Wieder ein Disclaimer, in den ich allen möglichen Scheiß reinschreiben kann, weil die Leute ihn sowieso nicht ernst nehmen, wunderbar, hähä *fieses Lachen*
Also, was soll ich sagen? Dass ich der wahre Erfinder von Cat's Eye bin und euch nur übers Ohr gehauen habe? Lebensgefahr, da hacken mir sicher alle den Kopf ab *schauder*
Nein, Ernst beseite, ich benutze natürlich schamlos und ohne einen Gedanken ans Nachfragen zu verschwenden Tsukasa Hojos Charaktere, bis auf die, die meinen eigenen Hirnwindungen entsprungen sind. Ich treibe meine seltsamen Spielchen mit ihnen, die Historie hat dabei sicher einen kleinen Schock erlitten, erholt sich inzwischen aber recht gut ;-)
Ansonsten, das ist der erste Teil, der zweite kommt, wenn ich ihn fertig geschrieben habe... Kritik, Protestbriefe oder Begeisterungsstürme bitte an merbama.globisch@nwn.de.
Aktionen und Folgen
by Merle Globisch
1. Kapitel
"Haupteingang ist klar...Dach ist klar." Von leichtem Rauschen begleitet tönten die Stimmen aus Detective Uzumi's Funkgerät. Zufrieden lehnte er sich gegen die Wand zurück und betrachtete zum tausendsten Mal seine Armbanduhr, deren Zeiger und Zifferblatt im Halbdunkel phosphoreszierten. Noch zehn Minuten, sagte ihm der grünliche Schein. Zehn Minuten bis die Katzen ein weiteres Mal einen Diebstahl zu begehen versuchen würden.
Eine Handkante landete mit Wucht in seinem Nacken, eine Sekunde später lag er bewusstlos auf dem Boden. "Musst du so hart zuschlagen?!", zischte Hitomi, als sie hinter Love aus der dunklen Nische heraustrat.
"Du hättest ihm einen Gute-Nacht-Kuss gegeben, da bin ich mir sicher.", kam die sarkastische Antwort ihrer Schwester, während sie das Gitter des Lüftungsschachtes löste.
Der elektrische Schraubenzieher surrte leise, die neuen Schrauben ließen sich einfach herausdrehen. Ohne einen weiteren Kommentar folgte Hitomi ihrer jüngeren Schwester in den Schacht hinein. Sie mussten jetzt extrem vorsichtig sein, damit sie so wenig Geräusch wie möglich machten. Es war ein relativ alter Bau, dessen über 20 Stockwerke aber erst kürzlich modernisiert worden waren. Jedoch schien sich niemand über die Breite von Lüftungsschächten besondere Gedanken gemacht zu haben.
Sie hatten das viel zu oft getan, als das Hitomi in Panik geraten würde. Dennoch musste sie ihren schneller als gewöhnlich schlagenden Puls beruhigen und das klaustrophobische Gefühl beseite schieben um sich voll und ganz auf die Mission zu konzentrieren.
"Ihr habt noch sieben Minuten bis die Wachen wechseln.", hörte sie Nami's Stimme über ihren Kopfhörer.
Eine Schraube, noch eine. Love entfernte ein weiteres Gitter und sah sich nach ihrer Schwester um, die hinter ihr im Schacht kauerte. Die vier Männer hatten keine Ahnung, was mit ihnen geschah. Zwei Kapseln landeten auf dem Boden und verströmten Wolken nebligen Gases. Keiner kam dazu, um Hilfe zu rufen, bevor sie alle bewusstlos umsanken.
Zwei Gestalten warteten im Schacht darauf, dass die Motoren in den Kapseln das Gas wieder aufsogen. Lautlos zogen sie sich dann aus der Öffnung und sahen sich rasch nach weiteren Fallen um, obwohl sie eigentlich keine erwarteten.
Love steckte die Kapseln zurück in ihre Tasche. Sie hatte die Sache mit den kleinen Elektromotoren erfunden und war stolz, dass deren Premiere so gut funktioniert hatte. Zielstrebig, aber dennoch vorsichtig ging sie dann auf die Mitte des Raums zu, wo ein Podest von kleinen Scheinwerfern angestrahlt wurde. Der Grund für ihren Einbruch lag in einer Glasvitrine auf einem roten Kissen und glitzerte in allen Regenbogenfarben.
Für einen Augenblick blieb sie stehen und betrachtete das Meisterwerk staunend. Eine Halskette aus lauter kleinen, funkelnden Diamanten, von denen jeder anders im Scheinwerferlicht leuchtete. Ihr Vater war schon ein wahrer Meister, nicht nur als Maler und Bildhauer, sondern auch als Juwelier. Herr Nagaishi hatte gesagt, er hätte es als Geschenk an ihre Mutter gemacht.
"Love, beeil' dich!", riss sie aus ihren Gedanken. Love wandte den Blick dem Alarmsystem an der Vitrine zu. Eigentlich war es kein richtiges Alarmsystem, nur ein paar Drähte, die mit einer Konsole verbunden waren. Sie lachte fast, die erwarteten doch wohl nicht, dass sich Katzenauge davon aufhalten lassen würde.
Ein paar Sekunden später hielt sie die Halskette in der Hand. "Das ist vermutlich die einfachste Aktion, die wir je gemacht haben.", grinste sie und gab ihrer Schwester die Kette.
Hitomi zog die Augenbrauen zusammen und sah rasch von einer Ecke des Raumes in die andere. Instinkt sagte ihr, dass hier etwas nicht stimmte, aber sie sah nichts Verdächtiges. Drei Minuten, bis die Wachen wechseln würden. Zu einfach.
"Was ist?" Es war das einzige, was Love noch sagen konnte, bevor die Tür aufgestoßen wurde.
"Halt, Katzenauge! Sie sind verhaftet!" Beide kannten diese Stimme. Love hätte vor Schreck beinah seinen Namen gerufen. Toshi!
Detective Uzumi stand in der Tür und lächelte siegesgewiss. Mit seiner Waffe angelegt kam er langsam auf sie zu, die Schwestern wichen vor ihm zurück. Während die beiden sich fragten, was zum Teufel da schief gelaufen war, tat er einen Schritt nach dem anderen in den Raum hinein. Seine Augen blitzten im Zwielicht. "Sie können nicht aus dem 15. Stock entkommen."
Hitomi und Love sahen sich an und dachten dasselbe. Hinter ihnen waren mehrere große Fenster, die hinaus in die nächtliche Finsternis führten. Der einzige Weg, denn der Lüftungsschacht schied aus. Beide nickten im stummen Einverständnis.
Eine Karte schmetterte dem Detective die Waffe aus der Hand, ein harter Tritt sandte ihn bewusstlos zu Boden. "Entschuldige, Toshi.", flüsterte Hitomi noch, bevor sie die anderen Polizisten hörten, die schreiend auf die Tür zu diesem Raum zugerannt kamen.
Love öffnete eines der Fenster. Tief, sehr tief unter ihr rauschte der spärliche Nachtverkehr. Vor ihr gähnte ein dunkler Abgrund, die Wand des benachbarten Hauses konnte sie nur undeutlich erkennen. Es war zu gefährlich, deswegen hatten sie den Weg durch das Fenster erst gar nicht genommen.
Sie standen beide auf der schmalen Brüstung. Der Wind zerrte an ihnen und schien sie unerbittlich in die Tiefe ziehen zu wollen. Sie pressten sich an die kalte Betonwand, direkt vor ihren Fußspitzen öffnete sich die scheinbar bodenlose Häuserschlucht. Zentimeter um Zentimeter tasteten sie sich vorwärts.
Hitomi wusste nicht so recht, wie sie eigentlich in diese Situation gekommen waren. Alles war so schnell gegangen, und jetzt gab es kein zurück mehr. Ihr Puls raste und der schneidende Wind tat nichts um den kalten Schweiß auf ihrer Stirn zu trocknen. Nami hatte den Kopf geschüttelt, als der Vorschlag mit dem Fenster gemacht worden war. Zu gefährlich. Jeder Zentimeter an diesem Abgrund kam ihr vor wie ein Kilometer, fieberhaft suchte ihr Gehirn nach einem Ausweg, der sie nicht beide umbringen würde.
Hinter ihnen, es schien inzwischen meilenweit entfernt zu sein, rannten Polizisten zum Fenster und schrien ihnen zu, sie sollten zurückkommen. 'Keine Chance.'
"Was jetzt?", hörte sie Love über den Wind rufen. Sie beide sahen dabei starr geradeaus, in dieses diffuse Dunkel direkt vor ihnen hinein. Bloß nicht nach unten sehen.
Hitomi nahm die Seilschußpistole aus ihrem Gürtel. Wenn das schief ging, würde man ihre Überreste von der Straße kratzen müssen.
"Bist du verrückt?!", schrie ihre jüngere Schwester.
'Weiß ich selber nicht so genau.' Das Gebäude gegenüber war mindestens 20 Meter entfernt, dazwischen ging es fast 40 Meter nach unten.
"Hast du eine bessere Idee?", antwortete sie und hoffte, dass ihre geniale Schwester eine bessere Idee hatte. Zu spät fürs Nachdenken, sie legte die Pistole an. Nichts anderes ließ sie zu sich durchdringen, nur sie, ihr Arm und das Ziel. Sekundenlang hörte sie nur ihren eigenen Herzschlag und das Rauschen des Blutes in ihren Ohren.
Der Haken schlang sich um eine Eisenstange am anderen Gebäude und verhakte sich dort sicher. "Hitomi, was ist da los?" Nami's Stimme klang durch Interferenzen hindurch verzerrt, trotzdem hörte sie die Besorgnis und Aufregung in ihr.
"Wir haben den Plan geändert." 'Das ist vielleicht das letzte Mal, dass du mit ihr sprichst, und dir fällt nichts Intelligenteres ein?', fragte ein kleiner, absurder Teil ihres Gehirns.
Das Seil schwang im Wind hin und her und machte ganz und gar nicht den Eindruck, als würden sie damit lebend drüben ankommen. "Halt dich an mir fest!" Die beiden Schwestern hielten sich eng aneinander und dem Seil. Der Wind übertönte sie, trotzdem spürten sie, wie sie schrien, als sie sich in die Finsternis stürzten.
Glas stoppte ihren Flug abrupt. Hitomi hatte das Fenster aus der Dunkelheit kommen sehen, aber sie hatte nichts tun können. Langsam kam ihr jetzt zu Bewusstsein, was passiert war. Sie und Love lagen in einem Meer aus Glasscherben. Jeder Teil ihres Körpers fühlte sich an, als hätte man ihn durch einen Fleischwolf gedreht. Nach dem Crash durch das Fenster waren sie auf dem harten Boden gelandet. Sie spürte Blut an ihrer Stirn herablaufen, aber sie kümmerte sich nicht darum.
"Was...was ist passiert!?", hörte sie ihre Schwester neben sich stöhnen.
"Alles in Ordnung mit dir?", fragte Hitomi mit etwas unsicherer Stimme und richtete sich langsam auf. Glas knirschte unter ihren Schuhen. Sie bemerkte, dass sie noch an einigen anderen Stellen Schrammen und Schnittwunden davongetragen hatte, und Love sah auch nicht viel besser aus.
"Ich glaube schon. Wo sind wir?"
Das war eine gute Frage. "He! Wer seid ihr, was macht ihr hier?"
Beide blickten sich erschrocken um. Ein Mann saß aufrecht in seinem Bett und starrte sie voller Schreck an. Erst jetzt fiel Hitomi auf, dass sie in einem Schlafzimmer einer Wohnung waren.
"Tut uns leid wegen des Fensters." Mit diesen Worten von Hitomi gingen sie an dem Mann vorbei zur Tür. "Gute Nacht.", fügte Love noch hinzu, dann waren sie schon aus dem Raum. Einige Augenblicke später standen sie im Treppenhaus und blinzelten ins grelle Licht der nächtlichen Beleuchtung.
Einen Moment standen sie etwas desorientiert auf dem Treppenabsatz. Hitomi überlegte, wohin sie gehen sollten. "Nach unten geht nicht. Sie werden uns erwarten."
"Also nach oben.", stellte Love fest, als ihre Schwester schon die ersten Schritte in Richtung Dach tat. Drei Stockwerke konnten ganz schön lang sein, wenn einem alle Knochen weh taten. Zumindest hatten sie die Halskette noch. Wenigstens etwas gutes an dieser seltsamen Aktion, dachte Hitomi teilweise amüsiert, als sie das Schmuckstück in ihrer Tasche fühlte.
Tief unter ihnen schlängelte sich der Verkehr durch die Nacht, der Wind fuhr wieder mit unangenehmer Schärfe unter die Haut. Von hier oben auf dem Dach konnten sie die Polizisten sehen, die eiligst zu dem Eingang dieses Gebäudes liefen. Fröstelnd blieben sie einen Moment stehen und orientierten sich, bevor Hitomi im Laufen ihre ältere Schwester informierte.
"Nami? Alles OK. Wir kommen."
Im Vergleich zu gerade eben war es ein Kinderspiel über die eng aneinanderliegenden Dächer zu springen. Der Mond schien, unter ihnen strömte der Verkehr. Alles war normal. In einem anderen Wohnhaus fuhren sie schließlich mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss und verschwanden ungesehen in der Dunkelheit des nächtlichen Parks, in dem Nami sie erwartete.
Die Älteste sprang vom Ast eines Baumes, wo sie bis gerade eben gewartet hatte. Ihre Motorräder waren im Schatten einiger großer Büsche daneben geparkt. Erschrocken blieb sie stehen, als sie die beiden sah. Hitomi's Stirn und Schläfen waren blutüberströmt, auch sonst hatten die beiden einige böse Schrammen abgekriegt.
"Es sieht schlimmer aus, als es ist.", kam Hitomi ihrer Frage zuvor, während sie an ihr vorbeiging und auf ihre Maschine zutrat.
"Wegen deiner genialen Idee, uns durch ein Fenster krachen zu lassen.", funkelte Love sie an.
Hitomi fuhr herum. "Wenn du Toshi richtig niedergeschlagen hättest, wären wir erst gar nicht in diesen Schlammassel geraten!"
"Und du hast mir gesagt...!"
"Hört auf, ihr zwei!", unterbrach Nami sie. "Wir bekommen Gesellschaft." Ihre deutende Geste nach hinten war überflüssig, sie alle sahen und hörten die Polizeisirenen von Fahrzeugen, die dabei waren, die Gegend hermetisch abzuriegeln.
Sie reagierten gleichzeitig und sprangen auf ihre Maschinen. Keiner schien sie zu bemerken, als sie aus dem Park herauskamen und in eine Seitenstraße einbogen. Sie hatten Zeit verloren, die Polizei hatte sich reorganisiert. Hitomi sah sie am Ende die Straße absperren. Eine Falle. Plötzlich riss sie die Maschine herum, fast zu schnell für ihre Schwestern ihr zu folgen.
Die Häuserwände türmten sich um sie herum wie dunkle Gefängnismauern, sie schienen die Polizeisirenen förmlich zu verschlucken. Es war eine enge Gasse. Abfall und alte Zeitungen wirbelten um sie herum auf, als sie diese endlose Schlucht entlangrasten. Ein paar Mal hätten sie beinah herumstehende Mülltonnen gerammt. So ging es lange Zeit weiter. Hitomi hatte keine Ahnung, ob sie verfolgt wurden, es war ihr im Moment auch egal.
"Weißt du eigentlich, wohin du fährst?", rief Nami ihr zu.
"Nein." Hitomi fuhr langsamer und stoppte schließlich. Ein Haufen Müll hinter ihnen kam wieder zur Ruhe, sonst war alles still. Nur die rings aufragenden Häuserwände blickten stumm auf sie herab. Vereinzelte Straßenlampen, die den Namen eigentlich kaum noch verdienten, veranstalteten ein seltsam kaltes Schattenspiel. "Aber wir haben sie abgeschüttelt."
Hundert Meter weiter vorne mündete die Gasse in eine etwas breitere Straße. Langsam und vorsichtig fuhren sie darauf zu. An den Ecken war der Putz abgeblättert und ließ die nackten Backsteinwände der alten Gebäude hervortreten. Viele der Fenster waren dunkel oder mit Brettern vernagelt. Sie konnten nicht länger als ein paar Minuten gefahren sein, und die Gegend hatte sich so rapide verändert, dass es fast unheimlich war.
Nichts. Die Straße vor ihnen was beinah menschenleer, kein Auto. Auf der anderen Straßenseite säumten alte und teilweise längst aufgegebene Geschäfte den Gehweg. Dies schien keine Gegend zu sein, in der man sich nach Einbruch der Dunkelheit alleine und ohne Waffe auf die Straße trauen durfte. Ein rostiger VW war einfach in einer Einfahrt stehengelassen worden. Bis auf die Karosserie fehlte so ziemlich alles an ihm.
Sie mussten nahe am Hafen sein, denn man konnte Möwen kreischen und das leise Rangieren eines kleinen Krans hören. Die Luft roch immer salziger und nach Fisch. Lagerhallen, benutzte, aber viele davon auch schon leerstehend, wechselten zunehmend die Wohnhäuser ab.
Sirenen, Blaulicht, quietschende Reifen. "Was zum Teufel...!"
Love war die einzige, die den Schreck in Worte fasste. Aber hätte sie es nicht gesagt, Hitomi oder Nami hätten es bestimmt getan. Fast simultan brachen sie die Maschinen nach links weg, so heftig, dass Nami als letzte beinah mit der vor ihr fahrenden Love zusammengestoßen wäre. Wie auch immer die Polizisten hier her gekommen waren, sie folgten ihnen. Und sie holten auf. In der engen Straße kamen die Streifenwagen zwar nicht schnell vorwärts, aber ein Halbes Dutzend Polizeimotorräder hatte sich hinter sie geheftet wie ein Rudel Bluthunde.
Die Sirenen hallten auf unheimliche Weise an den Wänden der Hallen wieder. Streifen von Blaulicht spiegelten sich in dem zerbrochenen Glas vieler Fensterscheiben. Eine Halle, die nächste. Wie viele an ihnen vorbeiflogen, zählte Hitomi nicht. Das Blut an ihrer Schläfe war getrocknet, der mörderische Ritt durch die nächtliche Stadt zog wie ein Traum an ihr vorbei. Vor ihren Augen floß alles zu einer farbigen Masse aus grellem Licht zusammen. Sie schüttelte den Kopf und schrammte für endlose Sekunden hart an einer Ziegelwand entlang. Love griff ihren Arm und zog sie von der Wand weg. Es war das einzige, was sie davor bewahrte, gegen die große Mülltonne zu krachen.
"Ich werde sie ablenken!" Hitomi begriff zu spät, was Nami vorhatte. Mit den letzten Worten bog ihre ältere Schwester plötzlich in eine etwas breitere Nebenstraße ein. Hitomi und Love hatten keine Chance ihr zu folgen.
Die Motorradpolizisten hingen immer noch hinter ihnen, ihr Sirenengeheul dröhnte ohrenbetäubend in der engen Gasse zwischen den Lagerhäusern. Hitomi sah die Bretterwand näher kommen. Love musste sie auch sehen. Aber es gab keinen Ausweg, zurück ging auf keinen Fall, vorne würde gleich auch nicht mehr gehen. Links und rechts schoben sich die mehrgeschossigen Lagerhäuser in den Himmel.
Die Rampe des Lagerhauses war die letzte Möglichkeit. Das Tor vor ihr war offen, sie musste hart abbremsen um die Kurve noch zu kriegen. Ihre Schwester hatte dasselbe Problem, schaffte es aber auch durch das Tor in die Halle hinein. Zwischen zwei Pfeilern durch, das Quietschen der Reifen hallte schrill an den hohen Wänden wieder. Die Halle war fast leer, nur Unmengen von Müll lagen auf dem Boden herum. Aus den Augenwinkeln sah sie die ersten zwei Polizisten auf ihren Maschinen durch das Tor kommen. Die waren einfach nicht loszuwerden.
Vor ihr tauchte ein Ausgang auf, keine Zeit mehr, sich um das Gitter zu kümmern, das davor war. Wie durch ein Wunder war es lose und flog zur Seite, als sie den Kopf einzog und auf Teufel komm raus hindurchbretterte. Die Treppe dahinter hatte sie nicht gesehen. Mit Mühe hielt sie die Maschine gerade, während sie eine tiefer führende Treppenstufe nach der nächsten nahm.
Die Treppe war zuende, Love schlitterte knapp hinter ihr um die Ecke, die irgendwohin führte. Ein Gang tat sich vor ihnen auf, kaum breit genug um mit einem Motorrad hindurchzukommen... Dröhnende Bässe schlugen ihnen entgegen, grelles Licht machte sie einen Moment lang fast blind. Etwas tauchte vor Hitomi auf, mehr instinktiv lenkte sie nach rechts. Das Etwas brachte sich mit einem Hechtsprung in Sicherheit. "Hey, pass' doch auf!", rief es hinter ihr her.
Vor ihnen erschien ein größerer Platz, im Hintergrund konnte sie das Wasser des Hafenbeckens im Schein einiger Lampen glitzern sehen. Beide stoppten im Schatten einer Häuserwand. Weiter wären sie auch gar nicht gekommen, zumindest nicht ohne dabei jemanden umzufahren. Mehrere Autos waren auf dem Platz geparkt worden, aus ihnen hämmerten harte Bässe von Punkmusik. Ein kleines Meer von Motorrädern säumte den Platz, viele davon standen auch einfach in Grüppchen mitten drin.
Auf dem Platz wimmelte es von Gestalten, überwiegend in schwarzem Leder und mit bunt gefärbten Haaren. Einige saßen auf den Kühlerhauben ihrer Autos oder im Sattel ihrer aufgemotzten Maschinen.
Sirenengeheul hinter ihnen übertönte zuerst kaum die Musik. Hitomi konnte nicht umhin, diesen Polizisten eine gehörige Menge an Respekt zu zollen. Mit ihren schweren Motorrädern und auch einer zu Fuß quollen sie aus dem engen Gang.
"Weg hier!", rief sie ihrer jüngeren Schwester über den Lärm hinweg zu. Sie sprangen von ihren Maschinen, die einzig übrige Möglichkeit war laufen. Erst jetzt bemerkte die Menge die uniformierten Neuankömmlinge und brach zu einem großen Teil in Panik aus. Hitomi und Love hatten Mühe sich durch die vielen Menschen zu zwängen, die schreiend und mit aufheulenden Motoren in alle Richtungen stoben. Ihnen konnte der Aufruhr nur lieb sein, es war die perfekte Gelegenheit ungesehen zu verschwinden.
Die Worte aus dem Megaphone sollten die Leute beruhigen, bewirkten aber eher das Gegenteil. Hitomi erreichte die Tür zuerst und zog ihre Schwester hinter sich hinein, die von mehreren großen Kerlen fast von ihr getrennt worden wäre. Die hölzerne Treppe knarrte unter ihren Schritten, die Wände waren übersät mit buntem Graffiti. Es musste einmal ein mehrgeschossiges Bürogebäude der Hafenbehörde gewesen sein, jetzt war es nur noch eine Ruine.
Die Tür zu einem der Büros im zweiten Stock hing schief und teilweise mit zersplittertem Holz in den Angeln. Dunkelheit empfing sie im Raum dahinter, nur ein fahler Lichtschein fiel durch einige Ritzen in den vernagelten Fenstern. Ein mit einer meterdicken Staubschicht bedeckter Schreibtisch und einige andere kaputte Möbel standen herum oder waren in den Ecken achtlos übereinandergestapelt worden. Müll türmte sich zu kleinen Bergen auf, alte Bierdosen bedeckten den Fußboden vor den Fenstern. Der Funkkontakt zu Nami war abgebrochen, keine Spur von ihr. Einige Momente standen sie an die Wand gelehnt und lauschten atemlos auf jedes Geräusch. Nur der Lärm von draußen war zu hören, die Polizei versuchte noch einmal, die Leute zu beruhigen.
Love trat an eines der vernagelten Fenster heran und spähte durch eine Ritze. "Das sieht gar nicht gut aus. Sie riegeln da draußen alles ab."
Hitomi sah sich im Raum um. "Wir müssen hier raus." Es war nur eine Frage von Minuten, bis die Polizisten anfangen würden, jeden Winkel nach ihnen durchzukämmen.
Love wandte sich vom Fenster ab und schob mit dem Fuß ein Dutzend Dosen zur Seite. "Schön gesagt, Schwester. Aber wie? In den Anzügen fallen wir doch auf wie bunte Hunde."
Hitomi stand mit dem Rücken zu ihr an etwas, das aussah wie ein Schrank, oder es zumindest mal gewesen war. "Wie gefällt dir das?"
Überrascht fing Love die Lederjacke auf, die ihre ältere Schwester ihr zuwarf. Der Aufruhr der Menge wich dem hektischen Brüllen der Polizeieinheiten, von denen immer mehr anzukommen schienen. Sie teilten sich auf und begannen, die Gassen, Winkel und Gebäude systematisch zu durchsuchen. Hitomi streifte gerade die mit chromblitzenden Nieten verzierte Lederjacke über das weiße Hemd, die zerschlissene Jeans war ein wenig zu lang.
Love hob die Augenbrauen, bevor sie aber zu einem Kommentar kam, griff Hitomi sie am ledernen Ärmel und schlich ihr voran zur Tür. Mitten auf der Schwelle blieb sie plötzlich stehen und horchte in den Gang hinaus. Love hatte nichts gehört. "Was ist?"
Hitomi antwortete nicht, sondern schob sie nur rückwärts in den Raum zurück und in die Dunkelheit hinter der Tür hinein. Jetzt hörten beide die Stimmen und schweren Stiefelschritte auf dem Gang. Die Stimmen waren ein Durcheinander von aufgeregtem, panischem Geflüster begleitet von einem halb erstickten Schrei. Wer immer die waren, Polizisten schienen es nicht zu sein. Das beruhigte zumindest etwas.
Die Stimmen und Schritte kamen näher. Es mussten mindestens fünf sein. Es hörte sich an, als würde Holz splittern, dann ein weiterer erstickter Schrei und hektisches Geflüster. Die beiden Schwestern sahen sich an und hatten keine Ahnung, was da vor sich ging.
Ohne Vorwarnung wurde ein Schatten heftig durch die Tür gestoßen, keinen Meter von ihnen entfernt. Die Person taumelte, wäre beinah gestolpert. Ein mehrstimmiges, kehliges Lachen von der Türschwelle und dem Gang dahinter ertönte. Hitomi konnte den Vordersten nur undeutlich im Halbdunkel erkennen. Er stand mit einem Fuß schon im Raum, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und lachte wieder.
Der andere Schatten fing sich etwas. "Die Bullen sind überall!"
Es war die Stimme eines Mädchens, schwarze, strähnige Haare fielen ihr über die Schultern. Ihre Kleidung bestand auch größtenteils aus Leder und Nieten, durch Nase und Augenbrauen trug sie silberne Ringe. Sie konnte kaum älter als 16 oder 17 Jahre sein.
"Die kommen genau richtig, um deine Überreste aufzusammeln." Er schien der Anführer der kleinen Gruppe zu sein, alle trugen dunkles Leder, zwei von ihnen hatten die Haare rot gefärbt.
"Laß uns hier verschwinden, Ken. Wenn die Bullen uns erwischen..." Ein kleiner, leicht untersetzter Typ mit ängstlicher Stimme blickte den Anführer flehentlich an und dann wieder hektisch über seine Schulter in den Gang hinaus.
"Die Bullen interessieren wir einen Scheißdreck! Die suchen jemanden anderes.", funkelte Ken ihn an und wandte sich dann wieder dem Mädchen zu. Grinsend tat er einen Schritt in ihre Richtung und zückte dabei ein Springmesser mit einer häßlichen, langen Klinge, die im fahlen Licht böse aufblitzte. Das Mädchen wich zurück, Angst stand in ihren Augen geschrieben. Binnen Sekunden hatten sich die anderen Mitglieder der Gruppe in einem Halbkreis aufgestellt und traten geschlossen immer näher an sie heran.
Bisher hatte noch niemand die beiden schwarzen Gestalten bemerkt, die dichtgedrängt an der Wand im Schatten standen und nicht einmal zu atmen wagten. Schritt um Schritt wich das Mädchen zurück, hatte aber keine Chance zu entkommen.
Die Gruppe und auch das Mädchen erstarrten mitten in der Bewegung und fuhren herum. Hitomi war mit deutlich hörbaren Schritten aus dem Schatten getreten, Love stand neben ihr. "Laßt sie in Ruhe! Haut ab, bevor sie euch erwischen."
Ken hatte sich als erster von dem Schreck erholt und richtete sich grinsend zu seiner vollen Größe auf. Er war sicher über 1,90 m. "Das ist unsere Party. Verzieht euch!"
Er ließ die Klinge des Messers effektvoll blinken und ging einige Schritte auf sie zu. Der Kerl neben ihm, genauso ein Schrank wie Ken, spielte grinsend mit seinem Schlagring. Auf das getrocknete Blut daran schien er stolz zu sein.
Der Schlagring flog in hohem Bogen davon, gleich darauf heulte sein Besitzer auf wie ein verletzter Hund. Niemand nahm die Bewegungen richtig wahr, am allerwenigsten der Schlagring-Typ selbst. Ein Tritt ließ ihn zurücktaumeln, beim zweiten schwankte er schon wie eine Fahne im Wind. Ihre Faust passte perfekt unter sein Kinn, der Kopf flog mit einem hörbaren Knacken nach hinten. Der letzte Tritt hatte gar keine große Kraft mehr nötig, um ihn endgültig zu Boden zu schicken.
Alle sahen noch erschrocken auf ihren gefallenen Kameraden. Hitomi stand so ruhig da wie zuvor und lächelte. "Jetzt ist es unsere Party."
Einer stürzte sich auf sie, der andere auf Love. Hitomi wich dem Baseballschläger aus, spürte noch den Luftzug über ihrem Kopf. Beim nächsten Schlag packte sie das Holz, entwand es dem Kerl blitzschnell. Ein harter Stoß in den Magen, und er ging stöhnend in die Knie. Ein Schlag in den Nacken, und ohne einen Laut krachte er wie ein Stein auf den staubigen Fußboden.
Sie hörte hinter sich, wie ein anderer in einem Haufen Müll landete und leise stöhnend dort liegenblieb. Ken stand nun als einziger außer ihnen und dem Mädchen, das sich hinter dem Schreibtisch in Sicherheit gebracht hatte. Sein Grinsen war verschwunden, aber er wich auch nicht zurück.
"Na, Ken? Willst du immer noch spielen?" Sie warf den Schläger auf den Boden. "Komm her, wenn du mich haben willst."
Ein Schrei, Ken stürmte auf sie zu. Die Klinge funkelte ihr entgegen. Sie riss nur ein Loch in die Luft, Hitomi wich ihr aus. Ihre Handkante fuhr wie ein Beil auf Ken's Handgelenk nieder, er brüllte auf vor Schmerz und ließ das Messer augenblicklich fallen. Er wehrte ihren Faustschlag ab, rechnete aber nicht mit dem Bein, das ihm seine eigenen Beine wegfegte.
Hitomi merkte, wie ihr das Kämpfen immer schwerer fiel, dieser Crash durch das Fenster hatte Spuren hinterlassen. Trotzdem blieb Ken keine Zeit zur Gegenwehr, als sie mit einer Hand sein Handgelenk umfasste und ihn mit dem Schwung des Beinfegers über die Schulter hinweg hart gegen einen alten Stuhl schmiss. Das Holz splitterte unter ihm, es hörte sich wie das Knacken von Knochen an. Er war keine Gefahr mehr.
Das Mädchen hatte hinter dem Schreibtisch gekauert und lugte jetzt vorsichtig über den Rand hinweg. Hitomi ging zu ihr hin. "Alles in Ordnung mit dir?"
"Ja,...ja, ich glaube schon." Das Mädchen richtete sich ganz auf und fuhr nervös mit einer Hand durch ihre Haare. "Danke."
"Was wollten die von dir?", fragte Love, die hinter ihre Schwester getreten war.
"Ist schon gut, nicht so wichtig." Sie wirkte noch nervöser, als ihr Blick über die Kerle glitt, die alle mehr oder weniger bewusstlos im Müll lagen. Mit ein paar Schritten war sie über Ken und seine Kumpane hinweg und ging in Richtung Tür. "Ich verschwinde hier. Solltet ihr auch tun, sonst sperren euch die Bullen noch ein."
Ohne sich umzudrehen war sie dann im dunklen Gang verschwunden. Einen Augenblick lang sahen ihr die Schwestern irritiert hinterher. "Gern geschehen.", meinte Love kopfschüttelnd.
"Wir sollten ihren Rat befolgen. Gehen wir, bevor sie uns wirklich noch kriegen." Hitomi stieg über die Ledertypen hinweg. Sie wollte Toshi nicht unbedingt erklären müssen, warum man sie als Punker in einer Ruine aufgegriffen hatte.
Der Gang war menschenleer und dunkel, aber weiter unten hörten sie schon die schweren Schritte und Stimmen, die eindeutig Polizisten gehörten. Sie sprangen über einen Stapel alter Zeitungen in Richtung Feuertreppe. Draußen Blaulicht und Rufen. Hoffentlich kamen sie hier noch heil raus.
"Halt! Stehenbleiben!" Beide erstarrten mitten im Schritt. Normalerweise hörten sie nie auf eine solche Aufforderung, aber jetzt konnten sie nicht anders. Ein uniformierter Polizist stand breitschultrig im Treppenaufgang des Erdgeschosses und leuchtete ihnen mit seiner Stabtaschenlampe direkt ins Gesicht. Bevor sich Hitomi eine Fluchtmöglichkeit ausdenken konnte, ließ er die Lampe sinken.
"Verdammte Punker, verschwindet hier!", knurrte er, als er sie die letzten Stufen hinunter und aus dem Gebäude schob. Danach stürmte er ins Haus zurück.
Perplex blieben sie einen Moment auf der Straße stehen. Der Platz war von den Polizisten geräumt worden, nur vereinzelte Punks waren noch zu sehen. Sie schlossen sich einem Grüppchen an und kamen schließlich zu ihren Maschinen, die unversehrt in einer Ecke standen.
Fortuna schien zum ersten Mal in dieser Nacht auf ihrer Seite zu sein, denn sie passierten die Polizeisperren und reihten sich ohne Schwierigkeiten in den nächtlichen Verkehr der Großstadt ein. Niemand verfolgte sie. Sie atmeten auf und verloren keine Zeit mehr. Der Funkkontakt zu Nami war immer noch unterbrochen. Hitomi wusste nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Sie mussten nur so schnell wie möglich nach Hause.
Nami sprang auf, als sich das Tor zu ihrer unterirdischen Garage öffnete. Sie war sich sicher, in der letzten Stunde mindestens eine Furche in den Betonboden der Garage gelaufen zu haben, die sie nicht verlassen hatte. Sie hatte die Verfolger bald abgeschüttelt, aber ihre Schwestern blieben verschollen. Kein Kontakt, nur das ferne Geheul der Sirenen. Es waren immer mehr geworden, die Gefahr war zu groß gewesen. Schließlich war sie nach Hause gefahren. Herr Nagaishi war geschäftlich in den USA, also musste sie alleine ausharren und auf ein Zeichen ihrer Schwestern hoffen.
Hitomi und Love sahen bei Licht noch blutiger und zerkratzter aus als vorhin im Park, als sie von ihren Maschinen stiegen. Nami konnte das Grinsen nicht aus ihrem Gesicht halten. "Wie um Himmels Willen seht ihr denn aus?"
"Frag besser nicht.", knurrte Hitomi und warf die schwere Lederjacke über eine Stuhllehne. Sie holte die Diamantenkette aus der Tasche und legte sie vorsichtig auf einen kleinen Tisch.
Lächelnd nahm Nami sie auf und betrachtete sie einen Moment lang. "Zumindest haben wir es geschafft. Die Kette war unserem Vater sehr wichtig."
"Ja, zumindest das.", stimmte Hitomi zu und ließ sich auf einen Stuhl sinken. "Aber so ein Höllenritt muss in der nächsten Zeit nicht unbedingt wieder sein."
Love trat grinsend von hinten an sie heran. "Du solltest die Sachen behalten. Vielleicht mag Toshi das ja."
Hitomi warf ihrer jüngeren Schwester nur einen niederträchtigen Blick zu. Mehr konnte sie im Moment nicht tun, zumal sie im Stehen hätte schlafen können und die Torturen der Nacht jetzt erst richtig spürte. Mit etwas Mühe stand sie auf und wandte sich der Treppe zu, die nach oben in den anderen Teil ihres Hauses führte. "Macht, was ihr wollt, ich geh jetzt schlafen."
2. Kapitel
Nachdem sie sich das getrocknete Blut abgewaschen hatte, sah es schon gar nicht mehr so schlimm aus. Trotzdem tat ihr jeder einzelne Knochen weh, bei der nächsten Aktion sollten sie sich ihre Fluchtmöglichkeiten besser auswählen.
Einen Moment stand Hitomi mit den Händen auf das Fensterbrett gestützt und blickte auf den wolkenlosen, blaßblauen Himmel, warme Sonnenstrahlen schienen durch das Fenster herein. Der vierte Frühling, den sie als Diebe die Museen und Galerien Japans unsicher machten.
Seit nunmehr drei Jahren kannte sie Toshi, er war damals aus Osaka nach Tokio gezogen. Seit ebenso langer Zeit jagte er Katzenauge und hatte keine Ahnung, dass es seine Freundin war, der er in unzähligen Nächten hinterherlief. Als sie angefangen hatten die Kunstwerke ihres Vaters zu stehlen, waren sie sicher die jüngsten Kunstdiebe aller Zeiten gewesen. Love 14, sie selbst 16 und Nami auch erst 18 Jahre alt.
Inzwischen hatten sie das Katz-und Mausspiel mit der Polizei zu einer solchen Perfektion getrieben, dass irgendwann einmal ein Fehler passieren musste. Es konnte nicht auf ewig so weiter gehen, vielleicht bald schon würden sie das Lügen und Stehlen im Namen ihres Vaters sein lassen müssen. Die Spuren von ihrem Vater und den dunklen Leuten, vor denen er geflohen war und die ihn wahrscheinlich gefangen hielten, waren auch nach drei Jahren noch ziemlich dünn. Sie hatten einige alte Freunde von ihm gefunden, die aber nichts über die Vergangenheit ihres Vaters während und kurz nach dem II. Weltkrieg wussten. Was immer mit Michael Heintz passiert war, es hatte zu der Zeit angefangen.
Alle Spuren liefen zwar in Deutschland zusammen, endeten dort aber schnell in Sackgassen. Außer seiner Geburtsurkunde, ausgestellt in Dresden, waren alle Urkunden und Zeugnisse in den Kriegswirren verloren gegangen oder - was sie annahmen - absichtlich entfernt worden. Nur eines wussten sie sicher: ihr Vater hatte schon bei seiner Ankunft in Japan Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Weder sie drei noch ihre Mutter hatten seinen deutschen Namen übernommen. In ihren Geburtsurkunden war als Name des Vaters nicht seiner, sondern Thomas S. Hawkins angegeben - einige seiner Bilder hatte er mit diesem Namen signiert.
Hitomi erinnerte sich noch an einen Nachmittag, es war kurz vor seinem Verschwinden gewesen, als er sie drei um sich versammelt hatte. Er hatte sie alle eindringlich, fast flehentlich angesehen. Er hatte ihnen eingeschärft, immer fest zueinander zu halten und niemals zuzulassen, dass man sie auseinanderriss. So deutlich, dass selbst Love als Zweijährige ihn verstanden hatte. Sie hatten es ihm damals versprochen und ihr Versprechen bis heute nicht gebrochen.
Hitomi kehrte mit den Gedanken in die Gegenwart zurück. Gleich würde Toshi kommen und sich für fünf Tage nach Kyoto verabschieden. Sie lächelte, als sie an seinen Gesichtsausdruck gestern dachte. Fünf Tage herumzusitzen und Vorträgen über Polizeiarbeit zu lauschen entsprach nicht unbedingt seiner Vorstellung von sinnvoll verbrachter Zeit.
"Guten Morgen.", lächelte ihre ältere Schwester ihr entgegen, als sie durch eine Nebentür das Café betrat. Hitomi warf zum ungefähr hundertsten Mal heute morgen den Kopf in den Nacken und hörte das Knacken der Wirbel, die gestern gehörig durcheinandergewirbelt worden waren.
"Ich schwöre, ich werde nie wieder freiwillig durch ein Fenster springen.", stöhnte sie dabei und schnappte sich einen Becher Kaffee.
Etwas verwirrt nahm sie die Zeitung, die Nami ihr wortlos entgegenhielt. Als sie die Überschrift gelesen hatte, sah sie über den Rand der Zeitung ihre Schwester grinsen. Fast automatisch zog sie die Augenbrauen zusammen und warf Nami den vernichtendsten Blick zu, den sie überhaupt zustande brachte. Sie überlegte, ob sie ihr die Zeitung über den Schädel ziehen sollte.
Ihre Schwester schien ihre Gedanken zu lesen, denn sie fing an zu lachen. "Keine Sorge, wir müssen das Gemälde nicht in dieser Woche stehlen. Wir können warten, bis Toshi aus Kyoto zurück ist."
Hitomi legte die Zeitung auf den Tisch. "Was immer du vorhast, tu es ohne mich. Für die nächsten Tage zumindest."
Wenig später kam der Detective und nahm dankbar seine morgendliche Tasse Kaffee entgegen. Er schien sich wirklich nicht auf diese Reise nach Kyoto zu freuen, im Gegensatz zu seiner Kollegin Asaja, die mit Feuereifer bei der Sache war.
"Was ist mit dir denn passiert?", fragte er Hitomi erschrocken, als er den noch ziemlich frischen Kratzer an ihrer Stirn bemerkte. Die Schnittwunden an ihren Armen konnte er zum Glück nicht sehen. Sie hatte sich auf die Frage vorbereitet. "Bin nur mit einer Tischkante zusammengestoßen."
Die Erklärung schien ihn zufrieden zu stellen, und beide Schwestern atmeten unbewusst auf. Es hätte durchaus sein können, dass er mehr Fragen gestellt hätte.
"Die Katzen müssen tatsächlich lebensmüde geworden sein.", meinte er. "Ich hatte sie in diesem Zimmer gestellt, aber sie sind raus auf die Brüstung und von daaus mit einem Seil rüber zum anderen Gebäude. Sind dabei echt hart durch eine Glasscheibe gekracht." Er schauerte leicht. "Einen solchen Sprung, und das bei dem Wind...!"
Schon so oft hatte er ihnen von ihren eigenen Diebstählen berichtet. Für Hitomi hatte es immer einen seltsamen Beigeschmack ihm zuzuhören und nur allzu genau zu wissen, wovon er sprach. Unterinspektor Asaja steckte den Kopf zur Tür rein. "Beeilen Sie sich, Uzumi!"
Toshi brummte nur unwillig, musste sich aber schließlich in sein Schicksal ergeben. "Eine Woche haben die Katzen vor mir Ruhe, dann kriege ich sie endgültig!", grinste er, als er aufstand und Hitomi einen sanften Kuss auf die Wange gab. Danach war er schon aus der Tür verschwunden.
Es war Gott sei Dank noch nicht so warm, dass sie kurzärmlige Sachen angezogen hätte, aber auch so wurde Love von einigen Freunden und Mitschülern auf die Kratzer in ihrem Gesicht angesprochen. Auch wenn sie eine plausible Erklärung parat hatte - glimpflicher Zusammenstoß mit einem Auto - fühlte sie sich auf eine seltsame Weise als Lügnerin gebrandmarkt.
Im Laufe des Vormittags schaffte sie es zwar, dieses Gefühl abzuschütteln, konnte dem Unterricht aber trotzdem nicht ganz folgen. Inzwischen hatte sie genügend Aktionen als Katze hinter sich, und auch an den Schlafmangel hatte sie sich gewöhnt, dennoch spielte sie die gestrige Nacht im Geiste immer wieder durch.
Die Stunden krochen dahin, bis der Uhrzeiger es endlich auf drei Uhr nachmittags geschafft hatte. Sie hatte sich gerade von ihrer Freundin Akiko verabschiedet und saß jetzt mit einem Buch in der Hand auf dem Rasen eines kleinen Parks in der Nähe ihrer Schule. Viele Schüler kamen nach dem Unterricht noch hier her um wie sie zu lesen oder sich zu treffen. Gerade im April und Mai war es schön hier, wenn die Kirschen blühten und man bei jedem kleinsten Windhauch in einem Regen lauter rosaroter Kirschblüten stand. Sie war zu vertieft in ihr Buch, als dass sie die Schritte hinter sich gehört hätte. "Das gibt's nicht. Das bist du ja tatsächlich."
Sie schreckte aus ihrem Buch und blickte auf die Gestalt, die sich grinsend neben sie unter den Kirschbaum setzte. Es dauerte eine Sekunde, bis Love sie erkannt hatte, bei Tageslicht sah sie ganz anders aus.
"Hat es dir die Sprache verschlagen, oder was?", grinste das Mädchen.
Dieselben nietenbeschlagenen Ledersachen wie gestern, das schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Im linken Nasenflügel und in der rechten Augenbraue glänzten zwei Ringe in der Frühlingssonne. Sie sah blass aus, aber ihr Blick wirkte lebhaft, und die Zähne strahlten im Grinsen.
"Was machst du denn hier?" Im ersten Moment fiel ihr nichts besseres ein.
Das Mädchen lachte. "Das wollte ich dich auch fragen." Ihr Blick glitt schnell an ihrer Schuluniform herunter. "Siehst ja richtig brav aus in den Klamotten. In dem Zeug gestern abend sahst du aber besser aus."
Love fühlte sich immer unwohler. "Naja, ich...!"
"Ist schon gut, ich kenn das. Ich war ja selbst mal so. Ich bin Yasuno."
Sie nahm die ausgestreckte Hand. "Ich bin Love. Mal im Ernst, was tust du hier? Du bist doch nicht mehr in der Schule, oder?"
"Nein, zumindest jetzt nicht mehr. Ich war mal auf dieser Schule, aber dann bin ich letztes Jahr geflogen."
Love konnte ihre Überraschung nicht verbergen. "Du warst eine von denen?" Sie erinnerte sich daran, dass es vor einem Jahr einige Probleme im Jahrgang unter ihrem gegeben hatte. Schließlich war es soweit gekommen, dass drei Mädchen die Schule verlassen mussten. Es hieß, sie wären unter wüsten Beschimpfungen auf den Direktor von ihm persönlich vor die Tür gesetzt worden.
Yasuno grinste wieder. "Ja, ich war eine von denen. Dieser Mistkerl von Direx wollte uns fertig machen, der hatte es auf uns abgesehen. Aber hinterher haben wir sein Fahrrad auseinander genommen."
Love musste lachen bei der Vorstellung. Der Direktor liebte sein Fahrrad, er kam immer mit seinem Rad zur Schule, selbst im tiefsten Winter. Yasuno fiel in das Lachen ein. "Sein Gesicht war herrlich. Er stand da und sah die Einzelteile seines geliebten Fahrrades in seiner Einfahrt liegen."
Beide mussten noch mehr lachen. Wieder etwas ernster meinte Yasuno dann: "Ich glaube, ich habe mich gestern gar nicht richtig bedankt, dass ihr mir geholfen habt."
Love winkte ab. "Schon gut. Die Kerle sahen echt fies aus."
"Sind sie auch. Ken und seine Freunde sind wirklich miese Typen.", schnaubte Yasuno.
"Warum wollten die eigentlich was von dir?"
"Weil sie Ärger wollten, deswegen. Ich bin einfach in einer anderen Gruppe, und die wollen uns fertig machen."
"Bist du deswegen von der Schule geflogen, weil du in dieser Gruppe warst?" Love konnte sich die Antwort in ungefähr schon denken.
Yasuno schüttelte einige Kirschblüten aus dem Haar. "Klar, die wollten mich umerziehen, wie bei den Kommunisten. Die können eben keine Punks gebrauchen. Und mein Alter..., der hat gedroht mich ins Internat zu stecken. Da bin ich abgehauen." Ihre Stimme wirkte gleichgültig, aber Love sah, dass sie die letzten Worte am liebsten ausgespuckt hätte. Ihre Mundwinkel zuckten und ihre Augen blitzten zornig.
Eine Sekunde später grinste sie schon wieder, als sie noch mal Loves Schuluniform betrachtete. "Du und deine Freundin gestern, ihr hattet einen verdammt guten Schlag drauf." Sie machte eine Faust. "Aber das braucht man auch, wenn man da überleben will. Seid ihr schon länger dabei?"
"Was meinst du?"
Yasuno fasste ein Stück des Ärmels ihrer Lederjacke an. "Na, ob ihr schon länger in der Punkszene seid."
Wir sind gestern nur zufällig in dieses illegale Punkertreffen geraten. In Wirklichkeit sind wir Kunstdiebe. Laut sagte sie: "Wir sind noch nicht sehr lange in der Stadt, wir kommen nicht von hier."
"Weißt du übrigens, wen die Bullen gestern gesucht haben?" Yasuno grinste sie erwartungsvoll an, ob sie die Antwort wüsste. Natürlich wusste sie sie, hielt aber den Mund und schüttelte nur den Kopf.
"Diese Diebesbande, Katzenauge, soll sich in der Nähe verkrümelt haben. Kennst du doch, oder?"
Love zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Klar, gehört habe ich von denen. Solange sie bei uns nicht einbrechen." Jetzt wusste sie, wie Hitomi sich fühlen musste, wenn Toshi über seine Konfrontationen mit einer der Katzen berichtete, die nicht selten sie selber gewesen war.
Am selben Abend lag Love auf ihrem Bett und dachte über diesen seltsamen Tag nach. Yasuno hatte erzählt, sie sei mit einer alten Schulfreundin verabredet gewesen und habe sie danach zufällig gesehen und wiedererkannt. Sie hatten noch den ganzen Nachmittag im Park gesessen und geredet. Yasuno's Vater war Geschäftsführer eines großen Unternehmens und wollte nicht, dass seine Tochter mit den Punks vom Hafen herumhing. Aber ehe er sie in ein Internat stecken konnte, war sie weggelaufen. Jetzt lebte sie mal bei dem einen Freund, mal bei dem anderen, auch schon mal in Abrisshäusern oder auf der Straße, hatte sie nicht ohne Stolz erzählt.
Zu ihrem Vater und ihrer Stiefmutter würde sie nie im Leben zurückkehren, die hätten sie sowieso schon längst abgeschrieben. Sie hatte das wie gleichgültig erzählt, aber es schien ihr trotzdem nicht ganz egal zu sein.
Love hatte ihr natürlich nicht die Wahrheit sagen können, weswegen sie gestern am Hafen gewesen war. Auch über ihre Familie hatte sie gelogen, selbst wenn sie das eigentlich nicht unbedingt hätte tun müssen. Aber es hätte zu mehr Fragen geführt, die möglicherweise zu viel preisgegeben hätten. Ein leises Gefühl der Traurigkeit beschlich sie, als sie daran dachte, wie viele sie schon über ihre wahre Herkunft angelogen hatte, nur um unangenehme Fragen zu vermeiden. Sicher, sie wusste, das musste sein, sonst würde ihre Verbindung zu Katzenauge nicht mehr lange ein Geheimnis bleiben.
Trotzdem versetzte es ihr jedesmal wieder einen kleinen Stich, wenn sie vorgeben musste, nur ein ganz gewöhnlicher Teenager zu sein, wo sie doch genau das Gegenteil zu sein schien. Immerhin, wie viele 17jährige brachen schon in Museen ein und stahlen Kunstwerke?
Sie alle drei waren in einem Netz aus Lügen gefangen, das sie selber aufgebaut hatten und das auch perfekt funktionierte, noch zumindest. Am Ende aller dieser Lügen stand ihr Vater, für den Love noch viel weiter gegangen wäre, auch wenn sie ihn nur noch sehr dunkel in Erinnerung hatte.
Ihren Schwestern hatte sie noch nichts von ihrer Begegnung mit Yasuno gesagt, sie glaubte nicht, dass sie es verstanden hätten. Für morgen hatten sie und die Punkerin sich wieder im Park verabredet.
In den nächsten zwei Tagen verbrachte sie die Nachmittage mit Yasuno, sie bummelten in der Stadt herum und hatten eine ganze Menge Spaß zusammen. Yasuno trug zwar das Leder und mochte Punker sein, aber Love vermutete, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so sein wollte. Nur wenn sie von ihrem Vater erzählte, blitzten ihre Augen in Zorn. Wenigsten hat sie überhaupt noch einen Vater, dachte Love mit einem Anflug von Traurigkeit, als sie das Schulgelände mit einem Schwarm anderer Schüler verließ um sich mit Yasuno zu treffen.
Yasuno lehnte an einem Geländer, in ihren üblichen Ledersachen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Love schüttelte ihre momentane Traurigkeit ab und trat ihr lächelnd entgegen. Den Nachmittag über sahen sie sich an Baseball-Spiel der College-Liga an. Die Sonne war gerade dabei hinter dem Horizont zu verschwinden, aber keiner von ihnen hatte schon Lust sich zu trennen.
"Komm mit, ich habe eine Überraschung für dich.", meinte Yasuno mit einem geheimnisvollen Lächeln und machte eine Geste für Love ihr zu folgen. Sie gingen quer durch einen Park, der immer dunkler wurde, je mehr von der Sonne sich für den Tag verabschiedete.
Sie betraten ein älteres Wohnhaus und dann eine Wohnung, die sich Yasuno offensichtlich mit mehreren Leuten teilte. In einem Zimmer lagen Matratzen auf dem Boden, Klamotten waren achtlos übereinander geworfen worden. Eine ganze Armada leerer Bierdosen stand in einer Ecke. Irgendwo aus dem hinteren Teil der Wohnung tönten harte Bässe.
Yasuno kramte eine Sekunde lang in einem Schrank herum und brachte dann eine Plastiktüte zum Vorschein. Love fühlte sich an den Abend in dem Abrisshaus erinnert, als Hitomi ihr die Ledersachen zugeworfen hatte. Genauso verdutzt wie an dem Tag nahm sie jetzt die Lederjacke, Hose und Stiefel entgegen, die Yasuno aus der Tüte hervorzauberte.
"Heute abend steigt 'ne Party in 'nem alten Lagerhaus am Hafen. Dachte mir, du hättest Lust mitzukommen."
Love dachte an die Gestalten, die sie vor drei Tagen auf dieser Party gesehen hatte. Ihr war ziemlich unwohl bei dem Gedanken, sich noch einmal alleine unter diese Typen zu mischen. "Ich weiß nicht, ob das so gut ist.", meinte sie zweifelnd und betrachtete die schweren Ledersachen. Mal davon abgesehen, dass ihre Schwestern keine Ahnung hatten, wo sie war. Sie hatte ihnen ja immer noch nichts von Yasuno erzählt.
"Nur 'ne Party unter Freunden, die sind alle OK. Sonst bist du ja schlagkräftig genug." Yasuno zwinkerte ihr zu.
Na gut, was macht es schon, wenn ich mitgehe? Das hört sich nach 'ner Menge Spaß an, warum also nicht? Aber Nami und Hitomi sollten das am besten nicht erfahren.
"In Ordnung, ich komm mit."
Yasuno grinste. "Gut. Das sind alte Sachen von mir." Sie zeigte auf die Ledersachen in Love's Hand. "Du kannst sie für heute abend haben."
Love kam sich wie in einer anderen Welt vor. Eine riesige Welt voll bunten Haaren und schwarzem Leder. Die Sachen, die sie trug, fühlten sich gut an, sie unterschied sich nun nicht im mindesten von den Leuten, die in dem alten Lagerhaus direkt am Kai herumhingen. Harte Gitarrenriffs brüllten aus einigen Boxen an einem Ende der Halle, einige Leute waren mit ihren Autos direkt in die Halle gefahren und saßen wieder auf den Kühlerhauben. Es war eine düstere Atmosphäre, das einzige Licht stammte von den Scheinwerfern der Autos und ein paar Scheinwerfern neben den Boxen. Draußen war es längst dunkel geworden. Sie und Yasuno gingen auf eine Gruppe von einem halben Dutzend Gestalten hin, von denen einige im Sattel ihrer Motorräder saßen.
Sie waren Yasuno's Freunde, zwei Mädchen, die ähnlich wie Yasuno aussahen, und vier junge Männer. Einer von ihnen, ein schlanker Typ in enger, zerrissener Jeans, Armeejacke und einem Piratentuch auf dem Kopf grinste von einem Ohr bis zum anderen, als Yasuno sie vorstellte.
"Also du bist die, die Ken und seinen Kerlen ordentlich eins aufs Maul gegeben hat."
Eigentlich war es Hitomi gewesen, die die meisten von ihnen aufs Kreuz gelegt hatte. Ohne ihre Schwester hätte sie wohl einige Probleme gehabt, aber das war ja jetzt auch egal. Love senkte ein wenig verlegen den Blick. "Es sah so aus, als könnte Yasuno Hilfe brauchen."
"Wer immer was von Yasuno will, dem gehört die Fresse poliert. Und Ken und seinen Idioten sowieso.", meinte ein anderer, dem die Ärmel seine Jacke fast zu eng zu sein schienen. Er hatte Arme wie Baumstämme. Die anderen stimmten johlend zu und ließen Bierflaschen aneinanderklirren.
Mit welch unguten Gefühlen sie auch hier her gekommen sein mochte, Love fühlte sich zunehmend wohler in dieser Gruppe. Es dauerte nicht lange, da hatte sie die erste Bierflasche leer, die Saori, einer der Jungs, ihr gegeben hatte. Der harte Sound fraß sich ihr regelrecht ins Mark und ins Gehirn, bald war es ihr auch egal, dass diese Party sicher illegal war und sie bei einer Razzia mitverhaftet werden könnte.
Ihr erschien es sinnlos, auf die Uhr zu sehen, es war wohl sowieso schon bald wieder morgen. Morgen hatte sie Schule, aber das war ihr im Moment genauso egal wie die Uhrzeit. Das Leder hing schwer an ihrem verschwitzten Körper, trotzdem fühlte sie sich leicht und wäre am liebsten geschwebt. Sie hatte eigentlich nicht viel getrunken, trotzdem wirkten die Farben ein wenig greller und der Gehsteig etwas schräger, als sie hätten sein sollen.
Im Haus war es dunkel, die Katze schnurrte in ihrem Korb. Ihre Schwestern schliefen sicher längst, genau das würde sie jetzt wohl auch tun. Ein Schatten stand im Türrahmen zum Wohnzimmer gelehnt. Im schwachen Lichtschein einer kleinen Stehlampe erkannte sie ihre Schwester, die mit verschränkten Armen dastand.
"Hallo, Hitomi." Mit diesen Worten wollte sie an ihr vorbeigehen, doch ihre Schwester hielt sie an der Schulter fest. "Du hast wohl keine Ahnung, wie spät es ist, oder? Wo bist du gewesen?"
Love kannte diesen Ton von Hitomi, und er verhieß nichts Gutes. "Yasuno,...das Mädchen, das wir vor den Typen gerettet haben. War nur 'ne kleine Party unter Freunden." Sie grinste, als sie bemerkte, wie sie Yasuno's Worte wiederholte. Eigentlich war es absurd, aber sie hätte das Grinsen nicht mal mit einem Besen wegfegen können.
Hitomi zog die Augenbrauen zusammen. "Du hast getrunken.", stellte sie fest.
Sie hätte schlecht lügen können. "Nicht viel."
Hitomi schüttelte den Kopf und schien aufzugeben. "Geh ins Bett, du hast morgen Schule."
"Aye, Ma'am.", brummte sie und unterdrückte das Verlangen zu salutieren. Wer wusste, was sie sich von ihrer Schwester dann noch zugezogen hätte. Sie war ja schon froh, zumindest erst einmal davongekommen zu sein. So schnell wie möglich stolperte sie die Treppe hinauf und verschwand in der relativen Sicherheit ihres Zimmers.
Hitomi schüttelte wieder den Kopf, als sie am nächsten Morgen in Love's Zimmer kam. Ihre Schwester war nicht mehr da, und auch ihre Schulsachen waren weg. Es kam so gut wie nie vor, das sie einmal freiwillig früher aufstand. Aber sie wusste, wie sie ihren Schwestern aus dem Weg ging. Die Worte von Love gestern nacht hatten sie beunruhigt. Sie konnte nur das Mädchen von vor drei Tagen gemeint haben, und so wie ihre Schwester ausgesehen hatte, war das gestern eine ähnliche Party gewesen wie die, in die sie vor drei Tagen geraten waren.
Nami war genauso beunruhigt wie sie, als Hitomi ihr von gestern nacht erzählt hatte. "Das passt nicht zu Love.", meinte sie und sah für eine Sekunde aus dem Fenster in den sonnenüberfluteten Frühlingsmorgen. Sie kannte ihre jüngere Schwester sehr gut, und das hier passte jetzt gar nicht zu ihr. "Vielleicht will sie dem Mädchen - Yasuno hieß sie, glaube ich - vielleicht will sie ihr irgendwie helfen.", mutmaßte Hitomi.
"Möglich wäre es." Nami trank einen Schluck Kaffee und stützte das Kinn in eine Hand. Was immer da los war, sie würde nachher mit Love reden.
So unaufmerksam war Love in der Schule lange nicht mehr gewesen und handelte sich auch prompt ein paar Ermahnungen der Lehrer ein. Eigentlich ging es ihr recht gut, aber sie hätte im Stehen schlafen können. Und der Gedanke an die Konfrontation mit ihren Schwestern wenn sie nach Hause kam stimmte sie nicht eben fröhlicher.
Als sie durch die Vordertür ihres Cafés trat, traf sie nur Nami an. Sie warf die Schultasche auf einen Stuhl und ließ sich auf einen anderen sinken. "Sag es schon.", brummte sie.
Ihre ältere Schwester sah hoch. "Was sagen?"
Love hasste es, wenn sie so unschuldig tat. "OK, es war ein Fehler. Ist mir inzwischen auch klar."
"Wie lange kennst du Yasuno eigentlich?"
"Seit ein paar Tagen. Aber das gestern war harmlos, Yasuno und ihre Freunde sind in Ordnung."
Nami trat zu ihr heran und legte etwas auf den Tisch, dass wie zwei Polizeiakten aussah. "Mag sein, dass die Party gestern harmlos war, aber Yasuno und ihre Freunde sind es ganz sicher nicht. Die haben einiges auf dem Kerbholz."
Love starrte einen Moment auf die Akte. "Du hast Nachforschungen über sie angestellt?!" Das war typisch für ihre Schwester, sie würde am liebsten über alles und jeden nachforschen und eine Akte anlegen.
"Ich habe ein bisschen gegraben. Sieh es dir an."
Widerwillig nahm Love die Akte und schlug sie auf. Ein Foto von Yasuno aus der Verbrecherkartei, ein Dutzend Vernehmungs - und Verhörprotokolle, lauter Berichte in sauberer Schreibmaschinenschrift.
"Nachdem sie letztes Jahr von eurer Schule geflogen war - wegen Rauschgiftbesitzes übrigens - ist sie gleich einen Monat darauf wegen Körperverletzung festgenommen worden. Weil sie minderjährig war, hat man sie wieder laufen lassen, hat sie aber seitdem ein halbes Dutzend Mal aufgegriffen. Vor zwei Monaten hat man sie und drei ihrer Freunde mit zwei Kilo Kokain erwischt. Ihr Vater hat für Yasuno die Kaution bezahlt, seitdem ist sie untergetaucht."
Nami tippte auf die zweite Akte. "Saori Fukuoka, 20 Jahre alt, hat aber schon eine beachtliche Karriere hinter sich. Raub, Einbruch, Körperverletzung, Drogen, und das sind nur einige.", kommentierte sie weiter.
Als ob sie das nicht selber lesen könnte. Einige Sekunden sah Love auf die Blätter und klappte dann die Akten zu. Sie hatte natürlich gewusst, dass Yasuno kein Unschuldslamm war, aber Drogen... Auf dem Foto der Verbrecherkartei sah sie zornig und trotzig aus, nicht das lachende Mädchen, dass sie kennengelernt hatte. Andererseits, was wusste sie denn genau von ihr? Aber sie konnte immer noch nicht glauben, dass Yasuno so tief abgerutscht war. Vielleicht war sie da nur irgendwie reingeraten. Sie stand auf und wandte sich zur Tür.
"Love, wo willst du hin?"
"Weiß ich nicht.", meinte sie nur und war schon im Spätnachmittag verschwunden.
Nami stand da, mit beiden Händen auf den Tisch abgestützt und sah ihrer Schwester nach. Irgendwie verstand sie Love nicht. Weshalb lag ihr so viel an diesem Mädchen? Dass sie sich mit diesen Punks traf, war schon ungewöhnlich genug. Würde sie Love nicht so gut kennen, würde sie härter mit ihr ins Gericht gehen. Aber da stimmte etwas nicht, und mit Strafen erreichte man dann meist nur das Gegenteil bei ihrer Schwester. Nami schüttelte besorgt den Kopf. Es war nicht immer leicht, die Älteste von drei Geschwistern zu sein.
"Nami, was ist los?", schreckte sie aus ihren Gedanken. Hitomi war zur Tür hereingekommen.
Frustriert hob die Älteste die Hände. "Ich weiß es nicht, und genau das macht mir Sorgen."
Love hatte wirklich keine Ahnung, wohin sie eigentlich gehen sollte. Yasuno hatte nicht wie eine Drogenabhängige ausgesehen. Dass sie nicht gerade eine Musterschülerin gewesen war, und ihre Freunde keine Chorknaben, war ihr klar. Aber wenn sie mit Drogen dealten...
"He, Love!" Sie sah hoch und bemerkte Yasuno auf einer Parkbank sitzen. Ohne es zu merken, war sie bis in den Park vor ihrer Schule gelaufen, in dem bei dem Sonnenwetter noch viele Leute unterwegs waren. Eigentlich war Yasuno die letzte, mit der sie im Moment reden wollte, aber sie konnte ihr nun schlecht aus dem Weg gehen.
"War gestern doch 'ne coole Party, oder?", fragte Yasuno, als Love sich neben sie setzte.
"Ja, war es.", hörte sie sich selber sagen, während sie darüber nachdachte, wie sie weiter mit Yasuno reden sollte.
"Und ein erfolgreicher Abend dazu.", grinste das Mädchen in schwarzem Leder. "Wir haben alles Koks an den Mann gebracht."
Sie hätte es wissen müssen. "Koks? Ihr habt gestern Kokain verkauft?"
"Na, was dachtest du denn? Irgendwie muss man ja leben."
"Deshalb seit auch von der Schule geflogen."
Yasuno grinste wieder. "Klar. Hat richtig was eingebracht, das Zeug an die Kids zu verkaufen. Und ein Heidenspaß war's auch noch."
Love konnte es nicht glauben. Yasuno war anscheinend nicht selber abhängig, vielleicht war ihr noch nicht einmal das Geld wichtig. Ihr schien es nur um den Nervenkitzel zu gehen, die Drogen an Kinder zu verkaufen.
"Mein Vater hat immer gedacht, er könnte mir Ersatz andrehen. Der hat sowieso noch nie Zeit gehabt, früher waren es Spielsachen, dann Geld." Sie lachte kurz und grimmig auf. "Sogar meine Kaution hat er bezahlt. Wenn ich nicht Daddy's Liebling war, hat er gezahlt und gedacht, alles wäre wieder gut."
Es sah so aus, als wollte sie irgend etwas kaputt schlagen, wenn es schon nicht ihr Vater sein konnte. Von einer Sekunde zur anderen veränderte sie sich plötzlich.
"Aber heute Abend werden wir wieder eine Lieferung kriegen. Eine Riesenlieferung sage ich dir." Sie grinste und klopfte Love auf die Schulter. "Wenn du willst, kannst du dabei sein. Minimales Risiko, aber verdammt viel Spaß."
"Klar, hört sich nach Spaß an."
Sie waren alle da. Yasuno, Saori - der Typ mit dem Piratentuch - und der Rest ihrer Gruppe. Sie standen mit ihren Motorrädern am Eingang der kleinen Lagerhalle, die sicher seit einem Jahrzehnt niemand mehr benutzt hatte. Die letzten Streifen der Dämmerung verschwanden gerade, die Nacht brach über der Stadt an. Sie blinzelten in das Scheinwerferlicht ihrer Maschine, als sie die kurze Rampe mit viel zu hoher Geschwindigkeit nahm und mit quietschenden Reifen ein paar Zentimeter vor Yasuno's linkem Fuß zum Stehen kam. Das Mädchen zuckte um keinen Millimeter zur Seite.
Sie hatte die Ledersachen an, mit denen sie und Hitomi sich vor ein paar Tagen unter die Punks gemischt hatten. Sie beherrschte die Yamaha perfekt, sie hatte es in genügend Aktionen als Katze trainiert.
"He, Love. Ich wusste, du würdest dir das hier nicht entgehen lassen." Yasuno's Zähne blitzten in dem Grinsen wie die eines Tigers, der seine Beute im Visiert hat.
"Wo hast du eigentlich deine Freundin gelassen?", fragte Saori und warf der Yamaha bewundernde Blicke zu.
"Sie kommt etwas später." Love stieg von ihrer Maschine.
"Da wird sie ja den schönen Teil verpassen. Wenn du diesen Batzen Stoff in der Hand hast, das ist immer das Beste.", grinste ein anderer.
Yasuno warf einen nervösen Blick auf ihre Uhr. "Er kommt heute spät. Er ist doch sonst immer pünktlich."
Rings um sie herum war es duster, bis auf den schwachen Lichtschein, den einige entfernte Straßenlampen verbreiteten. In der Ferne rauschte der Großstadtverkehr, hier war es still bis auf das Kreischen der Möwen an der Kais. Alle spähten gespannt in die Dunkelheit.
Die Scheinwerfer eines Wagens näherten sich, kurze Zeit später kam ein Militärjeep die enge Gasse entlang und stoppte vor der kleinen Gruppe. Nur eine Frau saß am Steuer, in Jeans, dunklem Blazer, das lange, lockige Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und mit einem kleinen Koffer neben sich. Sie stieg aus, den Koffer in der Hand und kam gelassen auf sie zu.
"Wer sind Sie? Wo ist Kenzo?", fragte Saori und beäugte sie misstrauisch.
"Er kann heute nicht kommen, ich bringe den Stoff für ihn." Ihre Stimme war ruhig und kühl, sie schien genau zu wissen, was sie tat. Die Frau war am Zug und sie mussten ihr folgen, wenn sie das Kokain haben wollten.
Sie hielt den Koffer in ihrer Hand etwas in die Höhe und wies in Richtung einer Tür, die in die Halle
hineinführte. "Gehen wir rein, muss ja nicht jeder sehen."
Widerwillig, aber dennoch gierig auf das Kokain folgte die Gruppe der Frau durch die enge Tür ins Innere der Lagerhalle. Sie betätigte einen Schalter und schwaches Neonlicht tauchte die Halle in kalten Schein. Sie ging voraus durch eine weitere Tür in einen kleinen Raum ohne Fenster, der einmal ein Büro gewesen sein mochte. Ein alter Schreibtisch stand noch darin, sie stellte den Koffer auf den Tisch und wartete, bis die anderen sich um den Tisch versammelt hatten. Alle Augen waren auf den Koffer gerichtet.
"Geben Sie uns den Stoff, und wir werden ihn unters Volk bringen. Sie kriegen 50 % des Gewinns, wie immer.", meinte Saori fachmännisch und begann den Koffer zu öffnen.
Die Frau nickte, alles lief reibungslos und so wie immer. Saori lächelte, als er die durchsichtigen Tüten prall gefüllt mit weißem Zeug sauber aufgeschichtet im Koffer liegen sah. Er zückte ein Springmesser und stach es in eine der Tüten, so tat er es immer. Eigentlich wäre das nicht nötig, es war schließlich kein wirkliches Geschäft, sondern nur eine Weitergabe von Kokain. Trotzdem kam er sich dabei immer wie ein gerissener Geschäftsmann vor, den niemand übers Ohr hauen konnte.
Als er das Mehl auf seiner Zunge schmeckte, schrie er auf. Da war die Frau schon mit einem hohen Salto über den Tisch gesprungen. Alles, was er und seine verdutzten Freunde noch hörten, war das schrecklich endgültige Krachen, als eine Tür ins Schloß fiel.
Einige Augenblicke standen sie nur wie erstarrt um den Tisch herum, bevor jemand daran dachte, sich in Richtung Tür umzudrehen. Eine schwere Gittertür, sie erinnerte an eine Zellentür, war auf der Schwelle zu diesem Raum in ein Schloß eingerastet und wurde gerade mit einer Stahlkette zusätzlich gesichert. Love drehte den Schlüssel um und zog ihn ab, die Kette klirrte, als sie sie losließ. Die Frau stand neben ihr.
"Das ist 'ne Falle!", kreischte einer. Als ob ihnen das inzwischen nicht allen klar gewesen wäre.
Yasuno fing an zu lachen, es war ein unsicheres und nervöses Lachen, und trat auf die Tür zu. "Love, was soll das? Das ist doch nur ein Scherz, oder?"
Love sah sie traurig an. "Es tut mir leid. Aber ihr könnt so nicht weiter machen."
Saori umklammerte sein Messer und kam einen Schritt näher. "Ich wusste, dass man ihr nicht trauen kann.", zischte er. "Wer zum Teufel seid ihr Typen? Bullen?"
Nami ließ ihre Haare offen auf die Schultern fallen. "Kenzo hat ein kleines Rendezvous mit der Polizei, das werden Sie auch gleich haben."
Hitomi trat neben ihre Schwestern. Yasuno schrie leise auf, als sie sie sah. "Verdammt, das war alles geplant! Ihr Dreckskerle habt uns verraten und verkauft, von Anfang an!"
"Eigentlich war es alles nur Zufall.", antwortete Love und zog die Jacke aus. "Trotzdem wird dir jetzt kein Geld deines Vaters mehr helfen."
Yasuno grinste, diesmal war es ein böses Grinsen. "Du bist nie eine von uns gewesen, ich hätte es wissen müssen. Du hast einfach nicht die Art dafür."
Saori brüllte auf und stürmte an die Tür. Wütend griff er durch die Gitter, erreichte sie aber nicht. Die drei Schwestern wichen nicht zurück. "Ihr seid Bullen! Nur Bullen können sich sowas ausdenken!"
"Nein, ich glaube nicht, dass das Bullen sind.", meinte Yasuno auf einmal ganz kühl und musterte die drei. "Vielleicht sind das sogar diese Diebe, die letztens bei uns auf der Party untergetaucht sind. Die sind doch um nichts besser als wir."
Polizeisirenen hallten zwischen den Hallen und kamen rasch näher. "Sorry, wir müssen euch jetzt alleine lassen. Viel Spaß noch.", lächelte Love, aber ihre Augen blieben kalt.
In der nächsten Sekunde waren die Schwestern schon verschwunden. Sie hörten noch das wütende Gebrüll hinter sich, das aber auch nichts nützen würde. Die Polizisten stürmten schon die Halle, als drei Gestalten auf das Dach kletterten und von daaus ungesehen in die Dunkelheit der Nacht einttauchten.
3. Kapitel
Love stand am Fenster ihres geheimen Besprechungszimmers und sah gedankenverloren in die Nacht hinaus. Obwohl sie nicht wusste, wieso, fühlte sie sich unwohl. Sicher, es war richtig gewesen, Yasuno und ihre Freunde an die Polizei auszuliefern, trotzdem fühlte sie sich seltsamerweise nicht besser.
"Meinst du, ob Yasuno recht hatte? Sind wir auch nicht besser als sie?", fragte sie ohne sich umzudrehen. Nami stand hinter ihr im Halbdunkel des Raumes im Türrahmen gelehnt und tat jetzt ein paar Schritte auf sie zu.
"Auf jeden Fall sind wir keine Drogendealer.", lächelte ihre ältere Schwester.
Love drehte sich um. "Nein, das vielleicht nicht. Für sie war alles mehr oder weniger nur ein Spiel. Aber ist es das nicht inzwischen für uns auch? Das ständige Weglaufen, immer neue Tricks, neue Lügen. Haben wir überhaupt noch eine echte Chance Vater zu finden?"
Nami trat neben sie und sah eine Sekunde an ihr vorbei aus dem Fenster. "Ich weiß es nicht." Sie wusste es wirklich nicht. Manchmal schon hatte sie sich das selbe gefragt. Es war ein Spiel, Diebe gegen Polizisten, gegen die Sicherheitssysteme. Trotzdem war es mehr als nur ein Spiel, und sie alle wussten das auch. Sie durften es nur nie vergessen.
"Aber wenn wir jetzt aufhören, geben wir ihn damit auf. Noch gibt es Spuren, denen wir folgen können." Sie legte Love eine Hand auf die Schulter. "Ich hasse das Lügen genauso wie du und Hitomi. Wenn Toshi oder Asaja unsere Identität herausfindet, ist sowieso alles vorbei. Wir haben Vater damals versprochen, uns nicht auseinanderreissen zu lassen. Wir dürfen ihn jetzt nicht aufgeben."
Love sah ihre ältere Schwester an und lächelte leicht. "Meinst du, ob Toshi es je schaffen wird, uns zu schnappen?"
Nami lächelte auch. "Vielleicht stolpert er ja mal irgendwann drüber." Sie wurde ernster und blickte wieder aus dem Fenster. "Früher oder später wird er es schaffen."
Love nickte. Auf ewig konnten sie das Spiel nicht gewinnen. Aber bis dahin würden sie ihr bestes tun, dass es so blieb, wie es war.
Der nächste Morgen begann früh trotz der nächtlichen Aktion. Nami schnappte sich als erstes die Zeitung, wie ein Scanner überflogen ihre Blicke die Seiten. Hitomi lächelte in sich hinein, das war ein Ritual, dass ihre Schwester seit drei Jahren täglich zelebrierte. Oft genug war sie dabei schon auf Stücke ihres Vaters gestoßen, die im Rahmen einer Ausstellung oder von Privatleuten ausgestellt, verkauft oder gekauft wurden. Sie sah, wie Namis Blicke stockten, scheinbar immer wieder glitten sie über eine bestimmte Textstelle. Die Jagd hatte bereits begonnen, Hitomi wusste, was folgen würde. Wenn ihre Schwester eine Spur von einem Werk ihres Vaters gefunden hatte, würden sie sofort danach zumindest eine Idee davon entwickelt haben, wie die Katzen daran kommen konnten. Diesmal allerdings erschien kein triumphierendes Lächeln in Namis Gesicht, sie starrte immer noch auf diese eine Stelle.
"He, was ist los, hast du einen Geist gesehen?" Halb belustigt, halb besorgt klang Hitomi's Stimme
dabei. Nami schüttelte nur den Kopf und zog die Stirn in Falten. "Das kann gar nicht sein.", murmelte sie nur und blickte nicht von der Zeitung hoch.
Hitomi ging um den Tisch herum und blickte ihrer Schwester von hinten über die Schulter. Was sie laß, ließ ihr im ersten Augenblick den Atem stocken. "Wie ist das möglich?"
"Ich habe keine Ahnung.", meinte Nami und faltete die Zeitung zusammen, während Hitomi sich wieder auf ihren Platz setzte. "Es ist eindeutig das Bild, obwohl Vater es ja nie signiert hat."
Hitomi schüttelte den Kopf. "Aber wir waren dabei, wir haben es doch gesehen. Der Tanker hatte Feuer gefangen und das Bild ist mit ihm verbrannt."
Nami betrachtete noch einmal das abgedruckte Foto des Gemäldes und den Artikel darunter. "Fest steht, das Museum für internationale Kunst in Kyoto hat es als anonyme Spende vor 14 Monaten erhalten, hat es ausgestellt, und jetzt wurde es gestohlen." Noch einmal überflog sie den Text. "Der oder die Diebe müssen insider-Informationen gehabt haben. Trotzdem nehmen sie nicht an, dass es Katzenauge gewesen ist."
Nachdenklich sah Hitomi aus dem Fenster. Toshi und seine Kollegen waren doch gerade in Kyoto, und da passierte sowas direkt unter deren Nase.
Am nächsten Mittag kam Toshi aus Kyoto wieder. "Irgendwas besonderes passiert?", fragte Hitomi, als er sie umarmte.
"Nein, alles ruhig und langweilig." Er log, und er fühlte sich mies dabei. Trotzdem brachte er es so rüber, dass es für ihn halbwegs überzeugend klang. "Es ist kaum zu glauben, wieviel Leute in vier Tagen reden können. Asaja hat sich natürlich fleißig Notizen gemacht und will gleich ein paar neue Methoden bei der Suche nach Katzenauge ausprobieren."
"Du glaubst nicht, dass sie funktionieren werden, oder?", fragte Nami.
Er schüttelte den Kopf und trank den letzten Rest seines Kaffees. "Theoretisch klingt das alles sehr gut, aber Katzenauge wird sie damit nicht schnappen."
Toshi verabschiedete sich schnell und machte sich zurück auf den Weg zum Revier. Er hatte gesagt, er müsste arbeiten, aber er hatte gelogen. Der Detective hatte nicht vor, ins Revier zu gehen oder zu arbeiten. Er würde den Nachmittag frei machen, es gab noch so viel, worüber er nachdenken musste. Seine Reisetasche war achtlos in einer Ecke seiner Wohnung abgestellt worden, im Moment war ihm sowieso fast gar nichts mehr wichtig.
Immer noch fühlte er sich aus unerfindlichen Gründen mies bei dem Gedanken, Hitomi gegenüber gelogen zu haben. Zog man aber die Tatsache in Betracht, dass sie ihn drei Jahre lang angelogen hatte, konnte er sich das einmal erlauben. Zumal er die Wahrheit jetzt eh nicht über die Lippen gebracht hätte.
Erschöpft, obwohl er heute nicht viel getan hatte, ließ Toshi sich in einen Sessel sinken. Sein Holster und seine Polizeimarke hatte er im Schlafzimmer aufs Bett geschmissen, sie interessierten ihn im Moment genauso wenig wie die Reisetasche, die Arbeit oder alles andere. Was er brauchte, war Ruhe zum Nachdenken. Die Krawatte hing lose um seinen Hals, die Ärmel seines Hemdes waren hochgekrempelt, seine Füße hatte er auf den kleinen Tisch vor sich gelegt. Eine Weile sah er aus dem Fenster auf die Fußgänger, die fünf Stockwerke unter ihm über die Straße gingen. Ohne es richtig wahrzunehmen zog er das Foto aus der Tasche. Er hatte es in den Stunden seit gestern sicher hundert Mal angesehen.
Drei Mädchen, die Älteste nicht älter als 16 Jahre alt. Nami und Hitomi trugen ihre Haare kurz geschnitten, was bei den beiden komisch aussah - vermutlich Gewöhnungssache. Hitomi war wohl so um die 14 und Love 12 Jahre alt. Alle trugen ihre Schuluniformen und gingen zusammen den Weg eines Parks entlang. Hitomi hatte dieselben grünen Augen, die unter den Strähnen kurzen, schwarzen Haares hervorblitzten. Sie lächelte und schien offensichtlich irgend etwas auszuhecken. Sie war genauso schön wie heute. Es gab keinen Fehler und kein Missverständnis, das waren die drei Schwestern, wenn auch ein paar Jahre jünger.
Das Foto war wohl gemacht worden, ohne dass sie es bemerkt hatten. "Für meine geliebten Töchter. Euer Vater", stand in der rechten unteren Ecke in schöner Handschrift geschrieben.
Wieder warf er einen Blick auf das Gemälde, das sorgfältig zusammengerollt in einer Schutzhülle steckte. Was hatte er erreicht? Was hatte es ihm eingebracht? Die Wahrheit, sicher. Toshi schnaubte und warf das Foto auf den Tisch vor sich.
"Klar, die Wahrheit ist ja jetzt auch nicht mehr zu übersehen.", murmelte er zu sich selbst und stand auf. "Sie sind nun einmal Katzenauge, ob ich will oder nicht."
Zuerst hatte es nur wie eine kleine schadhafte Stelle des Rahmens ausgesehen, dann war es ihm aufgefallen. Er hatte das Foto im Rahmen des Gemäldes ohne Namen entdeckt. Außerdem noch eine Bleistiftzeichnung, halb so groß wie das eigentlich Bild. Es zeigte dasselbe Motiv, nur aus einer anderen Perspektive. Diese Zeichnung war signiert, der Name hatte ihn nicht überrascht: Michael Heintz. Dieselbe Schrift wie auf dem Foto. An dieser Stelle war ihm ein Licht aufgegangen.
Die Wahrheit hatte ihm ins Gesicht geschlagen und sich nicht im mindesten darum gekümmert, dass er schwach und hilflos zurückblieb. Nichts schützte ihn mehr vor der Wahrheit, nicht seine dumme Blindheit und auch nicht seine totale Ignoranz. "Sie und niemand anders sind die Töchter von Heintz."
Asaja hatte die ganze Zeit recht gehabt. Hitomi hatte ihn angelogen, hatte ihn benutzt, die ganzen drei Jahre lang. Als er sie kennengelernt hatte, war sie 16 und schon seit einigen Monaten eine Diebin gewesen. Erst war er wütend und enttäuscht gewesen, dann traurig, dann hatte er darüber nachgedacht, warum sie das eigentlich taten.
Aus seinen früheren Nachforschungen wusste er, dass Heintz 1969 verschwunden war, da waren die drei noch Kinder gewesen. Man vermutete, dass er tot war. Hätte er vor einem Jahr geahnt, wie nahe dran an der Wahrheit er mit seinen Theorien über Heintz und dessen Töchter schon gewesen war... Dieses Theaterstück, in dem sie sich in Wirklichkeit alle selbst gespielt hatten, hätte ihm schon die Augen öffnen müssen.
"Was würdest du machen, wenn ich wirklich Katzenauge wäre?", hatte Hitomi ihn danach gefragt. Damals hatte er sie nicht ernst genommen, jetzt merkte er, dass sie es ihm auf die eine oder andere Weise zu sagen versucht hatte. Nur war er zu blind gewesen es zu bemerken.
Die Schwestern bildeten ein perfektes Team, nicht nur im Leben, sondern auch in ihrem "Job". Hitomi machte die harte, gefährliche Arbeit, Love war ein technisches Genie, Nami koordinierte die Aktionen. Es war alles so einfach, sogar logisch, dass Toshi sich am liebsten nachträglich für seine Dummheit selber in den Hintern getreten hätte.
Er erinnerte den leisen Anflug von Traurigkeit bei den Schwestern, wann immer sie von ihren Eltern sprachen. Hitomi hatte jedes Mal rasch das Thema gewechselt, wenn die Sprache auf ihren Vater kam. Er hatte vermutet, es wäre zu schmerzvoll für sie über ihn zu sprechen, aber sie hatte es einfach nur getan, um zu viele Fragen zu vermeiden.
Der Detective stand inzwischen am Fenster und sah nach draußen, ohne irgend etwas richtig wahrzunehmen. Geistesabwesend spielte er mit den Handschellen, die immer noch in seinem Gürtel steckten. Wütend schmiss er die Schellen von sich, sie flogen klirrend zu Boden. "Wieso muss ich Polizist sein!?"
"Toshi, was hast du?" Ein ungutes Gefühl überkam sie, als sie den Ausdruck in seinem Gesicht bemerkte.
Der Detective lächelte nur. "Was war eigentlich los mit euch, wieso habt ihr mir 'ne Chance gegeben? Warum habt ihr nicht härter zugeschlagen?"
Hitomis Gedanken erstarrten, um gleich darauf in Chaos auszubrechen. Sie sah Toshi an, der aber lächelte nur und blickte ihr mit unverminderter Ruhe in die Augen, kein Zucken in seinem Gesicht. Eine tödliche Ruhe. Kein Zeichen, dass es ein Scherz gewesen sein sollte.
"Wovon zum Teufel redest du?" Noch während sie es sagte, meinte sie, er würde durch ihre Augen direkt in ihrer Seele lesen und jedes ihrer Worte sofort als Lüge entlarven.
Wieder dieses überlegene Lächeln, es kam ihr beinah unheimlich vor. Wie einer, der vor einer Falle sitzt und darauf wartet, die Klappe zu schließen. Und sie war die Beute.
Er tat einen Schritt auf sie zu, sie wäre fast vor ihm zurückgewichen. Was lief hier für ein Spiel? Sanft strich er über die immer noch sichtbare Schramme an ihrer Stirn. "Du bist nicht gegen eine Tischkante gestoßen, sondern durch eine Glasscheibe geflogen." Eine nüchterne Feststellung, doch seine Augen blitzten. Seine Stimme war dabei ruhig, sogar gelassen.
Hitomis Gedanken rannten in Panik durch ihren Kopf, die Verbindungen ergaben alle keinen Sinn mehr. Nichts passte, alles wirbelte durcheinander. Glasscheibe! Aktion! Toshi!, hämmerte es auf sie ein.
Schon holte er zum nächsten Hieb aus. "Sie haben alle gedacht, ihr würdet es nicht schaffen. Ich durfte es ja leider nicht bei Bewusstsein miterleben. Ihr seid einfach unschlagbar. War das mit dem Seil deine Idee?" Er schlug sie mit Worten, so gleichgültig vorgebracht, als würde er nur über das Wetter plaudern. Doch mit jedem Wort traf er sie, so heftig, dass sie fast zu Boden ging.
"Bist du verrückt geworden?!", funkelte sie ihn an. Flucht nach vorne.
Toshi beachtete sie gar nicht. "Das ist vielleicht meine einzige Chance, mich mit der besten Diebin Asiens per du zu unterhalten. Komm schon, Katzenauge, sag was, bevor meine Zeit abgelaufen ist und du mich zu Boden schickst!"
"Spinnst du jetzt völlig!? Was soll das?" Ihre eigenen Worte hörte sie nur wie aus weiter Ferne. Sie dachte nichts in diesem Moment, alles lief automatisch.
Wortlos zog er ein Foto aus der Jackentasche und hielt es ihr entgegen. Ohne nachzudenken nahm sie es und erstarrte sofort. "Euer Vater wäre stolz auf euch. Ihr habt es echt zu 'ner Menge gebracht.", war sein ruhiger Kommentar.
"Woher...?" Es war das einzige, was Hitomi noch herausbrachte. Ihre Kehle fühlte sich an, als wäre sie zugeschnürt.
"Ich habe es bei einem Gemälde eures Vaters gefunden."
Hitomi sah hoch. Sie konnte nicht anders, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte. Das Spiel war vorbei, es war aus. Der Fallensteller war aus seinen Zügen verschwunden. Zurück blieben nur Detective Toshi Uzumi, ihr geliebter Feind, und die Tatsache, dass sie beide wussten, wovon er sprach. Alles schien sich in den letzten Sekunden auf Tatsachen reduziert zu haben. Es war ganz einfach, sie war die Diebin, er war der Polizist, er wusste Bescheid.
Plötzlich ließ sie das Foto fallen und drehte sich ruckartig um. Ohne es überhaupt richtig zu merken umklammerte sie die oberste Eisenstange des Brückengeländers. So fest, dass die Knochen weiß hervortraten. Den Kopf gesenkt stand sie da und hoffte auf einen sauberen letzten Hieb.
"Es tut mir leid.", flüsterte sie, fast schon zu leise für ihn, sie zu verstehen.
Sie hörte, wie er das Bild vom Boden aufhob und langsam auf sie zutrat. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, nichts in der Welt hätte sie in diesem Moment dazu gebracht, in seine Augen zu sehen. "Was tut dir leid?"
"Was mir leid tut!?" Wut schäumte in ihr, auch wenn sie nicht wusste, wie oder warum, es ließ die Angst zumindest für einen kurzen Augenblick verschwinden. Sie fuhr herum. "Es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe, dass ich dich benutzt habe, dass ich dich jedes Mal aufs Neue ausgetrickst habe!"
"Hitomi..." Er versuchte, sie zu unterbrechen.
"Es tut mir leid, dass ich dein Vertrauen missbraucht habe, dass ich keinen anderen Weg gefunden habe!" Ihre Augen versprühten Blitze, konnten aber die Angst und den Schmerz dahinter nicht verbergen. Er packte sie bei den Schultern. "Hitomi!"
"Was!?", schnappte sie und sah ihm direkt in die Augen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht veränderte sich schlagartig von Wut und Zorn zu Angst und Hoffnungslosigkeit. Tränen standen in ihren Augen, sie wich seinem Blick aus.
Er nahm sie in die Arme. "Nein", meinte er leise, "entschuldige dich für nichts."
Überraschung trat in ihr Gesicht, als sie in ansah. Toshi lächelte, diesmal war es kein spielerisches, sondern ein echtes Lächeln. Mit einem Finger wischte er ihr sanft eine Träne von der Wange. "Ich hätte es ja wissen müssen. Nur so können Katzenaugen aussehen."
Er griff in seinen Gürtel und holte die Handschellen heraus. Das war es also gewesen. Aus, vorbei, einfach so. Eben noch das Katz-und Mausspiel, wie es seit drei Jahren lief, dann mit einem Fingerschnippen hatte sich alles umgedreht. Hitomi hatte sie tausend Mal durchgespielt, diese Situation. Sogar das Klicken der Handschellen um ihre Handgelenke hatte sie sich vorgestellt, aber die Realität war noch viel schlimmer als die Vorstellung es je gewesen war.
Toshi warf die Schellen zu Boden. Dort, ein paar Meter von ihnen entfernt, blieben sie liegen und blitzten in der Sonne.
Wieder lächelte er und küsste sie auf die Stirn. "Ich liebe dich, Katzenauge.", sagte er dabei leise.
"Warum tust du das?"
Jetzt war er derjenige, der ihrem Blick auswich. Er tat ein paar Schritte von ihr weg und sah über den kleinen See, auf dessen Oberfläche sich die Nachmittagssonne spiegelte. "Ich war immer so sicher. Die Katzen waren die Verbrecher, ich der Polizist, der sie eines Tages schnappen würde. Als ich das Foto gesehen habe, ist mir plötzlich alles klar geworden." Er nahm einen tiefen Atemzug und ließ kurz seinen Blick über das Foto in seiner Hand wandern. "Ich hatte recht damals - die Katzen sind die Töchter eines Vaters, eines verschwundenen Vaters. Ich war nur zu blind, dumm oder was auch immer, um die Wahrheit direkt unter meiner Nase zu sehen."
Toshi stand inzwischen wieder vor ihr und zeigte auf seine am Boden liegenden Handschellen. "Deswegen kommt das nicht in Frage."
Erst langsam begannen seine Worte bei ihr einzusickern. Sie schüttelte den Kopf. "Aber du bist Polizist, du musst uns verhaften."
"Ich muss gar nichts tun." Sanft fasste er ihr Kinn in eine Hand und hob ihren Kopf, so dass sie ihn ansah. "Außerdem, die können nicht von mir erwarten, dass ich die Frau, die ich liebe, hinter Gitter bringe, oder?"
Er nahm sie wieder in seine Arme. Hitomi versuchte noch, seine Worte zu verarbeiten. Es konnte gar kein anderes Ende geben, als dass er sie verhaftete, zumindest hatte sie das bis eben geglaubt. Was er gerade gesagt hatte, änderte jedoch alles.
"Ich habe dich immer geliebt und liebe dich noch.", meinte sie leise mit ihrem Kopf gegen seine Schulter gelehnt. "Ich habe mich jedes Mal selbst gehasst, wenn ich dich angelogen habe."
Sie fühlte, wie er lächelte. "Wo hast du dir die eigentlich geholt?", fragte er, während er mit einem Finger leicht über eine kleine Narbe in ihrem Nacken strich.
"Ein wirklich fieser Typ mit einem scharfen Schwert wollte das Gemälde nicht verlieren, dass wir ihm gestohlen haben." Hätte Nami sie nicht gerade noch gewarnt, hätte der Kerl ihr den Kopf abgesäbelt. Das war fast zwei Jahre her, es kam ihr vor wie zehn Jahre. Inzwischen war so viel passiert, dass sie sich kaum noch an den Menschen erinnern konnte, der sie damals gewesen war. Innerhalb der letzten Minuten hatte sich ihre gesamte Welt umgedreht und war auf dem Kopf stehen geblieben.
Hitomi atmete tief ein und fragte schließlich, was sowieso irgendwann gefragt werden musste. "Wie geht es jetzt weiter?"
"Ich weiß es nicht.", gab er zu. "Ich habe darüber auch schon die ganze Zeit nachgedacht. Ich könnte meinen Dienst quittieren."
Hitomi sah ihn an. "Nein, das tust du nicht. Polizist zu sein ist dein Leben. Ich will nicht, dass du das meinetwegen aufgibst." Sie würde nicht zulassen, dass er seinen Job an den Nagel hängte um sie zu schützen.
"Wenn ich dich also nicht verhaften will, und du nicht willst, dass ich meinen Job quittiere...dann bleibt nur noch eine Möglichkeit."
Sie wusste, was er meinte. Obwohl es ihr nicht recht geheuer war, blieb ihnen anscheinend wirklich keine andere Wahl. Trotzdem schüttelte sie den Kopf. "Das ist verrückt. Ein einziger Fehler genügt, und..."
"Nun, dann müssen wir eben sehr vorsichtig sein.", unterbrach er sie. "Es wird sich im Grunde doch nichts verändern. Ich werde euch verfolgen, und ihr werdet entkommen, wir ihr es schon die ganze Zeit getan habt." Mit beiden Händen fasste er sie sanft bei den Schultern und blickte ihr tief in die Augen. "Ich weiß, es ist riskant, aber wir können es schaffen."
Hitomi lehnte sich gegen das Brückengeländer zurück und senkte den Blick. Eigentlich stimmte es ja, es würde sich nach außen hin nichts verändern. Dennoch machte sie sich Sorgen, ob das gut gehen konnte. Andererseits, was hatten sie schon für eine Wahl?
Ihre Blicke trafen sich. "Es ist dir wirklich ernst damit, oder?"
"Ja, das ist es.", antwortete er ruhig. "Und ich werde meine Meinung nicht ändern. Ich werde dich nicht verhaften, Hitomi."
"Nächste Woche werden wir wieder stehlen." Hitomi überraschte sich selbst ein wenig mit diesen Worten. Es waren nicht eigentlich die Worte selbst, sondern die Ruhe und Intimität, die dabei in ihrer Stimme lag. Minuten zuvor war sie nicht nur seine Freundin, sondern auch seine Feindin gewesen. Nur manchmal hatte sie vollständig vergessen können, dass sie gleichzeitig auch noch eine Diebin war. Jetzt war alles anders, sie waren keine Feinde mehr. Ein seltsames Gefühl, das erst langsam durch die Zweifel und Unsicherheiten sickerte.
Toshi nickte. "Ich werde auf der Matte stehen, wie immer. Nur Asaja dürfen wir auf keinen Fall unterschätzen. Sie verdächtigt euch ja schon die ganze Zeit, und ihre Einstellung zu mir kennst du."
Er hatte recht. Sie würden ihre Rollen ohne den geringsten Fehler spielen müssen, sonst würde es wirklich zur Katastrophe kommen. Sie und ihre Schwestern beherrschten das Spiel fast perfekt, er würde es lernen müssen.
Sie sah auf das Foto in seiner Hand. "Wie bist du eigentlich an das Gemälde unseres Vaters gekommen?"
Er grinste. "Ich habe es gestohlen."
Eine Sekunde lang starrte sie ihn nur an. "Du hast was getan?" Der Zeitungsartikel von heute morgen fiel ihr ein, sie zog die Augenbrauen hoch. "Du hast dieses unsignierte Gemälde von Vater in Kyoto gestohlen!?"
Verlegen lächelnd senkte er den Blick. "Naja, es war eine meiner brillanten Ideen, wie man die Katzen fangen könnte. Ich habe das Gemälde in dem Museum wiedererkannt und gedacht, ich könnte euch damit eine Falle stellen."
Detective Toshi Uzumi ein Dieb, das war einfach verrückt. "Das hätte vielleicht sogar noch funktioniert.", meinte sie kopfschüttelnd und hob dabei seine Handschellen vom Boden auf. "Hier. Ich schätze, die brauchst du noch, wenn du zumindest vorgeben willst, uns zu fangen.", lächelte sie, während sie ihm die Schellen zuwarf.
Die Sonne war schon längst hinter dem Horizont verschwunden, die Dunkelheit der Nacht war über der Stadt hereingebrochen. Noch einige Fußgänger waren an dem schönen Frühlingsabend auf den Gehsteigen zu sehen. Nami lächelte, als sie noch einmal an Love's Reaktion heute nachmittag dachte. Die Jüngste war mitten auf der Schwelle ihres Besprechungsraumes stehen geblieben, als sie Toshi mit ihren Schwestern an einem Tisch sitzen gesehen hatte. Später, viel später hatte sie immer noch kerzengerade auf ihrem Stuhl gesessen und Toshi wie einen Marsmenschen angestarrt.
Nicht, dass ihre eigene Reaktion sich sehr von der ihrer Schwester unterschieden hätte. Sie hatte das unsignierte Gemälde ihres Vaters für endgültig verloren gehalten. Von allen Polizisten auf dieser Welt musste ausgerechnet Detective Toshi Uzumi auf die absurde Idee kommen, das Bild zu stehlen und dann auch noch dieses Foto finden.
Nami teilte die Sorgen von Hitomi. Toshi künftig nicht mehr als Verfolger sondern als Verbündeten zu haben konnte ziemlich riskant für sie alle werden. Sie hatte die ganzen Jahre wie selbstverständlich angenommen, wenn er ihre Identität herausfinden würde, wären die Katzen sowieso Geschichte. Mit einer Möglichkeit wie dieser hatte sie niemals ernsthaft gerechnet. Was würde da noch alles auf sie zukommen? Sicher, Toshi gegenüber nicht mehr lügen zu müssen um an Informationen zu kommen, vereinfachte so einiges. Aber ein falscher Schritt, und sie würden alle miteinander abstürzen.
Sie musste sich eingestehen, dass sie irgendwie Angst davor hatte, jetzt mit ihrem bisherigen Feind zusammenzuarbeiten. Vermutlich war es gerade deshalb, weil er für sie niemals ein wirklicher Feind gewesen war. Er war der Verlobte ihrer Schwester, und sie mochte diesen schrägen Vogel als Freund und zukünftigen Schwager. Dass er der Polizist war, der ihnen eine Nacht nach der anderen hinterherjagte, schien vor dem Hintergrund schon nicht mehr als nur ein Zufall zu sein.
Sie hatte ihn ebenso angelogen, ihn genauso als günstigen Informationslieferanten benutzt wie ihre Schwestern. Dieses Schuldeingeständnis ihm gegenüber fiel ihr nicht leicht.
"Es ist schon verrückt, diese ganze Sache, oder?" Toshi stand einige Schritte hinter ihr im Halbdunkel des Besprechungsraumes.
Nami sah immer noch aus dem Fenster. "Ja, verrückt ist es." Sie wandte sich halb zu Toshi um, der inzwischen neben ihr am Fensterrahmen lehnte. "Hitomi war nie glücklich damit, dass sie dich anlügen musste. Am Anfang hatte ich diese Skrupel nicht." Sie stockte kurz und senkte den Blick. "Aber bald habe ich dieses ständige Lügen genauso gehasst wie sie, auch wenn ich ihr das nicht oft gesagt habe. Ich weiß, du wirst mir wohl nach allem kaum noch glauben wollen. Ich wünschte nur, vieles wäre anders gelaufen."
"Vielleicht ist es ganz gut so, dass alles so passiert ist."
Diese Antwort überraschte sie etwas. "Was meinst du damit?"
Ein Lächeln erschien in seinem Gesicht. "Katzenauge hat uns eine Menge Verbrecher geliefert, große Fische, die wir alleine nicht gekriegt hätten. Ohne Informationen von mir hättet ihr viele Aktionen gar nicht durchziehen können."
Von der Seite hatte sie es noch nicht betrachtet. "Ich habe es Hitomi damals auszureden versucht, aber sie hat natürlich nicht auf mich gehört. Wir hatten gerade die ersten Aktionen hinter uns, und sie hat sich in einen jungen Polizeianwärter verliebt."
Er lächelte. "Euer Vater ist sicher stolz auf euch."
Die Älteste lachte kurz auf. "Darauf, dass seine Töchter die meistgesuchten Diebe Asiens geworden sind, meinst du? Ich weiß nicht."
"Darauf, dass ihr ihn nicht aufgebt. Er wollte, dass ihr das Foto findet, sonst hätte er es nicht in diesem Rahmen versteckt. Auch wenn er vermutlich einen Herzschlag kriegen würde, wenn er wüsste, auf welchen Wolkenkratzern ihr herumturnt."
Bei den letzten Worten grinste er, und sie fiel in sein Lachen mit ein. Wieder ernst geworden blickte sie für einen Moment aus dem Fenster. "Ich frage mich oft, ob er uns zusieht, von irgendwo auf der Welt. Das heißt, falls er das überhaupt kann."
"Wißt ihr eigentlich, ob er noch am Leben ist?"
"Die letzte Spur von ihm endet 1980 in Ostberlin. Es heißt, Leute von der Stasi hätten ihn entführt, aber da sind wir auf Granit gestoßen. Inzwischen kann er überall sein, immer noch in Deutschland oder in Sibirien." Nachdenklich schweiften ihre Blicke für einen Augenblick durch den Raum. "Aber ich weiß, dass er noch lebt. Ich weiß es ganz einfach."
"Ist der Preis dafür nicht etwas zu hoch? Ich meine, drei Jahre lang macht ihr schon diese halsbrecherischen Touren und..."
"...Und belügen beinah jeden über unsere wahre Herkunft, ich weiß.", beendete Nami für ihn. "Wir hatten die Wahl damals. Entweder unser altes Leben und unseren Vater zu vergessen, oder herauszufinden, was passiert ist. Selbst wenn er nicht mehr leben sollte, die Leute, die ihn uns weggenommen haben, sind noch am Leben. Und sie werden dafür bezahlen!"
Ihre Augen sprühten Funken, unbewusst hatte sie eine Hand zur Faust geballt. Unzählige Male hatte sie sich schon vorgestellt, was sie tun würde, wenn sie diese Dreckskerle endlich aufgespürt hatten. Rache war ein zweischneidiges Schwert, aber es war mit eines der Dinge, das sie alle unaufhörlich vorantrieb.
Ende Teil I