehr an. Du bist heute Morgen im Café umgekippt," antwortete sie und legte ihm das feuchte Tuch auf die Stirn. Nami ging hinunter in das Café, um sich um etwaige Gäste zu kümmern.
Toshi bekam einen leichten Schwindelanfall und schüttelte sich. Er war völlig entkräftet und fühlte sich miserabel, als ob ein Omnibus ihn überfahren hätte. Er war schweißgebadet und bekam einen Hustenanfall.
Nachdem er sich beruhigt hatte, ging auch Hitomi weg, um ihm einen Tee zu bringen. Erst jetzt bemerkte Toshi, daß er nur mit seiner Unterhose bekleidet im Bett lag. Erschrocken verzog er sein Gesicht und fragte sich, wer in denn ausgezogen hätte. Ihm war es merklich peinlich, so peinlich, daß er nur einen Gedanken fassen konnte: Weg, bloß weg.
Aber wohin? Und Wie? Nur mit der Unterhose konnte er wohl nicht weit kommen und seine Sachen sah er nirgends. Also gab er seinen Gedanken erst einmal auf. Toshi fühlte sich wie ein Gefangener. Aber im Paradies. Er sieht doch immer Hitomi und sie sorgt für ihn. Warum fühlte er sich nur so schlecht?
Unten im Café saß Mr. Nagaishi an der Theke und trank einen Kaffee.
Hitomi ging die Treppen runter und begrüßte ihn.
"Ich wollte ihnen noch zum erfolgreichen Unternehmen gestern Nacht gratulieren," sagte er.
Hitomi machte ein betrübtes Gesicht.
"Ich weiß nicht, ob man das Erfolgreich nennen kann. Bei der Verfolgung hat sich Toshi verletzt und ist nun wegen mir sehr krank," erklärte Hitomi.
"Aber das ist doch nicht deine Schuld, Schwester," beruhigte Nami.
"Ich fühle mich trotzdem Schuldig. Er tut mir so leid."
Vor Hitomis Augen spielten sich die Ereignisse noch einmal ab. Doch sie riß sich davon fort und bereitete einen Kräutertee für Toshi. Plötzlich kam Fräulein Assaya durch die Tür des Cafés und fragte, ob sie wüßten, wo Detective Utsumi sich befindet.
"Toshi liegt oben im Bett. Er hat hohes Fieber und ist stark erkältet. Darum ist er noch nicht zur Arbeit erschienen," sagte Nami.
"Ach so ist das. Dürfte ich mal zu ihm gehen, denn ich habe noch ein paar Fragen den Einsatzbericht betreffend," fragte die Unterinspekteurin.
"Selbstverständlich. Er liegt oben, dritte Tür rechts," antwortete Hitomi.
Assaya ging nach oben.
"So ist das bei der Polizei. Selbst bei Krankheit im Dienst," sagte Nami.
Nachdem Assaya wieder herunter kam, ging Hitomi zu Toshi.
"Herr Utsumi sieht ja wirklich schlimm aus," sagte Assaya. "Und das alles nur wegen den Katzen. Ich werde ihn beim Chef entschuldigen. Er braucht sich nicht abmelden."
Sie verabschiedete sich und ging.

"Hier ist dein Tee," sagte Hitomi und stellte die Tasse auf dem Nachttisch ab. Toshi bedankte sich und trank einen Schluck.
Nachdem er die Tasse wieder absetzte, sank sein Kopf in das Kissen.
Toshi fühlte sich entkräftet. Hitomi fragte ihn nun ganz unschuldig, wie er sich die Verletzung zugezogen hätte. Utsumi begann zu erzählen.
"Ihr seid ohnmächtig geworden? Warum das denn? Was war das für ein Schmerz?"
Toshi seufzte.
"Fräulein Assaya hat mir eben erklärt, daß sie Lautsprecher in den Bäumen entdeckt haben. Die Katzen haben uns mit Ultraschall außer Gefecht gesetzt. Schmerzvoll, aber ungefährlich. Bei dieser Methode bleiben keine Schäden," sprach Toshi.
"Außer bei dir, wie man sieht," stellte Hitomi fest.
Toshi schüttelte den Kopf.
"Nein, meine Kopfverletzung habe ich mir bei der Verfolgung zugezogen. Ich bin mit Katzenauge von der Magnetschwebebahn in einen See gestürzt und wahrscheinlich habe ich meinen Kopf an einem Felsen unter Wasser aufgeschlagen."
Hitomi verstand. Nun begann sie den Verband um Toshi Kopf zu wechseln. Sie wickelte ihn ab und holte etwas Jod.
Als Toshi die Flasche sah, machte er ein erschrockenes Gesicht. Er wich von Hitomi fort und wedelte mit den Armen.
"Nein, daß ist nicht nötig," wehrte er ab.
Aber Hitomi gab nicht auf.
"Toshi! Wenn ich die Wunde nicht desinfiziere, dann kann sie sich entzünden. Und das ist schmerzhafter," erklärte sie.
Als Toshi sich abermals weigerte, dachte sie nach, wie sie ihn doch überzeugen könnte. Bei Kindern hilft oft die Versprechung einer Belohnung, etwas Süßes. Aber wie könnte man einen Erwachsenen belohnen?
"Toshi, wenn ich die Wunde desinfizieren darf, bekommst du zur Belohnung einen Kuß," bot sie an.
Toshi hielt inne und dachte nach.
Er war damit einverstanden und sie öffnete die Flasche und tauchte einen Wattebausch ein. Diesen drückte sie vorsichtig auf die noch immer offene Wunde. Toshi schrie laut auf und verzog sein Gesicht schmerzvoll. Doch er besann sich, daß er doch ein Mann sei und zog den Kopf nicht weg.
Nach diesem Martyrium legte Hitomi ihm einen frischen Verband um die Verletzung.
"Nun zu meiner Belohnung," sagte er in freudiger Erwartung.
Nun seufzte Hitomi und mußte nun wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Sie liebte ihn, jedoch kam es sehr selten zum Austausch von Zärtlichkeiten in ihrer Beziehung. Sie beugte sich zu ihm hinunter. Dabei schwangen ihre ungewöhnlichen, langen Haarsträhnen vor dem Ohr vor.
Kurz bevor sich ihre Lippen trafen, ging die Tür auf. Erschrocken wich Hitomi zurück. Nami trat in das Zimmer mit einem besorgten Gesicht.
"Warum hat Toshi so geschrien," fragte sie.
"Ich habe ihm nur seine Verletzung desinfiziert," antwortete Hitomi und zuckte mit ihren Schultern.
Nun war es Toshi natürlich peinlich, daß er geschrien hatte, aber das Jod brannte sehr auf seinem Kopf. Um auf ein anderes Gesprächsthema zu gelangen, fragte er, wo seine Sachen den seien.
"Die trocknen noch, Toshi. Ach, und Fräulein Assaya hat gesagt, daß du dich nicht abmelden brauchst, das hätte sie für dich getan," berichtete Nami.

Es war ein kalter Morgen und in der Nacht waren zwanzig Zentimeter Neuschnee gefallen. Es herrschte ein wildes Treiben an der Frühstücksausgabe, denn alle wollten so schnell wie möglich auf ihre Bretter. Auch Kazumi und Love beeilten sich. Beide wirkten etwas unausgeschlafen, aber das änderte sich, als sie nach draußen liefen. Sie genossen die herrliche Aussicht. Es war ein klarer Himmel und man konnte bis zum Gipfel des Mount Daisetsuzan blicken.
Patsch. Ein Schneeball traf Love mitten ins Gesicht. Diese Frechheit konnte nicht ungeahndet bleiben und Love warf ihrerseits einen in die Richtung des ersten, traf aber nicht die richtige Person. Einen Augenblick später war eine große, allgemeine Schneeballschlacht im Gange.
Nachdem nun die Müdigkeit vertrieben war, machten sich alle Teilnehmer des Skikurses daran, die Skier zu wachsen. Das wachsen, meinte der junge Skilehrer, sei das A und O beim Ski fahren, wenn man richtig fun haben wolle. Danach schnallten sich alle die Skier an und los ging es zu der Bügelliftanlage. Love und Kazumi waren die Zweiten am Lift, nahmen einen Bügel und fuhren los. Es ging durch eine Waldschneise recht zügig bergan. Aber plötzlich nahm die Steigung so abrupt zu, daß einer der Vorderen im Lift auf dem vereisten Untergrund ausrutschten und der Länge nach hinfiel. Love und Kazumi wollten ausweichen, doch Love verhakte sich aber mit den Skiern und viel direkt auf den Verunglückten.
Nun reagierte der Liftführer und betätigte den Notausschalter.
Love lag mitten auf Kushiro. Als sie das bemerkte, stand sie so schnell auf, daß sie ihr Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel. Kushiro stand seinerseits auf und half Love dabei aufzustehen.
"Entschuldigt bitte, aber ich bin auf dem glatten Boden wohl ausgerutscht," sagte er leicht beschämt und blickte Love direkt in die Augen.
"Nun, das macht doch nichts. Kann ja jedem mal passieren, aber wir sollten nun den Lift freimachen, damit er wieder losfahren kann," sagte Love.
Sie glitten über die Spur und stapften gemeinsam durch den Tiefschnee im kleinen Waldstück. Als die Beiden endlich die Piste erreichten, stellte sich Kushiro vor.
"Ich heiße Kushiro Toranaga und komme aus Yogusuka."
"Mein Name ist Love Kisugi aus Tokio."
Kushiro stutze.
"Love? Wie in Englisch Liebe?"
Das Mädchen war solche Fragen gewöhnt. Manchmal wünschte sie sich einen anderen Namen, aber sie zog ihn allen Anderen vor. Sie mag ungewöhnliche Namen und war der Meinung, ein ungewöhnlicher Name paßt zu ihr, denn sie führt ja auch ein recht ungewöhnliches Leben mit ihren beiden Schwestern.
"Ja, wie die Liebe."
"Wie bist du zu so einem Namen gekommen," fragte Kushiro.
"Ich bin halt ein liebenswertes Mädchen," antwortete sie keß und fuhr darauf den Berg hinunter, um sich am Lift wieder anzustellen.
"He, warte," rief er hinter ihr her und schoß den Berg hinab.
Am Lift trafen sie sich wieder und nahmen zu zweit einen Bügel.
"Ich werde mich bemühen nicht wieder Auszurutschen," beteuerte er.
Auf der Fahrt zum Gipfel unterhielten sie sich über Rockmusik und Computertechnik. Die Beiden verstanden sich recht gut und Kushiro wunderte sich darüber, daß ein Mädchen sich so sehr für Computer interessiert.
"Das ist doch nichts Besonderes," erklärte Love. " Heutzutage haben Frauen keine Angst mehr vor Technik und müssen sich nicht mehr hinter euch Männern verstecken."
Um das Thema Gleichberechtigung zu vermeiden, fragte Kushiro, seit wann Love denn schon Ski fahren würde.
"Seit vier Jahren. Und glaub ja nicht, daß ich schlechter fahre, als du.
Frauen können nämlich besser Ski fahren als ihr Männer," fing sie wieder an. Gleichberechtigung war ein wichtiges Thema für Love, die es nicht verstand, wie andere Frauen sich nur von Männern unterdrücken lassen konnten. Sie war überzeugt, daß Frauen mindestens in allen Berufen mit dem starken Geschlecht mithalten könne.
Zum Glück kamen sie bald darauf an der Endstation des Liftes an. Aber nirgends war ihre Skigruppe zu sehen. Wo waren sie ab geblieben? In welche Richtung sind sie gefahren?
"Sie haben wohl nicht auf uns gewartet," stellte Kushiro fest.
"Offensichtlich nicht. Aber was machen wir jetzt? Ich kenne mich hier nicht aus," sagte Love.
"Aber ich. Ich war schon drei mal hier am Daisetsuzan. Da wir nicht wissen, wo der Rest hingefahren ist, schlage ich vor, daß wir selbst unsere eigene Tour machen. Was hältst du davon, Love?"
Sie war der selben Meinung und sie fuhren bald die wildesten Abfahrten. Kushiro Toranaga zeigte ihr einige besondere Abfahrten, wo kaum jemand längs fuhr. Die Zeit verging sehr schnell und gegen Mittag fragte der Junge, ob sie denn Hunger habe. Erst jetzt merkte Love wie erschöpft und hungrig sie war. Kein Wunder, denn sie sind jetzt über drei Stunden ununterbrochen gefahren.
"Wollen wir zurück ins Hotel," fragte Love.
Der Junge schüttelte den Kopf.
"Nein, das Essen ist dort nicht unbedingt mein Fall. Ich ziehe ein Essen in einer Alm vor."
"Einer Alm? Wo ist denn hier eine Alm? Ich habe keine gesehen."
"Vertraue mir. Dort gibt es vorzügliche Speisen aus Europa. Der Inhaber kommt aus Österreich, einem Land in..."
"Ich weiß wo Österreich liegt. In den europäischen Alpen," entrüstete sich Love.
"ßumimaßéN. Ich wollte nicht überheblich klingen," entschuldigte sich Kushiro. "Also wollen wir ?"
"Love war einverstanden und sie zischten los.

"Mittagessen," rief Hitomi und kam in Loves Zimmer mit einem Tablett.
Toshi hatte überhaupt keinen Appetit, doch seine Freundin zwang ihn die Suppe zu essen.
"Du mußt was zu dir nehmen, Toshi. Dein Körper ist sehr geschwächt und muß doch einen Kampf gegen die Krankheit gewinnen. Dafür muß er kräftiger werden," belehrte sie ihn, hob den Löffel mit etwas Suppe und schob ihn in Toshis Mund, der gerade widersprechen wollte. Plötzlich verzog er sein Gesicht und gab einen lauten Ton von sich. Er wedelte mit den Händen herum und sein Gesicht färbte sich rot. Nachdem er den Mund leer hatte, schrie er auf. Hitomi wich zurück und Toshi ließ seine Zunge aus dem Mund heraushängen. Er atmete schnell und fächelte sich Luft zu.
"Könntest du das nächste mal die Suppe nicht so heiß machen," fragte er erhitzt.
Jetzt verstand Hitomi ihn und überprüfte die Suppe. Sie war viel zu heiß.
"Oh, entschuldige, Toshi! " Hitomi wurde rot.
Er hechelte immer noch.
"Macht nichts. Kann ja mal vorkommen," wehrte er ab.
Nachdem er gegessen hatte, gab Hitomi ihm ein Fieberthermometer. Er steckte es in den Mund und sie schwiegen sich fünf Minuten an.
"Das Fieber ist schon etwas gesunken."
"Gut, dann kann ich ja gehen," sagte Toshi ungeduldig und wollte aufstehen. Dabei wurde ihm wieder schwindelig und er fiel ins Bett zurück. Er stöhnte auf.
"Toshi, du kannst noch nicht aufstehen. Du bist noch viel zu schwach," erwähnte Hitomi.
"Aber Katzenauge..."
Sie legte ihm ihren Zeigefinger auf den Mund.
"Im Revier kommen sie auch ohne dich ersteinmal aus. Du mußt dich schonen," beschwor sie ihn.
"Schonen? Ich muß Geld verdienen. Wenn ich nicht zum Dienst erscheine, bekomme ich nur die Hälfte von meinem Gehalt," erklärte er lautstark und beugte sich nach vorn.
Hitomi preßte ihn wieder nach hinten in die Kissen.
"In deiner Verfassung kannst du nicht arbeiten. Sieh das doch ein, Toshi. Du kannst ja nicht mal aufstehen, ohne umzufallen. Ich bitte dich, höre auf mich. In ein paar Tagen bist du wieder einsatzfähig," sagte sie.
"Ich will euch aber nicht auf die Last fallen," gab er verzweifelt von sich.
"Toshi," sagte Hitomi zärtlich. "Du fällst uns nicht zur Last. Nun können wir uns mal ungestört unterhalten, ohne das dein Chef oder Fräulein Assaya uns dabei stören."
Nun sah Toshi sie verträumt an.
"Ja, du hast recht. Aber unter anderen Umständen währe es mir lieber. Hitomi, du siehst wunderbar aus. Ich bin froh, daß ich hier bei dir sein kann."

"Was sind das den für Gerichte," fragte Love und blickte in die Speisekarte.
"Nun, halt Österreichische," erklärte Kushiro.
Sie saßen auf zwei Holzbänken in der Zwieselalm. Als der Ober kam, bestellte der Junge ein Wiener Schnitzel und einen Jagertee.
Da sie die Speisen nicht kannte, bestellte Love das gleiche.
Als der Ober mit den Tee kam, nahm Love einen großen Schluck, denn ihr war kalt. Dabei wurde sie von Kushiro beobachtet.
"Schmeckt gut, der Tee. Habe ich noch nie getrunken. Was ist da drin," wollte sie von ihm wissen.
"Och, das ist eine spezielle Teemischung, aber nichts besonderes.
Als das Essen kam, bestellte er noch zwei Jagertee.
Love blickte auf ihren Teller und rümpfte die Nase.
"Sind das Würmer," fragte sie geekelt.
Der Junge lachte.
"Nein, natürlich nicht. Das nennt man Spätzle, es sind Nudeln. Und das braune große ist ein Schnitzel," sagte er spitz.
Love verzog ihren Mundwinkel.
Nach dem Essen und dem dritten Jagertee bezahlten sie die Rechnung.
Kurz darauf kam der Ober mit zwei Schnapsgläsern wieder und stellte sie auf den Tisch.
"Zur besseren Verdauung. Das nennt man Obstler und ist ein Kräuterschnaps," erklärte Kushiro.
Die beiden kippten ihn auf ex herunter und schnallten draußen ihre Skier an.
Als sie losfuhren, wunderte sich Love, warum sie jetzt die Bögen leichter fuhr. Sie dachte nicht weiter darüber nach und sie fuhren bis zum Abend herum.
Um halb sechs kamen sie erschöpft am Hotel an und gingen in ihre Zimmer um sich umzuziehen. Die Anderen waren noch nicht da. Love und Kushiro gingen in den Aufenthaltsraum und unterhielten sich angeregt. Love redete wie ein Wasserfall und Kushiro fiel der glasige Blick von ihr auf. Sie tranken eine Cola und dann kam Love auf die Idee Brüderschaft zu trinken. Kushiro war damit einverstanden und sie kreuzten ihre Arme und tranken einen Schluck. Danach gab Love ihm ungeniert einen Kuß auf den Mund.
Plötzlich grölten im Hintergrund einige Jugendliche. Die Skigruppe ist gerade im Hotel angekommen und haben die beiden beobachtet. Das war Love nun doch peinlich und rannte die Treppe hinauf.
"Love," rief ihr Kushiro hinterher und verschwand auch nach oben.

Im Hintergrund lief leise Musik aus dem Radio. Nami und Hitomi saßen in der Küche und aßen zu Abend. Sie hatten das Café schon geschlossen und hatten endlich Zeit zum Reden.
"Ich wundere mich, warum Love noch nicht angerufen hat," sagte Nami und biß in einen Selleriestengel.
"Du brauchst dir bestimmt keine Sorgen machen. Keine Nachricht von Love ist eine gute Nachricht," erwiderte Hitomi und erwischte eine Garnele mit den Eßstäbchen von ihrem selbstgemachten Tempura.
Nami nickte.
"Du hast sicher recht. Na, wie gefällt es dir denn, daß Toshi bei uns übernachtet," fragte Nami und zwinkerte.
Entrüstet schaute Hitomi ihre ältere Schwester an.
"Solche Fragen bin ich von Love gewöhnt, aber von dir?"
Nami zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck Wasser.
Beide zuckten erschrocken zusammen. Was war das für ein dumpfes Geräusch? Ist etwas umgefallen? Sie gingen die Treppe hinauf.
"Toshi," rief Hitomi und sah, wie der Detective bewußtlos auf dem Boden lag. Sie liefen zu ihm herüber und drehten ihn auf den Rücken. Hitomi sprach mit ihm, aber er zeigte keine Reaktionen. Nun hob sie ihre Hand und schlug ihn leicht gegen seine Wange. Langsam öffnete er die Augen.
"Hitomi?"
"Was machst du denn auf dem Flur, Toshi. Du sollst doch im Bett bleiben," sagte sie streng. Sie konnte das Macho Gehabe von den Männern nicht leiden. Von wegen, ein Indianer kennt keinen Schmerz und so.
Sie halfen ihn auf.
"Ich war nur auf der Toilette, denn alles schwitzt man nun doch nicht aus," antwortete er.
"Nächstes mal sagst du uns Bescheid, wenn du mußt", sagte Nami.
Toshi verzog das Gesicht.
"Und was wollt ihr dann machen? Mich auf die Toilette begleiten?"
"Ja," antwortete Nami trocken.
"Ich muß doch sehr bitten," sagt Toshi barsch.
"Glaubst du, ich hätte noch keinen Mann gesehen? Du bist doch nicht mal nackt!"
Toshi wurde rot.
"Das währe ja noch schöner. Also ich gehe lieber wieder ins Bett," sagte er und ging in Loves Zimmer.
Hitomi schaute ihre Schwester fragend an.
"Hast du das eben ernst gemeint?"
"Natürlich," erwiderte sie erstaunt. "Ich habe schon mal einen nackten Mann gesehen."
"Nein," sagt Hitomi. "Das meine ich nicht. Ich meinte das mit der Toilette!"
"Mein Gott. Er ist doch wohl Erwachsen und kein pupertärer Junge. Wenn man muß, muß man. Und wenn man es nicht alleine schafft, benötigt man Hilfe," erwiderte Nami und ging nach unten.
Zurück blieb eine verwirrte Hitomi.

Aber sie war nicht die einzige, die Verwirrt war. Achthundert Kilometer entfernt saß ein gutaussehendes Mädchen auf ihrem Bett und konnte sich nicht richtig konzentrieren. Sie ließ die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren. Hatte Kushiro sie absichtlich abgefüllt? Nein, das konnte sie nicht glauben. Sie dachte immer, daß sie sich nicht verlieben würde. Aber was war das dann für ein Gefühl in ihrem Bauch? Sie fühlte sich leicht, beschwingt und hatte Konzentrationsschwierigkeiten. Des weiteren dachte Love permanent an den süßen Jungen.
"Ach Kushiro," seufzte sie und nahm ihr Kissen in die Arme. Es klopfte.
Sie erschrak und rief "Herein".
Es war Kazumi. Sie kam herein und schaltete das Licht ein.
"Ist alles in Ordnung mit dir," fragte sie Love.
Love nickte.
"Ich glaub schon," antwortete sie.
"Bist du verliebt in Kushiro?"
Warum mußte sie immer so direkt sein.
"Nein, natürlich nicht," stritt sie ab.
Kazumi grinste.
"Das sah vorhin aber nicht so aus," sagte sie spitz.
Love stöhnte.
"Es war nur ein Kuß, OK? Ein kleiner Kuß hat überhaupt nichts zu bedeuten," erklärte Love.
"Ich beneide deinen Zukünftigen."
Love blickte ihre Freundin fragend an.
"Warum das?"
"Nun," fing Kazumi an zu erklären. "Wenn das nur ein kleiner Kuß war, dann muß ein stürmischer Kuß von dir ja deinen Partner in ein Sauerstoffzelt bringen."
Ein Kissen flog ihr mitten ins Gesicht.
"Danke. So etwas nennt man wahre Freundschaft," erwiderte Love ironisch.
"Verzeihung. Du hast dich also in den jungen Schönling verliebt. Und was hast du nun vor," fragte Kazumi.
Wieder zuckte Love mit den Schultern.
"Ich habe keine Ahnung. Was würdest du an meiner Stelle tun?"
Kazumi überlegte.
"Kommt auf die Gefühle und den Typus an. Entweder du schmeißt dich an ihn rann, du wartest, daß er auf dich zukommt, oder du ignorierst deine Gefühle. Letzteres währe das einfachste," riet sie.
"Na toll. Das bringt mich jetzt weiter," erwiderte Love enttäuscht.
Kazumi setzte sich auch auf das Bett.
"Er ist natürlich ein guter Fang. Er sieht gut aus, hat keine Pickel, ist zwei Jahre älter, hätte also Erfahrung. Also ich an deiner Stelle würde ihn mir nicht entgehen lassen," beriet sie Love.
Love seufzte wieder verliebt.
"Ich weiß nicht. Wie soll ich das anstellen?"
"Also," begann Kazumi ihren langen Vortrag. "Du könntest zum Beispiel..."

Toshi war sehr erschöpft, konnte aber dennoch nicht einschlafen. Ob Hitomi noch wach ist? Er dachte die ganze Zeit an seine Freundin und blickte Zurück an seine Schulzeit.
Eines Tages kam ein neues Mädchen in die Photo Arbeitsgemeinschaft der Schule. Sie hatte kurzes, dunkles Haar und sah ungewöhnlich sexy in ihrer Schuluniform aus.
"Hallo," sagte das Mädchen zu ihm. Erst jetzt bemerkte er, daß er sie die ganze Zeit über regelrecht angestarrt hatte. Erschrocken verschüttete er etwas Entwicklerflüssigkeit. Dabei wurde er rot und erwartete, daß sie ihn auslachte. Aber zu seinem Erstaunen lächelte sie und sagte "Ich heiße Hitomi Kisugi, und du?"
Toshi fing zu stottern an.
"I..., Ich heiße T...T... Toshi Utsumi."
"Nett dich kennen zu lernen, Toshi," sagte sie und setzte sich auf einen Platz. Was für ein Glück, dachte Toshi. Sie sitzt genau neben mir.
Heute paßte Toshi im Unterricht überhaupt nicht auf. Er dachte die ganze Zeit an seine Nachbarin. Nach dem Unterricht beobachtete er sie auf dem Schulhof. Sie stand mit einigen Mädchen zwei Klassen unter ihm zusammen und unterhielt sich. Sie sieht göttlich aus. Ihre Augen und ihre süße Nase, schwärmte er.
Als der erste Schultag dieses Jahres zu ende war, verfolgte er sie heimlich. Auf dem Weg nach Hause, kam plötzlich ein anderer Junge auf Hitomi zu. Sie unterhielten sich, aber plötzlich pöbelte der Junge sie an und versuchte, sie gegen ihren Willen zu küssen. Sie gab ihm eine Ohrfeige, wonach der Rüpel noch zudringlicher wurde.
Toshi, du mußt eingreifen, dachte er bei sich. Aber er war so schüchtern, daß es ihn viel Überwindung kostete, einzugreifen, aber eine Frau war in Not. Er mußte eingreifen. Also schluckte er und ging auf die beiden zu.
"He, laß das Mädchen in Ruhe. Sie will nichts von dir," sagte er mit erstaunlich fester Stimme.
Der Junge drehte sich zu ihm um und blickte ihn aggressiv an.
"Hau ab, oder du kannst was erleben," drohte er und schlang seine Arme um Hitomis Taille.
"Du Ekel, mach deine Finger weg," rief sie, konnte sich aber nicht wehren, da er mit seiner anderen Hand ihre fest im Griff hatte.
Toshi wurde Wütend und riß die Arme des Kerls weg.
"Du wagst es," schrie der Nötiger, drehte sich zu ihm um und ging in Angriffsposition.
Mit dem ersten Schlag traf er Toshi mitten im Gesicht. Er blutete aus seiner Nase. Doch durch den Schmerz beflügelt, antwortete Toshi mit einem Yoko-geri. Der Junge fiel nach hinten und stöhnte vor Schmerz auf. Er erhob sich jedoch schnell und lief auf Toshi zu. Der konterte mit einem eleganten Schulterwurf und der Angreifer landete in ein paar Mülltonnen.
"Wage es ja nicht noch einmal ein Mädchen zu nötigen," rief Toshi.
Der Junge erhob sich und rannte weg. Das Mädchen schaute Toshi staunend an, zog ihr Taschentuch heraus und legte es auf Toshis Nase.
"Danke, das war sehr edelmütig von dir," sagte sie dankbar.
Das war ihm natürlich peinlich. Er unterhielt sich selten mit Mädchen, denn sein Puls raste dabei und er schwitzte.
"War doch selbstverständlich," sagte er leise.
"Heutzutage ist so etwas aber leider nicht selbstverständlich," sagte sie und streckte sich zu ihm hoch, um ihm den Kuß zu geben, den sie dem anderen verwehrt hatte.
"Äh, ich muß schnell nach Hause," sprach er und lief um die Ecke, so schnell er konnte.

"Warum bin ich nur so schüchtern," fragte sich Detective Utsumi und drehte sich auf die Seite, um zu schlafen.

Nach einem ausgedehnten Gemeinschaftsbad, gingen Love und Kazumi in ihr Zimmer, um zu schlafen. Aber beide redeten noch eine ganze Zeit über den vergangenen Tag und mehr. Die Nacht war sternklar und kalt, aber Love schlich sich zur späten Stunde auf den Balkon, den jedes Zimmer hatte. Sie lehnte sich an die Brüstung und blickte zu den Sternen. Sie war immer noch verwirrt und dachte dauernd nur an eine Person: Kushiro.

Er erschrak, als sich eine Schiebetür bewegte. Zwei Balkone weiter bemerkte er nun eine Gestalt. Kushiro duckte sich und sah herüber. Er erkannte Love, die, wie er kurz zuvor, in die Sterne guckte. Nun seufzte er und beobachtete sie. Viele Gedanken gingen durch seinen Kopf. Love war so ein süßes Mädchen. Mit ihrer Kurzhaar Frisur sah sie einfach spitze aus. Und ihr Body? Traumhaft! Weder zu dünn, noch zu dick. Gerade richtig! Er mochte ihre Stimme und es imponierte ihm richtig, daß sie ein Mädchen war, das sich nicht unterdrücken ließ. Er war auch für die Emanzipation, in geringen Maßen.
Nach etwa einer halben Stunde gingen beide fröstelnd nun endlich zu Bett.

Warmes Wasser floß ihr über den Handrücken, als sie die Wanne füllte. Der angenehme Duft der ätherischen Öle war über das ganze Bad verteilt. Hitomi zog ihr Schlafgewand aus und stieg in die Wanne. Durch die Wärme und die Öle wurde sie melancholisch und dachte an vergangene Zeiten.
Am ersten Schultag der achten Klasse ging sie in die Photo AG. Sie wußte, es würden fast nur ältere Personen in den Kurs gehen, aber das schreckte sie nicht ab. Sie schritt einfach durch die Tür und war da. Der Lehrer war noch nicht anwesend und einige Schüler hantierten schon mit einigen Geräten herum. Die besuchten wohl schon letztes Jahr den Photokurs. An einer Arbeitsfläche stand ein nett aussehender Junge, der sie anblickte. Hitomi ging auf ihn zu und sprach in höflich an. Erst reagierte er überhaupt nicht, doch plötzlich zuckte er und verschüttete dabei eine Flüssigkeit. Er hieß Toshi Utsumi und war offensichtlich sehr aufgeregt, aber er sah nicht schlecht aus. Seine Haare waren ordentlich gekämmt und er war gut gebaut. Hitomi setzte sich auf einen freien Stuhl in der ersten Reihe. Als der Lehrer hereinkam, ließ sich Toshi direkt neben ihr nieder. Der Lehrer stellte sich den Anwesenden kurz vor und begann den Unterricht. Es stand der Aufbau und die Funktionen einer Kamera auf dem Lehrplan. Der Lehrer fragte Toshi, wie das röhrenförmige Gebilde vorn an dem Photoapparat denn hieße, aber er stammelte nur herum und wußte es nicht. Der Lehrer rief Hitomi auf und sie sagte, daß es ein Objektiv währe. In der Pause unterhielt sie sich mit einigen Freundinnen ihres Jahrgangs. Dabei entging ihr nicht, daß der Junge sie beobachtete. Dies schmeichelte ihr sehr, denn sie hatte bisher noch nie einen Lover.
Auch als sie auf dem Heimweg war, verfolgte er sie. Hitomi war dies aber nun doch etwas unangenehm. In einer Nebenstraße wollte sie ihm auflauern und zu rede stellen, aber es kam nicht dazu. Ein rüder, ungepflegter und übel riechender Junge, der älter und größer als sie war, ging auf sie zu und machte sie an. Sie wollte nichts von ihm und wollte weiter gehen, doch der Junge hielt sie fest und verlangte einen Kuß von ihr. Hitomi wollte ihm eine Ohrfeige geben, doch er hielt ihre Hände fest und seine Lippen bewegten sich auf die ihrigen zu. Plötzlich tauchte Toshi auf und fing mit dem Rüpel an zu kämpfen. Sie empfand es als sehr heroisch und romantisch von ihm. Toshi besiegte den Angreifer, blutete jedoch aus der Nase.
"Oh, du blutest ja," sprach sie mitfühlend und legte ihm ein Taschentuch auf die Nase. Nun verehrte sie Toshi beinahe und dachte bei sich, daß der Held, der das Burgfräulein aus den Klauen des Drachen befreite, immer einen Kuß zur Belohnung bekäme. Sie überwand ihre Scham und wollte ihn küssen, aber er lief rot an und rannte weg. Seit jenem Tag waren die beiden befreundet. Den Kuß hat er bis heute noch nicht bekommen.
"Aber heute bekommt er ihn," nahm Hitomi sich fest vor.

Nachdem sie geduscht hatten, gingen beide zum Frühstück herunter. Es waren noch nicht viele bei der Essensausgabe, was darauf zurückzuführen war, daß einige wohl sehr erschöpft von der gestrigen Tour waren.
Love und Kazumi setzten sich auf eine freie Bank und fingen an zu essen. Nachdem sie fast fertig waren, kam auch Kushiro die Treppe herunter. Mit einem Tablett bewaffnet ging er sein Frühstück holen und kam zu den Tisch von den beiden Freundinnen und fragte, ob er sich dort hin setzen dürfte. Kazumi aß ihren Joghurt schnell auf und sagte, sie müßte noch mal schnell in ihr Zimmer und ließ die beiden allein.
Lange Zeit sagten sie keinen Ton.
Kushiro ergriff die Initiative und fragte, ob sie ihm verzeihen könne.
"Verzeihen? Was denn," fragte Love verwundert.
"Nun, daß ich dir nicht gesagt habe, daß im Jagertee Alkohol ist und das ich die Situation schamlos ausgenutzt habe," erklärte er.
"Erstens bin ich alt genug, um zu wissen, was ich trinke, und zweitens habe ich dich geküßt und war bei vollem Verstand. Da gibt es nichts zu entschuldigen," sagte Love mit bestimmter Stimme.
"Da bin ich aber froh, daß du mir nicht böse bist," antwortete er sichtlich erleichtert.
"Wollen wir heute wieder unsere eigene Tour machen," fragte Love ihn.
Er war von der Idee sehr begeistert und schon bald waren sie wieder gemeinsam unterwegs.
Die beiden hat es aber ganz schön erwischt, dachte Kazumi bei sich und wandte sich von dem Paar ab.

Sie stieg elegant auf und trocknete sich ab. Hitomi zog einen Bademantel an und schlang ein Handtuch um ihre nassen Haare.
"Toshi, das Bad ist angerichtet," rief sie und ging in sein Zimmer.
Aber Toshi hatte die Augen geschlossen und redete im Traum.
"Hitomi, ich liebe dich. Du bist die schönste Frau, die sich ein Mann nur wüschen kann. I Love you! Je t'aime! Oh, Hitomi," seufzte er.
Das schmeichelte ihr natürlich sehr und beugte sich zu ihm hinunter.
"Toshi, aufstehen," flüsterte sie in sein Ohr.
Er öffnete langsam seine Augen und streckte sich.
"Oh, Hitomi. Was ist?"
"Dein Badewasser wartet auf dich. Du mußt deine Krankheit ausschwitzen," sagte sie.
"Gut."
Toshi stand auf und schritt zum Bad.
"Handtücher liegen da und der Fön ist dort drüben," erklärte sie ihm im Badezimmer.
"Und Toshi..."
"Ja ?"
Blitzschnell stieg Hitomi auf ihre Zehen und gab Toshi einen Kuß auf den Mund. Die Lippen waren so heiß, als ob sie verglühen würden.
Danach verließ sie das Bad.
Zurück blieb ein glücklicher und überraschter Toshi. Verliebt blickte er ihr hinter her. Als er in die große Wanne steigen wollte, paßte er nicht auf und rutschte auf den Kacheln aus.
"Toshi, hast du dir weh getan," fragte Hitomi und blickte durch die Tür. Da er nicht mehr bekleidet war, sprang er schnell ins Wasser und rief "Nein, alles in Ordnung."
Hitomi wurde rot und schloß schnell die Tür.

"Und ein Kännchen schwarzen Tee," bestellte Love und grinste dabei.
Kushiro bestellte das Gleiche und lächelte das Mädchen an. Der Vormittag war super gewesen und sie kehrten wieder in die Zwieselalm ein.
Beide unterhielten sich beim Essen recht angeregt über Computergraphik-Programme und über verschiedene Terminals. Zum Nachtisch bestellte Kushiro eine seltsam anmutig waberten Kuchenteig.
"Was ist denn das," fragte sie interessiert.
Kushiro erklärte ihr, daß man diese Süßspeise Salzburger Nockerl genannt wird.
Nun war Love wieder ein Stück klüger und fragte, ob sie denn ein Stück probieren dürfte. Kushiro nahm einen recht großen Teil auf seinen Löffel, blies es kühler und steckte es Love in den Mund.
"Mm. Das schmeckt aber gut. Wenn ich nicht schon voll währe, würde ich mir auch so ein Salzburger Nockerl bestellen," schwärmte sie.
Nachdem sie bezahlt hatten, brachte der Ober die obligatorischen Schnapsgläser. Aber diesmal war die Flüssigkeit nicht klar, sondern gelblich. Als Love ihren Begleiter darauf ansprach, sagte er, der Schnaps währe nun kein Obstler, sondern Marillenlikör, so eine Art von Aprikose.
Das Mädchen nahm die Rechnung und rechnete sich aus, wie oft sie noch mit Kushiro speisen konnte.
"2000 Yen, das geht noch."
Auf der Unterseite der Rechnung stand ein Werbetext für eine österreichische Kunstausstellung. Sofort war Loves fast angeborenes Interesse an Kunst entfacht und sie fragte Kushiro, ob er am Nachmittag mit ihr in das örtliche Museum gehen würde.
"Kein Problem," sagte er nur und sie begannen die Abfahrt Richtung Hotel.

Es war sehr heiß im Bett, trotzdem fror er sehr. Die Zeit verging seiner Meinung nach viel langsamer als sonst. Toshi guckte auf das Fieberthermometer und laß dort eine Temperatur von 38,6°C.
Wenigstens ist das Fieber gesunken.
Es klopfte.
"Herein," rief er mit schwacher Stimme.
Hitomi trat ein. Sie trug einfache Jeans und einen grün gemusterten Wollpullover.
"Möchtest du etwas Essen, Toshi," fragte sie zärtlich.
Er verdrehte die Augen.
"Bloß nicht. Ich bekomme bestimmt nichts hinunter und ich habe auch keinen Appetit auf irgend etwas," krächzte Utsumi mit rauher Stimme.
"Aber Toshi, du mußt etwas essen, damit du so schnell wie möglich wieder arbeiten kannst, um Katzenauge zu fangen. Dafür mußt du aber wieder gesund sein, sonst hast du keine Chance gegen sie," betonte sie
"Du hast vollkommen recht, Hitomi. Ich muß diese verdammten Katzen endlich dingfest machen. Aber ich habe wirklich keinen Appetit. Höchstens eine Banane bekomme ich runter. Dort sind viele Mineralstoffe und Vitamine drin. Außerdem sind Bananen leicht verdaulich," sagte er.
"Gut. Also eine Banane," erwiderte sie und ging eine holen.
Toshi lehnte sich seufzend Zurück und genoß die Aufmerksamkeit von Hitomi. So gut wurde er noch nie versorgt.

Ihr stockte der Atem, als sie es sah. Love schluckte und laß noch einmal die Signierung des Bildes "Alpenlandschaften".
Eindeutig. Kein Zweifel. Das Bild wurde gemalt von einem Künstler namens Heinz, ihr vermißter Vater. Sie zuckte zusammen, als eine Stimme sie aus ihren Gedanken riß.
"Love, so interessant ist es aber auch nicht, daß man es eine Viertelstunde anstarren muß," erwähnte Kushiro.
"Wie? Was? Ach so, ja natürlich. Du hast recht," antwortete sie hastig.
"Geht es dir nicht gut, Love," fragte Kushiro besorgt.
"Wenn du mich so fragst, Kushiro. Ich fühle mich ein wenig matt. können wir wieder Zurück zum Hotel gehen," fragte sie ihn und faste sich mit der rechten Hand an die Stirn.
"Aber selbstverständlich, Love. Soll ich dich tragen?"
Love schaute ihn erstaunt an. Die Verlockung war groß. Sie würde gerne sehen, wie Kushiro sich mit ihr abmühte, aber sie schlug das Angebot aus.
Im Hotel angelangt, lief Love gleich zur Telephonische, um ein dringend fälliges Telephonat zu führen.

Hitomi seufzte. So einen schwierigen Patienten mußte sie noch nie pflegen. Obwohl er älter und vernünftiger war, war er doch noch schwieriger, als Love und das mußte schon was heißen.
"Du mußt aber diesen Hustensaft schlucken, Toshi."
Er schüttelte heftigste den Kopf.
"Nie. Der schmeckt scheußlich. Gibt es den denn nicht als Dragee zum Schlucken," sagte er .
Eine Erkenntnis hatte sie schon gewonnen. Männer stellen sich schlimmer an, als Frauen.
"Wenn du den schluckst, ist dein Hustenreiz bis zu vier Stunden wie weggeblasen. Nun mach schon den Mund auf," sagte sie ärgerlich. Das Toshi so ein Weichei ist, hatte sie nie gewußt oder geahnt.
Des weiteren revidierte sie das mit dem "Vernünftig".
"Nein!" Er beharrte auf seinem Standpunkt.
Hitomi mußte sich eine andere Taktik ausdenken. Nun grinste sie in Vorfreude und ließ den Löffel auf dem Tablett nieder.
"Öffnest du freiwillig deinen Mund?"
Toshi guckte sie mißtrauisch an.
"Nochmals nein!"
"Na schön, dann muß ich andere Seiten aufziehen," sprach sie und ging zum Angriff über. Sie pikste Toshi mit ihren Fingern in die Seiten und er mußte Lachen. Dadurch öffnete er seinen Mund und dadurch war Hitomi in der Lage den Löffel wieder einmal in seinen Mund zu schieben.
Toshi schluckte und machte dabei ein wütendes und würgendes Gesicht.
"Das war unfair von dir, Hitomi," mährte er beleidigt.
"Aber du weißt doch : In der Liebe und in Krankheitsfällen ist alles erlaubt."
"Hä? Irgendwie war mir diese Floskel anders in Erinnerung," sagte Utsumi verwirrt.
Hitomi zuckte mit den Schultern und sagte "C`est la vie!"
"Hitomi, kommst du mal bitte runter," rief Nami von dem Café aus hinauf.
Hitomi ordnete die Decke von dem Schlafgelage Toshis neu und ging in das Café.
"Es gibt interessante Neuigkeiten von Love ..."

"Du solltest dich hinlegen. Nicht das du noch krank wirst," riet Kushiro.
Love blickte ihn an.
"Bist du etwa besorgt um mich," fragte sie spitzfindig.
Der Junge hüstelte und räusperte sich.
"Nun..., also... nein, wie kommst du denn darauf," fragte er betont.
Feigling!
"Das habe ich mir gedacht. So, und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?"
"Hast du Lust auf Kino," fragte er.
"Was gibt's denn dort?"
Kushiro dachte nach.
"Gozillas Rache."
"Oh, toll. Der Film ist schon alleine wegen den spezial Effekten geil," rief Love enthusiastisch.

"Wir können jetzt aber noch nicht zuschlagen, denk doch an Toshi," gab Hitomi zu bedenken.
Sie saß mit ihrer älteren Schwester im schallisolierten Besprechungszimmer. Der Raum besaß nur ein Fenster mit Blick auf das Polizeirevier.
Ansonsten waren viele Bildschirme installiert, die das Café sowohl innen, als auch außen zeigten.
Nami kreuzte die Beine und lehnte sich zurück.
"Wir müssen aber innerhalb der nächsten zwei Tage die Aktion durchführen, sonst wird es nach Europa zurückgebracht und wir haben keine Chance mehr, es wieder zu holen."
"Du hast recht, Schwester, aber wie bekommen wir Toshi los," fragte Hitomi.
"Laß mich nur machen. Ich habe da so eine Ahnung," antwortete Nami geheimnisvoll.

Toshi schrak mitten in der Nacht auf. Er hörte Sierenengeheul.
Was ist da los.
Er stand auf und ging die Treppe ins Café hinunter, um zum Polizeirevier hinüber gucken zu können. Dort sah er mehrere Einsatzfahrzeuge davon fahren. Verwirrt ging er zum Telephon und wählte die Polizeistation an. Am anderen Ende meldete sich der diensthabende Polizist.
"Hier ist Detective Toshi Utsumi! Sagen sie mir warum dort so eine Aufregung herrscht," erteilte er ihm den Befehl.
"Wir haben eine Nachricht von Katzenauge bekommen," antwortete der Polizist auf der anderen Seite.
"Katzenauge! Wo wollen sie diesmal zuschlagen?"
Der Polizist stockte.
"Worauf warten sie," brüllte Toshi aufgeregt.
"Ich weiß nicht, ob ich ihnen diese Nachricht sagen darf," gab er zu.
Toshi holte tief Luft.
"Das ist ein Befehl. Reden sie schon, Mann."
"Ay, ay, Sir. Die Katzen wollen Morgen in einem kleinen Museum im Daisetsuzan-Tal das Gemälde "Alpenlandschaften" stehlen."
Beim Mount Daisetsuzan? Ich muß sofort da hin!
Er warf den Hörer auf die Gabel und lief in "sein" Zimmer. Dort angekommen zog er sich an und schrieb einen Zettel. Danach beeilte er sich zu seinem Auto zu gelangen, um zum Tatort zu fahren.
Oben standen Hitomi und Nami hinter einer Ecke verborgen.
"Ich hab es die ja gesagt," sprach Nami und zwinkerte dabei.
Hitomi nickte.
Hoffentlich passiert ihm bei seinem Zustand nichts. Er ist wirklich unvernünftig.
Schließlich packten sie noch einige Sachen ein und fuhren auch Gen Norden.

Die Wellen schlugen mehrere Meter hoch. Es war aber eine windstille Nacht. Das junge Mädchen stand am Kai und hielt sich an den Pollern fest. Auf einmal sah sie eine dunkle Gestalt aus dem Wasser kommen. Das Wesen war gewiß vierzig Meter hoch und fing an fürchterlich zu brüllen.
Nun mach schon. Ich beiße schon nicht.
Love sehnte sich so sehr, daß er seinen Arm um sie legte, doch er dachte offenbar gar nicht daran. Kushiro blickte gespannt auf die Leinwand.
Sie seufzte und dachte Nun muß ich schon wieder die Initiative ergreifen. Heute habe ich sogar ein wenig von dem teuren Chanell aufgetragen, doch er reagiert gar nicht. Ob ich einen Minirock anstatt einer Jeans hätte anziehen sollen ? Nein, das wäre zu aufdringlich gewesen. Früher war es doch für Mädchen einfacher!
Sie saßen in einem recht kleinen Kino in der hintersten Reihe. Er hatte einen schicken braunen Polunder über seinem baigen Rolli gezogen. Love trug dagegen einen rot gelb gestreiften Pullover.
Bei einer spannenden Szene fiel sie ihm in die Arme und zitterte.
"Ah, ist das aufregend. Ich habe richtig Angst," sagte sie und kam sich ein wenig plump dabei vor.
"Das ist doch nur ein Film", erklärte er trocken, aber wies Love nicht von sich und nahm sie in den Arm.
Sie duftet phantastisch. Ich sterbe gleich vor Glück. Ich könnte ewig mit ihr im Arm leben.
Nun war Love an ihrem Ziel angelangt. Sie fühlte sich sehr geborgen in Kushiros Arm. Hach, muß Liebe schön ein.

Beide blieben noch beim Abspann, mußten dann aber endlich aus dem Kino, um noch etwas zu essen im Hotel zu bekommen. Nun war beiden irgend welches Gerede egal und sie schmusten in aller Öffentlichkeit im Speisesaal, was die Küche, nämlich die Gerüchteküche, auf Hochtouren brachte. Als Kushiro ihre Tabletts wegbrachte, sprach Love mit ihrer Freundin.
" Kazumi, kannst du mir einen Gefallen tun?"
"Natürlich, für Verliebte habe ich eine Schwäche."
"Kannst du...", aber Love stoppte Mitten im Satz, da Kushiro in Hörnähe kam.
"Ich komme etwas später rauf, Love. Ich gehe mit einigen Leuten noch in eine Disco," sagte sie und zwinkerte ihr zu.
"Es kann bis um halb eins gehen!"
Danke, du bist eine echte Freundin und weißt, was ich dachte.
Kurz danach gingen Kushiro Arm in Arm mit Love nach oben und bleiben vor Loves Zimmer stehen. Sie schloß auf und fragte, ob er noch einen Augenblick hereinkommen mochte.
"Nun," erklärte er beschämt. "Ich weiß nicht, ob sich das ziemt. Wir kennen uns doch erst seit zwei Tagen!"
"Das ist lange genug. Komm bitte. Es wird schon nichts passieren," sagte sie ironisch.
Er gab nach und betrat es. Love hängte das "Bitte nicht stören" Schild außen an den Griff und schloß die Tür.

Kushiro setzte sich auf einen freien Stuhl, der an einem kleinen Holztisch am Fenster stand. Es war alles recht ordentlich im Zimmer hergerichtet. Nicht so, wie bei den anderen Jungs. Eine mit vielen winterlichen Motiven bestickte Tischdecke lag auf dem Tisch. Love ließ sich derweil auf dem Bett nieder. Kushiro betrachtete das Ölbild, welches über Love an der Wand hing. Es zeigte eine Pferdestute, die ihren Kopf um den Rücken ihres jungen Fohlen schlang. Beide Pferde standen auf einer mit vielen Wildblumen und Gras bewachsenen Koppel. Im Hintergrund lag ein riesiges Gebirge.
"Schönes Bild," bemerkte der Junge.
Love drehte sich um und sah sich das Gemälde an.
"Recht hübsch, aber ein bißchen kitschig," antwortete sie und blickte ihn an.
"Ja, du hast recht. Du fährst recht gut Ski," äußerte er.
Das war nicht unbedingt das, was Love hören wollte.
"Danke, das Kompliment gebe ich mit Freuden zurück," erwiderte sie.
Kushiro wußte nicht, was er sagen sollte. Love ging es genauso, so schwiegen sie einige Zeit.
"Wollen wir Karten spielen," schlug Kushiro vor und zeigte auf ein Kartenspiel, welches auf dem Tisch lag.
"Das ist wenigstens besser, als gar nichts zu tun," erwiderte sie und setzte sich auf den Stuhl Kushiro Gegenüber. Sie einigten sich auf Rommée und fingen an.

Sie saßen in einem prachtvollen Raum mit vielen Gemälden und Statuen an einem Tisch. Ein älterer Mann nippte gerade an einem Glas mit einer undefinierbaren Flüssigkeit. Er hatte eine große Narbe über seiner linken Gesichtshälfte, die ihn etwas unheimlich erscheinen ließ.
"Wir werden den Diebstahl des Bildes verhindern," versicherte der Chef des Uinari Reviers. "Wir sind Spezialisten Katzenauge betreffend!"
Der Mann setzte das Glas ab und lächelte hämisch.
"Ja, das habe ich gehört. Nun denn. Ich wünsche ihnen viel Erfolg bei ihrem Bemühen," äußerte er.
"Danke Herr Hekura. Unsere Aktion wird von Erfolg gekrönt sein," versicherte der Chef.
Er und Unterinspekteurin Assaya standen auf und verließen das Zimmer.
"Und wenn nicht, wird Katzenauge das nicht überleben," beschwor der Mann und fing an gräßlich zu lachen.

Beide traten nach draußen und unterhielten sich.
"Chef, sind sie sicher, daß wir Katzenauge heute dingfest machen können," fragte Assaya voller Skepsis.
"Natürlich. Heute Nacht haben wir eine reelle Chance, da der Trottel Utsumi in Tokyo in Ruhe schlummert. Ich dachte mir, daß ...Ah," erschrak der Chef, als er eine ihm sehr wohl bekannte Stimme hinter sich hörte.
"Hallo Chef!"
Er drehte sich um und schaute dumm aus der Wäsche.
"Utsumi, was machen sie denn hier," fragte er erstaunt.
"Was werde ich hier schon machen wollen. Katzenauge fangen, natürlich", antwortete er stolz. "Oder haben sie noch nichts von Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem Arbeitgeber gehört," sagte Toshi und fing an zu husten.
"Sind sie sicher, daß sie diensttauglich sind, Herr Utsumi?"
"Ich bedanke mich sehr, für ihre Sorgen um mich, Fräulein Assaya, aber ich bin bis auf eine kleine Erkältung gesund," antwortete Toshi mit fester Stimme.
"Na schön. Wenn sie leider Gottes nun einmal hier sind, können sie die Wachposten im Museum einteilen," sagte der Chef.
"Jawohl, Sir. Detective Utsumi wird dem Befehl sofort Folge leisten," antwortete er und lief weg, rutschte aber auf einer Eispfütze aus und flog im hohen Bogen hin.
Der Chef schlug die Hände vor sein Gesicht und schüttelte den Kopf.
"Was für ein Idiot!"

Es war halb elf und Love verzweifelte an ihrem Blatt. Viele doppelte Karten die zueinander paßten, doch zum Rauslegen reichte es nicht.
Kushiro hingegen hatte nur noch zwei Karten auf der Hand und stand wohl unmittelbar vor dem Sieg.
Love blickte auf dem Balkon und erschrak.
"Ist was nicht in Ordnung, Love," fragte Kushiro.
"Nein, alles in Ordnung. Laß uns weiter spielen. Du bist dran," antwortete sie überhastet.
Während Kushiro eine Karte zog, blickte Love wieder zum Balkon.
Draußen stand eine Gestalt, die auf ihre Armbanduhr zeigte.
"Kushiro, könnten wir aufhören," fragte sie.
"Warum das denn? Nur weil du zum sechsten Mal zu verlieren drohst," fragte er spitz.
Nun tat Love beleidigt.
"Nein, aber ich fühle mich etwas schlapp und ich bin fürchterlich müde und will ins Bett. Verstehst du das?"
"Ja, natürlich. Wenn du möchtest. Ich würde fast alles für dich tun," antwortete er und stand auf.
Als sie beide an der Tür standen verabschiedeten sie sich mit einem innigen Kuß. Love schloß die Tür und öffnete den Balkon.
Hitomi stand mit offenem Mund und erstaunten Blick da.
"Mach den Mund zu, es zieht," sagte Love etwas Verlegen.
"Love, du empfängst Herrenbesuch auf deinem Zimmer und küßt ihn? Ich bin schockiert", stellte Hitomi fest.
"Ich habe schon immer gewußt, daß du prüde bist," bemerkte Love.
Gekränkt trat Hitomi in das Zimmer und schloß die Balkontür.
"Nun denn. Wir haben heute noch etwas vor!"
Love hob ihre Hand zum Mund.
"Oje, daß habe ich doch glatt verschwitzt."
"Ich kann mir auch denken, an was, oder besser gesagt, an wen das gelegen hat," antwortete Hitomi und zwinkerte.
Beide fuhren zusammen, als es plötzlich klopfte.
"Wer ist da," fragte Love.
"Ich bin es noch Mal. Ich habe meine Jacke bei dir vergessen," rief Kushiro.
Love nahm seine Jacke, die über dem Stuhl gelegen hatte, öffnete die Tür einen Spalt breit und reichte sie ihm auf den Flur.
"Danke. Schlaf recht süß und träume von mir, mein Spätzchen," säuselte er und trabte davon.
Hitomi fing an zu kichern, als Love die Tür geschlossen hatte.
"Mein Spätzchen!"
"Spatzen sind nette und sehr kluge Vögel," erwidertet Love beleidigt.
"Also, was habt ihr geplant," fragte sie ihre ältere Schwester.

Heute werde ich Katzenauge fangen. Sie haben gegen mich keine Chance. Detective Utsumi kauerte versteckt hinter einer Statue nahe des Bildes, das Katzenauge stehlen wollte.
Das Museum war abgedunkelt, damit Katzenauge keinen Verdacht schöpfen konnte.
Dieses Mal waren alle Polizisten mit Ohrstöpseln und Gasmasken ausgerüstet.
Utsumi fuhr erschrocken hoch, als ihn eine Hand an der Schulter berührte. Es war Fräulein Assaya, die den Mund bewegte.
Toshi zog einen Ohrstöpsel aus seinem Ohr heraus.
"Ich wollte nur fragen, ob sie bereit sind," erklärte die Unterinspekteurin.
Toshi nickte und wollte antworten, als er wieder einmal einen Hustenanfall bekam.
"Entschuldigung!"
"Wenn sie noch einmal husten, werden sie Katzenauge damit zeigen, daß wir hier auf sie lauern," ermahnte sie ihn.
Toshi stemmte seine Hände gegen die Hüfte.
"Erstens kann ich nichts für den Husten und zweitens glaube ich, daß Katzenauge weiß, daß wir hier sind," äußerte er sich.
"Wie sie meinen," sprach sie und ging wieder auf ihren Posten.
Nach einiger Zeit sah er einige Kugeln den Boden entlang rollen.
Plötzlich sah er nur noch ein gleißendes Licht.
Als er wieder sehen konnte, war das Bild weg.
"Nein, das kann doch nicht wahr sein. Sie haben uns schon wieder ausgetrickst," schrie er verzweifelt und schlug mit der Faust gegen die Wand.
Aber dann besann er sich und lief nach draußen. Dort sah er im Schnee einige Frauenfußspuren, die Richtung Wald führten.
Er lief so schnell er konnte den Spuren nach und beachtete nicht, daß es angefangen hatte, zu schneien. Er lief und lief, als ob der Teufel hinter ihm her sei. Nach einigen Minuten anstrengender Verfolgung, lehnte sich Toshi an einem Baum und atmete schnell, was ihm wieder einen Hustenanfall bescherte.
Ich krieg´ sie ja doch nicht.
Er stand kurz davor die Verfolgung aufzugeben, als er ein Geräusch hörte.

Sie stapften durch den Tiefschnee und kamen nur langsam voran. Das Laufen wurde ständig anstrengender und sie waren schon sehr entkräftet.
"Wir müssen schneller laufen. Toshi verfolgt uns immer noch," rief Hitomi keuchend.
"Ich kann nicht mehr," sagte Nami erschöpft und sank in den Schnee. Sie war am Ende mit ihren Kräften.
"Los Schwester, wir müssen weiter," ermahnte sie Love.
Die beiden jüngeren Schwestern halfen ihr auf.
"Wir müssen nur noch ein paar Meter laufen. An einer Scheune stehen unsere Skier bereit. Dann haben wir es geschafft. Zum Glück kann Toshi gar nichts mit dem Sport anfangen," beschwor Hitomi und zwinkerte.
Und sie liefen weiter und kamen schließlich an der Scheune an.
Die Diebinnen schnallten sich schnell ihre Skischuhe an und stiegen in die Bindung.
"Und los," schrie Love enthusiastisch und schoß den Abhang hinunter.
Die anderen folgten ihrem Beispiel.

"Oh nein, sie entkommen auf Skiern. Das ist unfair," polterte Detective Utsumi und suchte nach einem Fortbewegungsmittel in der Scheune.
Er hatte Glück. In einer Ecke stand ein großer, alter Holzschlitten.
Toshi beeilte sich, ihn zu besteigen und fuhr den Berg hinab.

"Toshi verfolgt uns immer noch. Jetzt rast er uns mit einem Schlitten hinterher," rief Love warnend und entsetzt.
"Er ist halt doch klüger, als ihr ihm immer zutraut," belehrte Hitomi.
"Schwing keine Reden, sondern gib Galle," schrie Love.
"Was soll ich," fragte Hitomi.
"Na Gas geben, du Dummchen," gab die Jüngste Auskunft.
Die Verfolgungsjagd führte nun wieder durch den Wald. Sie mußten sich voll konzentrieren, damit sie nicht gegen einen Baum fuhren. Die Schwestern waren sich sicher, daß Toshi ihnen hier nicht folgen könne.
Aber da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Detective Utsumi war in seiner Kindheit ein berühmt berüchtigter Schlittenfahrer und er hetzte weiter hinterher.
"Achtung paßt jetzt auf," riet Love, die sich etwas in dem Wald auskannte. Sie war mit Kushiro gestern erst hier längs gefahren.
"Wir folgen dir, Schwesterchen," gab Nami zurück.
Auf einmal fuhr Love eine scharfe Rechtskurve. Hitomi erkannte nun den Grund dafür. Ein großer See erstreckte sich vor ihnen. Um nicht auf ihn hinauszufahren, belastete sie ihren Bergski und schwenkte nach rechts, ebenso wie Nami.
Toshi konnte mit seinem Schlitten kein so schnelles Manöver durchführen und glitt auf die Eisfläche des Sees. Sie war so glatt, daß er nicht bremsen konnte. Nach etwa hundert Metern stoppte er schließlich und schnaufte.
"Sie sind mir doch entwischt. Fast hatte ich sie gefaßt," rief er wütend und stampfte mit dem rechten Fuß auf die Eisschicht. Plötzlich hörte er ein leises knarzen und er blickte nach unten. Auf dem Eis sah er nun einige Risse.
"Nein, bitte das nicht auch noch," flehte Toshi.
Doch sein Bitten half nichts und er krachte in das eiskalte Wasser ein, was zur Folge hatte, daß die Eiseinbrechalarmanlage, die auf allen größeren Seen in Japan installiert sind, fürchterlich anfing zu heulen.

Aus der Ferne beobachteten drei Gestalten das Geschehen und zwei von ihnen fingen an zu lachen.
Hitomi schaute ihre Schwestern streng an.
"Auf die Kosten anderer lacht man nicht," belehrte sie. "Seht, da kommen schon die Rettungsmannschaften!"
Wenn die Alarmanlage eines Sees aktiviert wurde, kommen so schnell wie möglich einige speziell ausgebildete Freiwillige mit Ausrüstungsgegenständen, um den Eingebrochenen sofort zu helfen.
"Oje. Es ist schon zwölf. Ich muß schnell in das Hotel zurück," rief Love mit einem Anflug von Hysterie.
Das Trio verschwand in der Dunkelheit des Waldes.

Am Hotel angekommen, verabschiedeten sie sich.
"Tschüs Love. Ich wünsche dir noch einige schöne Tage mit deinem neuen Freund," erwähnte Hitomi und blinzelte ihr zu.
"Was für ein neuer Freund," fragte Nami verwirrt.
Love schaute verlegen auf den verschneiten Boden.
"Erzähl' ich dir zu Hause," flüsterte Hitomi geheimnisvoll.
Love kletterte sehr elegant das kalte Regenrohr zu ihrem Balkon hinauf und winkte den beiden noch einmal zum Abschied.

Am frühen Morgen stand Detective Utsumi vor dem Polizeirevier und fluchte. Er kramte nun schon zum dritten Male in seinem Jackett, in der Hoffnung, daß er ihn doch findet. Aber alle Bemühungen waren vergeblich.
"Nein, ich habe ihn auf dem Nachttisch liegengelassen," stellte er mit kriminalistischem Scharfsinn fest, worauf ein nervöses Husten folgte.
"Diese verfluchten Katzen," rief Toshi beleidigend.
Detective Utsumi fror und zitterte ein bißchen. Der Chef und Assaya waren schon längst zu Hause und schliefen. Das würde Toshi auch gerne, aber im fehlte sein Hausschlüssel, der in dem Haus der Kisugi Schwestern lag.
Wo sollte er schlafen? Im Revier durfte er nicht und im Auto war zu wenig Platz. Sollte er Hitomi wecken, um zu dem Schlüssel zu gelangen? Nein, lieber nicht! Sonst würde sie eventuell böse auf ihn und das wollte er auf jeden Fall vermeiden.
Toshi, du bist ein Mann und abgehärtet.
Also nahm er seinen Mantel und setzte sich auf den kalten Steinfußboden vor dem Café, damit er gleich, wenn die Schwestern aufgewacht waren, seinen Schlüssel holen konnte. Ihm wurde noch kälter und er zog den Mantel noch enger um sich herum.
Toshi fühlte sich ausgezehrt und er war so müde, daß er schon bald einschlief.
Am Firmament ging schon die Sonne auf und vertrieb die restlichen Wolken, die noch vom letzten Gewitter übrig waren.

Licht! Sie öffnete langsam die Augen und blinzelte direkt in einen Sonnenstrahl.
Die Sonne war im Winter der beste Wecker. Das Bett war dem Fenster so winklig angeordnet worden, daß um Punkt halb sieben die ersten Sonnenstrahlen durch den Spalt im Vorhang direkt auf die Kopfhälfte des Bettes schienen.
Hitomi stand auf und schlug ihre Decke zurück. Nun ging sie zu ihrer Stereoanlage und legte eine Softrock-CD ein, nach deren Musik sie anfing, ihre morgendliche Gymnastikübungen auszuführen.
Nach einer halben Stunde öffnete sie das Fenster und atmete die frische, noch nicht vom alltäglichen Smog durchdrungene Luft ein.
Ein herrlicher Morgen. Sie konnte sogar einen Nipponibis, der das ganze Jahr über in Japan anzutreffen ist, trällern hören.
Auf einmal stutzte sie. Hitomi sah vor dem Café eine Gestalt schlafen.
Ein Landstreicher?
Sie beschloß dem nachzugehen und zog sich ihren Jogginganzug an.
Unten im Café saß Nami im Bademantel und trank einen Kaffee.
"Möchtest du auch einen," fragte sie noch ganz verschlafen.
"Nein danke. Stell dir vor, draußen sitzt ein Landstreicher vor unserer Tür," erzählte Hitomi.
Sofort war Nami hellwach und stand auf.
"Warte einen Moment," sagte sie und lief nach oben.
Nach kurzer Zeit kam sie mit Loves Baseballschläger hinunter und sie schlichen zu Tür.
Hitomi schloß auf und Nami stand bereit, zu zuschlagen.
Da die Person an der Tür gelehnt war, kippte er nun um und wachte auf.
"Toshi," rief Hitomi völlig überrascht.
Detective Utsumi öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber offensichtlich hat er seine Stimme in der kalten Nacht verloren.
Die Schwestern halfen ihm auf und brachten ihn ins Café.
"Hast du etwa die ganze Nacht über Draußen geschlafen," fragte Hitomi sehr besorgt.
Toshi nickte und fing an zu husten.
"Du mußt in ein Krankenhaus," sagte seine Freundin, als sie seine Temperatur an seiner Stirn fühlte.
"Du hast wieder hohes Fieber. Nami, wir bringen ihn schnell ins Stadtkrankenhaus."
Toshi schüttelte vehement den Kopf und bewegte seine Lippen.
"Was? Ich versteh dich nicht," sagte Hitomi.
"Hier, Toshi," sprach Nami und legte ihm einen Notizblock und einen Stift vor.
Er nahm den Stift, schrieb einige Zeilen und gab sie Hitomi.
"Du hast deine Krankenversicherung vor drei Wochen gekündigt," fragte sie lautstark. Sie konnte es nicht fassen.
"Warum hast du das denn gemacht," fragte Nami unwissend.
Toshi nahm den Block und schrieb, daß er lange nicht krank gewesen sei und daß er Geld sparen wollte, da er eine deftige Mieterhöhung bekommen hatte.
Zum Schluß stellte er schreibend die Frage, ob er seinen Schlüssel bekommen könne, damit er nach Hause gehen könne.
"Das kommt überhaupt nicht in Frage," sprach Hitomi. "Du bleibst, wenn du schon nicht ins Krankenhaus gehen kannst, selbstverständlich hier, damit du dich auskurieren kannst. Wer sollte dich denn sonst gesund pflegen," fragte sie.
Er schrieb ein Danke und verbeugte sich. Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, fing er an zu husten.
"Ich würde vorschlagen, daß du dich so schnell wie möglich wieder in Loves Bett legst," schlug Nami vor und Toshi trottete gestützt von Hitomi nach oben. Er stand nicht gerne in der Schuld von jemandem. Auch nicht, wenn es die Zukünftige, hoffte er, Familie sei. Er wollte niemandem zur Last fallen.

"Na, wie war es mit ihm," fragte Kazumi sehr neugierig. "Was habt ihr denn so getrieben," betonte sie.
Sie konnte wirklich nerven.
"Wie ich schon sagte: wir haben Karten gespielt," erklärte Love ihr.
Kazumi lächelte hintergründig.
"Natürlich. Ihr habt nur Karten gespielt. Und das soll ich glauben? Oder war es Strippoker," fragte sie lechzend.
"Du wirst geschmacklos," erwiderte Love.
Kazumi verschränkte die Arme vor dem Körper und drehte sich weg.
"Na gut, wenn du mir nicht die Wahrheit sagen willst, erzähle ich dir auch nicht, was in der Disco passiert ist," sagte sie beleidigt.
Nun war Loves Interesse geweckt und sie beteuerte, daß sie mit Kushiro nur Karten gespielt habe. Sie schwor es sogar.
"Du hast wirklich nur mit ihm Karten gespielt? Nun bin ich aber enttäuscht. Ich dachte, daß du jetzt Volldampf voraus fährst und du die Initiative ergreifst," erwähnte sie. "Aber ich weiß ja auch, daß die Jungen in dem Alter noch etwas schüchtern sind. Ich habe heute da so meine Erfahrung gemacht."
Nun beugte sich Love voller Interesse vor.
"Was denn für Erfahrungen?"
"Och nichts weiter."
"Mache nun keinen Rückzieher. Ich habe dir auch gesagt, was ich in der Zeit gemacht habe," sagte Love streng.
"Ich sage nur soviel: bei mir ist mehr die Post abgegangen! Die Disco war zwar ziemlich klein, aber dafür war da eine super Atmosphäre."
"Erzähl schon weiter. Was ist dann passiert," platzte es aus Love heraus.
Kazumi seufzte.
"Warte es doch ab. Als ich da also so vor mich hin tanzte, fiel mir so ein Junge auf, der ein paar ganz vorzügliche Tanzschritte drauf hatte. Er sah super aus mit seiner immermodischen Igelfrisur. Ich beschloß mich also an die Bar zu setzen, um mir einen Vitamindrink zu bestellen. Man muß ja bei Kräften bleiben, dachte ich mir. Ich saß nun also an der Bar und zog am Strohhalm des Drinks. Auf einmal geschah das Unmögliche!"
"Was, was," fragte Love impulsiv.
"Wenn du mich dauernd unterbrichst, lege ich mich schlafen und sage gar nichts mehr."
Love nahm ihre Lippen zwischen Daumen und Zeigefinger und preßte sie aneinander.
"Also er kam tatsächlich auf mich zu und setzte sich neben mich. Ich dachte ich würde sterben. Und dann fing er auch noch an, mich anzusprechen. Oh, er war ja so süß. Seine hellblauen Augen blickten mich forsch an und er stellte sich mir vor. Sein Name war Takido Ozoni und er fragte mich, ob ich mit ihm tanzen wolle. Ich sagte natürlich ja, denn so einen erwischt man nicht alle Tage. Wir tanzten etwa zwei Stunden bei allen Musikrichtungen mit. Von Soul über Hardrock, bis Techno und Blues. Es war herrlich, das kannst du mir glauben. Er war ein super Tänzer. Ich flog nur so über die Tanzfläche. Als wir uns gemeinsam an der Bar ausgeruht hatten, fragte Takido mich, ob ich noch mit ihm eine Schlittenfahrt machen wolle. Und als wir draußen waren, kippte ich fast aus den Latschen. Er holte eine richtige Pferdekutsche mit Kufen und wir fuhren durch den Wald. Er erzählte mir, daß der Kutscher ein guter Freund von ihm war. Wir lagen Arm in Arm in dem Schafsfell der Kutsche und blickten zu den Sternen. Und stell dir vor: Wir waren nicht die Einzigen, die heute Nacht unterwegs waren. In der Ferne sah ich drei Gestalten bei der Dunkelheit Ski fahren. Und hinter ihnen fuhr noch einer mit einem Schlitten im irrsinnigen Tempo hinterher."
Love schluckte.
"Das müssen Verrückte gewesen sein. Aber egal. Jedenfalls sind wir durch den Wald gefahren und sind vorhin hier eingetroffen."
"Und," fragte Love voller Neugier.
"Was und?"
"War's das? Hat er einfach Tschüs gesagt und ist gegangen?"
Kazumi schüttelte den Kopf.
"Nicht ganz. Wir haben uns unter der Laterne geküßt. Und auf einer Skala von eins bis Zehn war das mindestens eine neun Koma fünf. Morgen treffe ich mich noch einmal mit ihm."
"Tja ja, du also auch. Ich habe ja schon immer gewußt, daß du ein brodelnder Vulkan bist, du alte Schwerenöterin," feixte Love.
Nun gingen beide endlich ins Bett. Es war schon weit nach zwei, aber beide erzählten und schwärmten noch eine lange Zeit über die jeweiligen Erlebnisse hier bei der Ski Freizeit.

Es war eine sternklare Nacht und sie fuhren Arm in Arm durch den dunklen Wald. Man hörte nur das Schnaufen der Nüstern und die Hufschläge des Brauereigauls. Am heutigen Abend hieß es abschied nehmen, denn Morgen war der große Tag der Abreise.
"Warum mußte diese schöne Zeit nur so schnell zu ende gehen," trauerte Love den letzten Tagen nach. Sie kuschelte sich noch enger an Kushiros Körper und er drückte sie noch fester an sich.
"Ach ja. Schade, daß wir Morgen nun andere Wege gehen. Aber ich werde immer an die schöne Zeit mit dir denken, wann immer ich mich einsam fühle," flüsterte der Junge.
Beide seufzten noch einmal und sahen in den Himmel.
"Schau, Love. Eine Sternschnuppe. Hast du dir was gewünscht," fragte er.
"Ja, ich habe mir gewünscht, daß die Zeit nun für immer stehen bleiben soll, damit wir ewig zusammen sein können," schwärmte sie voller Sehnsucht und schloß die Augen. Kushiro beugte sich zu ihr und die beiden küßten sich sehr innig. Bei diesem Kuß vergaßen beide, daß es um sie herum Winter war.

Am nächsten Morgen standen die beide verliebten Paare am Bahnsteig, um sich zu verabschieden. Love und Kazumi lagen in den jeweiligen Armen der Jungen, mit denen sie die meiste Zeit während des Ski-Campes verbracht hatten. Als der Zug von den Mädchen einfuhr, hatten beide Tränen in den Augen. Und als sie im Zug saßen, nachdem sie den Jungen noch lange zugewunken hatten, versuchten sie sich vergeblich gegenseitig zu trösten.

"Wann kommt deine Schwester eigentlich wieder von der Skifreizeit," fragte Toshi, dem es schon wesentlich besser ging. Eigentlich war er so gut wie gesund, aber er fühlte sich so wohl bei Hitomi, daß er ein bißchen simulierte, um noch dableiben zu dürfen.
"Love kommt am neunten wieder. Aber nun zu dir: Wie fühlst du dich heute abend," fragte Hitomi besorgt.
Aus heiterem Himmel schien es Toshi wieder schlecht zu gehen.
"Ah, mir geht es eigentlich ganz gut," stöhnte er. "Wenn nur diese Kopfschmerzen nicht wären. Die bringen mich noch um," ächzte er und hielt sich den Kopf.
Hitomi beugte sich zu ihm hinunter und küßte ihn auf die Stirn.
"Besser," fragte sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln.
Toshi lag zurückgelehnt in Loves Bett und blickte sehr beglückt zu Hitomi.
"Etwas besser, ja. Aber wenn du noch einmal...?"
"Ungehobelter Klotz. Sei mit dem zufrieden, was du bekommen hast," sagte Hitomi streng und ging aus der Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihm um.
"Vergiß nicht: Übermorgen mußt du das Feld räumen!"
Sie hatte Detective Utsumis Taktik natürlich längst durchschaut, hatte aber nichts dagegen, daß er rund um die Uhr in ihrer Nähe war.

In der Nacht huschte eine dunkle Gestalt, bepackt mit einem schweren Rucksack, über die Straße zum Café Katzenauge und drang leise in es ein. Im Gebäude angelangt, stellte die Gestalt ihre Last ab, setzte sich erschöpft auf einen der Barhocker und ächzte leise. Nach einer kurzen Ruhepause, schlich die Gestalt im Schutze der Dunkelheit in die Küche, öffnete den Kühlschrank und trank einen großen Schluck aus der Orangensaftflasche. Danach ging sie auf leisen Sohlen durch das Haus zum Badezimmer, um sich zu waschen. Nach dieser Erfrischung ging Love den Flur entlang, und wollte niemanden wecken. Als sie heute Nacht am Bahnhof angekommen war, hatte sie sich schon sehr gewundert, daß keiner ihrer Schwestern sie abgeholt hatten. Dabei hatte Love ihnen doch sogar das Ankunftsdatum auf einen Zettel geschrieben. Und zwar, daß sie am sechsten Januar wiederkommen würde. Sie hätte vor Wut darüber am Liebsten ihre Schwestern zu so später Stunde aus ihren Betten geschmissen, aber dafür war sie zu erschöpft. Schlafen, nur noch schlafen wollte sie. So ging sie auf Fußspitzen zu ihrem Zimmer und öffnete die Tür. Love war so müde, daß ihre Augen schon tränten und sie legte sich, ohne sich auszuziehen, in ihr Bett und schlief fast sofort ein. Sie träumte von Schnee, Kushiro und einer heißen Liebesnacht mit ihm.

Am nächsten Morgen wollte Hitomi nach ihrem Patienten schauen. Es war ein herrlicher Tag. Es hatte endlich aufgehört zu schneien und die Sonne strahlte mit ganzer Kraft zu Erde. Voller Überschwenglichkeit öffnete sie die Tür zu Loves Zimmer und blieb stocksteif stehen. Nami schritt durch den Flur und schaute Hitomi an und fragte sie, warum sie so bleich sei. Hitomis Augen sprangen fast aus ihrem Gesicht, als sie ihren Zeigefinger hob und auf das Bett deutete. Nami blickte den Finger entlang und öffnete erschrocken ihren Mund. Beide schauten starr auf das Bett und sahen einen friedlich schlummernden Toshi und in seinem Arm warm gebettet Love, die sich eng an ihn schmiegte und ebenfalls schlief.
"Kneif mich, Nami. Ich glaube ich träume," stammelte Hitomi entsetzt.
"Ich, ich befürchte, wir beide träumen," stotterte die ältere Schwester.
Plötzlich bewegte sich Toshi. Er drehte sich mit dem Gesicht zu Love und flüsterte: "Hitomi. Ich liebe dich!"
Nun spitzte er die Lippen und stand kurz davor, Love zu küssen.
Jedoch war damit Hitomi verständlicherweise nicht einverstanden und schrie Utsumis Namen.
Durch diesen Lärm wachten Love und Toshi auf und blickten sich in die Augen. Nach kurzer Reaktionszeit schrien Love und Toshi gleichermaßen auf und Love holte mit der Rechten aus und traf Toshis linke Wange. Durch diesen Schmerz und der immensen Wucht, die das Mädchen aufbrachte, fiel Toshi aus dem Bett, stand rasch auf und schnappte sich seine Sachen. Er rief noch ein kurzes: "Entschuldige bitte. Das war keine Absicht!" und lief aus dem Raum.
Währenddessen fiel Love in einen Schreikrampf. Nami und Hitomi standen bewegungsunfähig in der Tür und starrten Love an.
Nach einiger Zeit befreite sich Nami von der Bestürzung, lief zu ihrer jüngsten Schwester und versuchte, sie zu beruhigen. Auch Hitomi riß sich los und bemerkte, wie Nami Love ins Gesicht schlug. Durch den Schmerz beruhigte sich Love wieder.
"Was war das denn. Wie kommt Toshi in mein Bett," fragte sie hysterisch und schüttelte sich.

Nachdem Toshi sich im Café schnell angezogen hatte, lief er, den Schock immer noch in den Gliedern sitzend, verwirrt durch die Stadt und rezitierte noch einmal in Gedanken das Geschehene. Er konnte aber keinen Grund für dieses peinliche Ereignis finden. Es muß Loves Schuld gewesen sein. Diese Feststellung beruhigte ihn ein bißchen und er steuerte auf sein Apartment zu. Sein Briefkasten war überfüllt von Werbung, aber hauptsächlich von Rechnungen und Mahnungen. Aber plötzlich sah er eine offiziell aussehende Sendung und laß den Absender. Hatsuki Horikawa aus Kagoshima, seine entfernte Cousine.
"Nanu," dachte Toshi. "Was will die den von mir?"

"Ha, ha. Im Nachhinein ist die Verwechslung von mir doch komisch," lachte Love.
Alle drei Schwestern saßen am reich gedeckten Frühstückstisch.
Hitomi machte ein finsteres Gesicht.
"Ich finde das gar nicht komisch. Warum verdrehst du auch immer die Zahlen?"
"Du bist wohl immer noch sauer, daß deine Schwester Arm in Arm mit deinem Freund in einem Bett geschlafen hat," analysierte Nami und zwinkerte.
"Bin ich nicht," beteuerte sie.
"Aber warum machst du denn so ein Gesicht? Trag es mit Humor, wie ich," warf Love ein.
"Ich kann aber trotzdem der Sache nichts positives abringen. Toshi ist gerannt, als ob der Teufel hinter ihm her gewesen sei. Er hatte bestimmt auch einen Schock, wie du heute Morgen," erklärte Hitomi.
"Hoffentlich ist im nichts passiert," machte sie sich Sorgen.
"Wenn du so um ihn in Sorge bist, solltest du vielleicht bei ihm vorbeischauen," frotzelte Love.
"Das werde ich auch machen," antwortete Hitomi und fing an, den Frühstückstisch abzudecken.

Da Hitomi sowieso Einkaufen mußte, ging sie gleich mal bei Toshis Wohnung vorbei. Auf dem Weg dorthin dachte sie daran, was beim letzten Mal geschehen war, als sie bei ihm unangekündigt vorbei schaute. Und sie kam zu dem Schluß, daß sie ein bißchen überreagiert hatte.
Vor dem Haus sah sie aus der Ferne ein Taxi stehen, in das Toshi Utsumi gerade einstieg. Hitomi rannte und rief seinen Namen. Doch er bemerkte sie nicht und so fuhr das Taxi ab. Zurück blieb eine verwirrte Hitomi. Auf dem Weg nach Hause, stellte sie viele Theorien auf und verwarf sie wieder.

Nachdem sich Toshi an dem Tag nicht mehr gemeldet hatte, machte sich Hitomi noch mehr Sorgen. Gegen Nachmittag kam Fräulein Assaya in das Café.
"Wissen sie, wo sich Detective Utsumi aufhält," fragte sie die Schwestern.
Hitomi schüttelte den Kopf.
"Nein, warum? Hat er sich nicht bei ihnen gemeldet," fragte Hitomi.
"Detective Utsumi hat sich weder bei uns abgemeldet, noch seinen Wagen weggefahren. Das ist auch der eigentliche Grund, warum ich mich hier blicken lasse. Herr Utsumi parkt seinen Wagen schon eine Woche vor dem Polizeirevier und das ist bekanntermaßen verboten. Ich möchte sie als seine Freunde also bitten, den Wagen zu entfernen, da er ansonsten abgeschleppt werden wird."
"Und wie? Wir haben nicht den Autoschlüssel von ihm," fragte Nami ratlos.
"Das ist ihr Problem! Sayonara," verabschiedete sich die Unterinspekteurin und verschwand durch die Tür.
"Und wie sollen wir seinen Wagen wegschaffen, Schwestern," stellte Hitomi in den Raum.
"Lassen wir ihn doch einfach abschleppen. Ist doch Toshis Schuld, daß er da steht. Außerdem: vielleicht meldet er sich ja bald bei uns," schlug Love vor.
"Aber Toshi hatte heute Koffer dabei. Wenn ich nur wüßte, wo er hingefahren ist," wünschte sich Hitomi.
"Fest steht: er ist nicht auffindbar und der Wagen muß weg. Ich schlage vor, daß wenn Toshi sich bis halb acht nicht bei uns gemeldet hat, geht Hitomi zu seiner Vermieterinn und versucht seinen Zweitschlüssel in seiner Unterkunft zu finden."
Love schnipste mit den Fingern.
"Hey, das ist eine gute Idee, Schwesterherz. Dann könnte sie sich mal richtig bei ihm umgucken, warum er weg ist und, ob er eine Geliebte hat," erwähnte Love übermotiviert.
Hitomi schlug ihrer jüngeren Schwester mit der Faust auf den Kopf.
"Ich halte das aber nicht für eine gute Idee. Das ist doch Verletzung der Privatsphäre," gab Hitomi zu bedenken.
Aber schließlich überredeten die anderen beiden sie doch und sie stand kurze Zeit später wieder vor Utsumis Wohnung.
Sie klingelte bei seiner Vermieterin und sie gab ihr bereitwillig die Schlüssel zu Wohnung. Sie sagte, daß dort sowieso nichts zu holen sei.
Hitomis Finger zitterten, als sie den Schlüssel in das Schloß steckte und herumdrehte.
Sie öffnete die Tür und staunte. Die Wohnung sah einigermaßen ordentlich aus. Sie trat in den Flur und suchte am Schlüsselboard nach dem Autoschlüssel. Dort hing er aber nicht. Wo könnte er denn noch sein? Sie ging mit einigem Unbehagen in Toshis 'Schlafzimmer', einen kleinen Raum mit einer Matratze auf dem Fußboden.
"Und in so einer Behausung muß er leben? Schrecklich," bemerkte Hitomi.
In der Ecke stand ein kleines Regal mit einer Geldkassette. Sie öffnete sie. Dabei fiel die Kassette herunter und Hitomi fluchte, als sich das Kleingeld auf dem Boden verteilte. Aber in dem Geldhaufen fand sie auch endlich den Ersatzschlüssel. Sie sammelte alles auf und legte es wieder in den Behälter. Dabei vielen ihr einige Zeitungsausschnitte, die schon zwanzig Jahre alt waren, auf, die dort noch drin lagen.

Urlaubsflugzeug über Shimane abgestürzt
Ein Passagierflugzeug stürzte an diesem Wochenende über Shimane ab. An Bord waren japanische Urlauber, die von der Insel Yaku-Shima auf dem Rückflug nach Tokio waren. Unfallursache noch nicht geklärt. Als einziger überlebte ein fünfjähriges Kind, dessen Eltern nur tot geborgen werden konnten.

Auf einem anderen Zeitungsausschnitt stand eine Todesanzeige von Ohisi und Keyko Utsumi.
Hitomi erschrak. Utsumi. Waren das etwa Toshis Eltern?
Nun fiel ihr wieder ein, daß Toshi nie über seine Familie gesprochen hatte.
"Aber das bedeutet ja, daß er ohne Eltern aufgewachsen ist," schloß Hitomi. Betrübt legte sie die Geldkassette weg und ging.

"Das ist ja traurig," bedauerte Love. "Er paßt besser zu uns, als ich dachte. Er hat auch keine Eltern, wie wir."
Die Schwestern saßen in der Sitzecke zwischen Küche und Flur, nachdem Hitomi ihnen von den Zeitungsausschnitten berichtet hatte.
"Also das bezweifele ich stark," gab Nami von sich.
"Was bezweifelst du," fragte Love.
"Ich bezweifele, daß du gedacht hast!"
Love schnitt eine Grimasse.
"Wieso," fragte sie ärgerlich.
Nami zuckte mit den Schultern.
"Na, weil man zum denken einen Vertand benötigt, der bei dir ja offensichtlich nicht exist..."
"Nami, hör auf, Love zu ärgern. Wir wissen immer noch nicht, wo Toshi steckt," fuhr Hitomi dazwischen.
In dem Moment klingelte die Ladentür und ein Postbote kam herein.
"Ein Eilbrief für Miss Hitomi Kisugi!"
Hitomi nahm ihn entgegen und unterzeichnete die Empfangsbestätigung.
"Sie sehen heute abend wieder ganz bezaubert aus, Mademoiselle Nami," säuselte der Briefträger und küßte ihre Hand.
Nami errötete leicht und sagte: "Danke Pièrre! Charmant, wie immer."
Pièrre verließ das Café mit einem "Au Revoir!" und die Schwestern waren wieder allein.
"Na, wann heiratet ihr beiden denn," feixte Love.
Daraufhin schlug Nami ihr leicht auf dem Kopf, wie es in Japan im allgemeinen üblich ist.
Während dessen laß Hitomi den Eilbrief und senkte den Kopf.
"Was hast du, Schwester? Von wem ist der Brief," fragte Love neugierig.
"Er ist von Toshi. Er ist in Kagoshima," sagte sie
"In Kagoshima? Was macht er denn da," fragte Nami.
"Sein Onkel und seine Tante sind vor vier Tagen gestorben. Da beide für ihn ja Familienersatz waren, bestand eine sehr enge Verbindung zu ihnen. Nun ist er hingefahren, um bei deren Bestattung anwesend zu sein. Toshi entschuldigt sich noch einmal für das Malheur mit Love. Er kommt in drei Tagen wieder," erklärte Hitomi.
Die Stimmung war nun ein wenig bedrückt und Nami und Love versuchten Hitomi aufzumuntern. Aber schon bald verfielen sie alle wieder in den Alltagstrott. Nur nachts dachte Hitomi oft an Toshi Utsumi.

Es wehte ein eisiger Wind zwischen den Gleisen. Aber das machte Hitomi nichts aus. Sie wartete auf Toshi, der heute wiederkommen wollte.
Sie schaute auf die Bahnhofsuhr. Der Zug hatte schon zwanzig Minuten Verspätung.
Hitomi stellte sich von einem Bein zum anderen. Doch endlich wurde der Zug aus Kagoshima ausgerufen und kurze Zeit später fuhr er ein.
Verzweifelt versuchte sie Toshi in dem Gewühl zu finden. Sie hielt Ausschau, nach einem jungen Mann, mit türkisem Jackett, das Toshi zu jeder Gelegenheit trug. Die Leute drängten sich an ihr vorbei und es dauerte eine Zeit, bis sie Detective Utsumi erblickte.
Er sah müde und geschafft aus. Nach kurzer Begrüßung fuhren beide mit einem Taxi zu Toshis Wohnung, wobei Hitomi ihm ihr Beileid aussprach. Auf dem Weg dorthin blieb er ungewohnter Weise sehr ruhig und sprach nicht viel.
Ein wenig enttäuscht ließ sich Hitomi mit dem Taxi, nachdem sich Toshi von ihr verabschiedet hatte, nach Hause bringen.

"Willkommen im Café," sagte Love und hob den Kopf, um zu sehen, wer gerade gekommen war.
"Ah, du bist's, Toshi. Wie geht's denn so," fragte sie.
Detective Utsumi trat an den Tresen, wie immer, und bestellte sich einen Kaffe.
"Frag lieber nicht. Der Chef hat eine miese Laune und die wälzt er natürlich auf mir ab," antwortete er mürrisch.
Er trank einen Schluck vom Kaffe.
"Wo ist denn Hitomi?"
"Sie ist gerade Einkaufen," antwortete Love. "Hast du schon ein Geschenk für sie?"
Toshi hob den Kopf.
"Ein Geschenk? Wofür den?"
Love schlug ihre Handfläche gegen ihr Gesicht und stöhnte auf.
"Weißt du denn gar nichts? In drei Tagen ist der ßéedschiN no hi Tag (Tag der Erwachsenen, die Zwanzig in diesem Jahr werden).
Und Hitomi wird im Sommer zwanzig Jahre alt. Mann, bist du vergeßlich," stellte Love fest.
Nun schlug Toshi seinerseits seine Hand gegen den Kopf.
"Das habe ich ganz verschwitzt. Danke Love. Dafür hast du bei mir was gut," rief er, legte ein paar Yen auf den Tresen und wollte eilend aus der Tür verschwinden. Jedoch just in diesem Moment kam Hitomi vom Einkauf wieder und Toshi prallte gegen sie, worauf sich beide am Boden der Tatsachen wiederfanden.
Toshi half der Verwirrten auf und rannte Gen Revier.

Am 15. Januar war es dann soweit. Heute war Hitomis großer Tag. Heute wurde ihre Volljährigkeit gefeiert.
Sie stand schon sehr früh auf und zog ihren hellblauen Kimono, den sie am Abend zuvor nochmals sorgfältigst gebügelt hatte, an.
Als sie in die Küche kam, stand dort ein besonders reich gedeckter Frühstückstisch und plötzlich knallte es um sie herum. Es waren Knallerbsen, und sie war über und über mit Konfetti und Partyschlangen behangen.
"Herzlichen Glückwunsch, Hitomi," riefen ihre Schwestern in Stereo und klatschten in die Hände.
Hitomi bedankte sich und entfernte das Konfetti von ihrem Kimono.
Am Vormittag klopfte Toshi an der verschlossenen Eingangstür. In der Hand hatte er zwanzig rote Rosen, die er Hitomi mit einem "Herzlichen Glückwunsch" übergab. Hitomi errötete und nahm sie dankend entgegen.
"Hitomi, ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich dich heute zum Mittagessen ausführen dürfte," trug er ihr vor.
Hitomi sagte zu und sie verabredeten sich um 11.30 Uhr.
"O là là. Er lädt sie zum Essen ein. Ob das heute mal ohne Störung klappt," fragte Love Nami.
Hitomi hoffte es sehr, denn immer wenn sie gemeinsam Essen waren, kam irgend etwas dazwischen.

Um halb zehn ging Hitomi noch einmal in ihr Zimmer, um sich schön zu machen.
Love kam zwischenzeitlich in Hitomis Zimmer, um ihr noch einige 'Tips' im Umgang mit Männern zu geben.
"Und hier das Wichtigste: Eigentlich sollte der Mann sie immer dabei haben, aber bei Toshis Schlampigkeit..."
Love reichte Hitomi einige Kondome.
"Love, du bis unmöglich," rief Hitomi fassungslos. "Wir gehen nur zum Essen," entrüstete sie sich.
"Aber heutzutage weiß man ja nie.."
"Raus mit dir," fuhr Hitomi ärgerlich Love an.
Love gab auf und verließ ihre ältere Schwester.
Und pünktlich um halb zwölf kam Toshi, bekleidet mit seinem türkisen Jackett, um Hitomi abzuholen.
Auch er hatte sich extra schön gemacht, aber für einen anderen Grund.
Er lud sie in ein nobles Restaurant ein und sie unterhielten sich über dies und das.
Nach dem vorzüglichen Essen machten sie ein Verdauungsspaziergang durch den Ueno Park.
Toshi lud Hitomi zum Ruderbootfahren über den See ein. Lange Zeit schwiegen sie. So verstrich die Zeit. Es wurde langsam dunkler.
"Frierst du," fragte Toshi .
"Ein bißchen," antwortete Hitomi, die immer noch ihren Kimono an hatte.
Toshi hörte auf, zu rudern, zog sein Jackett aus und legte es über Hitomis Schultern.
"Besser?"
"Ja!"
An der Stelle, wo sie sich nun befanden, konnte man sehen, wie die nun dunkelrote Sonne scheinbar in das Wasser eintauchte.
Toshi stand auf und kniete sich im Boot vor Hitomi hin.
Er zitterte leicht vor Nervosität.
"Hitomi! Ich habe im Zug viel zeit zum Nachdenken gehabt." Toshi schluckte und holte eine Plastikschachtel aus seiner Hosentasche. "Ich liebe dich über alles und möchte dir eine wichtige Frage stellen. Hitomi: Willst du meine Frau werden?"
Hitomi wurde ganz rot und war ganz verwirrt. Damit hatte sie nun beileibe nicht gerechnet.
Nun schluckte sie auch und sagte mit zitternder Stimme: "Ja, ich will. Ich könnte mir nichts schöneres vorstellen, Toshi."
Toshi atmete erleichtert auf und öffnete die Schachtel.
Er nahm den silbernen Ring, der einen kleinen Brillanten in der Mitte besaß, und steckte ihn an den linken Ringfinger von Hitomis ausgestreckter Hand.
"Hitomi, ich liebe dich," sprach er noch einmal und beugte sich zu ihr.
Hitomi schloß die Augen und sie küßten sich zum ersten mal richtig innig und guckten noch lange in den Sonnenuntergang. Das war der schönste Tag, in Hitomis Leben.

Als Hitomi durch die Tür kam, schwebte sie wie auf Wolken.
"Na, wie war's denn," fragte Love, aber Hitomi reagierte nicht.
Sie fühlte sich wie in Trance.
Erst als Nami sie sacht an der Schulter berührte, registrierte sie, ihre Schwestern.
"Wie war denn nun dein Essen mit Toshi," fragte Love noch ungeduldiger.
Als zu antworten, hob Hitomi nur ihre linke Hand.
"Seid wann hast du denn so einen hübschen Ring," fragte Love.
Nami tippte sie an den Arm.
Und nun verstand auch sie.
"Du hast dich verlobt," Love konnte es nicht fassen.
Nachdem Hitomi lächelnd nickte, fielen sie sich in die Arme und schrien vor Begeisterung.
"Das freut mich für dich," sagte Nami. "Ich hätte nicht gedacht, daß Toshi sich das trauen würde."
"Ich bin ja so glücklich," beteuerte Hitomi.
Aus diesem besonderen Anlaß, öffnete Nami einen 83'er Chaturné und sie feierten bis spät in die Nacht.
Erst am nächsten Morgen wurde ihr bewußt, was diese Verlobung eigentlich bedeutete. Wenn sie Toshi, einen Polizisten, heiraten würde, könnte sie niemals mehr nachts als Katzenauge auftreten und das machte ihr Sorgen, denn Katzenauge verfolgte ein großes Ziel. Die drei Schwestern wollten um jeden Preis die Kunstsammlung ihres Vaters wieder komplettieren, nachdem ihr Vater und auch die Kunstgegenstände auf geheimnisvolle Weise verschwanden. Sie hofften, in der kompletten Sammlung einen versteckten Hinweis zu finden, wo ihr Vater abgeblieben sei.
Und nun bekam Hitomi Schuldgefühle, weil sie ja in dem Falle ihre Schwestern mit der Aufgabe alleine lassen würde und das wollte sie auf keinen Fall zulassen.
Sie überlegte sogar ernsthaft, ihre gestrige Verlobung wieder aufzulösen. Aber sie liebte Toshi von ganzen Herzen. Wie sollte sie sich entscheiden?
Den ganzen Tag analysierte sie ihre Situation, fand jedoch keinen gemeinsamen Nenner, der ihr sagen könnte, für was, beziehungsweise für wen sie sich entscheiden sollte.
Gegen Mittag kam Toshi wieder einmal ins Café, um sich ein Sandwich und einen Kaffee zu genehmigen. Aber heute hatte er ein breites Grinsen aufgesetzt. Und er machte keinen Hehl daraus, warum.
"Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung," sagte Love, als sie ihm seinen Kaffe brachte.
"Danke, Love. Ich könnte mich fast selbst beglückwünschen, daß ich so eine schöne Frau ehelichen werde," schwärmte Toshi, während er verträumt Hitomi anblickte.
"Da hast du sicher recht, Toshi. Das so einer wie du unsere perfekte, schöne und häusliche Hitomi abgekriegt hat, kommt direkt einem Wunder gleich," stichelte Love.
Aber Toshi bemerkte davon gar nichts und trank lieber einen Schluck Kaffee.
"Wann wollt ihr eigentlich heiraten," fragte Nami, die gerade aus der Hintertür trat.
Toshi verschluckte sich und fing an zu Husten.
"Wie, was? Ach, so. Ja, also, ähem..," stammelte er. "Hitomi, hast du einen Augenblick Zeit? Ich möchte gerne mit dir reden. Allein!"
Nun wurde Toshi ernst und blickte sie fragend an.
"Ja, gut. Ich muß sowieso zum Einkaufen," antwortete sie.
Beide schritten aus dem Café.

Der Nipponibis zwitscherte aufgeregt auf der Metallstange des Klettergerüstes. Hitomi saß auf einer Kinderschaukel und Toshi stand daneben. Hier, auf diesem Spielplatz hatten sie sich schon in jungen Jahren manchmal heimlich getroffen, um alleine zu sein.
"Hitomi," fing Toshi an. "Ich möchte dich erst heiraten, wenn es mir endlich gelungen ist, Katzenauge zu fangen."
Hitomi erschrak. Wenn es Detective Utsumi tatsächlich gelingen würde, Katzenauge zu fangen, dann würden sie beide nicht mehr heiraten können, denn Hitomi war ja Katzenauge!
"Aber Toshi. Du brauchst mir nichts Beweisen. Ich würde dich auch heiraten, wenn du ein Versager wärst, der du ja nicht bist," fügte sie schnell hinzu.
"Danke Hitomi, aber ich bleibe dabei. Vertraue mir. Bald habe ich die verdammten Katzen gefangen und wir können heiraten. Das ist eine wichtige Voraussetzung das wir heiraten können. Denn wenn ich Katzenauge endlich schnappe, werde ich befördert und bekomme mehr Gehalt. Ich möchte dir ein ausgefülltes Leben schenken," antwortete er sanft aber standfest.
Hitomi senkte den Kopf.
"So, jetzt muß ich aber wieder ins Revier. Also tschüs, Hitomi.
Und : Ich liebe dich," rief er noch und verschwand.
"Wenn ich mit dir verheiratet bin, ist das die Erfüllung meiner Träume," flüsterte Hitomi leise, aber Toshi konnte es nicht mehr hören.

Hitomi ging in das Café 'Katzenauge' und ihre Schwestern bemerkten sofort, das etwas nicht mit ihr stimmte.
"Hitomi, was ist mit dir? Du siehst so traurig aus," bemerkte Love.
Doch Hitomi zog es vor nicht darauf zu antworten. In ihrem Kopf herrschte ein mentales Chaos. Einerseits war der Wunsch von Toshi, zu warten, bis er Katzenauge unschädlich gemacht habe, recht günstig für sie. Denn wenn Sie alle Kunstwerke beschafft haben werden, wird Katzenauge für immer von der Bildfläche verschwinden und sie könnten heiraten.
Andererseits würde diese Lösung recht viel Zeit in Anspruch nehmen und es besteht immer die Gefahr, daß sie von der Polizei dingfest gemacht werden könnten. Des weiteren müßte sie Toshi auch weiterhin aushorchen über bevorstehende Polizeiaktionen, was ihr eigentlich zuwider war.

Über diese Gedanken sinnierte sie auch während des Abendessens und bekam dadurch nichts von dem mit, worüber sich die anderen zwei unterhielten.
"Hitomi, schläfst du," fragte Nami und riß sie aus ihren Gedanken.
"Oh, entschuldigt bitte. Was hast du gesagt," bat Hitomi um Verzeihung.
"Typischer Fall von Verliebtheit," äußerte Love.
Hitomi seufzte.
"Also," begann Nami von neuem. "Herr Nagaishi war vorhin, als du mit Toshi weg warst, hier und hat uns berichtet, daß im Hirogami-Museum die Brosche "Samtengel" aus Vaters Sammlung nächste Woche ausgestellt werden soll."
"Also haben wir was vor. Wann wollen wir zuschlagen," fragte Love enthusiastisch.
"Morgen bekomme ich die Baupläne von Herrn Nagaishi. Ich würde einen Wochentag vorschlagen. Was meinst du dazu, Hitomi?"
"Hä, was. Was hast du gesagt," fragte Hitomi in Gedanken.
"Geht es dir auch wirklich gut, Schwester," fragte Nami nun besorgt.
"Wenn du nächste Woche auch so in Gedanken bist, bleibst du lieber zu Hause bei Toshi," ickerte Love, was ihr ein tödlichen Blick von Hitomi bescherte.
"Spinnst du. Ich verspreche hoch und heilig, daß ich nächste Woche voll konzentriert zur Sache gehen werde," betonte Hitomi und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Na schön. Nun denn, Mädchen," fing Nami an, den ersten Rohschnitt des Planes zu erklären.

Die Spatzen zwitscherten im Park und sie saß auf der Bank und korrigierte ihren makellosen Teint. Sie trug ein langes, blaues Kleid und eine feuerrote Bluse, bei der sie die obersten zwei Knöpfe offen ließ. Auch ihr Kleid besaß einen sehr langen Seitenschlitz, so daß man sehr viel Bein sehen konnte. Das sie ihren phantastischen Körper so sehr betonte, war ihre volle Absicht. Nami liebte dieses prickelnde Gefühl, wenn sich die Männer nach ihr umdrehten, oder ihr gar hinterher pfiffen. Sie besaß viel Temperament und flirtete leidenschaftlich gerne.
Doch heute war sie nicht zum Flirten in den Park gekommen. Sie wartete auf jemanden, der ihr wichtige Informationen von dem Museum zuspielen wollte. Nami brauchte gar nicht lange zu warten, denn schon kam ein schon etwas reiferer und korpulenter Mann auf sie zu.
Sie stand auf und der ältere Herr nahm ihre Hand und küßte sie auf den Handrücken.
"Einen wunderschönen Tag wünsche ich einer noch viel schöneren Frau," sagte er mit seiner sonoren Baßstimme.
Nami senkte ihr Haupt und antwortete " Oh, wie charmant. Auch ich wünsche ihnen einen guten Tag, Herr Nagaishi. Aber wir sind nicht hier, um uns gegenseitig Komplimente zu machen."
Der große Mann nickte zustimmend.
"Da haben sie sehr recht. Hier, auf diesen Plänen sind alle Sicherungsvorkehrungen des Museums eingezeichnet," sagte er ernst und übergab ihr einige zusammengefaltete Papiere.
Nami nahm sie entgegen. Der Mann wünschte ihr noch viel Glück und verabschiedete sich.
Nami verstaute die Pläne in ihrer Einkaufstasche und verließ den Park. Sie mußte noch zur Bank, um die Wocheneinnahmen des Cafés einzuzahlen.

In der Nähe des Kaiserpalastes stand Toshi an einem Schnellimbiß, um sich zu stärken. Hausmannskost ist ja schön und gut, doch nichts geht über einen dicken Big Mäc oder einen Cheeseburger. Schräg gegenüber sah er Nami, die auf die Hirochi Bank zuging. er rief mit vollem Mund ihren Namen, doch sie hörte ihn nicht. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinen Burger zu. Doch er drehte sich blitzschnell wieder um, als er einen Schrei hörte. Er sah Nami am Boden liegend und wild mit den Händen gestikulierend. Und ein kleines Stück entfernt, sah er einen Mann wegrennen. Detective Utsumi begriff. Ein Taschendieb. Ohne lange zu überlegen, rannte er über die Straße und nahm die Verfolgung auf.
Er rief "Halt, stehenbleiben. Polizei!" und warf sich ihm entgegen. Beide vielen in einen Stapel von Mülltonnen. Der Dieb erholte sich schnell und schlug Toshi, der gerade wieder aufstehen wollte, nieder. Das ließ sich Toshi Utsumi nicht gefallen und stürzte sich abermals auf den Verbrecher. Er drehte ihm den Arm um und legte ihm Handschellen an. Als Nami heran kam, präsentierte Toshi stolz den Taschendieb und überreichte ihr ihre gestohlene Tasche, die sie dankend entgegen nahm.

Nachdem Toshi Namis Zeugenaussage im Revier entgegengenommen hatte, gingen beide ins Café 'Katzenauge'. Offensichtlich war keine Kundschaft anwesend, da sie alleine im Café saßen. Nami bereitete schon einen Kaffee.
"Noch einmal vielen herzlichen Dank, daß du den Kerl erwischt hast," bedankte sich Nami.
Toshi wurde rot und wedelte mit den Armen. "Das ist doch mein Job!"
Nami kam mit dem Kaffee um die Theke herum und sah ihn an.
"Du hast aber auch ganz schön was abgekriegt, Toshi."
Detektive Utsumi zierte ein Veilchen auf dem rechten Auge, was immer noch anschwoll.
"Das macht mir doch nichts aus," prahlte Toshi.
"Das muß ja höllisch weh tun. Mal sehen, was wir dagegen machen können," sagt Nami zart und beugte sich zu ihm.
Sie flüsterte "Mein Retter!" und gab ihm sanft einen Kuß auf das Auge.
In dem Moment kam Hitomi die Treppe herunter, weil sie dachte, daß Kunden im Café währen. Als sie Nami und Toshi zusammen sah, wie sie sich, aus ihrer Sicht, vermeintlich küßten, riß sie ihren Verlobten zu ihr um und gab ihm eine saftige Ohrfeige.
"Du bist Taktlos und ein Scheusal," rief sie mit Tränen in den Augen und lief nach oben in ihr Zimmer.
Toshi wollte hinterherrennen, doch Nami nahm ihn statt dessen beiseite.
"Toshi, du mußt doch bestimmt zur Arbeit," ermahnte sie ihn.
"Ja, aber Hitomi...," stammelte er.
"Ich werde das schon machen, mein Held!"
Toshi lief rot an und verschwand aus der Tür, wobei er beinahe Love beiseite stieß.
"He, pass' doch auf," rief sie ärgerlich.
"Love, ich habe einen Auftrag für dich," bemerkte Nami.

"Und du meinst, daß klappt," fragte Detective Utsumi, der auf einer Parkbank saß.
Love nickte.
"Na gut. Du bist ihre Schwester. Du mußt es ja wissen, was ihr gefällt."
Love schnipste mit ihren Fingern.
"Da hast du vollkommen recht, mein zukünftiger Schwager," antwortete sie. Auch wenn Toshi etwas zerstreut und tolpatschig war, fand Love es trotzdem gut, daß Toshi ihr Schwager werden sollte. Er hat mit seiner Tolpatschigkeit ja auch Katzenauge schon oft aus der Klemme geholt. Außerdem war er gutherzig, und daß paßte ganz gut zu Hitomi. Allerdings würde Love niemals so einen Langweiler ehelichen. Bei ihr kam eher so ein Typ wie Kushiro in Frage. Kushiro...

"Love, träumst du," fragte Utsumi ganz aufgeregt.
Das Mädchen schüttelte ihren Kopf, um sich von den wehmütigen Gedanken an ihre Romanze loszureißen.
"Wie? Was hast du gesagt," fragte sie ganz verwirrt.
"Ich wollte von dir wissen, ob ich vor oder nach dem Theater sie zum Essen ausführen soll?"
Love atmete die Luft ganz langsam aus.
"Erstens ist es eine Oper und zweitens natürlich danach, du Trottel," entrüstete sich Love. Toshi war offensichtlich auch schwer von Begriff. Arme Hitomi.

Nach etwa zwei Stunden kam Hitomi aus ihrem Zimmer und die Schwestern staunten nicht schlecht. Sie trug ein feuerrotes Abendkleid mit einem, für ihre Begriffe, recht tiefen Ausschnitt. Da zu natürlich rote Schuhe. An ihren Ohren baumelten zwei herrlich glänzende Goldohrringe. Ihre an der Seite liegenden Haare hatte sie hochgesteckt und ihr Mund war blutrot, wobei sie nur etwas Lidschatten aufgetragen hatte. Und an ihrer Hand, glitzerte und funkelte der Verlobungsring von Toshi.
"Wow. Richtig sexy. Bei dem Kleid wirst du bestimmt eine Anstandsdame benötigen, damit Toshi nichts unflätiges tut. Oder willst du das etwa," fragte Love spitz.
"Love! Ich gehe nur mit, weil er mich so nett eingeladen hat," rechtfertigte sich Hitomi.
"Bist du immer noch sauer, wegen dem Kuß? Ich schwöre dir: Toshi hatte nichts damit zu tun," besänftigte Nami.
"Ich weiß. Armer Toshi. Bei soviel Weiblichkeit konnte er sich natürlich nicht wehren. Warum willst du nur jeden Mann verhexen, Nami," warf Hitomi ihrer älteren Schwester vor.
"Also ich bitte dich. Ich habe doch nicht jeden Mann verhext," reagierte Nami beleidigt.
"Stimmt. Da hat sie recht. Ich kenne noch einen Jungen aus unserer Klasse, der noch nicht von Nami betört wurde," gab Love von sich, was ihr einen leichten Schlag auf den Kopf bescherte.
"Hallo! Ist jemand hier," rief jemand von unten. Toshi!
"Also, Hitomi. Viel Spaß. Wir werden nicht auf dich warten," sagte Love und zwinkerte.
Hitomi klopfte das Herz, als sie die Stufen herunter schritt. Sie hat sich schon wahnsinnig auf diesen Abend mit ihrem Verlobten gefreut.
Toshi stand unten, im Café mit leicht schlotternden Knien. Er trug einen weißen Frack, den er sich, bei seinem Gehalt, natürlich nur ausleihen konnte. Aber seine Frisur saß tadellos. Er hatte sich sogar kurz vorher noch einmal rasiert. Als er Hitomi die Treppe herunter schreiten sah, stockte ihm sein Atem und er mußte schlucken.
"Hitomi. Du siehst phantastisch aus," stammelte er.
"Danke, Toshi. Du siehst aber auch fein aus," gab sie das Kompliment zurück.
Toshi lief wieder einmal rot an und mußte abermals schlucken.
Hitomi winkelte ihren rechten Arm an und schlang ihn um Toshis.
Dieser mußte wieder schlucken, nahm aber ihren Arm und drückte ihn zärtlich an sich. Nun gingen beide Arm in Arm nach draußen, beobachtet von den anderen Kisugischwestern.
"Ein Traumpaar, findest du nicht, Love?"
Love nickte.
"Du hast recht. Ich glaube, da haben sich die richtigen gefunden."

In der Oper saßen sie auf einen Balkon ganz alleine, obwohl alle Plätze ausverkauft waren. Doch Toshi hatte die Karten für den ganzen Balkon gekauft, was seine Finanzen, die er auf die hohe Kante gelegt hatte, fast vollkommen aufgebraucht hatte. Doch er wollte, daß nichts und niemand den heutigen Abend mit Hitomi stört.
Gerade, als Radames verurteilt wurde, im unterirdischen Tempel lebendig begraben zu werden, fing es zu piepen an. Sein Polizeipieper!
Er wußte doch, daß er etwas vergessen hatte. Hitomi stöhnte schon leicht enttäuscht, da nun der Abend wohl vorbei sei, denn immer, wenn sein Piepser piept, ist er verpflichtet, sofort im Revier anzurufen.
Aber, unter staunenden Augen von Hitomi, nahm Toshi die Batterien aus dem Gerät heraus und steckte es in seine Seitentasche. Als ihn Hitomi mit offenem Mund fragend anguckte, sagte er "Ich werde mir diesen Abend nicht vermiesen lassen, Ich sage einfach, die Batterien seien leer gewesen," erklärte er und kniff ein Auge zu.
Nun lächelte Hitomi dankbar und schmiegte sich eng an ihn, was ihn natürlich wieder erröten ließ. Doch er liebte diese zärtlichen Berührungen von seiner Verlobten und er konnte sich nichts schöneres vorstellen, als für alle Zeit mit ihr einfach nur irgendwo miteinander zu kuscheln. Das war sein größter Traum. Nein! Etwas war Detective Utsumi noch wichtiger. Die Verhaftung von Katzenauge! Das war seine Lebensaufgabe.

Nach der Oper dinierten sie in einem noblen Restaurant, was Toshi befürchten ließ, daß er in den nächsten Wochen wohl kein Geld mehr haben würde, um zu rauchen. Aber das Lächeln seiner Verlobten vertrieb ganz schnell diese Art von Gedanken.
Toshi bestellte sich téNpula ja Fisch und Gemüse im Teigmantel fritiert. und seine Verlobte suschi ja. Reis, in getrockneten Algen gewickelt, mit versch. Zutaten, meist Fisch oder Muscheln
Nachdem der Ober den Wein dekantiert und eingeschenkt hatte, gesellte sich ein Violinspieler zu den beiden und fiedelte einige Liebesballaden. Toshi ergriff Hitomis Hand und drückte sie leicht.
"Hitomi! Du bist wie die Sonne, der Regen und der Wind, der mein Herz erblühen läßt," flüsterte er.
Vor lauter Verzückung errötete sie und sagte, "Oh, Toshi. Du bist so gefühlsbetont heute Abend."
"Ist das ein Wunder? Bei einer so schönen und Charmanten Frau muß man doch einfach Gefühle zeigen, denn verstecken, kann man sie bei deiner Grazie nicht, meine Rose des Himmelsgarten."

Sie standen vor dem Café, unter dem Sternenhimmel. Es war schon spät, denn sie waren noch durch einen nahegelegenen Park Hand in Hand spazieren gegangen. Sie schauten sich gegenseitig in die Augen. Man konnte es fast Knistern hören, so elektrisiert waren beide voneinander. Langsam schloß Hitomi ihre Augen. Nun beugte sich Toshi ihren Lippen entgegen. Der Abschiedskuß dauerte gewiß mehrere Minuten. Es fiel beiden schwer, sich von den jeweiligen Partner zu trennen, doch am Horizont reckte sich die Sonne schon gen Himmel.
Beide dachten noch lange Zeit an diesen perfekten Abend.

"Sie Idiot! Sie sind ein kläglicher Versager, Detective Utsumi," schrie der Chef ganz außer sich.
"Wir haben eine Katzenkarte bekommen und sie hielten es nicht für notwendig, nachdem wir sie angepipst hatten, uns anzurufen."
Toshi duckte sich reumütig und hoffte, daß auch dieser Wutanfall von seinem Chef bald vorüber sei. Schade, er hatte gedacht, daß die Idee mit den leeren Batterien gut gewesen sei. Aber leider hielten die Batterien in dem Pipser etwa dreißig Jahre, ohne zu mucken.
"Ich warne sie, Utsumi. Irgendwann ist das Maß voll und ich sorge für ihre Suspendierung," erwähnte der Chef und holte tief Luft.
"Die Katzen haben sich am Montag im Hirogami-Museum angekündigt. Sie wollen sich die Brosche 'Samtengel' unter den Nagel reißen, beziehungsweise sich krallen. Das gilt es zu Verhindern. Es geht um die Ehre der Polizei. In der Öffentlichkeit werden wir ausgelacht, weil wir es einfach nicht geschafft haben, Katzenauge zu fangen."
"Diesmal haben sie aber keine Chance," meinte Detective Utsumi.
Der Chef runzelte die Stirn. "Wieso sind sie da so sicher?"
"Na, weil ich wieder gesund bin und mich voll auf die Jagd konzentrieren kann," antwortete Toshi selbstsicher.
"Das ist genau das, was ich befürchtet habe," kommentierte der Chef und Fräulein Assaya fing schon zu beten an.
Wegen dieser ablehnenden Haltung verzog Detective Utsumi das Gesicht und schwor sich, die Katzen zu fangen. Koste es, was es wolle.

Die weitere Besprechung ging nicht unbeobachtet weiter. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand Nami in dem eigenen Einsatzraum und beobachtete interessiert die Lippen der Anwesenden mit einem Fernglas. Sie hatte schon vor ein paar Jahren gelernt, von den Lippen zu lesen, was Katzenauge schon oft einen Vorteil eingebracht hatte.
Sie drehte sich zu Love um, die an irgend etwas bastelte.
"Sie wollen fünfzehn Mann zur Bewachung einsetzen. Hilft dir das, bei deinen Vorbereitungen," fragte sie.
Love nickte mit dem Kopf und hantierte mit einem Schraubenschlüssel.
"Es darf nichts Schief gehen. Toshi scheint sehr Tatendurstig zu sein," gab die älteste der Schwestern zu bedenken.
"Kein Problem. Toshi wird auch dieses Mal den kürzeren ziehen," versicherte Love.
"Dein Wort in Gottes Ohr," kommentierte Hitomi.
"Vorsicht! Toshi kommt über die Straße," rief Nami.
Und kurze Zeit später betrat der Detective das Café.
Er trug wieder sein mintfarbenes Jackett und sah nicht besonders gut gelaunt aus.
"Hallo Toshi," begrüßte ihn seine Verlobte.
Er schaute in ihr Gesicht und seine Stimmung stieg schlagartig.
"Einen wunderschönen guten Tag, wünsche ich dir, mein Spatz," erwiderte er nett die Begrüßung.
Er kam näher und küßte Hitomi auf den Handrücken, bevor er sich an der Theke nieder ließ.
"Hast du Ärger wegen dem Pipser bekommen," fragte sie besorgt und brühte schon einmal eine Tasse Kaffee.
"Nur geringfügig. Aber um noch einmal mit so einer Schönheit Ausgehen zu können, würde ich allen Ärger der Welt auf mich nehmen. Jemand hat mal gesagt, daß das eigene Leben das kostbarste währe, was es gibt. Ich glaube aber vielmehr, daß die Liebe zu einer anderen Person viel kostbarer ist, als das eigene Leben. Ohne Liebe ist das eigene Leben doch nutz- und trostlos. Das Leben bekommt jeder umsonst. Aber zu lieben und geliebt zu werden, muß man sich hart erarbeiten. Doch wer sie einmal erfahren hat, der weiß, daß sich die Mühe lohnt. Durch Essen und Trinken können wir existieren, aber nur durch die Liebe leben wir erst richtig," philosophierte Toshi, was Hitomi erstaunte. Eigentlich war Toshi eher der Mann für das Grobe gewesen. Mit Philosophie oder Phantasien hatte er früher nie etwas am Hut. Aber jetzt...
"Hier, dein Kaffee," sagte sie und reichte ihm die Tasse.
"Danke, oh du Sinn und das Sein meines Lebens. Habe ich dir heute schon gesagt, wie schön du wieder aussiehst," fragte er und trank einen Schluck.
"Warum hattet ihr an einem Sonntag eigentlich eine Einsatzbesprechung," fragte sie ganz unschuldig.
Utsumis verträumter Blick trübte sich.
"Katzenauge will wieder Zuschlagen," antwortete er mit fester Stimme und ballte die Faust.
"Ach, wirklich? Und wo?"
"Sie wollen im Hirogami-Museum eine Brosche stehlen, diese vermaledeiten Katzen. Und zwar schon morgen Nacht. Aber dieses Mal Schaffen sie es nicht. Wir werden alle spezielle Brillen, Ohrstöpsel und Gasmasken tragen. Es gibt also keine Möglichkeit, uns auszuschalten," betonte er siegessicher und trank den Kaffee aus.
"Nun muß ich mich aber noch ein bißchen ausruhen, damit ich morgen fit bin. Leider werden wir uns erst Dienstag wieder sehen, meine Liebste. Drum nimm dies zum Abschied und denk an mich," flötete Toshi und küßte sie leidenschaftlich auf den Mund.
Hitomi schwebte so wie auf Wolken, daß sie weder bemerkte, daß Toshi ging, noch daß ihre beiden Schwestern nach unten gekommen waren. Seinen Küssen war sie magisch verfallen. Wenn sich ihrer Beider Lippen trafen, lief es ihr eiskalt den Rücken runter, um sofort, wie im Höllenfeuer gleich, innerlich vor Lust zu verbrennen.
"Na hoffentlich verpatzt sie am Montag nichts," hoffte Love und zeigte mit dem Daumen auf die sichtlich Verliebte.

Ungeduldig schritt er die Gänge entlang und kontrollierte noch einmal die verschiedenen Wachposten. Er fieberte den Augenblick, an dem Katzenauge zuschlagen würde, entgegen, denn seiner Meinung nach hatten die Diebinnen keinerlei Chance, die Brosche zu entwenden. Wie sollten sie denn diesmal die Wachen ausschalten? Wie angekündigt trug jeder eine Schutzbrille gegen gleißendes Licht, Ohrenschützer gegen etwaige Ultraschallwellen und auch eine Gasmaske, um nicht dem von den 'Katzen' viel verwendeten Schlafgas zu erliegen.
Alles schien perfekt vorbereitet zu sein. Aber nicht nur Toshi war mit den Vorbereitungen zu Frieden. Auch Love grinste selbstgefällig, allerdings hatte das einen anderen Grund. Die Katzen saßen im weißen Sportwagen und beobachteten die Aktivitäten im inneren des Museums.
"Das wird heute echt ein Kinderspiel," erwähnte Love siegessicher und hob die Faust zum Sieg.
Erstaunt sahen ihre beiden Schwestern sie an.
"Wie kannst du nur so sicher sein? Ich bin eher der Meinung, daß es heute so schwierig wie nie sein wird ," gab Hitomi ihre Meinung kund.
"Ich pflichte dir bei, Schwester. Toshi scheint seine Verlobung mit dir beflügelt zu haben. Aber wir müssen nun auf Love vertrauen, daß der Plan klappt," sagte Nami.
Love drehte sich enttäuscht weg und verschränkte die Arme.
"Soviel Vertrauen habt ihr also zu meinem Plan, na danke. Aber ihr werdet sehen, es wird alles klappen," versprach sie.
Darauf hin hob Nami den Kopf gen Himmel und fing in Gedanken an, zu beten.
Und Hitomi dachte aber an jemand anderes, der ihr heute wieder geholfen hat. Ihren Verlobten, Toshi Utsumi.

Toshi konnte sich trotz der bevorstehenden Gefahr von Katzenauge nicht konzentrieren. Er dachte unaufhörlich an Hitomi.
"Hatschi !"
Toshi mußte ohne Grund niesen. Nanu, wer denkt jetzt gerade an mich? Wahrscheinlich Hitomi. Ach Hitomi. Ich verspreche dir, bald werden wir heiraten. Heute werde ich Katzenauge erwischen. Ganz sicher.
Auch er ballte die Faust und setzte seinen Kontrollgang fort.

Der Adrenalinspiegel stieg und Hitomi machte sich warm und vollbrachte noch ein paar Dehnübungen, während Love einen Kasten aus ihrem Koffer heraus holte und das Gebilde noch mit etwas Öl erfreute.
"So, jetzt geht's los!"

Es herrschte inzwischen gespannte Stille im Inneren des Museums. Alle warteten darauf, daß irgend etwas passiert. Und tatsächlich konnte man, wenn man sich sehr konzentrierte, ein Geräusch hören. Aber niemand konnte es einordnen. Kein Wunder, denn sie hatten ja alle Ohrenstöpsel in den Ohren. Die Intensität des Geräusches nahm zu. Es schien aus dem Lüftungsschacht zu kommen. Der Polizist, der dieses bemerkte, meldete es per Funk sofort dem Einsatzleiter Detective Utsumi. Dieser lief sofort los und kam wenig später an dem Luftschacht an. Als er um die letzte Ecke bog, sah er mit Entsetzen, daß alle Wachposten auf dem Boden lagen und schliefen. Aber wie konnte das nur passieren? Sie hatten alle Gasmasken auf. Toshi stand vor einem Rätsel. Doch wenn die Katzen unbemerkt diese Posten ausschalten konnten, wie stand es mit denen, im Ausstellungsraum? Er bekam keinen Funkkontakt und raste los, wobei ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Hatten sie ihn schon wieder überlistet? Wie solle er das seinem Chef erklären? Mit diesen Gedanken kam er im Ausstellungssal an und ihm schlug wieder ein Schreckensbild entgegen. Alle Polizisten lagen übereinander und schliefen friedlich. Entsetzt riß Toshi sich die Maske vom Gesicht und atmete etwas erleichtert auf. Die Brosche lag immer noch auf dem Sockel. Nun zog er sich auch die Ohrenstöpsel heraus.
Auf einmal hörte er ein leises, kratzendes Geräusch, welches langsam lauter wurde und schaute sich angespannt um.

Love blickte amüsiert auf den kleinen Bildschirm. Darauf konnte man das Innere des Museums sehen und einen Polizisten, der erschrocken direkt in die Kamera hoch sah. Plötzlich sah man ein Geschoß aus dem Nichts kommen, welches den Polizisten an der Brust traf und er darauf hin zu Boden fiel.
"So, jetzt fehlt nur noch Toshi. Ich werde ihn ein bißchen scheuchen," sagte Love.
"Nein, Love. Es ist schon schlimm genug, daß er wieder gegen uns verliert. Außerdem werde nicht zu Übermütig," warnte Hitomi ihre jüngere Schwester, die darauf hin abwinkte und sich wieder dem Bildschirm zu wand.

Er hörte es jetzt immer deutlicher. Das Geräusch klang wie ein Motor Ein Motor? Nur was für einer? Das Geräusch kam näher und auf einmal fiel es ihm ein. Als Kind hatte er schon oft so ein Geräusch gehört. Und nun bestätigte sich seine Vermutung. Ein Modellflugzeug flog um die Ecke, direkt auf ihn zu. Und er Verstand : Das Flugzeug muß die Beamten außer Gefecht gesetzt haben. Nur Wie? Seine Gedanken rasten durch sein Gehirn und er entwickelte einige Theorien und verwarf sie gleich wieder. Das Flugzeug flog nun Scheinatacken auf Toshi und er mußte sich immer wieder ducken. Und dann fiel ihm etwas auf. Als Kind hatte er sich viel mit Modellflugzeugen auseinander gesetzt. Er hatte sogar selbst welche entworfen, aber nie gebaut. Am liebsten entwarf er Kampfflieger mit echten Raketenabschüssen unter den Flügeln. Und genau so eine Vorrichtung erkannte er unter den Tragflächen dieses Flugzeuges. Das mußte es sein. Es schießt mit kleinen 'Betäubungsraketen'. Jetzt besaß er einen Entscheidenden Vorteil gegenüber den anderen Polizisten.

"Das reicht jetzt, Love. Wir haben einen Job zu erledigen," ermahnte Nami ihre kleine Schwester und Hitomi pflichtete ihr bei.
Love seufzte.
"OK, ich schieße ihn ja schon ab."
Sie konzentrierte sich nun ganz auf den Bildschirm und auf die Steuerung ihres selbst entworfenen und gebauten Flugzeugs.
Sie steuerte es nun direkt auf Toshi zu und visierte ihn an. Sie glitt mit ihrem Finger langsam auf die Abschußtaste zu, legte an und schoß.

Er wich dem Flugzeug aus und als er sich erhob, flog es eine große Schleife und hielt direkten Kurs auf ihn. Nun wird es wohl schießen!
Er spannte alle Muskeln bis zum Zerreißen an und konzentrierte sich. Er machte seinen Geist von allem Ballast frei und schloß die Augen.

Warum schließt er denn die Augen? Na egal!
Love vergewisserte sich noch einmal, daß das Fadenkreuz direkt auf Toshis Hals zielte und drückte den Abschußknopf.
"Sayonara, Toshi."

Toshi duckte sich leicht. Jetzt! Er hatte sich so sehr auf das Flugzeug konzentriert, daß er den Abschuß der Rakete hörte. So konnte er noch rechtzeitig ausweichen und die Rakete flog haarscharf an ihm vorbei.

Love riß entsetzt die Augen auf.
"Das...,das gibt's doch nicht," schrie sie und schlug mit der Faust auf das Kontrollpult.
"Was ist passiert, Love," fragte Nami.
"Ich habe daneben geschossen," rief Love. sie konnte es nicht fassen, daß der sonst so tolpatschige Toshi Utsumi ihren Schuß ausweichen konnte.
"Dann schieß eben noch einmal," riet Hitomi, die sich auch etwas für ihren Verlobten freute, daß er sich nicht gleich beim ersten Schuß hat aufhalten lassen.
"Das geht nicht! Ich habe lediglich nur eine Rakete für jeden Polizisten geladen gehabt. Es tut mir Leid," beteuerte Love und ließ den Kopf hängen. "Was sollen wir nun machen?"
Die beiden Schwestern sahen sich an, und Nami verzog hämisch die Mundwinkel.
"Wir starten Plan B," sagte sie lediglich.
Love war verwirrt.
"Welcher Plan B? Wir haben keinen Plan B," schrie Love verzweifelt.
Hitomi legte ihren Arm um sie und beruhigte sie.
"Haben wir doch," sagte Nami. "Wir haben uns schon so etwas gedacht, daß irgend etwas nicht klappt."
"Was soll das heißen? Habt ihr kein Vertrauen zu mir gehabt," entrüstete sich Love.
"Nun, du siehst was passiert, wenn man sich nur auf einen Plan verlassen würde," belehrte die älteste Schwester sie und wandte sich an Hitomi. "Bist du bereit," fragte sie.
Hitomis Adrenalinspiegel stieg und sie nickte.
"Dann los," rief Nami und legte einen Schalter um.

Toshi konnte sein Glück kaum fassen. Er konnte dem Angriff ausweichen und er hatte es geschafft, daß feindliche Flugzeug, mit einem gezielten Wurf mit seinem Schuh, vom 'Himmel' zu holen. Er wurde sehr euphorisch und tanzte vor Freude um das Flugzeug.
"Heute habe ich euch geschlagen, ihr verdammten Katzen," rief er im Freudentaumel. Doch plötzlich ging das Licht aus und er kam sofort wieder zu sich. Die Katzen!
Er schritt hinter eine Säule und ging in Lauerposition.

Ein bißchen mulmig war ihr schon zu Mute. Dieses mal galt es einen Polizisten noch auszuschalten und der Polizist war ihr Verlobter. Langsam und leise wie eine Katze schlich sie durch die Tür und rannte auf Zehenspitzen geduckt durch das Museum. Ihr Puls raste und sie Atmete schnell. Nur noch wenige Meter bis zur Tür. Davor hielt sie inne und lauschte.

Toshi hörte, wie die Eingangstür des Museums auf ging. Sie ist da!
Er kauerte immer noch hinter der Säule und spannte abermals seine Muskeln an. Er fühlte wie das Adrenalin ihn aufputschte und seine Muskeln zu Höchstform auflaufen ließ. Er hörte sein Herz immer heftiger schlagen und das Blut preschte nur so durch seine Adern.
Das letze Mal, als er so aufgeregt war, war, als er Hitomi den Heiratsantrag gemacht hatte. Ach, Hitomi! Jetzt wird es sich gleich entscheiden!

Hitomi spürte ihr Herz hämmern. Sie dachte nun an Toshi, daß er in diesem Augenblick ihr Feind war. Diesen Gedanken fand sie nicht gut, akzeptierte ihn aber. Sie atmete noch einmal tief durch und sprang in den vollkommen dunklen Ausstellungssal.

Er spürte einen Luftzug an ihm vorbei ziehen. Toshi sah eine dunkle Gestalt an der Vitrine, die gerade die Brosche entwendete.
Er nahm allen Mut zusammen und sprang ihr entgegen.
Hitomi verlor das Gleichgewicht und stürzte mit Toshi zu Boden.
Beide rollten sich gekonnt ab und standen wieder auf den Beinen. Toshi griff wieder an und trat der Katze ihr Standbein weg. Sie fiel abermals zu Boden und er sprang hinterher. Hitomi rollte sich jedoch rechtzeitig weg und Toshi fiel daneben. Hitomi sprang auf und wollte weglaufen, aber Toshi griff rechtzeitig mit seiner Hand um ihre Knöchel und sie verlor das Gleichgewicht, stürzte.
Nun verlor Hitomi die Scheu und trat Toshi nun entgegen.
"Du brauchst dir keine Mühe machen, Katze. Heute bist du fällig!"
Doch er war zu selbstsicher und sie schlug ihm mitten in den Magen.
Toshi blieb die Luft weg, hielt sich aber auf den Beinen. Hitomi griff wieder an, aber Toshi konnte ihre Trittkombination abwehren. Er ergriff ihren Arm und warf sie zu Boden. Sie richtete sich aber sofort wieder auf, was Toshi staunen ließ. Diese Zeit hatte Hitomi gebraucht. Mit einem gezielten Schlag traf sie ihn mitten ins Dreieck und er stürzte ächzend zu Boden und krümmte sich vor Schmerzen.
Tut mir sehr leid, Toshi! Aber plötzlich merkte Hitomi, daß sie beim Zweikampf die Brosche verloren hatte. Nun suchte sie panisch nach dem 'Samtengel'. Sie erfühlte etwas am Boden und steckte es ein. Toshi stöhnte wieder und richtete sich auf. Doch zu spät. Hitomi verschwand aus der Tür, und er war alleine mit den schlafenden Polizisten.

"Was, das kann doch gar nicht war sein," stöhnte Love.
Doch es war wahr. Bei dem Kampf mit Toshi ist der Brillant der Brosche 'Samtengel' aus der Fassung gefallen, und Hitomi konnte nur die Fassung mitnehmen. Der Stein blieb auf dem Boden zurück.
Hitomi und Love waren niedergeschlagen. Nur Nami nicht. Diese betrachtete mit Sorgfalt die Fassung und lächelte geheimnisvoll.

Während auf der einen Seite Enttäuschung überwog, herrschte bei der Polizei freudige Stimmung.
Toshi überreichte den Brillanten dem Museumsdirektor.
"Leider konnten wir nur den Stein retten," sagt er und verbeugte sich tief vor dem Direktor. Aber dieser war glücklich, daß die Polizei den Stein gerettet hat. In der Tat. Zum ersten Mal konnte das Ionari Revier einen Teilerfolg gegen Katzenauge verbuchen.
Sichtlich gut gelaunt trat er aus dem Museum und hörte mit Freude den Vögeln, die den Sonnenaufgang begrüßten, beim zwitschern zu. Er hatte Katzenauge zwar nicht geschnappt, aber er konnte von ihr nicht so leicht ausgeschaltet werden und das gab im das Gefühl nicht versagt zu haben. Auch glaubte er wieder daran, daß er eines Tages Katzenauge schnappen werde. Detective Utsumi schritt nun schnurstracks zum Revier, um seinen Bericht zu schreiben und um seinen Chef die gute Nachricht zu überbringen.

Die drei Schwestern saßen in ihren Besprechungsraum und rekapitulierten noch einmal die Geschehnisse von der Nacht. Während Hitomi und Love geknickt auf ihren Stühlen saßen, weil sie glaubten, daß sie beide versagt hatten, war Nami ganz locker und hielt immer noch die Broschenfassung in den Händen.
"Grämt euch nicht. Ihr habt zwar Fehler gemacht, aber wir haben doch das, was wir haben wollten," erwähnte Nami und lächelte.
Die beiden anderen blickten sich fragend an und verstanden Nami nicht.
"Wieso haben wir das, was wir wollten? Wir haben nur die Fassung und nicht den Stein," fragte Love verstört.
Nami fing an zu kichern.
"Aber das ist doch genau das, was wir nur wollten! Hört mal zu. Vater hat nur die Fassung gemacht. Der Brillant wurde später hinzugefügt," erklärte sie.
Hitomi und Love blickten erstaunt zu Nami.
"Das heißt, daß heute Nacht die Aktion erfolgreich war," fragte Love nach und ihre Stimmung, wie auch Hitomis, stieg wieder.
"Nicht nur das. Heute wird Toshi bestimmt gut gelaunt sein, weil er glaubt, daß er die Katzen besiegt hat."
Love stieß Hitomi an und sagte, "Na, dann zieh dir mal was hübsches an. Das mußt du unbedingt ausnutzen. Es kommt nicht oft vor, daß Toshi gut gelaunt ist."
Hitomi blickte Love erzürnt an.
"Zu spät," sagte Nami und wandte ihren Blick vom Bildschirm. "Unser Superdetective kommt gerade über die Straße gerannt."

Und tatsächlich klopfte Toshi kurz darauf an die noch verschlossene Tür und bat um Einlaß.
Nach einer Weile kam Hitomi durch das Café und schloß ihm auf.
Sie trug ihren rosa Bademantel, den sie schnell umgeworfen hatte, denn es war erst kurz vor Sieben.
"Oh, habe ich meine hübsche Prinzessin etwa geweckt," fragte Toshi und gab ihr einen Handkuß.
"Natürlich nicht, Toshi. Guten Morgen. Warum bist du denn so Fröhlich um diese Zeit," fragte Hitomi ihren Verlobten ihrerseits und schloß hinter ihm die Tür.
"Möchtest du auch einen Kaffee, Toshi," fragte sie.
"Es währe mir eine große Ehre nun einen Kaffee von deinen Händen gebrüht zu mir zu nehmen," antwortete er und verbeugte sich.
"Warum ich so gut drauf bin," griff er die Frage auf und setzte sich auf einen Barhocker an der Theke. "Ganz einfach. Katzenauge ist es nicht gelungen den Brillanten zu stehlen. Dank meiner überragenden Kampfkraft und Intelligenz ist es mir gelungen, sie davon abzuhalten," prahlte er.
Als er das sagte, zuckte Hitomi kurz zusammen, fing sich aber sofort wieder.

"Du hättest mich sehen sollen. Ich war großartig. Die Katze hatte überhaupt keine Chance gegen mich. Kein Wunder. Eine schwache Frau gegen so einen Mann, wie ich einer bin, da konnte sie ja nur verlieren," tönte er weiter. Hitomi mußte sich sehr beherrschen, um nicht los zu schreien. Sie sah die ganze Sache von einer anderen Seite. Männliches Ego!
"Das find ich ganz toll von dir, Toshi. Ich habe ja schon immer gewußt, daß du geschickter bist, als du zeigst," lobte sie ihn, brodelte aber innerlich.
"Du siehst aber ganz schön verschlafen aus, Hitomi. Dabei habe ich doch mir die ganze Nacht um die Ohren schlagen müssen und nicht du," rätselte Toshi.
Hitomi suchte nach einer Ausrede.
"Nun, ich habe heute Nacht die ganze Zeit an dich gedacht," antwortete sie und es war nicht einmal eine Lüge.
Toshi trank zu frieden seinen Kaffee und beide redeten noch eine ganze Weile über unwichtige Dinge, bis Toshi sich verabschiedete und nach Hause ging.

Es war ein sonniger Frühlingstag, an dem viele Menschen in der Stadt unterwegs waren, um Einzukaufen.
Auch Hitomi und Love bummelten durch die Straßen. Love suchte ein paar neue Rollerblades und Hitomi ein neues Kleid.
Als sie gerade über eine Brücke, die über eine Straße führte, gingen, sah Love ganz zufällig jemanden Bekannten.
"Hitomi! Ist das da drüben nicht dein Verehrer?"
Hitomi schaute in die Richtung, in die ihre Schwester zeigte und suchte.
"Ja, da ist ja Toshi," erkannte sie ihren Verlobten erstaunt.
Dieser stand wieder einmal an einem Schnellimbiß und aß genüßlich seinen Burger. Plötzlich drehte er sich um. Eine Streifenpolizistin kam auf ihn zu und begrüßte ihn. Sie hatte die typische blaue Uniform mit recht knappen Rock an. Sie schienen sich zu kennen, denn sie führten eine recht angeregte Unterhaltung. Nun nahm die Polizistin den Cola Becher von Toshi und trank einen Schluck. Danach verbeugte sie sich leicht und beide lachten, sehr zum Mißfallen von Hitomi.
"Die Zwei verstehen sich ganz gut," erwähnte Love und blickte ihre Schwester gespannt an. Diese beobachtete immer noch Toshi.
"Sie sind vielleicht nur alte Bekannte," erwiderte Hitomi.
"Nur alte Bekannte? Das dort drüben sieht mir aber nach mehr aus," schürte Love die Eifersucht, die schon etwas in Hitomi brannte. Plötzlich drehte sich Hitomi um und ging ohne ein weiteres Wort weiter.
"Willst du ihn nicht zur Rede stellen," fragte Love ganz schockiert.
"Toshi ist Erwachsen und wird schon wissen, was er tut. Außerdem ist es unfein, jemanden hinterher zu spionieren," antwortete sie barsch und ging die Straße entlang. Allerdings machte es ihr schon etwas aus, daß Toshi sich so gut mit seinen weiblichen Kollegen verstand. Nicht lange und sie zweifelte seine Treue an. Wenn Hitomi eins war, dann, daß sie sehr Eifersüchtig war. Treue bedeutete ihr sehr viel. Ihrer Meinung nach kann es keine Liebe ohne Treue geben.

Am Abend schaute Toshi nach seinem Feierabend natürlich zunächst bei den Kisugischwestern vorbei. Im Café war zur Zeit niemand.
"Hallo, mein schöner Schmetterling der Liebe," säuselte er in Richtung Hitomi.
"Guten Tag, der Herr. Was wünschen sie," begrüßte sie den Gast wirsch und würdigte ihm nicht eines Blickes.
Toshi guckte ganz verdutzt Hitomi an und kam näher.
"Einen Kaffee bitte!"
"Na, Toshi. Wie war denn dein Tag heute," fragte Love neugierig und musterte ihn. Sie stand lachs an der Theke und lehnte sich an einen Barhocker.
Noch leicht verwirrt blickte er Love an.
"Ganz normal. Keine Zwischenfälle und keine 'Katzen'," betonte er und bedankte sich bei Hitomi für den Kaffee.
Sie antwortete nicht und ging nach oben.
"Was hat sie denn heute," fragte Toshi Love und kratzte sich am Kopf.
Love zuckte nur mit den Schultern und sie machte sich einige Gedanken.

Am Abend suchte Love die Unterhaltung mit Nami ohne Hitomi und half ihr, sehr zum Staunen der beiden Schwestern, das Geschirr zu spülen. Hitomi ging derweil ins Badezimmer, um sich schon jetzt bettfertig zu machen.
"Weißt du, was heute mit Hitomi los ist? Sie sieht so deprimiert aus," fragte Nami.
Love nahm einen Teller in die Hand und begann ihn abzutrocknen.
"Ja, natürlich. Aber bevor ich dir den Grund nenne, eine Gegenfrage. Glaubst du, daß Toshi Hitomi treu ist?"
Nami griff nach einer Kaffeetasse und tauchte sie in das Schaumbad.
"Nun, zunächst einmal glaube ich, daß jeder Mann untreu sein kann. Es muß nur die richtige Frau kommen und schwubdidub ist er in eine andere verliebt. Aber wie kommst du gerade auf Toshi," fragte sie erstaunt und gab ihr die saubere Tasse.
"Um deine Frage zu beantworten : Toshi hat sich heute sehr angeregt sich mit einer Polizistin unterhalten und Hitomi und ich haben dieses zufällig beobachtet. Aber ich glaube nicht, daß Toshi sich in eine andere verliebt. Er ist doch so verrückt nach Hitomi. Nein, er würde standfest bei einer anderen bleiben," stellte Love die These auf und stellte die Tasse in den Schrank.
"Du hast unrecht, Schwesterchen. Glaube mir, jeder Mann ist rumzukriegen. Ich spreche aus Erfahrung," sprach Nami und hob dabei ihren Zeigefinger.
Love lächelte.
"Nein du liegst falsch. Wir können ja eine Wette abschließen, "sagte sie und zwinkerte.
"Was für eine Wette," fragte Nami und ließ das Wasser im Spülbecken ab.
"Du wirst versuchen Toshi zu verführen, um seine Treue zu Hitomi zu beweisen. Der Verlierer muß die nächsten Wochen morgens die Brötchen holen," erklärte sie triumphierend.
"Aber Love! Das ist unflätig," protestierte Nami und stemmte entrüstet ihre Arme gegen die Hüfte.
"Hast du etwa Angst, daß du ihn nicht schaffst," bohrte Love mit allen psychologischen Tricks.
"Natürlich nicht! Ich habe bisher jeden Mann bekommen, den ich wollte," beteuerte Nami und somit war die Wette perfekt.

Am nächsten Tag lief also die Aktion 'Bräutigam abwerben' an.
Loves Aufgabe war es, Hitomi mittags in die Stadt zu schleppen, damit Nami ungestört Toshi 'bearbeiten' konnte. Zu diesem Zweck hatte sie sich ein Kleid mit besonders tiefen Dekolleté angezogen. Auch hatte sie ihr besonders teures Parfüm aufgetragen, mit dessen Hilfe sie schon zahlreiche Erfolge verbuchen konnte.
Nervös war Nami nicht, denn es war ja nicht das erste mal, daß sie für das Wohl von 'Katzenauge' jemanden betörte. Aber diese Personen waren eher unattraktiv, wie die meisten Männer in Führungspositionen. Toshi dagegen war, ihrer Meinung nach, trotz seiner Tolpatschigkeit recht attraktiv und irgendwie männlich. Allerdings für eine feste Bindung mit ihr war er nicht der richtige. Für Nami kam, wenn überhaupt, nur ein reicher Traummann in Frage. Leider ist so jemand Nami noch nicht begegnet. Aber sie hatte ja jetzt etwas anderes zu tun. Diese Wette fand sie albern, aber sie tat es ja auch für Hitomi. Wie lange würde Toshi gegen sie Widerstand aufbringen können? Nami schätzte etwa fünfzehn Minuten, schlechtesten Falls eine halbe Stunde lang. Und was, wenn er zu zudringlich werden würde? Nami würde schon mit ihm fertig werden. Da war sie sich ganz sicher.
Nun wurde es aber Zeit, daß sie in Position ging. Sie hatte vorsorglich die Ladentür abgeriegelt und das Schild 'Heute geschlossen' vor gehängt. Dieses würde Toshi bestimmt nicht hindern, zu klopfen. Ach, er war ja so berechenbar, wie alle Männer.
Bald kam Toshi Utsumi an die verschlossene Tür und tatsächlich, er klopfte. Nami drehte sich siegessicher zur Tür um und atmete noch einmal kräftig durch.
"Now, it's showtime!"

In der Zwischenzeit schlenderten Love und Hitomi durch die Stadt.
Love schleppte Hitomi von einem Geschäft ins nächste.
"Warum hast du es denn so dringend für ein neues T-Shirt und warum schaust du immer wieder auf die Uhr," fragte Hitomi mißtrauisch.
Love erschrak und wandte ihren Blick von ihrer Armbanduhr.
"Ich will nur wissen, wie lange die Geschäfte noch auf haben," flunkerte sie nervös.
"Es ist erst halb Zwei und die Geschäfte schließen nicht vor Zehn," sagte Hitomi und verzog das Gesicht. Sie dachte daran, daß sie Love zu liebe Toshis Mittagspause verpaßt hatte. Aber am Abend wird sie ihn ja bestimmt noch sehen, worauf sie sich sehr freute.

Es war ein schöner Frühlingstag und es wehte nur ein laues Lüftchen, als Toshi Utsumi vor der verschlossenen Tür des Cafés stand. Darüber wunderte er sich sehr. Sonst war um diese Zeit das Café immer geöffnet. Nun sah er Nami von innen auf ihn zukommen und er fragte sich, wo seine Verlobte denn sei. Als sie ihm aufschloß, haute der Anblick ihn fast aus den Latschen. Ihm standen bestimmt einhundert-zehn Pfund geballte Erotik gegenüber. Sein Blutdruck stieg und seine Pulsfrequenz beschleunigte sich. Und dann noch dieser süßliche Duft von Jasmin und eine Art, die an Honig erinnerte. Toshi blieb förmlich die Luft weg und ihm rasten einige sehr pikante Szenen durch den Kopf.
"Hallo, Toshi," hauchte ihm Nami entgegen und lächelte aufreizend. Ihm wurde ganz schwindelig. Er wußte nicht warum. Entweder durch diesen erdrückenden Geruch oder von dem Aussehen Namis. Jedenfalls verlor er die Sinne und fiel gen Erdboden.
Nami konnte ihn noch rechtzeitig auffangen, so daß er nicht mit dem Kopf auf den Fußboden stürzte.

Aus dem Kopfhörer kam fetzige Rockmusik heraus. Hitomi und Love standen in einem Schallplattenladen und hörten sich die Lieder aus den Charts an. Die meisten kamen natürlich aus Amerika oder England. Aber Hitomi stand mehr auf Lieder mit deutschen Texten. Diese waren zwar recht selten zu kriegen, aber seit sie in ihrem Deutschkurs auf dem Gymnasium von einem Austauschschüler aus Deutschland Musikstücke von deutschen Bands hörte, war sie hin und weg. Nicht nur die Musik war meist von gehobenerer Qualität, sondern auch die Texte, die nicht nur von Liebe und Tod handelten und sogar recht sozialkritisch waren. Das hat sie sehr beeindruckt und so kam es zu dieser Leidenschaft. Leider schafften es nur wenige Bands aus Deutschland den Sprung unter die Internationalen "Top Fünfzig".
Love dagegen stand nur auf Techno oder House. Sie fand es sehr beeindruckend, wieviel Möglichkeiten ein Computer doch hatte. Nicht nur die Musik, sondern auch die Musikvideos sind meist nur mit ihm erstellt worden. Ach, wie konnten die Menschen früher nur ohne Computer oder Multimedia auskommen?

Toshi fühlte leichte Kopfschmerzen und sich ein wenig benebelt. Ihm fehlte jegliche Orientierung und er öffnete die Augen. Wo war er? Toshi lag, eingehüllt in einer Wolldecke, auf einem Sofa in einem holzeingetäfelten Raum. Neben ihm stand ein hölzerner Tisch mit einer rosanen Tischdecke. An der Wand hingen einige Bilder mit Motiven, die er nicht gleich zu erkennen vermochte. Er richtete seinen Oberkörper auf und es befiel ihn wieder ein leichter Schwindel. Katzen waren auf den Gemälden abgebildet. Es nahten Schritte und er legte sich wieder hin.

Nami erschrak, als Toshi bewußtlos wurde. Sie war sich über ihre Wirkung im klaren, aber daß es ihn gleich umgehauen hatte, erstaunte sie sehr. Hatte sie es vielleicht doch mit ihren Reizen etwas übertrieben? Toshi tat ihr richtig leid. Daß er so wehrlos war, hätte sie nicht gedacht. Sie legte ihn auf das Sofa im Wohnzimmer und deckte ihn zu. Das schlechte Gewissen stieg in ihr hoch. Aber warum denn? Er war doch auch nur ein Mann! Warum fühlte sie sich bei ihm nur schuldig?
Aber die Wette führte sie trotzdem weiter. Sie haßte es, zu verlieren.

"Wie läuft´s denn so mit dir und Toshi," fragte Love und schob sich genüßlich ein weiteres Kuchenstückchen in den Mund.
Sie saßen im ersten Stock eines kleinen Cafés in der Innenstadt mit Blick auf die Einkaufsstraße. Draußen schoben sich die Massen hin und her. Um diese Uhrzeit war die 'Rush-hour' der Fußgänger.
Hitomi nahm einen Schluck von ihrem grünen Gyokuro Tee und blickte auf die Menschenmenge. Das Thema Toshi hatte sie beim Einkaufen auch sehr beschäftigt. In ihrem Kopf herrschte ein Gefühlschaos sondergleichen.
Da sie nicht antwortete, fragte Love ihre Schwester, ob sie sich vorstellen könne, daß Toshi fremdgehen könnte.
"Love, was fragst du mich den für Sachen," empörte sich Hitomi.
Der Gefühlsausbruch von ihr hielt Love nicht davor zurück, weiter zu bohren.
"Na, bist du dir nicht sicher?"
Hitomi nahm einen tiefen Schluck von ihrem Tee, um sich zu beruhigen. Kleine Schwestern können manchmal sehr unangenehme Fragen stellen.

Toshi öffnete wieder die Augen und sah direkt in Namis Gesicht, daß über ihm, gleich einer neuen Sonne, schwebte.
"Nami," erkannte er und richtete sich ruckartig auf. Sie setzte sich zu ihm aufs Sofa, ganz nah.
Verstört rutschte Toshi etwas weg.
"Äh, wo..., wo ist Hitomi," fragte er aufgeregt.
Nami lächelte ihn an.
"Hitomi ist mit Love in der Stadt und kommt vor heute abend nicht wieder. Wir sind ganz allein," hauchte sie und nährte sich ihm wieder.
"Tja, äh, schönes Wetter draußen," wollte er ablenken.
"Ja, richtig warm, nicht war? Es ist ja so heiß hier drinnen," säuselte sie mit erotischer Stimme und fächelte sich Luft zu.
Toshi wurde es auf einmal auch sehr warm, aber er versuchte, mit mäßigem Erfolg, seine Gefühle zu unterdrücken.
"Willst du dein Jackett nicht ausziehen," sagte Nami und machte sich an dem selbigen zu schaffen. Toshi protestierte, doch schon hatte sie ihm das Jackett förmlich vom Leibe gerissen.
"Warte einen Augenblick, mein Liebster. Ich ziehe mir nur noch etwas leichteres an. Laufe aber ja nicht weg," hauchte sie und 'schwebte' die Treppe hinauf.
Mein Liebster? Was ist bloß in sie gefahren? Toshi wußte ja, daß er eine betörende und anreizende Schönheit war, aber das ging doch zu weit. Er sprang auf und lief zur Tür. Aber er konnte sie nicht öffnen, da Nami sie ja abgeschlossen hatte. Verzweifelt suchte er nach dem Schlüssel, konnte ihn jedoch in der Eile nicht finden. Da fiel ihm die Hintertür ein. Toshi Utsumi wollte gerade zu der selbigen hin spurten, als Nami plötzlich auf der Holztreppe erschien.
Ja, erschien war der richtige Ausdruck dafür, denn für Toshi war dieser Anblick gleich einer Erscheinung eines Boten Gottes, eines Engels.
Sie trug ein fast völlig durchsichtiges, apricot-farbenes Seidengewand und lehnte in aufreizender Pose am Treppengeländer.
"Wollen wir nicht besser in mein Zimmer gehen, Toshi? Dort können wir angenehmer mit einander kommunizieren," schlug Nami vor und klimperte mit den Augenliedern.
"Nein, lieber nicht," stammelte Toshi und bewegte sich keinen Zentimeter von der nahe gelegenen Treppe weg.
Das enttäuschte Nami etwas. Sie hatte Detective Utsumi mehr Courage zugetraut.
"Na gut, dann komme ich eben wieder runter!"
Doch auf der vorletzten Stufe stolperte sie und fiel Toshi entgegen. Dieser reagierte sofort und Nami landete in seine ausgebreiteten Armen. Sie nutzte die Situation sofort aus und schmiegte sich leidenschaftlich wie eine Katze an seinen Hals.
"Danke, edler Retter," schnurrte sie und hauchte ihm einen liebevollen Kuß auf die Wange.
Einerseits war dies Toshi natürlich sehr genehm, doch sah er plötzlich das Bild von Hitomi und er stieß Nami sogleich sanft von sich.
"Nami, es tut mir leid. Ich kann das nicht," erklärte er.
"Aber Toshi, ich liebe dich," gestand sie ihm. Das war sozusagen das letzte Geschütz. Doch es verpuffte wie ein Knallfrosch an Silvester.
"Ich kann aber nur eine Frau in meinem Herzen tragen. Nami: Ich finde es sehr schmeichelhaft, daß sich gleich zwei Frauen in mich verliebt haben, aber es darf, es kann nicht sein! Ich liebe Hitomi und ich werde diese Liebe niemals aufs Spiel setzen! Ich werde sie niemals betrügen!"

"Nein, ich glaube nicht, daß er mich betrügen würde," antwortete Hitomi auf Loves Frage und hoffte dieses inständig.
Aber sie vertraute ihrem Verlobten und traute ihm mehr Kraft zu, um den anderen Frauen zu widerstehen, als Nami es von den anderen Männern dachte.
"Ja, wahrscheinlich hast du recht," sagte Love mit Blick auf die Uhr und aß das letzte Kuchenstück auf.
"Aber nun zu dir, Love. Wir haben die ganze Zeit über mein Liebesleben gesprochen. Nun bist du mit deinem dran," befahl sie ihrer Schwester neugierig.
"Ähem, es wird Zeit, zu gehen. Nami hat bestimmt alle Hände voll zu tun. Wir sollten sie nicht so lange mit der Arbeit alleine lassen," wich Love Hitomi aus und stand auf.

"Und dann ist er einfach gegangen," fragte Love Nami und hielt sich den Bauch vor Lachen. Noch nie konnte ein Mann den Reizen von ihrer Schwester entkommen, doch aber nun.
"Ja, einfach so," antwortete Nami enttäuscht. Es hatte ihr Spaß gemacht, aber dies war die erste Niederlage bei dem anderen Geschlecht.
Na ja, man kann nicht immer siegen. Dafür wußte sie, daß Hitomi beruhigt sein kann, was die Treue von Toshi angeht. Wenn sie es schon nicht geschafft hatte ihn zu verführen, dann schafft es keine Frau auf dieser Welt. Da war sie sich ganz sicher.

Es drängelten sich viele Menschen durch die Ausstellungsräume der neuen Kunstausstellung. Love und Hitomi waren auch darunter und blickten sich interessiert um. Es waren einige Dalí und Van Gogh Werke, aber auch einige weniger berühmter Künstler ausgestellt. Die Schwestern schritten von einem Dalí zu einem Frauenportrait. Es zeigte eine Bauersfrau in alter Tracht und im Hintergrund eine Herbstlandschaft. Eigentlich nichts besonderes. Allerdings stockte Hitomi der Atem, als sie das Signum laß. Dort stand in schwarzen Lettern Heinz.
Aber keiner von beiden kannte dieses Bild. Sie beschlossen eine Postkarte mit dem Motiv, welche es von jedem Bild der Ausstellung gab, zu kaufen um Nami danach zu fragen. Sie war die älteste Schwester und kannte alle Bilder und Kunstwerke, die ihr Vater vor seinem Verschwinden geschaffen hatte.
Aber auch Nami konnte das Bild nirgendwo einordnen. Auch Herr Nagaishi nicht, der ein sehr enger Freund von Heinz war.
Nami beschloß das Original in der Hamajatsu Ausstellung genau unter die Lupe zu nehmen. Als sie die Unterschrift überprüfte, fuhr es ihr in die Glieder. Bis jetzt hatte sie geglaubt, daß es eine einfache Fälschung wäre, aber dem war nicht so. Die Unterschrift war jedem Verdacht erhaben. Aber was bedeutete dies? Ist das vielleicht ein Hinweis, wohin ihr Vater verschwunden war?

Toshi langweilte sich. Seit einigen Minuten hatte Hitomi schon nichts mehr gesagt. Und das an seinem freien Tag. Er saß in Hitomis Zimmer und schaute sie an. Sie war allerdings so sehr in Gedanken, daß sie ihn gar nicht mehr wahr nahm.
"Also, dann werden wir morgen Mittag heiraten, Hitomi. Es wird wunderbar. Du ganz in Weiß und ich in einem dunklen Anzug. Ach das wird schön," schwärmte Toshi.
"Wie, was? Entschuldige, Toshi. Ich habe eben nicht zugehört," erklärte Hitomi.
Toshi verzog das Gesicht. In letzter Zeit war sie sehr unaufmerksam. Früher widmete sie ihm erheblich mehr Aufmerksamkeit, besonders vor Polizeiaktionen Katzenauge betreffend.
"Das habe ich gemerkt! Na ja, es war sowieso nichts Wichtiges. Wollen wir in die Stadt einkaufen gehen," fragte er sie mißmutig. Ihm viel nichts besseres ein. Er ging ungern mit Hitomi einkaufen, weil es Stunden dauerte und sie immer das kaufte, was sie sich am Anfang angesehen hatten.
"Nein danke, Toshi. Heute nicht!"
Toshi war entsetzt. Diese Antwort verschlug ihm die Sprache. Hitomi wollte nicht mit ihm in die Stadt?
"Nami," rief er mit gespielten Ernst. "Rufe schnell einen Krankenwagen für deine Schwester. Sie muß ernsthaft krank sein. Schnell, es geht um Leben oder Tod."
Dieses Schauspiel brachte ihm böse Blicke seitens seiner Verlobten ein, aber Nami schien sein Rufen unten im Café nicht gehört zu haben.
Toshi stand daraufhin auf, setzte sich direkt neben Hitomi auf ihr Bett und legte seinen linken Arm um sie.
"Was ist denn nur los mit dir? Bedrückt dich irgend etwas," fragte er nun zärtlich. Hitomi blickte ihm direkt in die Augen und lehnte ihren Kopf anschließend an seine linke Schulter.
"Ach, Toshi. Es ist gar nichts, glaube mir," sagte sie nicht sehr überzeugend.
Toshi nahm ihr das zwar nicht ab, bohrte aber nicht weiter nach, da er gemerkt hatte, daß sie in diesem Augenblick nicht darüber sprechen wollte. Er strich ihr nun mit seiner Hand über den Rücken und lehnte seinerseits seinen Kopf auf den ihren. Ihr Haar duftete wieder herrlich und er dachte darüber nach, worüber dieses wunderbare Wesen wohl nachdachte. Seine Hand glitt über ihren Rücken zum Nacken, den er nun leicht massierte und streichelte. Nach kurzer Zeit hob Hitomi wieder ihren Kopf und sah ihn dankbar an.
"Es tut mir sehr leid, Toshi. Ich vermiese dir bestimmt den Tag," haderte Hitomi mit sich selbst. Aber Toshi legte seinen Zeigefinger auf ihren Mund und flüsterte "Das stimmt nicht. -Hitomi-, ich liebe dich sehr!"
Hitomi blickte ihn etwas erstaunt an und erwiderte "Ich liebe dich auch!"
Seine linke Hand glitt unter ihr Haar und er drehte sich mit seinem Körper etwas zu ihr hin. Hitomi schloß in freudiger Erwartung die Augen und Toshi gab ihr einen sehr anheizenden Zungenkuß. Beide Lippen verschmolzen förmlich und das Feuer der Liebe brannte in ihnen lichterloh. Beide Körper ließen sich nach hinten auf das Bett kippen und sie umschlangen sich mit unzähligen Küssen. Aber diese Szene wurde von einem jähen Klopfen gestört. Das Paar richtete sich erschrocken auf und Toshi beeilte sich, sich wieder auf den Stuhl zu setzen, während Hitomi verzweifelt versuchte, ihr Hemd und ihr Haar wieder zu ordnen.
Die Tür ging auf und Love blickte herein.
"Hitomi, du sollst dringend zu Nami kommen," verkündete Love.
Hitomi setzte sich mit einem fragenden Blick auf.
"Dann gehe ich schnell zu ihr. Ich komme gleich wieder, Toshi," sagte sie und schritt aus dem Zimmer.
"Ist gut," antwortete er und schaute wehmütig auf das unordentliche Bett.
Love setzte sich indes auf einen zweiten Stuhl und schaute ihren zukünftigen Schwager an.
"Habe ich euch bei irgend etwas gestört," fragte sie ganz unschuldig und beobachtete Toshis Reaktion.
"Nein, natürlich nicht," antwortete er nervös und wurde rot.
Das Mädchen lächelte nun und malte sich die wildesten Szenen im Kopf aus.

Nami holte sich Hitomi in das Besprechungszimmer. Das Gesicht von ihr sah sehr ernst aus, als sie sich setzten.
"Was ist los," fragte Hitomi und begriff, daß es was wichtiges sein müßte.
"Ich habe einen Scriptographen hinzugezogen und dieser bestätigte mir, daß es sich bei dem Bild um die Originalhandschrift von Vater handeln muß," berichtete Nami.
Hitomi erschrak.
"Das würde ja bedeuten, daß er vielleicht noch lebt," schlußfolgerte sie aufgeregt.
"Quod erit demonstrandum!" (lat.: Was zu beweisen sein wird!)
"Und was wollen wir nun unternehmen," fragte Hitomi aufgeregt.
Nami dachte nach.
"Wir werden Herrn Hamajatsu einen Besuch abstatten," antwortete sie und arbeitete schon in Gedanken einen Plan aus.

Die Wolken schoben sich vor dem Vollmond, als drei dunkle Gestalten, auf einem hohen Ast hockend, zu dem großen Haus jenseits der Mauer schauten. Herr Hamajatsu wohnte östlich vom Kaiserpalast, im noblen Bankenviertel. Hier wohnten nur die Reichen von Tokyo, von ganz Japan. Im Garten trotteten einige Bluthunde herum und knurrten bösartig. Aber die Dobermänner waren nicht das einzige Problem. Auch standen einige Wachen innerhalb des Gebäudes bereit, jeden Eindringling abzufangen.
Auf ein stummes Nicken von Nami öffnete Love den mitgebrachten Rucksack. Aus diesem holte sie einige Fleischstücke und warf sie zu den Hunden.
"Die armen Hunde tun mir richtig leid. Sie haben bestimmt lange nichts zu Essen bekommen, damit sie noch schärfer sind," kommentierte Love und sie warteten einen kurzen Augenblick.
Die Dobermänner stürzten sich wie wild auf die Fleischbrocken und verschlangen sie teilweise mit nur einem Bissen. Nach kurzer Zeit taumelten die Bestien nur noch unsicher herum und schon bald vielen sie hin und schliefen betäubt ein.
Nun sprangen die 'Katzen' über die Mauer und schlichen geduckt zum Gebäude. Jetzt nahm Hitomi einen Gummiartigen, rundlichen Gegenstand und drückte ihn vorsichtig gegen das Glas des Fensters. Nami machte sich nun an ihm mit einem Metallgegenstand zu schaffen und schnitt damit einen Kreis um den Gummipfropfen. Sie zog leicht an ihm. Es knirschte leise und das Glas gab nach. Durch das nun vorhandene Loch im Fenster steckte Love ihren Arm und öffnete von innen damit das Fenster.
Leise, wie auf Samtpfoten stiegen sie in das Gebäude ein. Die 'Katzen' trennten sich, um die verteilten Wachposten auszuschalten.
Hitomi nährte sich dem Wohnzimmer, in dem zwei Wachen postiert worden waren. Sie kauerte hinter der Tür und bereitete sich vor. Sie warf einen Stein auf den Flur, was die beiden Männer dazu veranlaßte, nachzusehen. Die Papiertür schob sich auf und sie schlug dem ersten mit voller Wucht in den Magen. Der andere zog hastig seine Pistole und zielte. Doch bevor er abdrücken konnte, traf eine metallene 'Katzenkarte' die Waffe und schleuderte sie aus der Hand. Noch bevor der Mann sich vor Staunen rühren konnte, traf ihn gleich ein Fußtritt von Hitomi ins Gesicht und schickte ihn endgültig auf die Matte.
Anschließend fesselte und knebelte sie die Wachen, damit sie nicht entkommen konnten.
Sie ging Richtung Schlafzimmer, wo die Schwestern sie schon erwarteten.
"Na, alles glatt gelaufen," fragte sie und schnaufte noch einmal kräftig durch.
"Na Logo. Wir sind doch Profis," antwortete Love enthusiastisch im Aktionsrausch und grinste zufrieden.
"Keine langen Reden schwingen! Unsere eigentliche Aufgabe liegt noch vor uns," ermahnte Nami.
In dem Augenblick öffnete sich die Tür und ein ziemlich korpulenter, älterer Mann, nur mit einem Bademantel bekleidet, erschien.
Herr Hamajatsu!
"Was geht denn hier vor," polterte er und hatte die 'Katzen' offensichtlich noch nicht registriert.
"Guten Abend, sehr geehrter Herr Hamajatsu! Wir möchten uns ein wenig mit ihnen unterhalten," sprach Nami und schob den nun sehr verwirrt wirkenden Mann in das Zimmer zurück.

Herr Hamajatsu saß auf einen hölzernen Stuhl in seinem abgedunkelten Zimmer und beantwortete widerwillig die Fragen der 'Katzen'.
"Woher haben sie das Bild 'Die Bauersfrau' von Heinz? Ist es echt," fragte Love den Mann überstürzt und konnte seine Antworten kaum abwarten.
"Was geht sie das an? Sie überfallen mich und stellen mir Fragen über ein Bild, was ich rechtmäßig erworben habe," erboste sich der alte Mann und stellte auf stur.
"Währe es ihnen lieber, wenn wir Gewalt anwenden," stellte Nami die Frage und zog ein langes Messer. Die Klinge blitzte bei dem Schein der Kerze, die die einzige Beleuchtung in dem Raum darstellte, auf und Hitomi erschrak. Das war nicht ausgemacht gewesen, daß sie den Mann bedrohen. Doch sie ließ sich nichts anmerken, da sie endlich, nach zehn Jahren, ihren Vater wiedersehen wollte. Endlich hatten sie eine so lang ersehnte Spur von ihm und sie wollten sie nicht verblassen lassen.
"Schon gut, schon gut! Ich werde alles sagen," sprach der Mann hastig und fuchtelte die Hände vor dem Körper.
"Also gut! Woher haben sie das Bild," fragte Nami noch einmal mit kräftiger, bestimmter Stimme und der Mann erzählte willig alles, was er über das Bild wußte.
Er hatte es von einem gewissen Herrn Ohishi Kamiyo käuflich erworben. Dieser war ein Neureicher und wohlhabender Kunsthändler. Früher war er auch in der Politik beschäftigt, mußte aber gehen, weil er sich in einem Bestechungsskandal involvierte.
Wußte er etwas über Heinz, den verlorenen Vater?

Etwa gegen Mittag kam Detective Toshi Utsumi in das Café, um eine Kleinigkeit zu essen. Er machte ein gelangweiltes Gesicht, welches sofort in ein Strahlen überging, als er Hitomi sah.
"Einen wunderschönen guten Tag, oh du Blüte meines Lebens, du
einzig Grund meines Seins," flötete er und deutete eine Verbeugung in Richtung Hitomi an.
"Nicht schon wieder so ein Liebesgesülze von dem," stöhnte Love und schlug sich kopfschüttelnd die Hände vors Gesicht.
"Hallo, mein Schatz, mein Romeo, oh Romeo," antwortete Hitomi und deutete ihrerseits nun einen Knicks an.
Nun mußten beide lachen und Toshi gab ihr über der Theke einen zärtlichen Kuß.
"Das ist ja richtig ekelhaft, wie ihr euch in der Öffentlichkeit verhaltet! Puh, soviel Liebe auf einmal verkrafte ich nicht," klagte Love und verdrehte die Augen.
"Du bist ja wieder einmal nur Eifersüchtig, Schwesterlein," stichelte Hitomi gutmütig und zwinkerte ihrem Geliebten zu.
Nachdem Toshi seinen üblichen Kaffee bekam, räusperte er sich.
"Hitomi! Hast du Lust auf einen kleinen Ausflug, heute Abend?"
Hitomi hob überrascht ihren Kopf. Er war sonst nicht so spontan, eher berechnend und vorausplanend, wie alle Männer. Lust hätte sie schon, aber Love alleine im Café zu lassen? Nami ist gegangen um Informationen über Ohishi Kamiyo einzuholen.
"Ich weiß nicht Toshi. Das kommt irgendwie unerwartet..."
"Natürlich will sie! Bitte Hitomi, schaffe diesen Kerl hier heraus, sonst hängt er heute Abend wieder nur hier herum und flirtet mit dir. Das währe geschäftsschädigend," sagte Love und hob belehrend ihren Zeigefinger.
"Na gut, wenn du meinst..."
"Ich meine. Außerdem seid ihr ja bald miteinander verheiratet, und dann wird er dich nicht mehr so oft verwöhnen, wie jetzt. Noch zappelst du nur in seinem Netz. Du kannst immer noch entwischen. Aber bald hat er dich an Land gezogen und dort gibt es kein Zurück mehr für dich," referierte Love und hatte Mühe, ernst zu bleiben. Sie vermutete, daß Hitomi nach der Hochzeit wohl das Ruder in die Hand nehmen würde.

Nami betrat in der Zeit eine Eröffnung einer anderen Kunstausstellung, in der sich viele Kunstexperten und Kunsthändler tummelten.
Aber sie hat es nicht auf eines der Exponate abgesehen, sondern auf einen Mann mittleren Alters.
Als sie sich ihrem Ziel genährt hatte, stieß sie absichtlich mit ihm zusammen und ließ ihre Handtasche fallen.
"Oh, entschuldigen sie vielmals," sagte sie mit einem Hilflosen Tonfall.
"Nein, gnädige Frau. Es war meine Schuld," entschuldigte sich der Mann und beeilte sich, die Handtasche von ihr aufzuheben.
Als er sie ihr reichte, sah sie ihm tief in die Augen und hauchte ein "Danke!"
Der Mann war sofort hin und weg von ihrer Schönheit und blieb stocksteif stehen.
Nami drehte sich derweil um, wobei ihre wunderbaren dunklen Haare ihn ihrer Bewegung wie bei einem Windstoß flatterten. Dieses entfachte in dem Mann ein stürmisches Gefühl und er hatte das unbedingte Verlangen, dieses Wesen näher kennenzulernen. Viel näher.
"Halt, bitte warten sie," rief er und lief hinterher.
Nami blieb stehen und drehte sich mit einem fragenden und unschuldigen Gesichtsausdruck um.
"Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Ohishi Kamiyo."
"Oh, sehr geehrt, Herr Kamiyo."
"Nennen sie mich Ohishi," bat der Mann völlig verzaubert.
"Aber ich kenne sie doch gar nicht, mein Herr," sagte Nami nur halb abwehrend.
"Das können wir schnell nachholen," sagte Herr Kamiyo und lud Nami zum Tee auf seinem Landgut außerhalb der Stadt ein.
Nami willigte zaghaft ein. Sie hatte erreicht, was sie wollte.

Die Sonne stand schon tief, als die zwei Verliebten durch den Sand ihr entgegen schritten. Das Meer rauschte rhythmisch und die Wellenspitzen kräuselten sich, bevor sie sich unaufhörlich auf dem Strand verloren und ihre Fußspuren mit sich nahmen.
Arm in Arm, gleich einem mit den Hälsen verschlungenen Schwanenpaar, gingen sie nebeneinander und waren glücklich. Sie lehnte ihren Kopf an seine männliche, nackte Brust. Auch wenn man es ihm nicht ansah. Toshi besaß einen gut durchtrainierten, sexy Körper. Er hatte eine stahlharte Brust, die zugleich sich aber warm und geschmeidig anfühlte. Bei jedem Wort seiner kräftigen, sonoren Stimme lief es Hitomi eiskalt den Rücken hinunter und ihre Nackenhaare richteten sich auf. Man konnte die prickelnde Stimmung zwischen den beiden förmlich sehen, ja greifen. Ein Schwarm von Möwen flog nun über den Horizont in die Sonne. Dieser hellrote Stern, der uns allen Lebenskraft spendet, berührte mit dem unteren Drittel das Wasser, als ob er im ewigen Meer versinken wollte.
Im Osten konnte man schon einige andere Sterne sehen, die viele Lichtjahre von unserer Erde entfernt ihr Licht zu uns sandten. Unter ihnen auch die Venus, Symbol der Liebe. Hitomi und Toshi wanderten noch eine lange Zeit am Strand entlang, gleich zwei funkelnden Sternen im Unendlichen des Alls.

Nami saß mit überkreuzten Beinen auf dem Sofa und trank einen Schluck Tee, wobei sie von Ohishi Kamiyo beobachtet wurde. Er hatte ein markantes Gesicht, ja seine Züge waren sogar ein wenig kantig, wie abgehackt. Dafür war sein Bauch um so runder. Nami dachte, daß dieser Herr seine Manneskraft wohl ohne Spiegel nicht sehen könnte.
Herr Kamiyo schob sich wieder ein Kuchenstückchen ins Maul und schmatzte genüßlich. Nami fand ihn eklig und unzivilisiert. Aber sie war ja aus einem anderen Grund hier.
"Sie haben aber ein schönes Anwesen," lobte Nami und schaute aus dem Panoramafenster, was gen Süden ausgerichtet war.
Die Anwesenheit einer Frau hinderte Herrn Kamiyo nicht, mit vollem Mund zu sprechen.
"Ja, nicht war? Fünfzehn Hektar Weideland für meine Pferde," tönte er.
"Ihre Pferde? Ich dachte sie seien Kunsthändler," fragte Nami mit warmer Stimme.
Der Mann fing an zu lachen.
"Natürlich, aber ich lasse hier einige Rennpferde von mir trainieren und die benötigen Auslauf," erklärte er.
"Wie viele Zimmer hat den dieses Landhaus," fragte Nami nicht ohne Hintergedanken.
"Dreißig an der Zahl, zwei große Badesäle, einen Tennisplatz, einen Swimmingpool, ein Billardzimmer und einige Lagerräume für meine Kunstwerke," erklärte er voller Stolz.
"Ich führe sie gerne herum, wenn sie wollen," fragte er und deutete eine Verbeugung an.
Und schon waren die beiden unterwegs, die Räume zu besichtigen.

Hitomi lag in Toshis Armen auf dem Strand und sie blickten beide glücklich in den Himmel. Um sie herum war es kühl geworden, doch das Feuer der Liebe hielt sie warm.
Hitomi dachte nach.
"Toshi?"
"Ja, mein kleiner Nipponibis," neckte er, schaute aber weiter in die Sterne.
"Was würdest du tun, wenn ich 'Katzenauge' währe?"
Toshi war auf einmal hellwach und drehte sein Gesicht zu ihr.
"Hitomi, sag' doch so etwas nicht! Du könntest niemals 'Katzenauge' sein," sagte er mit fester und bestimmter Stimme.
"Wie kommst du darauf, daß ich sie nicht sein kann," hakte sie nach und war sich bewußt, daß sie sich auf einem schmalen Grat bewegte.
"Hör auf, Hitomi! 'Katzenauge' ist mein Feind und ich werde sie zur Strecke bringen," schwor der Detective.
"Aber stell dir mal vor, ich währe 'Katzenauge', wie würdest du reagieren, wenn du das plötzlich erfahren würdest," fragte sie mit fester Stimme.
"Das ist doch paradox! Was willst du damit bezwecken Hitomi," fragte Toshi genervt. Seine Stimmung war mit einem Schlag weg.
"Ich möchte es wissen!"
Toshi seufzte und dachte nach. Was würde er denken, wenn Hitomi 'Katzenauge' währe? Unterinspekteurin Assaya hatte ja schon öfter den Verdacht geäußert, doch das war doch absurd! Seine Freundin, die Verlobte eines Detective, eine 'Katze'? Niemals! 'Katzenauge' war sein Feind, das konnte doch nicht sein. Obwohl, beide hatten die gleiche Haarfrisur und er hatte bisher noch nie das Gesicht von 'Katzenauge' zu Gesicht bekommen. Nur in seinen Träumen, aber dort war es das Gleiche, wie... .
"Nein, du kannst es nicht sein und damit basta," sagte er unwirsch und stand auf. Dieser Gedanke allein war ihm schon unheimlich.
"Es wird Zeit, daß ich dich nach Hause bringe!"

Sie schritten durch die recht dunklen Flure, die die einzelnen Sektionen des Landhauses miteinander verbunden.
In den Räumen, wo Bilder hingen oder noch auf der Staffelei, interessierte sich Nami sehr für die Exponate. Besonders achtete sie auf Bilder oder Kunstgegenstände von ihrem Vater, Heinz.
Bei ihrer Führung kamen sie an einer Stahltür vorbei. Nami fragte, was den dort drinnen sei.
"Nichts, was sie interessieren würde, Mademoiselle," antwortete Herr Kamiyo schroff und führte sie weiter.
Nami merkte sich diese Tür. Etwas kam ihr sehr seltsam vor. Nach ein paar Schritten sah sie nach hinten und ein Bediensteter betrat das 'Verbotene Zimmer' mit einem Eßpaket.

Draußen war es schon dunkel, als Toshi mit Hitomi das Café 'Katzenauge' betrat.
"Was ist denn schon wieder passiert," fragte Love, die gerade den Abwasch machte, als sie Toshis grummeliges Gesicht bemerkte.
"Nichts," antwortete er barsch.
"Wirklich nichts," hakte sie nach und nahm sich einen Teller.
"Sie wollte von mir wissen, was ich machen würde, wenn sie 'Katzenauge' währe," gab er widerwillig Antwort.
Love erschrak und ließ beinahe einen Teller fallen.
"Aber Toshi, das ist aber wirklich absurd," sagte Love hastig und kicherte.
"Hitomi und 'Katzenauge', ha, ha. Ein guter Witz!"
Hitomi schaute Love grimmig an.

"Vielen dank, für die Einladung zum Abendessen, Herr Kamiyo! Ich gehe mich nur noch kurz einmal frisch machen. Wo war das Bad doch gleich," fragte sie mit gespielter Unsicherheit.
"Den Gang hinaus, dritte Tür links," antwortete Ohishi Kamiyo und hoffte inständig, daß sie sich an diesem Abend noch sehr nahe kennenlernen würden.
Nami schaute nach, ob Leibwächter, die fast überall im Landhaus herum schwirrten, auf dem Gang waren und schlich an dem Badezimmer vorbei. Sie hatte nicht vor, sich frisch zu machen. Ihr Interesse galt der ominösen Stahltür im anderen Gebäudetrakt.
Sie hörte Schritte und lehnte sich in einen Türrahmen. Zum Glück war es mittlerweile in dem Flur noch dunkler und so entdeckte der Mann sie nicht. Sie kam der Tür immer näher und stand nun vor ihr und horchte.
Nichts zu hören. Sie schaute nach Sicherungsvorkehrungen und entdeckte eine Kontaktalarmanlage. Das war leicht zu erledigen. Sie schloß den Stromkreis mit einer ihrer Haarnadeln kurz und zog an der Tür. Der Alarm löste sich nicht aus und sie betrat den Raum vorsichtig.
Das Große Zimmer war kaum möbliert. In der einen Ecke nahe des Einganges befand sich die Schlafstelle mit der typisch japanischen Decke auf einer etwas dickeren.
Der Boden war aus Beton und sonst sah es sehr kalt aus. Was vielleicht auch daran lag, daß es ziemlich dunkel in dem Raum war. Am hinteren Ende sah Nami eine brennende Kerze und eine Gestalt, die gebückt an einer Staffelei stand. Sie schätzte die Entfernung zu ihm auf etwa zwanzig Metern. Der Raum war höchstens drei Meter breit und es lagen und hingen überall Bilder. Sie schaute vorsichtig auf die Signaturen und achtete darauf, daß die Gestalt am anderen Ende nichts hörte.
Bei der schlechten Beleuchtung stellte sich das Lesen als schwierig heraus. Aber sie konnte die Unterschrift entziffern. Ihr Atem stockte.
Heinz stand überall unter den Kunstobjekten. Ist's möglich? Ist's wahr? Könnte die Gestalt am anderen Ende ihr Vater sein, oder etwa nur ein sehr geschickter Fälscher? Aber die Unterschrift ist so genau...
Sie mußte es herausfinden und nährte sich der Person.

Es war schon spät geworden. Hitomi und Love spielten gelangweilt Karten und warteten auf ein Zeichen von ihrer ältere Schwester. Die ließ aber nichts von sich hören und so machten sich die beiden Schwestern sorgen.
Toshi war vor einer Stunde nicht sehr glücklich gegangen. Die Schwestern hatten ihn rausgeschmissen, weil sie befürchteten, es könnte Schwierigkeiten für Nami geben.
Wo war Nami? Ging es ihr gut?

Der Mann drehte sich blitzschnell um. Nami hechtete in eine Ecke und blieb vorerst unerkannt.
"Wer sind sie," fragte der Mann und schaute in ihre Richtung.
Er schien der Stimme nach um die Mitte Vierzig zu sein. Sein Haar war schon etwas ergraut und seine Gesichtszüge sahen eher freundlich aus, aber verbittert. Die große Kerze vor ihm veranstaltete ein merkwürdiges Schattenspiel.
"Da sie ihren Namen mir nicht verraten wollen, stelle ich mich erst einmal vor. Ich heiße Minako Heinz!"
Nami blieb das Herz stehen. Minako Heinz, so hieß ihr Vater. Kann es denn wirklich wahr sein, daß sie ihn nach so langer Zeit gefunden hatte?
Aber was machte er hier bei dem dubiosen Herrn Ohishi Kamiyo?
Die Kerze bewegte sich heftig. Ein starker Luftzug ging durch den Raum und blies die Kerze aus. Nun kam nur noch von der Tür Licht in diesen Raum. In dem Türspalt standen einige Gestalten.
"Sie haben mich aber lange warten lassen, Miss Nami Kisugi," rief Herr Kamiyo.
"Kisugi," gab Heinz erstaunt von sich. "Wer sind sie? Kisugi war der Mädchenname von meiner Frau und Nami... . Bist du es, Nami," fragte er nun aufgeregt und stand von dem Stuhl auf.
Nami trat einige Schritte auf ihn zu.
"Wenn sie wirklich Heinz sind, dann sagen sie mir, warum sie meiner jüngsten Schwester ihren Namen gegeben haben," fragte Nami mißtrauisch und kniff die Augen zusammen.
"Meinen sie Love? Ich habe sie Love genannt, um die starke Liebe zwischen meiner Frau und mir auszudrücken," antwortete Heinz und bewegte sich ebenfalls auf Nami zu.
Nun war sie von seiner Identität überzeugt und stürzte sich tränenüberströmt in seine Arme. Sie hatten alles um sich herum vergessen. Endlich sahen sich Tochter und Vater nach zehn Jahren wieder. Als ihr Vater nach dem Tod ihrer Mutter verschwand, war Nami 13. Von da an hatte sie für ihre beiden Schwestern gesorgt. Das war eine sehr schwere Zeit für sie, die sie ohne die tatkräftige Unterstützung von Herrn Nagaishi nie überstanden hätte.
Aber dieses Wiedersehen wurde von einer rauhen Stimme je unterbrochen.
"Wie rührend! Sie haben mich also nur ausnutzen wollen. Das macht nichts. Sie haben zwar ihren Vater gefunden, aber dafür bleiben sie jetzt für immer bei uns," prophezeite Herr Ohishi Kamiyo und lachte hämisch.
"Tun sie meiner Tochter nichts," flehte Heinz und stellte sich schützend vor seine Tochter.
"Keine Angst, ihr wird nichts passieren. Vielleicht steigert ihre Anwesenheit ihre Kreativität und sie malen noch mehr Bilder für mich. Miss Kisugi! Sie müssen leider vorerst hier bei mir bleiben," sagte er in bestimmender Tonart und schloß hinter sich die Stahltür.
Nami lief hinterher und suchte einen Griff. Doch von innen gab es keinen. Und im Raum gab es keine Fenster, nur einen kleinen Lüftungsschacht, der für Nami zu eng gewesen wäre. Es gab kein Entkommen für sie.
"Es tut mir leid, daß du wegen mir in diese Lage geraten bist, Nami Chan," sagte Minako Heinz und senkte sein Haupt.
"Nami Chan. Wie lange habe ich das nicht mehr gehört! Aber sei unbesorgt, Vater. Meine Schwestern werden uns schon finden und wir sind schon in aussichtsloseren Situationen gewesen. Glaube mir," versprach Nami und umarmte ihren Vater.
"Aber in der Zwischenzeit mußt du mir von dir und deinen Schwestern erzählen," bat er und sie setzten sich auf die Decken in der Ecke.

Früh am Morgen wachte Hitomi schweißgebadet auf. Sie hatte geträumt, daß Nami von diesem Scheusal Ohishi Kamiyo vergewaltigt und anschließend auf bestialische Weise umgebracht wurde.
Toshi hatte sie zum Gerichtsmediziner zur Identifikation der Leiche begleitet. Doch das, was Hitomi in ihrem Traum auf den Leichentisch sah, erinnerte nicht mehr an einen Menschen. Man konnte diese fast unidentifizierbare Masse mit gequirltem Fleisch für japanische Buletten vergleichen, nur eben mit Gedärmen und einigen Extremitäten. Bei diesem Anblick wurde ihr im Traum sofort schlecht, wie auch jetzt.
Wo war Nami? Sie ist schon oft über Nacht weggeblieben, versuchte sich Hitomi zu beruhigen. Aber sie hatte so ein ungutes Gefühl im Bauch, welches nicht nur von den Bildern des Traumes stammten.

Nach einer kalten Morgendusche, fühlte sie sich schon etwas besser.
Sie fönte sich gedankenverloren die Haare und verschmorte sich dadurch einige. Sie schlüpfte in ihre rosa Pantoffeln und schritt im Bademantel die Treppe zum Café hinunter.
Nach einiger Zeit setzte sich Love zu dem Frühstückstisch. Sie hatte auch kaum geschlafen. Das sah man ihr an.
Hitomi und Love zuckten zusammen, als sie ein eindringliches Klopfen an der Hintertür hörten.
Sie blickten zur Tür und sahen Herrn Nagaishi vor dieser wild gestikulierend stehen.
"Herr Nagaishi! Was beschert sie denn so früh zu uns," fragte Hitomi, während sie die Tür wieder schloß. Sie dachte, es könne wohl keine guten Nachrichten sein. Ist etwas mit Nami passiert?
"Einen guten Morgen wünsche ich den Damen! ich will gleich auf den Punkt kommen," sagte der alte Mann ernst und setzte sich. Seine Miene verfinsterte sich.
"Ich habe aus einer guten Quelle erfahren, daß ihre Schwester bei Herrn Ohishi Kamiyo gefangengenommen wurde."
"Was," riefen die Schwester bestürzt und standen auf. Dabei viel die Vase, die auf dem Küchentisch stand herunter. Doch niemand beachtete dies. Alle waren bestürzt über Namis Kidnapping!

Toshi betrat den Umkleideraum der Polizei. Der Raum hatte einen grau gefließten Steinfußboden. Sowohl die Fließen, als auch der Wandputz wiesen große Risse auf. Die Neonröhren beleuchteten den Raum mit grellem Licht, wobei einige unregelmäßig an und aus gingen. Detective Utsumi schritt auf seinen Metallschrank zu und öffnete ihn. An der Innenseite der Tür hingen einige Fotos von Hitomi.
Eins, was ihm besonders gefiel, hatte er rahmen lassen. Es zeigte ihn und Hitomi auf ihrem ersten gemeinsamen Schulausflug. Es waren sogenannte Kursunternehmungstage. Der Photografiekurs reiste aufs Land und zelteten dort. Natürlich waren die Mädchen auf der einen, die Jungen auf der anderen Seite des Lagers plaziert worden.
Schon am ersten Abend gingen die beiden alleine spazieren. Sie entdeckten eine gemütliche Waldlichtung, unweit von einem kleinen See.
Sie lagen lange Zeit an diesem Sommerabend auf dem Gras und blickten in den Himmel. Es roch herrlich nach Natur und man hörte einige Waldvögel zwitschern. An diesem Abend kuschelten sie zum ersten Mal eng umschlungen. Das war eins der schönsten Gefühle für Toshi.

"Utsumi," schrie eine ihm sehr vertraute Stimme und riß ihn aus seinen Erinnerungen.
"Wenn sie nicht in zwei Sekunden im Besprechungszimmer sind, können sie ihren Hut nehmen!"
Detective Utsumi zögerte nicht lange und rannte los. Dabei rutschte er aber auf den Fließen aus und schlug sich seinen Kopf an dem Türrahmen an.

Leicht benommen und mit einigen Schmerzen betrat er das Besprechungszimmer. Unterinspekteurin Assaya und der Chef warteten schon auf ihn.
"Da sind sie ja endlich, Utsumi," nörgelte der Chef ungeduldig.
"Morgen, Chef. Was gibt es denn so dringendes," fragte Toshi und setzte sich auf den Stuhl neben Fräulein Assaya.
"Fragen sie nicht so blöd! Wir haben eine Katzenkarte bekommen."
Utsumi war auf einmal hellwach.
"Nach so langer Zeit ohne verbrechen der 'Katzen' wollen sie nun wider zuschlagen. Ziel : Die Gemäldesammlung von Ohishi Kamiyo."
Fräulein Assaya und Toshi Utsumi stutzten.
"Wie? Sie wollen bei Herrn Kamiyo einbrechen? Das ist aber sehr riskant für die 'Katzen' ," gab die Unterinspekteurin zu bedenken.
"Da haben sie recht. Dieser Drecksack Kamiyo hat Verbindungen zur Mafia und Besticht die Politiker," polterte Toshi los.
"Was die Polizei ihm aber nie beweisen konnte! Das macht den Fall noch zusätzlich interessant. Was glauben sie was der Polizeipräsident dazu sagen wird, wenn wir ihm die 'Katzen' und diesen Kamiyo liefern," fragte der Chef voller Freude. "Er wird mich befördern und mir vielleicht einen Orden verleihen," träumte er weiter.
"Aber wo sollen wir die Prioritäten setzen, Chef," fragte Assaya und guckte von ihrem Notizblock auf.
"Äh, natürlich bei Kamiyo! Wir tun so, als ob wir nur wegen den 'Katzen' da seien, aber wir werden dabei unauffällig nach Beweisen gegen den feinen Herrn suchen," bestimmte der Chef die Marschrichtung und blies zum Angriff.
Toshi wußte, daß er sie hauptsächlich um Kamiyo kümmern sollte, aber er wollte lieber 'Katzenauge' endlich dingfest machen.
Und er schwor sich, daß es ihm gelingen würde.

Um sie herum herrschte Dunkelheit. In der Ferne hörte man eine Eule rufen und die Grillen zirpten um sie herum. Im Haus herrschte eine Festbeleuchtung. Alle Lampen waren erleuchtet und es herrschte innen emsiges Treiben.
"Die Polizei ist also endlich eingetroffen! Nun denn : Last die Spiele beginnen!"

Die Polizeiwagen standen vor dem verschlossenen Tor. Hinter den Gitterstäben gingen einige zwielichtige Gestalten, bis an die Zähne bewaffnet, Patrouille.
Nach einigen Minuten kam ein gut gekleideter Mann an das Tor und ließ die Polizei hinein.
"Endlich. Wurde auch langsam Zeit," nörgelte Detective Utsumi und kontrollierte seine Smith & Wesson M-19 (6") und lud sie mit neuen 38+P Black Talons Patronen. Das war sein Schmuckstück. Er nahm diesen Revolver nur bei besonderen Einsetzen mit. Und dies war ein besonderer Einsatz, der sehr schnell ungemütlich werden konnte. Bei einer Einschleusung von einem getarnten Polizisten vor einem halben Jahr, wurde dieser ein paar Tage später aus dem Fluß heraus gefischt. Durch die Bleikugeln, die in ihm steckten, wog er bestimmt zwei, drei Kilo mehr. Man konnte Herrn Kamiyo natürlich nichts nachweisen. Aber heute war eine große Chance da, daß wußte Utsumi.
Und sie würde so schnell nicht wieder kommen...

Die Polizisten kamen bei dem Haus von Herrn Kamiyo an und schritten hinein. An den Wänden hingen viele Bilder und Wandgemälde. Allerdings befanden sich auf den Gängen auch viele Bodyguards. Alle schwer bewaffnet.
Im Salon erwartete sie schon ein sehr erregter Herr Kamiyo.
Er saß in seinem Ledersessel und blickte grimmig drein.
Der Dezernatschef und Unterinspekteurin Assaya verbeugten sich.
"Es tut mir sehr leid, daß wir sie zur so später Stunde belästigen, Herr Kamiyo. Aber wir haben eine Ankündigung von 'Katzenauge' bekommen, die besagt, daß sie heute abend ihnen wertvolle Gemälde entwenden wollen," erklärte der Chef.
Herr Kamiyo brummte grimmig.
"Wir haben keinen Polizeischutz nötig! Wir können sehr gut auf uns selbst aufpassen! Oder haben sie die Wachen noch nicht gesehen?
Also, verschwinden sie von meinem Grund und Boden," befahl Herr Kamiyo unfreundlich.
"Aber Herr Kamiyo. Die 'Katzen' sind Profis. Die werden sie mit ihren Männern nicht aufhalten können," gab Detective Utsumi zu bedenken.
Der dicke Mann stand auf.
"Sie konnten sie ja bis jetzt auch nicht aufhalten! Ich hatte ihnen gesagt, daß wir keine Probleme haben. Verschwinden sie endlich, oder ich werde mich über sie alle beschweren. Sie haben keinen Hausdurchsuchungsbefehl! Ich habe sie nur aus Freundlichkeit zur Polizei hier hinein gelassen. Aber jetzt raus," brüllte er und zeigte demonstrativ zur Tür.
"Wie sie meinen," kuschte der Dezernatschef und drehte sich um.
"Aber Chef...," protestierte Toshi. Aber der bedeutete ihm still zu sein.
Allerdings wollte Utsumi nicht so einfach aufgeben. Nun war er schon einmal in dem Haus dieses verbrecherischen Scheusals drin. Diese Chance kam bestimmt nicht so schnell wieder.
Also ließ er sich immer weiter von der Polizeigruppe zurückfallen.
Und in einem unbeobachteten Moment verschwand er in einem Raum, in dem sich glücklicherweise keiner aufhielt.
Toshi wartete ab, bis die anderen Polizisten das Haus verlassen hatten.

"Jetzt," rief Hitomi und sie sprangen von der Mauer und liefen Richtung Haus. Sie hechteten von Baumstamm zu Baumstamm. Die Polizisten gingen gerade in das Gebäude. Die 'Katzen' sprangen auf das Flachdach des Gebäudes, während es am Hauseingang wieder belebter wurde.
Die Polizisten schritten wieder über das Grundstück und warteten außerhalb der Mauer auf 'Katzenauge'.
Aus der Ferne hörten sie den Dezernatschef fluchen. Allerdings suchte Hitomi vergebens nach Toshi.
"Komisch, er hängt doch sonst immer mit dem Chef und dieser Assaya herum," stellte Hitomi fest.
Die beiden 'Katzen' fanden ein Dachfenster und stiegen ein.

Toshi befand sich im Arbeitszimmer von Herrn Kamiyo und er fing an, die Schubladen des Schreibtisches zu durchsuchen.
Eine war verschlossen, aber Toshi konnte das Schloß mit Leichtigkeit öffnen. Wozu hat man den Dietriche?
Detective Utsumi blätterte in einigen Akten und wurde schon bald fündig. Herr Kamiyo hatte den Fehler begangen alle Namen und das jeweilige Bestechungsmaterial aufzulisten. Er steckte diese Akten ein, als just in diesem Augenblick die Tür aufsprang. Toshi hechtete noch rechtzeitig hinter den Schreibtisch, bevor die Kugeln in seinen Körper eindringen konnten. Blitzschnell zog er seine Smith & Wesson M-19 Kaliber 6 und dachte dabei an Hitomi. Er steckte in großer Gefahr. Diese Kerle hätten bestimmt keine Skrupel ihn langsam und qualvoll sterben zu lassen, wenn sie die Unterlagen bei ihm faden. Er mußte aus dem Haus kommen. Er hatte jetzt Beweismaterial, was die Polizei dazu berechtigen würde, das gesamte Haus zu durchsuchen. Und dann würden diesen sauberen Herrn Kamiyo auch seine Beziehungen nichts nützen. Die Gerechtigkeit würde, mußte siegen. Aber er würde überleben. Toshi wollte Hitomi auf jeden Fall hiernach heiraten, daß wußte er nun. Sogar 'Katzenauge' währe ihm egal, wen er nur heil aus dieser Situation heraus komme.
Detective Utsumi schluckte noch einmal und atmete tief durch. Er umklammerte den Revolver. Seine Hand zitterte. Er haßte es, auf Menschen schießen zu müssen. Aber es ist doch nur zur Selbstverteidigung.

"Kia," rief Detective Utsumi und sprang hinter dem Schreibtisch hervor. Der Schuß vorhin hatte bestimmt auch die anderen Wächter alarmiert. Er durfte keine Zeit mehr verlieren!
Toshi sah aus den Augenwinkel eine Bewegung, zielte und drückte ab.
Von einer seiner 38+P Black Talone Patronen getroffen, stürzte eine Gestalt unter Schmerzensschreien zu Boden. Detective Utsumi hatte ihn an der Schulter verletzt.
Toshi hechtete aus dem Zimmer.

Vor dem Grundstück hörten der Dezernatschef und Unterinspekteurin Assaya Schüsse. Sie liefen zum Tor. Aber die Privatwache wies sie ab.
Sie hätten keinen Zutritt.
"Wo ist eigentlich Detective Utsumi," fragte Assaya.
Der Chef blickte sie an und sie wußten es.
"Utsumi ist dort drinnen," erkannte der Chef und riß erstaunt die Augen auf.
"Wir müssen ihm helfen. Offensichtlich steckt er in Schwierigkeiten," gab Assaya zu bedenken und schritt noch einmal Richtung Tor.
Aber der Chef hielt sie zurück.
"Wir haben keinen Durchsuchungsbefehl und auch keine Beweise, daß dort auf jemanden geschossen wird. Wir können nur abwarten," sagte der Chef und ging zum Auto.

Schüsse! Hitomi und Love blieben erschrocken stehen. Warum gab es Schüsse? Die Polizisten sind doch wieder abgezogen. Und dann wußte Hitomi warum.
"Toshi," sagte sie entsetzt und riß die Augen auf.
Es gab keine andere Erklärung. Keiner der anderen Polizisten würde es wagen gegen Befehl zu handeln. Und Toshi konnte auch sehr starrköpfig sein. Aber wenn es Toshi ist, dann war er ja auch in Gefahr, genau so wie Nami. Oder war er etwa schon tot?
Dieser Gedanke jagte ihr noch ein größeren Schrecken ein.
Eine Hand berührte sie an der Schulter und Hitomi zuckte zusammen.
"Ihm ist bestimmt nichts passiert, Hitomi. Toshi kann sehr gut alleine auf sich aufpassen," beruhigte Love. Beide kauerten versteckt hinter einer Statue.
"Wahrscheinlich hast du recht! Komm, wir müssen hier weg und Nami suchen," sagte Hitomi und atmete tief durch.
In diesem Augenblick rief eine Wache, die auf dem Flur stand.
"Halt, wer da?"
Galt das ihnen? Vorsichtig schaute Hitomi hinter der Statue hervor, aber der Mann blickte in die entgegengesetzte Richtung. Er hob seinen Revolver und zielte.

Toshi flüchtete sich von Raum zu Raum. Er konnte seine Verfolger von hinten schon hören. Detektive Utsumi fühlte sich wie ein Fuchs, der von den Hunden und den Jägern gejagt wurde. Er liebte Füchse, denn man sagte ihnen Schläue und List nach. So wie ein Fuchs währe Toshi auch gerne. Er öffnete die nächste Tür. Sie führte auf den Flur hinaus.
"Schlecht," dachte er bei sich. "Es werden wohl einige Leute auf den Fluren sich aufhalten!"
Aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Der Raum besaß nur zwei Türen. Die eine führte zurück und diese auf den Flur. Er faste sich ein Herz und lief los - und blieb stehen.
Eine Wache hatte ihn entdeckt und hob seine Waffe um jederzeit auf ihn zu schießen. Toshi verabschiedete sich schon vom Leben. Wenn er jetzt nach seinen Revolver greifen würde, währe er tot.
Aber auf einmal schrie der Mann auf und stürzte zu Boden. Jemand muß ihn niedergeschlagen haben. Aber wer?
"Katzenauge, Katzenauge ist hier!"
Aber Toshi befand sich ja immer noch in Gefahr. Also nahm er die Beine in die Hand und stürmte zum nächsten Fenster, um so schnell wie möglich das Grundstück zu verlassen.

In der Zwischenzeit liefen die 'Katzen' zu einem Lüftungsschacht. Glücklicher Weise war er groß genug und sie stiegen ein. Nun setzten sie ihre Suche durch das Belüftungssystem fort. Hier wird sie so schnell niemand suchen. Sie krochen leise vorwärts und blickten suchend durch die Lüftungsschlitze.
Nach kurzer Zeit sahen sie eine Stahltür, die von einem Mann bewacht wurde. Was war wohl hinter der Tür? Nami!?
Hitomi deutete mit der Hand zur Tür. Leise berieten sie, wie sie die Wache loskriegen konnten. Der Lüftungsschacht befand sich etwa drei Meter über den Fußboden an der linken Seite der Decke.
Sie schauten sich noch einmal in die Augen und nickten. Love kroch wieder zurück und Hitomi lockerte leise das Schutzgitter des Schachtes. Nach wenigen Sekunden hörte man ein leises Geräusch auf dem Gang. Der Wächter drehte sich um, entsicherte seine Waffe und schritt von der Tür weg. Das war die Gelegenheit für Hitomi. Sie schob das Gitter beiseite und sprang.

Toshi rannte über den Rasen, als wenn der Teufel hinter ihm her währe. Aber so weit hergeholt war der Vergleich nicht, denn er konnte seine Verfolger immer noch nicht abschütteln. Es trennten ihn nur noch etwa fünfhundert Meter vom Tor. Dem Tor, hinter dem er in Sicherheit währe. Dort waren seine Kollegen, wohin sich diese Bestien sich wohl nicht hintrauen würden. Noch Vierhundert Meter. Noch Dreihundert. Noch Zwei. Nein, er hatte die Wachen am Tor vergessen. Aus der Entfernung sah er sie ihre Waffen ziehen. Einige Schüsse und er schmiß sich zu Boden. Dabei zog er selbst seinen Revolver und schoß den einen in die Hand und den anderen traf er an der Schulter. Toshi staunte über sich selbst. Eigentlich war Detective Utsumi kein so guter Schütze. Auf hundert und fünfzig Metern seine Gegner treffen und nicht lebensgefährlich zu verletzen war schon eine große Leistung. Was ein gehöriger Adrenalinstoß und die Angst um sein eigenes Leben alles bewirken kann!
Plötzlich hörte er auch noch Hundegebell hinter sich. Bullterrier!
Er ließ sich keine Zeit das Tor zu öffnen. Er sprang mit letzter Kraft hoch und zog sich rüber. Um ein Haar hätte ihn einer der Bestien noch am Bein erwischt. Auf der anderen Seite fingen ihn ein paar Polizisten auf.
"Utsumi, was haben sie sich eigentlich dabei Gedacht," rief eine Wütende Stimme. Der Dezernatschef und Unterinspekteurin Assaya standen nun Detective Utsumi gegenüber. Toshi fragte sich, was nun schlimmer sei. Sein Chef oder die bewaffneten Ganoven auf der anderen Seite der Mauer.
"Nun, Chef. Ich dachte mir, äh... Wenn wir denn nun schon einmal im Haus drinnen waren, könnten wir doch auch etwas Beweismaterial mitnehmen," versuchte Toshi sein Handeln zu erklären.
Aber der Chef war nicht nur wegen der Mißachtung seiner Befehle so aufgeregt, sondern in erster Linie weil er Toshi als eine Art Sohn sah. Der Dezernatschef hatte selbst keine Kinder und so sorgte er sich um seine Mitarbeiter, speziell aber um Detective Utsumi, weil, seiner Meinung nach, ein nicht unerhebliches Potential in Toshi steckte, welches nur geweckt werden müsse. Das war auch der Grund, warum er ihn immer so drillte. Er wollte, daß Toshi sein Nachfolger werden sollte.
"Trotzdem war es sehr leichtsinnig von ihnen. Sie hätten getötet werden können, als vermeintlicher Einbrecher und ich hätte ihren Tod vor dem Polizeipräsidenten verantworten müssen," ärgerte sich der Chef und nahm von Toshi die konfiszierten Akten entgegen.

"Halt, wer da," rief der Mann und richtete seine Waffe auf Love. Doch in diesem Augenblick setzte Hitomi ihn mit einem Handkantenschlag am Hals außer Gefecht. Beide 'Katzen' vergewisserten sich, daß niemand in der Nähe war und schritten zur Stahltür. Love öffnete die Riegel und Hitomi zog langsam und vorsichtig an dem Griff. Als ein Spaltbreit offen war, lugten beide hinein. Sie sahen nichts, außer Dunkelheit. Deswegen beschlossen sie, daß Hitomi 'Schmiere' steht und Love vorsichtig hinein schleicht. Gesagt, getan. Love schlich geduckt hinein und sah nur noch eine schnelle Bewegung von rechts und bekam einen Schlag in die Magengegend. Sie rappelte sich überrascht auf und konterte ihrerseits mit einen Karatetritt, der ihren Feind jedoch knapp verfehlte. Als Love nochmals einen Schlag ansetzen wollte packte der Angreifer ihre Hand und drehte sie um. Sie schrie vor Schmerzen auf, so daß Hitomi ihr zu Hilfe kam und ihrerseits den Aggressor in den Schwitzkasten nahm.
"Nami, du," fragte Hitomi ganz erstaunt und ließ sie sofort los. Love hatte ihre Stablampe angeschaltet und leuchtete in Namis Gesicht.

"Detektive Utsumi! Bleiben sie stehen, Mann," rief der Dezernatschef ihm hinterher. Aber es nützte nichts. Toshi rannte noch einmal auf das Grundstück von Kamiyo. Er hatte es geschafft Beweise zu entwenden, die den feinen Herren wohl ins Gefängnis befördern werden. Vielleicht gelingt es ihm heute Nacht auch Katzenauge festzunehmen. Vorsichtig pirschte er sich an das Grundstück heran. Die meisten Wachen hatten sich aus dem Staub gemacht, als sie begriffen hatten, daß ihr Boß wohl nicht mehr lange ihr Arbeitgeber sein kann.
Und keiner von ihnen hatte besonders große Lust in den Knast zu wandern.
So konnte Detektive Utsumi leicht bis ins Gebäude vordringen, um Herrn Kamiyo zu suchen und ihn festzunehmen.

Vater und Töchter lagen sich nach langer Zeit endlich wieder in den Armen. Alle weinten vor Glück sich endlich gefunden zu haben. Vergessen war der Trennungsschmerz, die beschwerliche Zeit als 'Katzenauge'. Sie fanden keine Worte und hielten sich an Heinz, als ob sie ihn nie wieder loslassen wollten. Allen vielen Szenen aus der Vergangenheit mit ihrem Vater ein.
Doch diese traute 'Viersamkeit' fand mit einer rauhen Stimme ein jähes Ende.
"Wie rührend! Heinz ist wieder vereint mit seinen Töchtern. Nun bin ich leider gezwungen auch sie zu töten," sagte Herr Kamiyo hämisch und richtete seinen Revolver auf die kleine Menschentraube.
"Aber warum denn, Kamiyo," rief Heinz und stellte sich schützend vor die Frauen.
"Das will ich dir erklären, alter Freund! Für die lächerlichen Bestechungen würde ich nur im schlimmsten Fall fünf Jahre kriegen. Aber wenn heraus kommt, daß ich dich Jahrelang deiner Freiheit beraubt habe und das Erbe der Kisugischwestern, dessen stiller Vormund ich von meiner ehemaligen Anwaltskanzlei aus war, veruntreut habe, bekomme ich bestimmt dreimal soviel aufgebrummt," erklärte er und zog den Schlagbolzen.
Die 'Katzen' dachten derweil die ganze Zeit an einem Fluchtweg. Aber der Raum hatte ja kein Fenster. Wie sollten sie an dem Mann vorbeikommen? Er stand direkt unter dem Türrahmen.
"Aber das muß doch nicht sein. Ich verspreche dir, daß ich nichts gegen dich unternehmen werde," sagte Heinz ängstlich und verzweifelt. Sollte das ihr aller ende sein?
"Darauf kann ich mich leider nicht verlassen, Partner! Wer will zuerst ins Gras beißen," fragte er und zielte auf Nami.
Hitomi berührte vorsichtig mit den Fingerspitzen einer ihrer Wurfkarten. Aber er war zu weit weg sie zu werfen, ohne daß er sofort schießen würde. Jemand mußte ihn ablenken, aber wie?

Toshi hastete durch die Gänge. Er hoffte inständig, daß 'Katzenauge' und Kamiyo sich noch im Haus aufhielten. Allerdings fragte er sich, ob 'Katzenauge' überhaupt gekommen war. Wahrscheinlicher ist, daß sie ein Rückzug gemacht haben, als sie die vielen Polizisten gesehen hatten.
Also konzentrierte er sich nur noch auf Kamiyo. Weiter vorne hörte er Stimmen und er zog seine Waffe.

"Wenn sie uns umbringen bekommen sie lebenslänglich! Bedenken sie das," sagte Nami mit fester Stimme.
"Eure Leichen werden nie gefunden, daß verspreche ich euch," sagte Herr Kamiyo mit dem Wahnsinn in den Augen. Seine Gesichtsmuskeln zuckten hin und her.
"Stirb, Minako Heinz," rief er und schwenkte die Waffe zu dem alten Mann.
"Halt, Kamiyo. Das Spiel ist aus. Heben sie die Hände über dem Kopf und lassen sie die Waffe fallen!"
Er drehte sich sofort um und schoß. Die Kugel durchschlug Detective Utsumis linke Schulter und er stürzte zu Boden. Jedoch gelang es ihm im Fallen Herrn Kamiyo mit einem gezielten Schuß in seine rechte Hand niederzustrecken.
Hitomi und ihre Schwestern kannten diese Stimme schon sehr lange. Aber was war jetzt zu tun? Love, Hitomi und Nami mußten als 'Katzenauge' unerkannt bleiben! Aber Minako Heinz kümmerte sich um diese Sache. Er trat aus dem Zimmer heraus und vergewisserte sich ersteinmal, daß von Kamiyo keine Gefahr mehr ausgehen konnte und lief auf den Detective zu. Er stellte sich so vor den mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden hockenden Polizist, daß die drei 'Katzen' den Gang entlang entkommen konnten.
Heinz half Detective Utsumi auf die Beine.
"Wer sind sie," fragte Toshi mißtrauisch und unter starken Schmerzen.
Der ergraute Mann stützte ihn und blickte ihn voller ernst an.
"Mein Name ist Minako Heinz. Ich bin japanischer Staatsbürger und wurde von Herrn Kamiyo vor vielen Jahren entführt und gefangengehalten!"
Toshi blickte den Man erstaunt an. Minako Heinz. Der Künstler, der die Kunstgegenstände schuf, die von 'Katzenauge' gestohlen wurden!
War das ihr Plan? Suchten die 'Katzen' Heinz? Aber bevor er weitere Überlegungen anstellen konnte, hörte er ein lautes Stöhnen und drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der es kam.
Herr Kamiyo lag am Boden und tastete nach seiner auf dem selbigen liegender Waffe. Doch bevor er sie ergreifen konnte, wurde sie von einem Frauenfuß weggetreten. 'Katzenauge'?
Nein, es war Unterinspekteurin Assaya, die nun Handschellen herausholte und Herrn Kamiyo ordnungsgemäß seine Rechte vorlas.
"Vielen Dank. Sie haben mir mein Leben gerettet. Kamiyo wollte mich gerade umbringen, als sie kamen. Ich danke ihnen von ganzen Herzen," sagte Heinz und schüttelte Toshis Hand.
Das war Detective Utsumi etwas peinlich. Dieses Gefühl, wenn sich bei ihm jemand bedankte, empfand er immer schon als unangenehm.
"Kommen sie bitte mit. Wir müssen ihre Aussage entgegennehmen," bat Detective Utsumi und zeigte Richtung Ausgang.
Beide gingen den Gang entlang. Einige Polizisten kamen ihnen entgegen, um noch einige Unterlagen sicherzustellen. Plötzlich blieb Toshi wie angewurzelt stehen und bückte sich.
Er hob einen kleinen Gegenstand auf, der etwa eine Größe von einer Visitenkarte hatte und betrachtete ihn. Im Vordergrund sah man auf der rechten Seite in roter Farbe die Vorderansicht eines einfachen, eckigen Katzenkopfes mit einem offenen Auge und links von ihm stand etwas geschrieben.
"'Katzenauge'," murmelte Utsumi. "'Katzenauge' war also tatsächlich hier."

Auf dem Polizeirevier nahm ein sehr müder Detective Toshi Utsumi die Aussage von Minako Heinz auf. Seine Schulterverletzung war nicht so schlimm, nur eine Fleischwunde die er verbunden bekommen hatte. Die Schmerzen ignorierte er. Denn er wollte diesen Fall niemanden anderen übernehmen lassen.
"Haben sie Verwandte oder Angehörige," fragte Toshi routinemäßig.
Herr Heinz saß nicht minder erschöpft auf einen Holzstuhl im Vernehmungszimmer und wünschte sich nichts sehnlicheres, als so schnell wie möglich zu seinen Töchtern zu gelangen. Jedoch faßte er sich in Geduld. Schließlich hatte er sie mehrere Jahre nicht sehen können. Da kam es auf die paar Stunden auch nicht mehr an.
"Ja. Ich habe drei Töchter. Die älteste heißt Nami, die mittlere Hitomi und die jüngste Love," gab er bereitwillig Auskunft und dachte an sie.
Toshi blieb der Mund offen. Er war sofort hellwach.
Nami, Hitomi und Love? Das konnte doch kein Zufall sein! Nun viel Toshi ein, daß Hitomi bei seinen Fragen über ihre Eltern immer ausgewichen war. Es hieß nur, daß sie nicht mehr lebten. War Heinz
etwa...
"Wissen sie, wo sie leben," fragte Toshi hastig.
Heinz dachte nach. Aber er wußte es jetzt ja, da Nami ihn doch soviel erzählt hatte.
"Sie leben hier in Tokyo unter den Nahmen meiner Frau. Sie hieß Makoto Kisugi," antwortete der Mann ruhig und lächelte gedankenverloren.
"Sie sind der Vater von Hitomi," fragte Utsumi erstaunt und riß die Augen auf.
Das änderte die gesamte Situation. Es ging hier um Hitomis Vater. Jemand hatte ihn entführt und gefangengehalten. Aber das ergab auch einige Probleme für Toshi. Was wird aus der geplanten Hochzeit mit seiner Liebe? Was, wenn ihr Vater, der berühmte Künstler Heinz ihn nicht als Schwiegersohn anerkennen würde? Wie sollte er sich nun verhalten?
Detective Utsumi beschloß erst einmal an die Pflicht zu denken und führte die Protokollaufnahme fort.
"Dann erzählen sie mir mal, warum sie von Herrn Kamiyo der Freiheit beraubt wurden," fragte Detective Utsumi und tippte gleich auf dem Computer mit.
"Ich bin ein nicht unbekannter Künstler und war gut betucht. Mein Name galt etwas in Kunstkreisen. Mein Anlagenberater und Vertrauter war eben der Herr Kamiyo. Im vertraute ich eine Geldangelegenheiten an, so daß ich mich voll und ganz meiner Familie und der Kunst widmen konnte. Leider mußte ich die Erfahrung machen, wie habgierig und eifersüchtig Menschen sein können. Denn eines Tages..."

"Was, Vater wurde von diesem Schuft gekidnappt und täuschte einen Unfall vor," fragte Love außer sich.
Auch die 'Katzen' schliefen nach dieser ereignisreichen Nacht noch nicht. Sie saßen in ihrem Besprechungsraum und Nami erzählte, was Heinz ihr in dem Raum, in dem sie gefangen waren, alles über sich erzählte. Die Strapazen der Nacht standen ihnen ins Gesicht geschrieben, aber sie konnten nicht in diesem Augenblick schlafen.
"Ja, so war es. Da ich vor dem Gesetz noch nicht als mündig galt und wir keine weiteren Verwandten in Japan hatten, wurde er zu unserem Vormund ernannt. Er bestimmte aber nicht nur über unser Geld, sondern verkaufte auch alle Kunstobjekte von Vater," erklärte Nami.

"Und er zwang sie weiter Bilder zu malen," fragte Toshi empört.
Der Mann nickte.
"Ja, den Kamiyo hatte große Spielschulden und der Verkauf von meinen Kunstgegenständen, die er kassiert hatte, reichten nicht aus. So zwang er mich Bilder zu malen, die er mit großen Gewinn verkaufen konnte, da ich ja als tot galt. Und sie wissen ja, daß der Wert der Kunstobjekte steigt, wenn der Schöpfer von ihnen nicht mehr lebte. Als Druckmittel drohte er mir, daß er meine Töchter umbringen lassen würde, wenn ich nicht malte."

"Aber jetzt ist er ja wider da! Ach Papa," seufzte Love. Sie vermißte ihn am Meisten, da sie sich nur vage an ihn erinnern konnte, was kein Wunder war. Denn sie war ja noch ein Baby.
"Hoffentlich quetscht in die Polizei nicht zu sehr aus. Nami, hast du im auch deutlich gemacht, daß er der Polizei über nichts über 'Katzenauge' erzählen darf," fragte Hitomi in Sorge.

"Was wissen sie über 'Katzenauge'," fragte Toshi und beobachtete den Mann genau. Gab es vielleicht doch eine Verbindung zwischen Heinz und 'Katzenauge'? Waren sie befreundet und holten sie sich die Gemälde von ihm wieder und suchten sie vielleicht...
"Nein, ich kenne 'Katzenauge' nicht," unterbrach Minako Heinz Detective Utsumis Überlegungen.
"Sind sie sich da ganz sicher," fragte Toshi enttäuscht und der Mann nickte stumm.
Detective Utsumi nahm weiter die Aussagen von Minako Heinz auf und machte sich dabei viele Gedanken über sich und Hitomi, über Kamiyo, Heinz und natürlich 'Katzenauge'.

"Er kommt," rief Love enthusiastisch und wandte sich vom Fenster ab.
Die Schwestern drangen nach unten und öffneten die Eingangstür vom Café. Und tatsächlich. Minako Heinz überquerte gerade die Straße, die das Ionari Revier vom Café 'Katzenauge' trennte.
Sichtlich erschöpft, aber mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht nährte er sich. Trotz ihrer aller Erschöpfung saßen sie noch eine Stunde zusammen und hatten sich viel zu erzählen, bevor Minako Heinz in Loves Zimmer, welches für ihn hergerichtet wurde, völlig erschöpft auf das Bett fiel und einschlief. Nami, Hitomi und Love, die in dieser Nacht bei Hitomi übernachtete, schliefen diese Nacht hervorragend. Sie hatten endlich nach so langer Abstinenz ihren Vater wiedergefunden.

Aber einer schlief trotz seiner Erschöpfung überhaupt nicht gut. Toshi Utsumi wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Er mußte die ganze Zeit an Heinz, die Kisugischwestern und an 'Katzenauge' denken. Was hatte 'Katzenauge' mit Minako Heinz zu tun? Das die beiden etwas gemein hatten, stand für in fest. Aber es stellte sich auch eine andere, wichtigere Frage für ihn. Wie sollte er sich Heinz gegenüber verhalten? Was, wenn er gegen die Heirat von Hitomi mit ihm war? Das beschäftigte Toshi die ganze Nacht und spielte verschiedene Szenerien durch, bevor er übermüdet einschlief.

"Herr Kamiyo bleibt vorerst in Untersuchungshaft. Die Beweise müssen erst noch gründlich ausgewertet werden," berichtete Toshi und sah Heinz an.
Sie befanden sich im Café 'Katzenauge' bei einer Tasse Kaffee. Es waren schon drei Tage vergangen, als Heinz gerettet wurde. Allerdings war Toshi aufgefallen, daß der Mann nicht nur sehr schweigsam war, sondern ihn auch ständig musterte. Er hatte an sonsten ein freundliches Gemüt und war sehr nett. Die Gesprächsthemen waren bisher recht einseitig gewesen. Sie sprachen über Kamiyo und Detective Utsumi versuchte unterschwellig etwas über 'Katzenauge' von ihm zu erfahren. Aber der alte Mann gab sich nie eine Blöße.
"Ich verstehe! Herr Utsumi, ich bitte sie mir in mein Zimmer zu folgen," sagte Heinz mit ernster Miene und stand auf.
"Selbstverständlich," antwortete Toshi und erhob sich erstaunt seinerseits von seinem Stuhl. Als beide an der Theke vorbeigingen, erklärte Heinz seinen Töchtern, daß er nicht gestört zu werden wünschte. Auf die Frage, was er denn so wichtiges mit Toshi zu besprechen habe, schwieg er sich aus und schritt stumm und ernst die Treppe hinauf.
Detective Utsumi blickte mit zuckenden Schultern zu Hitomi und folgte ihm.
"Worüber sie wohl sprechen," fragte sich Hitomi während Love flucks in die ehemalige Zentrale von 'Katzenauge' verschwand.

Sie gingen in Hitomis Zimmer, welches nun Heinz bewohnte. Der alte Mann holte zwei Gläser mit Sake und reichte eines von ihnen Toshi.
Sie setzten sich an den kleinen Tisch.
"Ich glaube es wird langsam Zeit, daß wir uns einmal unterhalten," sagte er ernst. "Sie wollen also meine Tochter ehelichen!"

Love schluckte. Sie saß auf einen Stuhl und hörte durch die Kopfhörer alles mit. Dieses Gespräch konnte interessanter werden, als so manche zwischen Hitomi und Toshi, die sie einige Male belauscht hatte.

"Da haben sie recht. Ich begehre Hitomi wie keine andere Frau. Ich liebe sie und sie mich," antwortete Toshi fest und ebenso ernst.
"Ich verstehe! Ich glaube auch, daß Hitomi sie liebt. Aber bevor ich in die Hochzeit einwillige, hätte ich noch einige Fragen," sagte Heinz.
Toshis Nervosität stieg ins Unaufhaltsame.
"Selbstverständlich. Das verstehe ich. Sie wollen natürlich genau wissen, ob ich überhaupt geeignet für ihre Tochter bin," antwortete Detektive Utsumi.
"Keine Angst, Herr Utsumi. So schlimm ist es nun aber wirklich nicht. Aber ich würde ganz gerne ihre Familie, ganz besonders ihre Eltern, kennenlernen," wünschte sich der Brautvater.
Bei diesen Worten strömten wieder viele Emotionen und Bilder von der Beerdigung von seiner Tante und seinem Onkel in seinen Verstand. Doch es gelang ihm sie einigermaßen zu unterdrücken.
"Nun, daß dürfte recht schwierig werden. Meine Eltern, Ohishi und Keyko Utsumi, kamen bei einem Flugzeugunglück über Shimane um, als ich gerade mal fünf Jahre alt gewesen bin. Ich wuchs bei meinem Onkel und meiner Tante auf, die..." Toshi mußte schlucken. Er hing mehr an den beiden, als es ihm bewußt war. "Mein Onkel und meine Tante sind diesen Winter gestorben. Und zu den anderen Verwandten ist der Kontakt schon vor langer Zeit abgebrochen." Erzählte Toshi.
"Mein herzliches Beileid, Herr Utsumi," sagte er voller Mitgefühl. Er hatte ja auch einen Menschen, den er so sehr geliebt hatte, verloren. Seine eigene Frau.
"Haben sie Dank," sagte Toshi. "Aber die Polizei und ihre Töchter wurden mir wie zur, nun ja, dritten Familie," sagte er und nahm einen Schluck Sake.
"Also müssen sie mit mir das Hochzeitsgespräch führen," sagte Toshi mit einem Lächeln nach einer kurzen Pause.
"Sind sie überhaupt mit dem Inhalt vertraut," wollte Heinz wissen.
Toshi schüttelte den Kopf.
"Aber das macht ja nichts, da ich Hitomi aufrichtig und innig liebe und ich bestimmt nicht zuviel von ihnen verlangen werde," antwortete Detektive Utsumi.
"Das ist aber nicht gut, Herr Utsumi. Bei einem solchen Gespräch wird die Aussteuer ausgehandelt," gab Heinz zu bedenken.
"Aber ich will Hitomi unbedingt Heiraten. Die Aussteuer interessiert mich überhaupt nicht," warf Toshi emotional ein.
Heinz lächelte.
"Aus diesem Grund sollte ja ein Familienangehöriger dieses Gespräch führen. Dieser würde nämlich nicht beeinflußt werden durch die Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Er währe neutral und würde versuchen, daß bestmögliche Ergebnis für ihn herauszuholen.
Aber da die in ihrem Fall nicht möglich ist, werde ich fair sein."
"Ich möchte noch einmal betonen, daß es mir nicht auf das Geld ankommt, sondern auf die Braut," beteuerte Toshi.

Im Café hörte man einen Jubelschrei von Toshi.
Love kam in das Café herunter mit gespannter und wissender Miene.
"Wieviel Geld haben wir eigentlich auf der hohen Kante," fragte sie Nami.
Wieso willst du das denn wissen, Love," fragte sie erstaunt.
"Weil wir demnächst eine größere Summe zahlen müssen," erwiderte Love.
"Wieso das denn," fragte Nami verwirrt.
"Na, wegen Hitomi!"
Hitomi kassierte bei dem letzten Kunden ab und kam zum Tresen hinüber.
"Was ist wegen mir," fragte sie nichtsahnend.
Love stand kurz davor zu platzen.
"Tja, Schwesterlein. Du hast uns soeben sehr große Kosten beschert," antwortete Love und grinste geheimnisvoll.
"Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr," sagte Nami und blickte Love an.
"Wir müssen eine Summe von etwa 833333 Yen jemanden überweisen und zusätzlich haben wir bald Kosten von 500000 Yen," sagte Love ganz ruhig.
"Was? Love, könntest du uns freundlicherweise im Klartext einmal sagen, worauf du hinaus willst," sagte Hitomi leicht genervt. Sie fragte sich schon, ob ihre kleine Schwester übergeschnappt sei.
"Och, ist euer Gehirnskasten aber eingerostet," stöhnte Love. "Aber ich bin ja ein Tierfreund und werde euch aufklären. Also hört zu," weiter kam Love nicht, denn ein glücklich jauchzender Toshi Utsumi sprang die Treppe hinunter und lief auf die erschrockene Hitomi zu. Sie verstand überhaupt nichts, als ihr Verlobter sie griff und mit ihr durch den Raum wirbelte.
"Aber, aber Toshi...," stotterte Hitomi und blickte ihn über seinen Gefühlsausbruch erstaunt an.
"Wir dürfen heiraten, Hitomi. Juhu. Dein Vater ist mit der Hochzeit einverstanden," rief Toshi wie im Rausch und küßte Hitomi mit stürmischen Verlangen auf den Mund.
Seine Verlobte genoß das Gefühl seiner feuchten, heißen Lippen und vergaß für einen Augenblick alles um sich herum.
Derweil stand eine mißmutige und bärbeißige Göre an der Theke.
"Das ist Gemein, Toshi. Ich wollte es zuerst sagen," rief sie enttäuscht, was das glückliche Paar nicht hörte.
"Heute werde ich dich ganz groß ausführen, oh Rose Garten Edens," versprach Detektive Utsumi. "Ich hole dich um halb acht ab!"
"Ich werde auf dich warten, oh mein Romeo," hauchte Hitomi und gab ihm einen innigen Abschiedskuß. Mit verzehrenden Blicken lösten sie sich aus der Umarmung und Toshi entschwand voller Vorfreude und Stolz aus der Tür.
Zurück blieb eine noch etwas verwirrte aber überglückliche Hitomi Kisugi, - oder besser Utsumi?
Nachdem Nami ihrer Schwester auf das herzlichste gratuliert hatte, legte sich die Aufregung.
"Love? Woher wußtest du eigentlich, daß Vater und Toshi über unsere Hochzeit sprachen," fragte Hitomi mißtrauisch.
"Ich, äh ich wußte es nicht. He, he. Ich, äh habe geraten," versuchte Love auszuweichen, aber dies nützte nichts.
"Ich rate dir schnell die Wahrheit zu sagen, Fräuleinchen. Sonst werde ich ungemütlich," drohte Hitomi und durchbohrte Love mit fordernden Blicken.
"Na schön." Love gab auf. "Ich habe das Gespräch abgehört," gab sie zu.
"Und wie," fragte Nami, die interessiert hinzu kam.
Love schaute zu Boden. "Mit einer Wanze!"
"Was fällt dir ein, ein Abhörgerät in mein Zimmer zu installieren. Seit wann befindet sie sich schon dort," fragte Hitomi mit einem bösen Verdacht.
"Seit etwa zwei Jahren," antwortete Love niedergeschlagen.
"Was? Seit zwei...," rief Hitomi und dachte an all die vertraulichen Gespräche mit Toshi, an all die langen Abende mit ihm und an die ganzen gemeinsam verbrachten Nächte und wurde rot. Manche Sachen waren eben nicht für dritte bestimmt gewesen und ihr deshalb peinlich.
Nachdem sie sich mit ihrer Schwester, nach einer ernstgemeinten Entschuldigung, versöhnt hatte, bereitete sie sich für den Abend mit Ihrem Zukünftigen vor.

Sie saßen in einem noblen Restaurant und Toshi bestellte den Wein.
Hitomi fühlte sich allerdings nicht so wohl.
"Hörmal, Toshi. Ist dieses Ambiente nicht ein wenig zu kostspielig für dein Einkommen," befürchtete Hitomi und blickte ihren Zukünftigen an.
"Aber nein," beruhigte er sie. "Mir steht doch bald ein hübsches Sümmchen ins Haus. Schließlich werden wir bald verheiratet!"
"Toshi Utsumi! Die Mitgift hat einen anderen Grund, als sich zu amüsieren," maßregelte sie ihn ernst.
"War doch nur ein kleiner Scherz, mein Schatz. Ich habe einen Bonus vom Polizeirevier für besondere Leistungen bekommen," klärte er sie auf.
"Trotzdem sollten wir sparsam sein. Wir wollen uns doch nach der Hochzeit eine eigene Wohnung nehmen," warnte Hitomi.
"Wieso das denn? Ich dachte du ziehst zu mir," fragte Detective Utsumi erstaunt.
"Ha. So weit kommt's noch, daß ich mit dir in so einem kleinen Drecksloch wohnen soll. Das kannst du dir auch aus dem Kopf schlagen," sagte Hitomi energisch und blickte in ein grinsendes Gesicht, welches zu einem Lachanfall ausartete.
"Ach, Hitomi. Mußt du denn alles so ernst nehmen? Das war doch auch nur ein Scherz. Hey, Spatz! Bleib locker! Die Hochzeit ist noch zwei Wochen entfernt," betonte Toshi und nahm ein Schluck von dem Burgunder.
"Ich finde das gar nicht so witzig, Toshi. Heiraten ist eine ernste Sache," ermahnte sie ihn und blickte ernst drein.
In diesem Augenblick betrat eine dunkle Gestalt das Nobelrestaurant.
"Hände hoch! Das ist ein Überfall," schrie diese männliche Person. Er war mit einer Skimütze maskiert und hielt eine abgesägte Schrotflinte im Anschlag. Alle Gäste hoben sofort die Hände. Nur einer nicht.
"Geben sie auf! Damit kommen sie niemals durch. Noch ehe sie aus der Stadt herauskommen, wird man sie geschnappt haben," rief Toshi und stand auf.
"Ach ja, du Klugscheißer? Und wenn ich eine Geisel habe," fragte der Mann und schritt nervös auf Hitomi zu.
"Die werden sie dann eben wie einen räudigen Hund abknallen," warnte Toshi.
Der Verbrecher griff mit der rechten Hand an Hitomis Hals und befahl ihr aufzustehen.
Als Toshi zu seiner Waffe greifen wollte, zögerte der Mann nicht lange und schoß. Toshi stürzte Blutüberströmt zu Boden.
"Toshi," rief Hitomi und wurde hysterisch. Sie wollte sich aus dem Griff von dem Ganoven befreien, schaffte es jedoch nicht.
Toshi lag in seiner Blutlache und zitterte.
"Hitomi," flüsterte er schmerzvoll und würgte Blut. Doch sein Todeskampf dauerte nicht lange. Detective Utsumi krümmte sich noch einmal unter Krämpfen und starb.
"Nein," rief Hitomi entsetzt. Sie fühlte auf einmal eine unendliche mentale Leere in sich. Über ihre Wangen flossen die Tränen und sie konnte nur noch verschwommen sehen. Sie flüsterte andauernd Toshis Namen. Ihr Traum ihren Geliebten zu Heiraten ist in nie erreichbare Ferne gerückt.
"Scheiße," sagte der Mann und riß Hitomi nach draußen. Sie leistete keinerlei Widerstand.
Im Restaurant mußten sich viele Gäste bei dem Anblick der Leiche übergeben. Ein Kellner hatte sofort die Polizei benachrichtigt. Und einen Leichenwagen, denn bei Toshi konnte kein Arzt mehr helfen.
Der Mann kam nur einige Meter mit Hitomi, als eine Polizeistreife ihm den Weg versperrte.
Die Polizisten verschanzten sich hinter dem Wagen und zogen ihre Waffen. Der Geiselnehmer hatte keine Möglichkeit sich zu verstecken, oder zu entkommen.
"Bleiben sie stehen und heben sie die Hände!"
Der Mann hob abermals seine Waffe. In dieser Situation blieb den Beamten keine andere Möglichkeit als von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Sie schossen. Der Bewaffnete jedoch zog Hitomi wie ein lebendes Schutzschild vor sich. Das machte Hitomi nichts aus. Sie gab sich den Kugeln hin. Sie fühlte die Schmerzen, aber sie ignorierte ihn. Es hatte ja alles keinen Sinn mehr. Ihr Verlobter war tot, warum sollte sie dann noch leben? Hitomi weinte, denn sie glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod. Sie hatte Toshi Utsumi für immer verloren. Ihr schoß es durch den Kopf, wie sie auseinander gingen. Sie hatte ihn wegen eines Witzes angeschrien. Welch ein Ende. Ihr fiel der Schluß eines Gedichtes ein, was sie in der Schule gelernt hatten. Es war Toshis Lieblingspoem.
Taiyoo wa Shinanai! Die Sonne wird nicht sterben!

Hitomi zuckte erschrocken zusammen. Ihr war sehr kalt geworden. Fühlt sich so der Tod an? Sie nahm den Geruch von Jasmin und Honig war. Jedoch nach kurzer Zeit funktionierte ihre Orientierung wieder. Sie lag im Bad und das Wasser ist kalt geworden. Offensichtlich war sie eingeschlafen. Hitomi war erleichtert. Nun begriff sie, daß alles nur ein Traum gewesen war. Sie blickte zur Uhr.
"Halb sechs p.m.!," stellte sie fest und zuckte abermals zusammen. "Toshi holt mich doch um halb sieben zum Essen ab!"
Schnell sprang sie aus dem Wasser und rubbelte sich mit dem Frottee Handtuch trocken.
Kurz darauf stand sie, mit einem Handtuch um die Haare und eines um den Körper gewickelt, vor dem Kleiderschrank, den sie sich provisorisch mit Love teilte. Was sollte sie sich anziehen? Sie holte einige Kleider heraus und legte sie aufs Bett.
"Oh, Mann. Stellst du dich an," bemerkte Love, die auf einem Stuhl ihr gegenüber saß.
"Das verstehst du nicht, Schwesterlein! Frau muß eben perfekt für Mann aussehen," erklärter Hitomi und wandte sich wieder den Kleidern zu.
"Ach ja? Wenn du unbedingt perfekt für deinen Detective aussehen willst, solltest du systematisch vorgehen," riet ihr Love.
"Wie denn systematisch?"
Love verzog das Gesicht. "Man liest von links nach rechts und von oben nach unten! Ergo solltest du mit der Unterwäsche anfangen," betonte Love. "Ich weiß ja nicht auf was Toshi steht, aber vielleicht auf schwarze Strapse mit Netzstrümpfen und einen ledernen Slip und Büstenhalter mit Stahlnieten. Auch solltest du deine Peitsche nicht vergessen und die Handschellen wird Toshi ja schon bereitgestellt haben," sagte Love mit geschlossenen Augen und erhobenen Zeigefinger.
"Love," entrüstete sich Hitomi und warf mit errötetem Gesicht ein Kissen nach ihr.

Toshi holte sie mit seinem Auto ab. Er hatte es vorher sogar gewaschen! So fuhren sie die Straßen entlang.
"Wohin gehen wir denn essen," fragte Hitomi. Sie hatte sich für ein leichtes, blaues Abendkleid entschieden und es kam offensichtlich bei Toshi gut an. Jedenfalls hatte sie das Gefühl, daß er Stielaugen bekam, als er sie vorhin abholte.
"Ins Hotel Olympus, mein süßer Nipponibis," antwortete Detective Utsumi und lächelte.
"Was, das kannst du dir doch gar nicht leisten," gab Hitomi zu bedenken und mußte an ihren Traum im Bad denken.
"Mach dir darüber keine Gedanken, mein Liebling. Ich habe von der Polizei eine Prämie für den letzten Einsatz bekommen. Ich muß dir ja schließlich etwas bieten können, oder?," sagte Toshi und zwinkerte seiner Braut zu.
Für Hitomi war diese Antwort gleich einem Déja-vu Erlebnis und reagierte sofort.
"Ich möchte aber lieber in eine der kleinen Sushi Bars an der Strandpromenade von Kamakura," bat Hitomi und blickte ihn flehend an.
"Aber weißt du, was für Hebel ich alle in Bewegung bringen mußte, damit ich einen Tisch im 'Olympus' in diesem Jahrtausend bekommen konnte?"
"Ich kann es mir vorstellen, aber es würde mir viel bedeuten," versprach Hitomi und lehnte sich an seine Schulter an.
Dagegen konnte auch Toshi nicht widerstehen und gab sich geschlagen. Eigentlich war diese Entscheidung ihm auch lieber, denn er ging ungern in so feinen Restaurants essen. Allerdings bedauerte er es, daß er für den Tisch einige Konzert-, Theater- und Fußballkarten besorgen mußte - und zwar für teures Geld - um sie gegen zwei Plätze im 'Olympus' zu tauschen. Aber wenn er Hitomi damit glücklich machen konnte?!

Das Meer rauschte friedlich, während das verliebte Paar sich gegenseitig Köstlichkeiten von der Sushibar in den Mund schoben. Nach dem Essen nahm Toshi Hitomis Hand und drückte sie zärtlich. Er blickte verliebt in ihre Augen und holte Luft.
"Hitomi, ich liebe dich. Ich will jeden Tag, jede freie Minute mit dir verbringen," sagte er und Hitomi schluckte.
"Dein Gesicht ist so vollkommen, so grazile. Und deine Augen schimmern wie das unendliche des Alls," flüsterte er und näherte sich ihrem Kopf.
Hitomi schloß langsam ihre Augen.
"Möge unsere Liebe so unendlich wie das All sein," brachte Toshi noch hervor, bevor seine heißen Lippen die ihrigen trafen. Die feuchte Hitze kam Hitomi vor, wie zwei Sonnen, die in dem tiefen, weiten Weltraum einsam miteinander verschmolzen. Sie nahm nur noch den angenehmen Geruch, der von Toshi ausging, war. Ihre Zungen wanden sich umeinander, wie die Schwänenhälse beim Liebesspiel.
Doch diese Szene wurde jäh gestört.
"Hey, Alter. Lasse mich auch mal rann," rief eine Stimme.
Das Liebespaar drehte sich, herausgerissen aus ihren Träumen, erschrocken um und erblickten eine Rockerbande. Einer von ihnen trat auf die beiden zu und griff nach Hitomis Hand.
"Na, Süße. Jetzt zeige ich dir mal wie man richtig küßt!"
Toshi nahm dessen Hand und drehte sie ihm um. Der Kerl schrie schmerzerfüllt auf. Detective Utsumi warf ihn mit einem Judowurf einige Meter Richtung der anderen Rocker, die ihren Anführer sofort auf die Beine halfen. Dieser zog ein Messer und zeigte damit auf Toshi.
"Ich werde dir den Bauch aufschlitzen," brüllte dieser wütend.
Toshi stellte sich schützend vor Hitomi und zog seine Dienstwaffe.
"Das würde ich dir nicht empfehlen. Wenn du das versuchen würdest, jage ich dir eine Kugel in deinen Leib und buchte dich wegen versuchten Mordes ein. Verschwindet und Laßt euch nie wieder blicken!," rief Toshi selbstbewußt und zielte auf den Kopf des Rockers.
"Komm, wir verschwinden," riet ein anderer seinem Anführer und zog ihn weg.
"Das wirst du noch bereuen, Bulle," drohte der und zog sich zurück.
Toshi und Hitomi atmeten erleichtert auf und Detective Utsumi steckte seine Waffe weg.
"Du, Toshi. Nimm die Drohung lieber ernst," riet Hitomi ihren Bräutigam und blickte besorgt in sein Gesicht.
"Hab keine Angst, mein Schatz! Diese Typen sind völlig harmlos. An sonsten wäre ich schon längst tot," beruhigte er sie und gab ihr einen Kuß auf die Wange.
Nachdem Toshi bezahlt hatte, gingen sie noch ein wenig am Strand spazieren. Es war schon dunkel geworden und Toshi legte Hitomi sein Jackett um. Hitomi umschlang seinen rechten Arm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
"Sieh mal, Toshi. Die Venus," sagte Hitomi und blickte gen Himmel.
"Wo," fragte Toshi und blickte auch nach oben.
Sie hob ihren rechten Arm und zeigte auf den Stern.
Während Toshi mit seinen Augen ihren Arm entlang peilte und die Venus suchte, hörte Hitomi ein leises Knacken.
Das Geräusch kam von der Mauer, die den Strand von der Straße trennte. Nach einem kurzen Augenblick konnte sie dieses Knacken sofort einer Tätigkeit zuordnen. Ein Hahn von einer Waffe wurde gespannt. Sie drehte blitzschnell ihren Kopf Richtung Mauer und erkannte eine Gestalt mit einer dunklen Lederjacke, bestückt mit einigen Metallnuten und Ketten. Der Rocker von der Sushibar!
Sie warf sich mit vollem Gewicht gegen Toshi, der das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte.
In diesem Augenblick fiel ein Schuß und Hitomi schrie auf.
Ganz erschrocken blickte Toshi zur Mauer und sah eine Gestalt auf einem Motorrad davon fahren. Als er die Situation einigermaßen begriff, schaute er gen Boden.
Dort lag seine Braut mit schmerzverzerrtem Gesicht und preßte ihre Hände auf den Bauch, aus dem Blut hervorquoll.
Entsetzt riß Toshi sein Jackett entzwei, nahm ihre Hände vorsichtig beiseite und preßte den Stoff auf die klaffende Wunde.
"Hitomi," sprach er sehr nervös und erregt. "Es wird alles wieder gut!"
Toshi rief zu einigen Passanten, die zur selben Zeit am Strand spazieren waren, daß sie einen Notarzt benachrichtigen sollten.
Hitomi fing an zu zittern. Schmerzen, nichts als Schmerzen fühlte sie. Und Trauer! Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie versuchte, zu sprechen.
"Nein, Hitomi. Du darfst jetzt nicht sprechen," sagte Toshi mit weinender Stimme.
Sie tastete nach seiner Hand.
Toshi griff sie fest und Hitomi versuchte abermals zu sprechen.
"Toshi," hauchte sie und schmeckte Blut. "Bevor ich sterbe, muß ich dir dringend noch etwas beichten!" Sie wurde von ihrem Husten unterbrochen.
"Hitomi, du darfst nicht sterben!"
Doch sie konzentrierte sich und unterdrückte den Hustenreiz und das starke Gefühl zu schlafen.
"Ich liebe dich sehr und deswegen muß ich dir etwas sagen." Sie holte tief Luft, was sie wieder zum Husten veranlaßte.
"Ich war 'Katzenauge'," sagte Hitomi ernst und blickte in seine Augen.
Detective Utsumi riß seinen Mund auf.
In der Ferne hörte man den Krankenwagen.
"Das ist nicht war, Hitomi! Du kannst nicht 'Katzenauge' gewesen sein!," preßte er hervor und drückte ihre Hand noch fester.
"Doch, ich bin es wirklich, Toshi. Bei unserer Liebe: Ich bin 'Katzenauge'!," rief sie. "Es tut mir leid," fügte sie leise hinzu und weinte.
Plötzlich sah Toshi nur noch 'Katzenauge' am Boden liegen. Er blieb starr knien und wie bei einem Dammbruch strömten Bilder von 'Katzenauge' und Hitomi über ihn hinein.
"Nein, daß kann, darf nicht wahr sein, Hitomi" konnte er nicht fassen.
Doch er sah die Tränen von Hitomi und begriff.
"Hitomi," rief er und legte seinen Kopf an den ihren. "Nein!"
Hitomi sah nun auch einige Szenen, bei denen sie ihn belogen hatte. Sie bedauerte es sehr. Aber es war doch notwendig, oder? Aber diese Frage war nun irrelevant! Sie konnte nun sowieso nichts mehr daran ändern. Nun konnte sie frei von Geheimnissen ihrem Schöpfer gegenüber treten.
Die Sanitäter schoben Toshi beiseite und ein Arzt kümmerte sich um Hitomi. Benommen stand Detective Utsumi am Krankenwagen.
Er konnte es gar nicht fassen. Hitomi war 'Katzenauge' und sie lag nun im Sterben. Er war sehr enttäuscht.
Hitomi sah vor sich ihre Mutter, die sich langsam auf sie zu bewegte. Kein Schmerz, sondern eine wohlige wärme fühlte sie nun. Langsam verdunkelte sich ihr Blickfeld und sie fiel in ein schwarzes Loch.

Toshi saß apathisch auf einen Stuhl im Hirogashi Krankenhaus, als Love und Nami in den Gang stürmten.
Sie fragten Toshi nach Hitomi, jedoch er antwortete nicht. Er starrte nur an die Wand.
Eine Krankenschwester teilte ihnen mit, daß man Hitomi gerade notoperierte und das ihre Chancen sehr schlecht waren.
Beide konnten es nicht fassen. Nach allem, was sie zusammen als 'Katzenauge' schon durchgemacht hatten. Love wanderte den Gang auf und ab und war nur wütend. Nami setzte sich neben Toshi. Innerlich waren ihre Gefühle auch zerwühlt, aber sie stellte den rationaleren, ruhigeren Pol dar.
"Wie konntest du das nur zulassen, daß auf meine Schwester geschossen wurde," fuhr Love Detective Toshi Utsumi an. "Du bist doch Polizist," schrie sie mit Tränen in den Augen. "Deine Aufgabe ist es doch Zivilisten zu schützen! Du bist an dem Unglück schuld," warf sie ihm vor und schlug auf ihn ein.
Nami zerrte sie von ihm weg und beruhigte ihre kleine Schwester. Love setzte sich auf die andere Seite des Ganges und dachte voller Sorge an Hitomi.
Nami fragte nach dem Ablauf des Unglückes, doch Toshi reagierte auf ihre Fragen überhaupt nicht. Er saß einfach nur da.

Nach einer Stunde kam der Arzt aus dem OP und schritt auf die kleine Gruppe zu. Love und Nami standen auf und erkundigten sich sofort nach dem Zustand von ihrer Schwester.
"Die Kugel durchschlug die Magenwand und blieb in der linken Niere stecken. Leider wurde auch die Magenschlagader in Mitleidenschaft gezogen. Dadurch hatten wir viel mit den inneren Blutungen zu kämpfen. Den Magen konnten wir retten und die Magenschlagader flicken, jedoch die linke Niere haben wir leider verloren," berichtete der Arzt völlig emotionslos. Er hatte wohl schon des öfteren solche Verwundungen operiert.
"Das ist ja schrecklich! Herr Doktor! Wird sie durchkommen," fragte Nami erschüttert.
Der Mann machte ein ernstes Gesicht.
"Die nächsten fünfzig Stunden werden entscheidend sein. Aber viel Hoffnungen möchte ich ihnen nicht machen!"
Love verbarg ihr Gesicht mit ihren Händen.
"Wieso fünfzig Stunden. Sonst heißt es doch immer achtundvierzig?," fragte Nami.
Der Arzt zuckte mit den Schultern.
"Im Prinzip ja, aber die Erfahrung zeigte, daß auch noch zwei Stunden nach der achtundvierzig Stunden Frist manche Patienten uns wie die Fliegen weg starben!," antwortete er, drehte sich um und ging den Flur entlang.
Nami setzte sich neben Love und hielt sie in den Armen. Nach einigen Minuten stand Detective Utsumi auf und bewegte sich mit schleppenden Schritten auf den Ausgang zu.
"Toshi, du darfst jetzt doch nicht einfach gehen," rief Love wütend und sprang auf.
Toshi blieb stehen.
"Wieso sollte ich hierbleiben? 'Katzenauge' kann in der jetzigen Verfassung nicht entkommen, also ist eine Bewachung sinnlos, da sie auch nicht transportfähig ist, so daß sie nicht von ihren zwei Schwestern weggebracht werden kann," antwortete er hohl und monoton und schritt langsam weiter. Er brauchte einen klaren Kopf zum denken, Zu viele Emotionen schwirrten um seinen Verstand.
Als er das sagte, traf es die anderen zwei 'Katzen' wie ein Blitz. Wieso wußte Toshi von ihrer Identität als 'Katzenauge'?

Toshi begegnete am Ausgang Herrn Nagaishi und Heinz.
"Wie geht es Hitomi," fragte Nagaishi besorgt und blickten dem jungen Mann an.
Der schaute betroffen zurück.
"Sie waren ihr Helfer, der Koordinator im Hintergrund," sagte er und sein Blick wanderte zu Heinz. "Und sie waren der Grund für alles. Der verschollene Vater!," sagte er wissend und wandte seinen Blick von den beiden ab und ging nach draußen.
"Woher wissen sie...," fragte Herr Nagaishi verstört und beide Männer schauten dem Detective überrascht hinterher.
Er aber trat derweil in die Morgendämmerung hinaus.
Warum? Diese Frage schwirrte ihm die ganze Zeit schon im Kopf herum. Warum Hitomi? Enttäuschung, Wut und Trauer empfand er. Toshi schlich in Gedanken über die Straße vor dem Krankenhaus und kümmerte sich nicht um die hupenden Autos um sich herum. Er mußte einen klaren Kopf bekommen und diesen suchte er im Ueno Park. Dort angekommen, fing er an so zu laufen, als sei der Teufel persönlich hinter im her.

Love blickte durch eine Glaswand in die Intensivstation. Dort lag ihre Schwester an vielen Kabeln und Schläuchen angeschlossen. Ihr Gesicht konnte sie wegen den Geräten für die Künstliche Beatmung kaum erkennen. Das EKG piepte leise vor sich hin. Eine Krankenschwester überprüfte Hitomis Tropf und hängte eine neue Blutkonserve auf.
Nami legte ihren Arm auf ihre Schulter und drückte sie an ihren Körper. Nachdem sich Love bei ihr noch einmal ausgeweint hatte, sprach sie mit den beiden Männern Heinz und Nagaishi.
"Woher konnte Herr Utsumi nur wissen, wer Hitomi ist," fragte ihr Vater, der auf einen dieser hölzernen Stühle saß.
"Ich kann es mir auch nicht erklären," sagte Herr Nagaishi und nippte an den dünnen Kaffee des Krankenhauses.
"Ich nehme an, daß Hitomi ihm, nachdem sie angeschossen wurde, gebeichtet hat, daß sie 'Katzenauge' gewesen ist. Wahrscheinlich wollte sie nicht mit einer Lüge Toshi gegenüber sterben," mutmaßte Nami und nahm einen Kaffee von ihrem Vater dankend entgegen.
"Aber sie ist doch noch nicht tot," flüsterte die völlig erschöpfte Love und es traten wieder Tränen bei ihr zum Vorschein.
Nami nahm sie abermals in die Arme.
"Du hast ja recht, aber du darfst dir nicht zu große Hoffnungen machen, Kleines. Du weißt doch, was der Arzt gesagt hatte," gab sie zu bedenken und streichelte über ihren Kopf. Sie hatte große Schwierigkeiten, gegen ihre Gefühle anzukämpfen. Und auch bei ihr sammelten sich die Tränen, die schon bald wie stürzende Wasserfälle zu Tale rannen.


Detective Utsumi rannte und rannte, bis er vor lauter Erschöpfung auf sich auf den Rasen fallen ließ. Völlig durchschwitzt rang er nach Atem. Er hatte auf Linderung seines mentalen Schmerzes vergeblich gehofft. Toshi dachte nach wie vor an seine Verlobte im Krankenhaus.
Und er mußte eine Entscheidung treffen! Sollte er nach wie vor zu Hitomi stehen und ihr Verzeihen, oder fühlte er sich zu enttäuscht von seiner Verlobten? Zwei Jahre hatte sie ihn angelogen, hatte immer bestritten, daß sie 'Katzenauge' gewesen sei. Und nun wußte er auch, warum 'Katzenauge' immer so gut über die Operationspläne so gut Informiert war. Hitomi und ihre Schwestern hatten ihn ausgehorcht. Wie gemein!
Aber einige Sachen waren auch positiv gewesen! 'Katzenauge', beziehungsweise Hitomi, hatte ihn oft auf die richtige Fährte von anderen Verbrechen geführt und sie hat ihm auch schon oft das Leben gerettet. Das wurde ihm nun bewußt.
Und gestern schon wieder! Hätte sich Hitomi nicht gegen ihn geworfen, würde er nun an ihrer Stelle im Krankenhaus, oder im Eichenkasten?, liegen.
Außerdem registrierte er noch ein Problem: Sollte er seine Verlobte bei der Polizei melden, oder nicht?
Detective Utsumi dachte noch eine Weile nach und traf eine wichtige Entscheidung.

Im Krankenhaus wechselte derweil die Nachtschicht mit der Tagschicht und Herr Nagaishi und Heinz schickten sich an, Love, die inzwischen vor Erschöpfung eingeschlafen war, nach Hause zu bringen. Nami bestand, trotz der Bedenken von ihrem Vater, darauf, bei Hitomi zu bleiben. Da auch sie die Anstrengungen zu überwältigen drohte, ging sie um die Ecke, um sich bei dem dort stehenden Kaffeeautomaten einen zu holen. Just in dem Augenblick kam Toshi den Gang auf der anderen Seite entlang, so daß sie sich nicht gegenseitig sehen konnten.
Zufällig befand sich auch keine Krankenschwester in der Intensivstation, die aber auch von Kammeras überwacht wurde.
Einige Sekunden stand er vor der Großen Fensterscheibe, welche die Station von dem Gang trennte.
Detective Utsumi schluckte und betrat das Zimmer.

In dem Raum Summte und piepte es unheimlich und es roch nach Desinfektionsmitteln. Bei Hitomis Anblick, traten Tränen in seine Augen. Doch Toshi riß sich zusammen und kam näher. Er nahm sich den Stuhl, der dort in einer Ecke stand und setzte sich an die rechte Seite von seiner Verlobten. Das Beatmungsgerät hob und senkte sich in kurzen Abständen. Toshi mußte sich noch einmal sammeln.

Schwarz. Hitomi war in unendlich erscheinender Dunkelheit eingehüllt. Ihre Beine, Arme, ihr gesamter Körper fühlte sich taub und kalt an; - und leer!
Im Hintergrund nahm sie ein eigenartiges Summen wahr, was sie aber nicht weiter interessierte. Die zeit kam ihr wie die Ewigkeit vor, bis sie eine ihr bekannte Stimme hörte, die ihren Namen sanft rief.
Mama? War das nicht Mama?
Sie drehte sich in dem dunklen Nichts herum und sah in der Ferne ein schwach schimmerndes Licht.
Wieder rief die Stimme ihren Namen. Es schien, als ob sie den Ursprung in dem Licht hatte. Leicht irritiert setzte sich Hitomi in Bewegung und schritt auf das Licht zu.

Er flüsterte ihren Namen und drückte vorsichtig ihre Hand.
"Es tut mir leid, daß ich eine Weile weg war. Ich mußte mir um einige Dinge klar werden. Über uns, Hitomi! Ich mache dir keinen Vorwurf, daß du so gehandelt hast," sagte er und sank dabei den Kopf. "Du mußtest dich Entscheiden zwischen der Familie und mir. Dabei hast du die ganze Zeit über versucht uns beide, deinen Vater und mich unter einen Hut zu bekommen. Das ist dir ja auch gelungen, wenn nicht...," Toshi schluckte und blickte ihr ins Gesicht. "Warum mußtest du dich in die Schußbahn werfen? Verdammt, ich liebe dich, Hitomi. Du darfst nicht sterben, hörst du? Bitte tu mir das nicht an. Ich habe schon meine Eltern verloren. Dich will ich nicht auch noch verlieren! Kämpfe,'Katzenauge'. Das kannst du doch. Du warst immer besser als Verbrechersyndikate, Ganoven, besser als die Polizei, ja sogar besser als," Toshi senkte seine Stimme. "Besser als ich. Bitte Hitomi! Werde wieder gesund. Deine Schwestern brauchen dich. Ich brauche dich. Wir wollten doch heiraten und eine Familie mit vielen Kindern gründen! Hitomi!," rief er und drückte ihre Hand noch fester.

Mama? Bist du es?
Ein bißchen ängstlich nährte sie sich dem Licht. Als sie die Kontur eines Körpers im inneren des Lichtes sah, erhöhte sie in gespannter Erwartungshaltung das Tempo.
Die Umrisse wurden deutlicher. Sie sah eine Frau und erkannte sie sofort.
Mama, oh Mama! Sie wollte sie unbedingt umarmen, doch die Arme eines seltsamen Nebels, der plötzlich aufgetaucht war, hinderte sie zunehmend am weitergehen. Hitomi wehrte sich nach allen Kräften, die ihr zur Verfügung standen und setzte mühsam einen Schritt nach dem anderen. Die Frauengestalt breitete die Arme, bereit sie zu empfange, aus und rief ihr Mut zu. Hitomi fühlte heißen Schweiß in ihre Augen rinnen. Doch die Schmerzen ignorierte sie. In ihr brannte die unbändige Sehnsucht nach Frieden, den sie in den Armen ihrer Mutter zu finden suchte. Und so kämpfte sie sich weiter voran, bis die Nebelfesseln endlich von ihr abließen. Nun hinderte sie nichts mehr zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie spürte in sich schon den Frieden, die so sehr vermißte mütterliche Liebe. Auch das merkwürdige Summen hatte aufgehört. Ein unglaubliches Glücksgefühl breitete sich in ihr aus, als das Licht sie allmählich ganz umschlang und sie in den Armen ihrer Mutter gelang.

Toshi fühlte, wie seine Verlobte leicht zu zittern anfing. Verwirrt schaute er zum Herzfrequenzmesser, der einen recht hohen Pulsschlag anzeigte. Hitomi versuchte den Kopf zu bewegen. Toshi beugte seinen Kopf zu ihr herunter. Er nahm ein leises Flüstern wahr.
"Ja, Hitomi. Kämpfe. Erwache aus deinem Koma," sprach er ihr Mut zu.
Ihre Lippen bewegten sich wieder.
"Taiyoo wa shinanai," hauchte sie- und spuckte Blut. Auf einmal fing ihr ganzer Körper an wie wild um sich zu schlagen. Toshi wußte gar nicht, wie ihm geschah, als er ihren Tropf an den Kopf geschlagen bekam.
Verzweifelt schrie er nach der Stationsschwester, die gleich darauf mit einigen Pflegern und dem leitenden Arzt angerannt kam.
Zwei Pfleger bugsierten Toshi, der sich heftigst dagegen wehrte, aus dem Zimmer, während die Schwester den Defilibrator anschloß. Der Arzt setzte ihr eine Spritze mit einem Kreislauf stabilisierenden Mittel.
Danach preßte er die zwei Enden des Defilibrators auf die Brust der Patientin. Der Stromschlag durchzuckte ihren Körper, doch es geschah - nichts. Hitomis Körper lag nun regungslos im Bett. Eine Schwester stellte das EKG, welches nur noch eine konstante Linie anzeigte, ab und dem Arzt blieb nichts anderes übrig, als die Bettdecke über Hitomis Gesicht zu streifen.
"Nein," rief Toshi entsetzt außer sich vor Wut und brach vor lauter seelischem Schmerz gepeinigt zusammen.

Als Toshi wieder zu Besinnung kam, schreckte er hoch. Seine Kopfschmerzen versuchten in daran zu hindern sich zu orientieren. Seine Kleidung war schweißdurchtränkt und er fror. Wo war er? Und wo war Hitomi? Detective Utsumi saß neben einem Bett in einem dunklen Raum. Je doch zwischen einigen Spalten des Fenstervorhanges durchschnitten schon einige Sonnenstrahlen die dichte, schlechte Luft in dem Zimmer.
Als er sich an Hitomis Tod erinnerte, zuckte er bei dem Telefonklingeln zusammen. Es widerstrebte ihm den Hörer abzunehmen, doch er tat es; und bereute es sofort. Denn eine aufgeregte Mädchenstimme ertönte aus diesem.
"Toshi! Na endlich. Wo warst du? Wir haben schon die ganze Zeit versucht dich zu erreichen. Bist du wenigstens fertig," fragte Love.
Detective Utsumi war verwirrt. Wofür denn fertig? Warum lassen die mich mit meinen Schmerz nicht in Ruhe? Toshis Schädel pochte immer stärker, als ob er gleich zerplatzen würde.
"Hallo? Toshi? Bist du noch dran," fragte sie hektisch.
"Ja doch. Bitte nicht so laut! Warum laßt ihr mich nicht ein wenig Zeit um nachzudenken," fragte Toshi und senkte dabei die Stimme, als er Hitomi in ihrem Krankenhausbett vor seinem geistigen Auge sah.
"Nachdenken? Worüber willst du denn jetzt noch nachdenken? Jetzt kannst du keinen Rückzieher mehr machen, Toshi. Dazu hattest du schon viel zu viel Zeit. Du hast meiner Schwester ein Versprechen gemacht. Hast du das etwa vergessen?" Love war außer sich vor Wut. "Willst du Hitomi unglücklich machen? Was meinst du wie sie sich auf den heutigen Tag mit dir gefreut hat. Ich weiß zwar immer noch nicht, was sie an dir findet,..."
"Du meinst wohl fand," verbesserte er sie sogleich und hob nun seinerseits die Lautstärke seiner Stimme.
"Bist du betrunken? Na egal. Ich werde auf keinen Fall zulassen, daß du meiner Schwester weh tust. Sie liebt dich, du sturer Esel. Was gibt es da noch zu überlegen? Ich werde dich in zehn Minuten zu deiner Hochzeit mit Hitomi abholen. Wehe dir, wenn du noch nicht fertig bist," wettete Love und legte kurzer Hand auf.
"Love, aber... Sind die jetzt alle durchgedreht? Hitomi ist... tot. Wie kann ich sie dann heiraten? Oh Hitomi. Wie gern hätte ich dich geheiratet. Warum bist du bloß von mir gegangen?," bedauerte Toshi und wollte sich wieder hinlegen, als er seinen Anzug, von der Reinigung in Folie gewickelt, an seinem Kleiderschrank sah. Nun wurde er doch ein wenig mißtrauisch und er rief im Revier an. Dort meldete sich eine ihm unbekannte Stimme, die ihm sagte, daß der Dezernatschef und einige Beamte des Raubdezernats wegen der Heirat eines Kollegen heute frei hätten.
Wie kann das sein? Ich habe sie doch sterben sehen!
Nachdenklich griff er in seine Hosentasche und fühlte etwas. Er holte den weichen Gegenstand hervor und war erstaunt. Toshi hielt einen seidenen BH in Händen.
In diesem Moment kam Love durch die nicht abgeschlossene Tür.
Glücklicherweise konnte Detective Utsumi noch rechtzeitig den BH wieder wegstecken.
"Uah! Wie stinkt es denn hier? Muß wohl eine tolle Junggesellenparty gestern gewesen sein," stellte Love fest und riß das Fenster auf.
In diesem Moment klickte es bei Toshi.
Das muß ein Traum gewesen sein! Hitomi ist nicht tot!
Erleichtert jubelte er, packte Love an die Schultern und war glücklich.
Love verstand die Welt nicht mehr, aber Toshi wußte nun, was zu tun war. Er verschwand nach einem kurzen Blick auf die Uhr im Bad und duschte schnell.

Es war ein klarer Mittwochmorgen mit strahlendem Sonnenschein, als Detective Utsumi aus seinem Auto ausstieg und auf die Kirche zuschritt. Er hatte nun seinen Festanzug mit neuer Krawatte an und auch sonst wirkte er sehr gepflegt.
Nur wohl fühlte er sich nicht. Heute war sein großer Tag. Nun war der Zeitpunkt gekommen, eine Familie zu gründen. Er wußte nicht warum im so flau im Magen war. Am Eingang erwarteten ihn schon seine Kollegen aus dem Dezernat. Sogar Fräulein Assaya war anwesend. Nach ein paar Schulterklopfern und einigen Augenzwinkern kam der Dezernatschef völlig aufgeregt auf ihn zu.
"Wo waren sie denn? Ich habe mir schon Sorgen gemacht, Utsumi," flüsterte er und nahm in an seine Seite und sie gingen gemeinsam das Protokoll noch einmal durch. Der Dezernatschef hatte sich freundlicherweise dafür bereit erklärt sein Trauzeuge zu sein. Die Braut war selbstverständlich noch nicht anwesend.
Toshi stand nun rechts neben dem Altar der Shizusan Kapelle. Die Knie schienen ihm zu schmelzen. Er guckte aufgeregt durch die Gegend um seinen Blutdruck zu senken. In der ersten Reihe saßen Love und ein stattlicher, alter Herr. Erst jetzt bemerkte Toshi, daß Love ein blaues Kleid trug und mußte schmunzeln. Er hatte sie noch nie in einem Kleid gesehen. Mit einem gewissen Abstand saßen Unterinspekteurin Assaya und einige Kollegen. Die Kapelle war voll und es herrschte reges Gemurmel, bis der Pfarrer sich erhob und an den Alter ging.
Die Glocken schlugen zur Zehnten Stunde und die Türen des Einganges öffneten sich abermals. In einer Aura des Lichtes gehüllt schritt die Braut im Takt des Hochzeitmarsches dem Bräutigam entgegen.
Toshi hielt den Atem an und auch die Hochzeitsgäste verstummten nun vollends. Fast in Ohnmacht fallend vor dieser Schönheit seiner Braut schluckte Toshi. Doch etwas wunderte ihn. Hitomi wurde ihm von Nami zugeführt. Wo war ihr Vater, Heinz?
Doch er vergaß diese Frage sofort, als die Zeremonie begann.
Detective Utsumi viel es sehr schwer sich zu konzentrieren. Er schielte immer nach links und beobachtete Hitomi in ihrem weißen Hochzeitskleid. In einigen Haarsträhnen waren weiße Perlen aufgereiht. Sie hielt in ihrer zierlichen Hand einen wunderschön gebundenen Brautstrauß mit vielen hellen Farben. Und auch sie musterte ihn. In seinem Anzug wirkte Toshi noch fescher, als sonst. Nun viel ihr wieder ein, wieso sie sich in ihn verliebt hatte. Als sich ihre Blicke trafen, lächelten sie sich gegenseitig an, als ob es nur noch sie beide in diesem Universum währen.
Nach dem Treueversprechen kam das Ringetauschen an die Reihe.
Auf einem silbernen Tablett lagen sie. Die Symbole der ewigen Liebe, der Treue und des Glücks zu zweit.
Toshis Hände zitterten leicht, als er ihr den Ring über den linken Ringfinger überzog.
"Nun sind sie Mann und Frau! Sie dürfen die Braut küßten," sagte der Geistliche und lächelte verständnisvoll.
Detective Utsumi hob den seidenen Schleier der ihn nur noch zwischen ihm und den Lippen seiner frisch vermählten Frau trennte.
Als ihre Lippen sich für einen zarten, zärtlichen Kuß trafen, jubelte und applaudierte die Menge. Allen voran Love.
Der Pfarrer verabschiedete sich von dem glücklichen Brautpaar und wünschte ihnen alles Gute.
Als sie in das Tageslicht traten, wurden sie enthusiastisch mit Reis beworfen. Nun kam der Augenblick, wo Hitomi ihren Brautstrauß warf. Und er landete ausgerechnet in den Händen von Assaya, die ganz hinten stehend sich eigentlich wegstehlen wollte.

Die Hochzeitsfeier ging bis ungefähr um drei Uhr. Es floß viel Sake, doch Toshi blieb bewußt nüchtern. Es gab viele 'nützliche' Hochzeitsgeschenke. Zweimal das gleiche Essensgeschirr, zwei Topfsets, einige Mixer, diverse Vasen und Geld. Die Polizeikollegen hatten alle zusammen gelegt und dem Brautpaar einen großzügigen Scheck überreicht. "Als Entschuldigung dafür, daß Detective Utsumi so oft Rondevuz mit Hitomi wegen 'Katzenauge' absagen mußte," sagte der Chef.
Auch bei der Hochzeitsfeier entdeckte Toshi Heinz nicht.

Sehr müde, aber überglücklich kam das Brutpaar in der Hochzeitssweet des besten Hotels in Kamakura an. Traditionell hob Toshi Hitomi über die Schwelle. Sie war leicht wie eine Feder und sie duftete gut.
"Wer geht als erster ins Badezimmer," fragte eine überglückliche Hitomi. Toshi überließ es selbstverständlich als erstes ihr. Während sie mit einer Tasche unter dem Arm im Bad verschwand, zog sich Toshi sein Jackett aus und legt sich ins Bett. Auch er war überglücklich und dachte ein wenig über die letzten Tage nach.
Plötzlich viel es ihm wieder ein.
"Wo war eigentlich dein Vater Heinz, Hitomi? Ich habe ihn nicht gesehen," fragte er sie.
Im Badezimmer hörte man einen Gegenstand herunterfallen.
"Was..., was für einen Vater? Wie kommst du darauf, Toshi? Mein Vater ist doch tot und er hieß nicht Heinz, sondern auch Kisugi," antwortete Hitomi stotternd.
Toshi war sofort hellwach und verstand die Welt nicht mehr.
Er war sich nun über den Ablauf der letzten Tage nicht mehr sicher. Aber er hatte doch mit Heinz selbst gesprochen. Das kann ich doch nicht alles geträumt haben. Er beschloß die Probe aus Exempel zu machen.
"Wie fühlst du dich denn so als verheiratete Frau, 'Katzenauge'?"
Hitomi mußte erschrocken schlucken.
Einen Augenblick schwiegen sie.
"Na sag schon, 'Katzenauge'," forderte Toshi.
Die Badezimmertür öffnete sich.
"Bist du betrunken, Toshi? Warum nennst du mich 'Katzenauge'? Ich bin Hitomi Kisugi. Ich bin doch keine Diebin," erklärte sie mit etwas schwankender Stimme.
Verwirrt entschuldigte sich Toshi bei seiner Frau und schritt schnurstracks seinerseits ins Badezimmer.
Er zog sein Hemd aus und wusch sich sein Gesicht mit kaltem Wasser um einen klaren Kopf zu bekommen.
Hatte er sich das alles nur eingebildet? Aber es war doch alles so real? Hitomis Verletzung, das Geständnis, ihr Vater, ihr...Tot. Es muß alles irreal gewesen sein, den sie war ja auch nicht tot. Verwundert trat er in seinem Pyjama ins Zimmer- und schnappte nach Luft.
Auf dem Bett lag Hitomi mit seidenem Negligé auf der Seite und Lächelte ihn zärtlich an. Sein Blutdruck stieg wieder und ließ ihn alle offenen Fragen vergessen. Unsicher schritt er auf das Bett zu und legte sich neben Hitomi. Schüchtern berührte er sie an den Schultern und küßte sie leidenschaftlich. Oh sie roch ja so süß. Er fuhr ihr dabei zärtlich über den Rücken. Vor diesem Moment hatte er Angst etwas Falsches zu tun, doch die verflog mit jeder weiteren zärtlichen Berührung.
Graue Theorie verwandelte sich nun für beide in eine Realität, wie sie realer nicht sein konnte. Eng umschlungen spielten sie das Spiel, was schon Milliarden sich liebenden Paaren vor ihnen spielten. Sie küßten und streichelten sich gegenseitig und erforschten mit den Lippen jeden Zentimeter des Partners. Bei gedimmten Licht kamen sich Toshi und Hitomi Utsumi in dieser Nacht so nah, wie noch nie zuvor und sie genossen es in vollen Zügen.

Nach einigen Monaten zogen Hitomi und Toshi in ein kleines Haus im Süden von Tokyo. Und schon bald stellte sich Kindersegen ein. Hitomi gebar Toshi einen Sohn. Von dem Augenblick hörte man nie wieder etwas von 'Katzenauge'. Es hieß, daß es wohl saturiert, also satt war an Kunstgegenständen. Toshi bedauerte es ein wenig, denn nun hatte er nie wieder die Chance 'Katzenauge' zu fassen, aber dafür hatte er eine glückliche Familie und großen Erfolg in der Verbrechensbekämpfung.

Ende Gut, Alles Gut!?

Kai Butzbach

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